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Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema : Die Frage nach dem Sinn

Beitrag 3: Die Berufung des Menschseins (Bodo Fiebig 2017- 9)

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Gott hat die ganze Schöpfung werden lassen (siehe die Beiträge 1 „Im Anfang schuf Gott?“ und 2 „Die Sinn-Sucher“), um im Nichts die Materie, inmitten der vielgestaltigen materiellen Welt das Leben und mitten in der millionenfachen Fülle des Lebens das Menschsein zu schaffen. Auch damit ist das Ziel der Schöpfung noch nicht erreicht, aber die Zielrichtung ist schon erkennbar. Um dieses Zieles willen hat der Schöpfer dem Menschsein noch eine besondere und einzigartige Berufung gegeben: Er soll etwas „darstellen” und „vorverwirklichen”, das es in dieser irdisch-materiellen Schöpfung eigentlich gar nicht geben kann, an dem aber die Erfüllung und Vollendung der Schöpfungsabsicht Gottes hängt. Und dieses Ziel erreicht der Mensch nicht schon durch seine biologische Existenz und seine geistig-kulturelle Entfaltung. Auch der körperlich Vollendetste und geistig Gebildetste ist von diesem Ziel noch genauso weit (ja, manchmal noch weiter) entfernt wie der körperlich und geistig Behinderte.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das etwas „soll“ (siehe das Thema „sein und sollen“). Jedes andere Lebewesen erfüllt sein Dasein allein schon durch sein Da-Sein. Es kann seinen Lebenssinn nicht verfehlen. Der Mensch aber hat seinen Lebenssinn als Aufgabe bekommen, die er erfüllen oder verfehlen kann. Diese Aufgabe wird schon im ersten Kapitel der Bibel genannt (1. Mose 1, 27): Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich erschuf er sie (nach der Übersetzung aus dem Thema „Schöpfungsglaube und modernes Weltbild“). Die Aufgabe und Berufung des Menschseins ist es also, etwas sichtbar abzubilden und erfahrbar darzustellen, was für menschliche Augen eigentlich immer unsichtbar bleiben müsste und für menschliche Erfahrungen immer unvorstellbar wäre: Gott selbst, sein „Wesen“ und seine „Person“ . Wenn man die Menschen anschaut, wie sie miteinander leben und miteinander umgehen, dann soll man etwas davon wahrnehmen (in aller menschlichen Unvollkommenheit, aber doch erkennbar): So ist Gott.

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1 Das Spiel der Liebe

Aber, wer ist Gott, wozu hat er uns geschaffen und was erwartet er von uns? Die Antworten auf solche Fragen sind von uns aus nicht zugänglich. Wir können mit den Mitteln menschlicher Erkenntnisfähigkeit immer nur so viel von Gott erfassen, und mit den Mitteln der menschlichen Sprache nur so viel von Gott aussagen, als er selbst sich uns offenbart. Und Gott hat sich offenbart: in der Schöpfung und den nachfolgenden Ereignissen, in der Geschichte Israels, im Leben, Reden und Handeln Jesu, in der Geschichte der Christenheit und in der Weltgeschichte bis heute. Aus dieser Selbstoffenbarung Gottes über Jahrtausende hinweg können wir wahrnehmen, dass seine Existenz wesentlich in einem „In-Beziehung-Sein“ besteht, das wir mit den Mitteln der menschlichen Sprache (freilich völlig unzureichend, aber wir haben keine Alternative) mit dem Begriff „Liebe“ umschreiben. 1. Joh 4, 7-8: „Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.“ Das also (das, was hier mit dem Begriff „Liebe” umschrieben wird), das ist es, was das Gott-Sein Gottes ausmacht, sie ist sein eigentliches „Wesen”, seine „Substanz”, seine „Identität”. Und das Menschsein (nicht nur einzelne Menschen, sondern menschliches Miteinander, ja, in der Zielvorstellung die ganze Menschheit als Lebens- und Liebesgemeinschaft) soll diese Liebe widerspiegeln als sein „Ebenbild“.

