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Bereich: Grundfragen des Glaubens

Thema: Schuld und Vergebung

Beitrag: Die dreifache Wirkung der Schuld (Bodo Fiebig, Version 2017-8)

Es ist gar nicht so leicht, sichtbar zu machen, welche Auswirkungen schuldhaftes Verhalten haben kann. Vieles geschieht ja im Verborgenen und oft sind die Zusammenhänge zwischen dem bösen Tun und den schlimmen Folgen im Nachhinein gar nicht mehr zu erkennen.

Vielleicht kann es helfen, das Geschehen in bildhafte Vorstellungen zu übersetzen: Ein Mensch spitzt sein Aggressionspotential, offen oder verdeckt zur „Waffe“ und verletzt einen anderen Menschen. Dieser hat nun die Möglichkeit, auf dem „Nährboden“ dieser Wunde ein eigenes Aggressionspotential anwachsen zu lassen, das er zum Gegenangriff nutzen kann, um nun den „Gegner“ ebenfalls zu verletzen. So entstehen persönliche Feindschaften und menschheitsgefährdende Kriege. Versuchen wir uns vorzustellen, welche Vorgänge sich dabei abspielen:

Unabhängig davon, ob wir körperlich oder seelisch verletzt, materiell geschädigt oder sozial herabgewürdigt wurden, jeder Angriff, jedes Unrecht trifft unser Menschsein als Ganzes, trifft uns mehr oder weniger tief, störend, verstörend und zerstörend im Kern unserer Person. Und so wie eine körperliche Verletzung (eine oberflächliche Hautabschürfung oder eine tiefe, lebensbedrohliche Wunde) dort eine Entzündungsreaktion auslöst, wo krankmachende Keime gegen körpereigene Abwehrkräfte darum ringen, welche Kräfte sich schließlich durchsetzen können, so entsteht nun auch im Innersten unserer Person, im Zentrum unseres Menschseins eine „Entzündung“ unseres Ich, wo die aktuelle Kränkung zusammen mit kränkenden Erfahrungen unserer Lebensgeschichte zerstörende Wirkungen auslösen, während gleichzeitig widerstandsfähige und aufbauende Kräfte unserer Lebenserfahrung und unseres Selbstwertbewusstseins Prozesse zur Gesundung in Gang setzen.

Dabei meint in dieser Skizze der noch nicht deformierte Zustand links nicht den „unschuldigen“ Zustand des Menschen bei seiner Geburt, sondern den „heilen“ Zustand des Menschen, wie er von seinem Schöpfer eigentlich gemeint war. Der Mensch kommt ja oft schon als Entstellter und Verletzter zur Welt (etwa durch einschränkende und behindernde Erbanlagen oder durch schädigende vorgeburtliche Erfahrungen).

Das mittlere Bild zeigt die Person des Menschen mit ersten Verletzungen, die ihm zugefügt wurden und als Folge davon eine wunde Stelle, eine kleine, aber doch schon spürbare „Entzündung“ des Ich im Innersten der Person, die in Folge von erlittenem Unrecht entstanden ist. Das Überraschende ist nun, dass die nicht „geheilt“ werden kann durch Rache und Vergeltung an denen, die uns weh getan haben. So sehen wir das ja oft: Wenn ich es dem Täter heimzahlen kann oder wenn ich sonst einem anderen Menschen Schaden zufüge, egal wem, dann wirkt das wie „Balsam“ auf mein verwundetes Ich. Die tatsächliche Erfahrung zeigt uns aber genau das Gegenteil: Jedes Böse, das ich einem anderen antue (auch als Vergeltung für erlittenes Unrecht), verschlimmert mein eigenes Unglück. Die „Entzündung“ meines Ich, die Schwächung meiner Lebenskraft, die Verdüsterung meiner Lebensfreude wird durch das Böse, das ich anderen antue noch verstärkt.

Das rechte Bild zeigt das „Vollbild“ des deformierten Menschen mit tiefen Zerstörungen, die bis in den Kern der Person reichen und als Folge davon im Innersten eine ausgedehnte „Entzündung“ und Erkrankung des Ich, aus der nun im Gegenzug eigene aggressive Impulse kommen, die darauf abzielen, anderen weh zu tun.