Gott ist Einer; nichts ist neben oder über ihm. Aber kann denn so ein „Einziges“ in sich selbst Liebe sein; braucht nicht jede Form von Liebe ein Gegenüber? Ja, und das ist auch bei Gott so (siehe das Thema „Juden und Christen“, Beitrag 3 „Das trinitarische Problem“). Die Bibel drückt schon in ihrem ersten Satz das „Einzig-Sein“ Gottes paradoxerweise in einem Plural aus: Bereschit bara Elohim … (Im Anfang schuf Gott ...). „Elohim“ ist eine Mehrzahl-Form. Trotzdem wäre hier die Übersetzung „Götter“ falsch, sondern der, den wir „Gott“ nennen, ist in sich selbst schon Gegenüber und Liebesbeziehung, und zwar von einer solchen Dichte und Geschlossenheit, wie wir Menschen uns das gar nicht denken können.

In dieser Beziehungs-Existenz Gottes entstand schon vor aller materiellen Schöpfung ein Kraftfeld der Liebe von unvorstellbarer Intensität und Spannung (siehe Beitrag 1Im Anfang schuf Gott?“). Eine allerwinzigste Ahnung von dieser Spannungsintensität können wir nachempfinden, wenn uns eine tiefe Sehnsucht nach einem innigst geliebten Menschen umtreibt. Es war diese „Sehnsucht“ (auch dies ein allzu menschlicher Begriff), diese „Sehnsucht“ Gottes, der in sich selbst ganz Liebe ist, die den Impuls hervorbrachte, dass etwas sei, das seiner Liebe entspricht und antwortet. So gewaltig war dieser Impuls, dass er zur Initialzündung der Schöpfung wurde und die ganze unvorstellbare Weite und Vielfalt des Universums schuf.

Darin erfüllen sich Sollen und Sinn des Menschen, dass im Menschsein das Göttliche zum Vollzug kommt (die Liebe, die um des Geliebten willen lebt, redet und handelt); dazu ist der Mensch geschaffen und die ganze übrige Schöpfung, die nötig ist, damit der Mensch existieren kann. Mitten in dieser Schöpfung soll nun das Eigentliche und Entscheidende geschehen: In den Jahrmilliarden des Schöpfungsvorgangs, der in einen Wieder-Einbringungs-Vorgang mündet, will Gott in diesem Universum etwas werden lassen, das Raum und Zeit, Energie und Materie überdauert, weil es in die ewige Einheit und Ganzheit seiner Liebe eingefügt werden kann. Das Eigentliche der Schöpfung ist nicht das Universum selbst, sondern das Universum soll die „Bühne“ sein, auf der ein „Spiel“ stattfinden kann, um dessen willen der Schöpfer diese Schöpfung in Gang gesetzt hat.

Es genügt dem Schöpfer nicht, ein gigantisches, aber stummes, lebloses und sinnloses Universum zu schaffen, wie ein riesiges Feuerwerk, das aufleuchtet, eine Weile in großartigen Farben und Formen brennt und dann verlischt. Gott macht das Universum als „Bühne“ für ein „Spiel der Liebe“. Und wenn dieses Spiel sich entfaltet, will er, der selbst ganz Liebe ist, dadurch im Geschaffenen gegenwärtig sein. Er will sich in seiner Schöpfung ein Gegenüber erwecken, das sein Ebenbild ist, bewegt von der gleichen Urkraft, die das Universum in Gang setzte. Mitten in der materiellen (und damit vergänglichen) Schöpfung soll durch die Verwirklichung von Liebe unvergängliches göttliches Sein entstehen.

Darin besteht die Berufung des Menschseins, dass ein Ich da ist, das sich seiner selbst als Individuum bewusst ist, und das sich bewusst an ein Du hingibt. Das Göttliche im Menschen ist bewusstes Ich-Sein in Liebe zum Du.

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2 Urbild und Abbild

Gott ist Liebe (1. Johannesbrief 4,16). Damit ist alles Wesentliche über Gott ausgesagt. Gott ist der Liebende und er will, dass der Mensch ihm ein Gegenüber sei, das sein eigenes Wesen, die Liebe, widerspiegelt, und mit dem er eine Liebesbeziehung aufnehmen kann. Und es sprach Gott: Machen wollen wir Menschen in unserem Bild, gemäß unserer Gleichheit. (...) Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich erschuf er sie. (1. Mose 1, 26+27, nach der Übersetzung aus dem Thema „Schöpfungsglaube und modernes Weltbild”.)