Dabei muss man beachten, dass jeder Mensch aufs Ganze gesehen immer Opfer und Täter zugleich ist (es gibt wohl keinen Menschen, der aus dem Kleinkindalter entwachsen ist, der noch niemals einem anderen bewusst Unrecht angetan hat und niemanden, dem nicht schon einmal bewusst Unrecht angetan wurde). Das bedeutet jedoch nicht, dass es gleichgültig wäre, ob man in einem bestimmten Geschehen Täter oder Opfer ist. In jedem konkreten Vorgang muss man zwischen Täter und Opfer deutlich unterscheiden, indem man dem Täter seine Schuld vor Augen führt und jeder möglichen Wiederholung seiner Tat wehrt und indem man dem Opfer hilft, seine Leiderfahrung zu überwinden

Schuld ist niemals eindimensional. Das gewollte und vollbrachte Böse hat seine Auswirkungen beim Opfer und beim Täter und darüber hinaus noch für die Gemeinschaften, in denen das Böse geschieht.

2.1 Auswirkungen von Schuld beim Opfer

(Siehe dazu auch das Thema „Friede auf Erden“, Beitrag 1 „Ursachen des Unfrie­dens“)

Schuld bleibt nicht ohne Folgen. Soweit dies das Opfer betrifft, scheint dies selbstverständlich. Das Unheil, das ein ihm zugefügtes Leid anrichtet, betrifft immer die ganze Person. Ein einfaches Beispiel dafür: Ein auf den ersten Blick relativ „harmlos“ erscheinender Schaden wie bei einem Wohnungseinbruch, bei dem einem Einbrecher nur sehr geringe Werte in die Hände fielen, der aber dann doch viel weitergehende Auswirkungen hat: Die Erfahrung, dass die eigene Wohnung kein sicherer Raum mehr ist, schafft Verunsicherung und Angst, daraus können körperliche Symptome entstehen, wie Schlaflosigkeit und Bluthochdruck usw. Das wiederum wirkt sich auf die sozialen Beziehungen aus. Das Opfer ist gehemmter im Umgang mit fremden Personen, ist insgesamt vielleicht weniger aktiv, zieht sich zurück … Wir sehen: Jedes uns durch andere zugefügte Böse wird Teil unserer Erfahrungswelt und unserer ganzen Person und hinterlässt da seine Spuren.

Jede Schuld hat Folgen. Meist verändert sie Menschen zum Negativen hin. Oft wirkt sie beim Opfer als Verstärker eigener regressiver oder aggressiver Tendenzen, die in der betreffenden Person schon vorhanden waren (siehe das Bild oben). Und oft trägt sie dazu bei, dass nun auch beim Opfer die Neigung wächst, Böses mit Bösem zu vergelten.

Negative und traumatische Erlebnisse in der Kindheit (aber nicht nur da), Erfahrungen von Mangel, Not, Gewalt, Missbrauch … können dazu führen, dass die Opfer später selbst egoistische und aggressive Tendenzen wie Selbstüberhöhung, Habsucht, Neid, Hass und Gewalttätigkeit entwickeln, so dass sie schließlich selbst zu Tätern werden. In den Wunden, die uns geschlagen wurden, findet der Keim des Bösen einen idealen Nährboden, um bei uns selbst zur Bosheit heranzuwachsen. So dreht sich die Spirale von Gewalt und Gegengewalt immer weiter.