Zum Bilde Gottes“ bedeutet nicht, dass der Mensch dem Aussehen nach Gott nachgebildet wäre. In der ganzen Bibel steht nichts darüber, wie Gott aussieht. Aber die Bibel ist von der ersten bis zur letzten Seite voll davon, was Gott tut, was er aus Liebe tut. Darin also, im Tun der Liebe soll der Mensch ein Abbild Gottes sein. „Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns...“ (1. Johannes 4,12, Luther-Übers.).

Weil „niemand Gott jemals gesehen“ hat, gibt Gott ein sichtbares Gleichnis seines Wesens in die Schöpfung. Das, was den Menschen Gott ähnlich macht, ihm zum Bilde, das ist sein Liebender-und-Geliebter-Sein: Mann und Frau, zwei, liebend einander zugetan. Da Gott den Menschen schaffen wollte als einen, der ihm ähnlich sei, musste er ihn als ein Wesen schaffen, das zum Geben und Empfangen von Liebe fähig und bereit ist. Die Liebe zwischen Mann und Frau soll das Zeichen für das Wesen und die Anwesenheit Gottes in der Schöpfung sein. Aber nicht nur dies: Nach dem Willen Gottes soll jede menschliche Gemeinschaft, ja das Menschsein als Ganzes zur Liebesgemeinschaft werden.

Gott schuf den Menschen sich zum Bilde. Durch das Tun der Liebe (nicht in erster Linie durch Liebesgefühle) soll Gott selbst, der um der Liebe willen alles Sein ins Dasein rief, in der Schöpfung vergegenwärtigt sein. Nicht nur „bewegtes Nichts“ (siehe den Beitrag „Im Anfang schuf Gott“?), sondern wahres göttliches Sein. Und zugleich soll, im Menschen und in der Menschheit als Ganzes, für den Schöpfer ein gottebenbildliches Gegenüber entstehen, das seine Liebe wahrnehmen und erwidern kann.

Ziel ist es, diese vergängliche Welt, die zunächst nicht mehr ist als „bewegtes Nichts“, der Vergänglichkeit zu entreißen. Das soll geschehen, indem Unvergängliches in den spirituellen „Ackerboden” (hebr. Adama) dieser Welt, d. h. in das Menschsein (hebr. Adam), gesät wird und dort keimt und wächst und Frucht trägt. Dieses „Unvergängliche“ war schon vor aller Schöpfung und wurde zugleich Medium und Anstoß allen Seins. Es ist das Kraftfeld der alles umfassenden und alles erhaltenden Liebe Gottes. Wenn im Leben der Menschen etwas von dieser Liebe zum Vollzug kommt (und sei es noch so menschlich unvollkommen, fragwürdig, schuldbelastet und begrenzt), dann entsteht inmitten dieser vergänglichen Schöpfung etwas, das so unvergänglich und unzerstörbar ist wie Gott selbst.

Im Neuen Testament (und andeutungsweise auch schon im Alten) wird dieses vor aller Schöpfung „präexistente“ Du, wird das potenzielle, noch auf Zukunft angelegte Gegenüber der Liebe Gottes als „Sohn“ bezeichnet, als „Sohn“ in der Beziehung zum „Vater“, der Gott ist (auch dies sind sehr menschliche Sprachbilder, die unseren menschlichen Verstehensweisen entgegenkommen wollen). „Sohn“ heißt hier einfach nur: Ein von Gott gewolltes („gezeugtes“) und geliebtes Du, das für seine Liebe offen ist und sie erwidert - das gilt auch schon im Alten Testament für das Volk Israel. In diesem „Sohn“ ist das Zukünftige, die Erfüllung der Verheißung (das heißt: die ganze Menschheit als ersehntes und geliebtes Gegenüber) bei Gott schon gegenwärtig. "Sohnschaft" als vorläufige, aber um so intensivere „Stellvertretung“ für alles Menschsein, das sich in der entstehenden materiellen Schöpfung immer deutlicher und immer konkreter als Gegenüber der Liebe Gottes erweisen soll.

Das „Ebenbild“ Gottes kann nur durch Beziehungen gebildet und abgebildet werden, durch Beziehungen, die dem Wesen Gottes entsprechen. Das Wesen Gottes aber ist die Liebe. Jetzt ist es offensichtlich, dass niemals ein einzelner Mensch „Abbild Gottes“ sein kann, sondern immer nur menschliche Gemeinschaft. Nicht im einzelnen Menschen, sondern nur im Menschsein als Vollzug liebender Gemeinschaft kann Gott in dieser Welt abgebildet werden. Aber genau hier liegt das Problem:

In den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte hat sich menschliche Gemeinschaft immer wieder als untauglich erwiesen, Abbild der Liebe Gottes zu sein. Sie ist über weite Strecken eine Geschichte von Betrug und Raub, Untreue und Verrat, Verachtung und Erniedrigung, Hass und Ablehnung, Unterdrückung und Ausbeutung, Gewalt und Krieg. Der individuelle und kollektive Egoismus triumphierte allzu häufig über die hingabebereite Liebe.

Gott aber will die Menschheit mit der ihr übertragenen Berufung nicht allein lassen. So wählt er sich inmitten der verlorenen Menschheit erst Einzelne, dann Wenige, mit denen er eine besondere Liebesgeschichte beginnt (z. B. Adam, Noah, dann Abraham und seine Nachkommen...). Er schließt mit ihnen einen Bund der Liebe und des Vertrauens, durch den ein Lebensraum eröffnet wird, in welchem die Geschichte des Menschseins als Liebesgeschichte zwischen Gott und den Menschen und zwischen den Menschen untereinander Wirklichkeit werden kann, exemplarisch und vorbereitend für die ganze Menschheitsfamilie. Auch wenn das Volk Israel in seiner wechselvollen Geschichte diese Berufung nur immer sehr unvollkommen und bruchstückhaft verwirklichen konnte, so bleibt es doch Geschenk Gottes an die Menschheit, in dessen Leben und Überlieferung die Menschheitsberufung erkennbar ist.

Und doch hat sich gezeigt, dass dieses "Geschenk" nicht ausreicht. Trotz der Erwählung und trotz der Gabe der Gebote und Weisungen für ein gottgemäßes Menschenleben konnte Israel nicht zum Wegweiser und Retter für die gottferne Menschheit werden. Und so musste Gott selbst seine unbegrenzte und unerschütterliche Liebe ins Menschsein geben, damit sie dort gegenwärtig und erfahrbar sei. In dem Juden Jesus von Nazareth ließ er sich selbst als Liebender erkennen: "Wer mich sieht, sieht den Vater". Damit die Menschen zu Gott kommen können, musste Gott zu den Menschen gehen. Nicht als verkleideter Gott in Menschengestalt, sondern in Jesus als Träger jener Liebe, die das Gott-Sein Gottes ausmacht.

Gott ist Liebe und die Beziehungs-Existenz des Menschseins soll davon ein Abbild sein: … Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde… Wenn man das Miteinander der Menschen anschaut, wenn man wahrnimmt, wie Menschen miteinander umgehen, wie sie einander lieben und füreinander leben, dann soll man wenigstens eine Ahnung davon bekommen: So ist Gott. Welch eine Herausforderung, aber auch welch eine Würde des Menschseins!

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3 Gabe und Aufgabe

Jedes Menschsein ist zur Gottesebenbildlichkeit bestimmt, aber nicht jedes Menschenleben gelingt automatisch; auch das körperlich vollendetste und kulturell gebildetste nicht. Damit ist das Eigentliche des Menschseins noch nicht im Blickfeld (siehe das Themenheft „Adam, wer bist du?“). Es muss im Menschsein noch eine Neuschöpfung, eine "Neue Geburt" geschehen, damit es das werden kann, wozu es eigentlich da ist. Bei aller Zurückhaltung, die uns die Vorläufigkeit und Begrenztheit unseres Forschens und Denkens gebieten, scheint doch dies als Mitte und Angelpunkt der Schöpfung erkennbar: Durch die Liebe und um der Liebe willen wurde das Universum geschaffen. Um der Liebe Raum zu geben und ihr handfeste Wirksamkeit zu ermöglichen, entstand das Leben und wurde das Menschsein gebildet. Und diese Liebe ist nicht selbstverständliche Beigabe, sondern Aufgabe jedes Menschseins (siehe das Themenheft „AHaBaH – das Höchste ist Lieben“).

So hat der Schöpfer in jedes Menschsein eine Urkraft hineingelegt, die es über alles bloß biologische Leben und alle kulturelle Menschlichkeit hinaushebt: eine Bereitschaft zur liebenden Hingabe, die weit über den biologischen Fortpflanzungstrieb zur Weitergabe des genetischen Erbes hinausgeht, und die im äußersten Falle sogar den stärksten Impuls jedes Lebewesens überwältigt, nämlich das eigene Leben (und die dazu notwendigen Lebensräume und Lebensmittel) zu erhalten und zu verteidigen.