2.2 Auswirkungen von Schuld beim Täter

Dass eine schuldhafte Tat auch negative Folgen beim Täter hat, ist uns weniger bewusst. Im Gegenteil, wir meinen, er hat ja nun (jedenfalls solange er nicht „erwischt“ und bestraft wird) einen Vorteil, einen „Gewinn“ von seiner Tat (je nachdem, ob seine „Beute“ nur schmal oder auch üppiger ausgefallen ist). Das ist aber meistens eine falsche, zumindest aber einseitige Sicht auf die Dinge. In Wirklichkeit sind die Folgen der Tat auch für den Täter viel weitergehend und belastender. Versuchen wir, uns das konkret vorzustellen: Jedes Wort und jede Tat, jede Haltung und Handlung, die bewusst Böses wollen, stammen aus einem egoistischen Antrieb (wenn jemand unwissentlich und ungewollt mit seinem Tun etwas Böses bewirkt, so ist das hier nicht gemeint): Man will sich selbst bereichern, indem man anderen etwas nimmt. Man will sich selbst nützen, indem man anderen schadet. Man will sich selbst erhöhen, indem man andere erniedrigt. Man will das erregende Gefühl der Macht verspüren, indem man andere unterdrückt. Man will anderen weh tun, um eigenen Schmerz zu übertönen oder um die eigene Lust am Schmerz des anderen zu genießen. Man will einen anderen „auf die Seite schaffen“, um selbst den Platz zu behaupten. Man will einen anderen töten, um als Überlebender über ihn zu triumphieren. Der Egoismus will an sich reißen und an sich binden, was anderen zugehört: Besitz, Menschenwürde, Leben...

Der Täter eignet sich aber nicht nur das Geraubte an und bindet es an sich, sondern auch den Raub, das heißt nicht nur den Gewinn, sondern auch die Tat. Jedes Böse, das wir gedacht, geplant, gesagt und getan haben, wird untrennbar und unauslöschlich Teil unserer Person, verborgen, verdrängt, vergessen vielleicht, aber doch Bestandteil unserer Lebensgeschichte und unserer Erfahrungswelt, auch Teil unseres Selbstbildes und unserer inneren Ausstattung an Einstellungen und Werthaltungen.

Versuchen wir uns das Gemeinte bildlich vorzustellen: Ein Mensch hat durch egoistisches Denken, Reden und Tun dem Bösen Raum gegeben in seinem Innern und hat insoweit das Gute, das Gott ja auch in ihm angelegt hat, aus sich hinaus verdrängt und ihm seine Entwicklungsmöglichkeiten genommen. Er hat nicht nur einem andern Unrecht getan, sondern auch den Gotteshauch (1. Mose 2,7 ) in sich selbst gedämpft. Er hat seine Gottesebenbildlichkeit verleugnet und das Bild Gottes vor den Augen der Menschen entstellt. Er hat das Menschsein als Geschöpf und Gegenüber der Liebe Gottes (in sich selbst!) verunstaltet und seinem Schöpfer entfremdet. Die Zerstörung, die der Täter des Bösen bei sich selbst anrichtet, geht viel tiefer in den Kern der Person, als die Verletzung, die er beim Opfer verursacht. Deshalb müssen Vergebung und Heilung hier auch viel tiefer ansetzen. Es müssen die tiefsitzende Verhärtung der Seele, die existenzgefährdende Versteinerung des Empfindens und Wollens aufgeweicht werden; es müssen die scharfkantigen, spitzen, verletzenden Rückstände der Schuld aus dem innersten Persönlichkeitskern herausgelöst und entfernt werden und es muss die tiefgehende, lebensbedrohliche Entzündung des Ich geheilt werden, die durch den Krankheitskeim des Egoismus hervorgerufen wurde.

Wer einem anderen böswillig Schaden zufügt, hat nicht nur den Vorteil eines möglichen Gewinnes durch seine Tat, sondern auch den Nachteil durch die Zerstörungen, die seine Tat in seinen eigenen Menschsein anrichtet. Man möge doch nicht meinen, dass eine böse Tat nur das Opfer trifft und den Täter unberührt und unverändert lässt! Gewiss nicht. Wer raubt, macht sich selbst zum Räuber, wer betrügt, macht sich zum Betrüger, wer mordet, macht sich zum Mörder. Auch wenn kein Mensch (und erst recht kein Richter) jemals davon erfahren sollte; zumindest vor sich selbst muss der Täter von nun an als Räuber, Betrüger oder Mörder leben. Wieviel psychische Energie wird er nun einsetzen müssen, um sein eigenes Selbstverständnis so umzubauen und umzudeuten, dass er damit sein Unrecht irgendwie rechtfertigen oder zumindest verschleiern kann. Wieviel Mühe wird es ihn kosten, sein eigenes Selbstwertgefühl dennoch hoch zu halten, z. B. indem einer, der seinen Geschäftspartner betrogen hat, sich einredet, dass man im Geschäftsleben eben nicht zimperlich sein darf und außerdem machen es doch alle so … Aber es wird ihm auf Dauer nicht gelingen, sein eigenes Selbstbild unbeschadet zu erhalten, auch wenn er sein Unrechtsempfinden mit immer neuen Untaten noch so sehr abgestumpft hat.