Diese Urkraft der Liebe kann sich in jedem Menschenleben entfalten, unabhängig von sozialen Rahmenbedingungen, Kultur und Religion, aber es gibt sehr wohl soziale Rahmenbedingungen, kulturelle Entwicklungen und religiöse Vorstellungen, die diese Kraft der Liebe behindern und ersticken oder auch sie fördern und zum Blühen bringen können. Kein Glaube und keine kulturelle Haltung, die gegenseitige Zuwendung, Achtung und Hilfe fördern, sind gering zu schätzen, wie sie auch sonst aussehen und begründet sein mögen. In ihnen hat der Schöpfungsfunke der Liebe Gottes ein wärmendes Feuer entzündet, das zu erhalten sich lohnt (siehe das Thema „Weltreligionen und biblischer Glaube“, Beitrag 2 „Grundlagen des Glaubens“).

In der biblischen Offenbarung aber hat der Schöpfer selbst sein Herz offenbart. Und im Leben, Reden und Handeln Jesu hat er eine vollkommene Darstellung seiner göttlichen Liebe ins Menschsein gegeben. „Ecce homo!“ Seht, der Mensch! Der Mensch, wie er von Anfang an gemeint war: Unverfälschtes Bild der Liebe Gottes. Im Leben, Reden und Handeln Jesu ist ein vollkommenes Abbild des Wesens Gottes im Menschsein gegenwärtig. „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh 14,9). Er ist der Eine, in dem die Bestimmung des Menschseins, Abbild der Liebe Gottes zu sein, zur Erfüllung und Vollendung gekommen ist. An seinem Vor-Bild soll die Menschheit wahres Menschsein lernen. Und um der Offenbarung und Darstellung dieser Liebe willen ist die ganze Schöpfung gemacht.

Ich bin der (einzig) Seiende“ und (so könnte man auch übersetzen) „Ich bin (für dich) da“, das ist der Name (und das Wesen) Gottes (vgl. 2.Mose 3, 12-15), d. h., durch die Liebe ist Gott da, in uns, mit uns, zwischen uns. Der Name des Antigöttlichen dagegen heißt „Ich-für-mich-gegen-dich“ (bzw. "Wir-für-uns-gegen-euch"). Das ist der Name dessen, was das Menschsein, das Leben und die Schöpfung zerstört – man mag es dann Satan nennen oder Hölle oder das Böse ... Es ist die egoistische Alternative zur Liebe, die tödliche Alternative zum Leben, die unmenschliche Alternative zum gottgewollten Menschsein. Und diese egoistische Alternative zur Liebe gibt es in jedem menschlichen Miteinander und sie kann selbst die intimste Beziehung zur Hölle machen.

Als Jesus seine öffentliche Predigt beginnt, verkündigt er das „Reich Gottes“, das „wie im Himmel, so auf Erden“ kommen soll. (siehe das Thema „Dein Reich komme“). Die Liebe, die Lebensordnung des Himmels, kann und soll und muss hier auf dieser Erde in menschlicher Gemeinschaft zum Vollzug und zur Vollendung kommen. Zunächst in Gottes ersterwähltem Volk Israel, dann in der Gemeinschaft der „Herausgerufenen“ (Jesusnachfolger) aus allen Völkern (der Kirche). Dann aber und als Zielausrichtung auch durch die Menschheits-Gemeinschaft als Ganzes.

In Jesus, seinen Leben, Reden und Handeln, war die Berufung der Menschen, nämlich die Vergegenwärtigung des Göttlichen im Menschsein vollgültig verwirklicht, wenn auch nur in einem Einzigen. Dabei soll es aber nicht bleiben, sondern durch ihn und seine Jünger und Jüngerinnen soll nach und nach die ganze Menschheit mit hineingenommen werden in die Fülle der Liebe Gottes (wodurch die bleibende Berufung Israels ergänzt, nicht ersetzt wird, siehe das Thema „Juden und Christen“). Das messianische Reich der Liebe (und des Friedens, der Freude und der Vollkommenheit durch die Liebe), das Jesus verkündigt, wird die Schöpfung Gottes zur Erfüllung bringen: als einen Ort, in dem Gott selbst gegenwärtig ist durch den zwischenmenschlichen Vollzug seiner Liebe. Dazu muss dieses „Reich“ hier auf dieser Erde Realität werden „wie im Himmel so auf Erden“, nicht in einem sagenhaften, jenseitigen Irgendwo. Zunächst modellhaft vorläufig in aller menschlichen Unvollkommenheit, dann aber vollkommen und vollgültig im Friedensreich des Messias.