Die einzige Möglichkeit zur Heilung unseres verwundeten Ich wäre die liebevolle Zuwendung eines anderen Menschen, die aber wird durch jedes Böse, das wir anderen antun unwahrscheinlicher.

2.3 Auswirkungen von Schuld auf die Gemeinschaft

Jedes Unrecht hat nicht nur Folgen für die direkt Beteiligten (für den Täter und das Opfer) sondern auch Folgen für das „Klima“ in den Gemeinschaften, in denen beide leben. Jede gute oder böse, hilfreiche oder schädigende, aufbauende oder zerstörende Rede- oder Handlungsweise verändert (anfangs oft unbemerkt, nach und nach aber immer deutlicher) die Atmosphäre im Miteinander einer Gemeinschaft. Ob in einer Gemeinschaft (in einer Familie oder Nachbarschaft, einer Arbeitsgruppe oder einem Verein, in einer Volksgruppe oder einer Partei, einer Religionsgemeinschaft oder einem Volk …) eine überwiegend freundliche, vertrauensvolle und friedliche Atmosphäre herrscht oder eine unfreundliche, misstrauische und feindselige, das hängt von vielen einzelnen Entscheidungen vieler Einzelner in der Gemeinschaft ab. Das Resultat freilich betrifft alle, Täter wie Opfer. Auch ein Täter muss vom Augenblick seiner Tat an in einer sozialen Umwelt leben, die nun um eine – seine – Tat böser geworden ist und damit auch für ihn unsicherer und bedrohlicher. Dabei ist es ganz selbstverständlich, dass sich seine Tat vor allem in dem Teil seiner Umwelt auswirken wird, in der er selbst vorzugsweise lebt, und sie zum Schlechteren hin verändert. Meinen wir denn, ein Mensch könnte unbeschwert und unbefangen in einer Gemeinschaft leben, die er selbst mit bösen Worten und Handlungen belastet hat? Besonders das böse Wort kann in einer Gemeinschaft ungeheure Wirkung entfalten und Schaden anrichten. Ein Demagoge oder Hassprediger kann mehr Schuld auf sich laden als hundert Mörder, weil er den tausendfachen Mord vorbereitet und möglich macht.

Gemeinschaften (ethnische, kulturelle, weltanschaulich-religiöse …) können als ganze belastet sein mit gemeinsamer Schuld. Kollektive Egoismen verursachen gemeinsame böse Einstellungen und Taten und bewirken gemeinsame, kollektive Fehlentwicklungen, die im Innern wie nach außen immer neu Unrecht und Gewalt auslösen.

Das ist die dreifache Wirkung des Bösen: Dem Opfer der Schaden, dem Täter die Schuld, der Gemeinschaft die negative Belastung und Ausrichtung. Alle drei wiegen oft schwerer, als es auf dem ersten Blick zu erkennen ist.

Später werden wir noch sehen, dass sich die Folgen der Schuld noch dramatisch ausweiten, wenn wir auch die religiöse Dimension, die Beziehung zu Gott, mit in Betracht ziehen.

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Das Thema „Schuld und Vergtebung“ enthält derzeit folgende Beiträge (Der eben verwendete Beitrag ist gelb markiert):

Schuld?

Die dreifache Wirkung der Schuld

Vergebung und Erlösung

Vorherbestimmt?

Die vierte Dimension der Schuld

Erlösung in der Tiefe

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Zwischen Schöpfung und Vollendung

Gesetz oder Liebe?

Dein Reich komme

Adam, wer bist du?

Sein und sollen

Weltreligionen und biblischer Glaube
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© 201 Bodo Fiebig

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