Wenn dies geschieht, wird die Bestimmung allen Menschseins erfüllt sein als Abbild und Darstellung der Liebe des Schöpfers im Geschaffenen, als menschlich fassbare Vergegenwärtigung des unfassbaren Gottes in der Welt.

Im messianischen Gottes-Reich, das Jesus verkündet hat und das er bei seinen Wiederkommen zur Erfüllung bringen wird, wird die Liebesgemeinschaft der ganzen Menschheit zur sichtbaren, erfahrbaren und alles Menschsein umfassenden Darstellung der Liebe Gottes und zur Erfüllung des Lebenssinns aller menschlichen Existenz: Gott schuf das Menschsein sich zum Ebenbild … Dies soll aber auch schon jetzt, vorbereitend und vor-abbildend, im Miteinander „Kinder Gottes“ geschehen.

Es soll auf dieser Erde nicht nur eine weltumspannende Biosphäre entstehen, eine alle Kontinente und Meere umfassende Lebens-Schicht, die rund um die Erde, von Pol zu Pol und von den Tiefen der Ozeane bis in die Höhen der Atmosphäre reicht, und in der alles Leben wechselseitig voneinander abhängt und aufeinander bezogen ist.

Es soll auf dieser Erde nicht nur eine alle Völker, Sprachen und Kulturen umfassende Weltsphäre des Geistes entstehen, die in alle Jahrtausende der Menschheitsgeschichte aller Völker zurückreicht und die sich im Austausch der Gedanken, Bilder und Worte zu einem globalen Gesamtkunstwerk menschlichen Geistes verknüpft und verdichtet.

Es soll auf dieser Erde auch eine die ganze Menschheit umfassende Weltsphäre der Mitmenschlichkeit entstehen, ein Beziehungsgeflecht der Liebe, das alle Völker und Kulturen, alle Sprachen und Rassen, alle Gesellschaftsformen und Lebensgemeinschaften durchdringt, ein weltweites Leuchtmuster des Miteinander und Füreinander, das inmitten der verfinsterten Gegenwart in aller Unvollkommenheit doch schon die gottgewollte Liebeseinheit der Menschheitsfamilie vorabbildet, ein Weltorganismus der Für-Bitte und des Für-Handelns, ein globaler Blutkreislauf geistlicher und materieller Gaben, durch den das eine und alles überstrahlende Bild der Liebe Gottes im Menschsein trotz aller menschlichen Schwächen anschaubar und lebendig wird.

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4 Die Entscheidung

Nun bleibt uns die Frage vom Anfang (siehe Beitrag 1 „Im Anfang schuf Gott“): Ist diese Welt etwas zufällig Gewordenes (also etwas Sinnloses) oder ist sie etwas bewusst Geschaffenes (also etwas Sinnvolles und Zielgerichtetes)? An der Antwort auf diese Frage entscheidet sich alles, denn beide Vorstellungen haben weitreichende Folgen für unser Leben, Reden und Handeln. Mit menschlichen Mitteln beweisen kann man weder das Eine noch das Andere. Selbstverständlich kann man jetzt beginnen und alle Negativentwicklungen in der Geschichte der Christenheit aufzählen um zu beweisen, dass die Christen auch nicht besser sind als alle anderen. Aber selbst wenn das stimmen würde, ginge es doch hier um etwas ganz anderes: Es geht um die Frage, auf welcher Grundlage und mit welcher Zielausrichtung wir heute und morgen ein menschenwürdiges und menschenfreundliches Miteinander der globalen Menschheitsfamilie gestalten können.

Sicher, man kann den Sinn (oder die Sinnlosigkeit) der Schöpfung nicht „beweisen“, aber man kann die Konsequenzen beschreiben, die in beiden Grundeinstellungen liegen: Wenn diese Welt etwas zufällig Gewordenes ist, so ist jedes Leben auf dieser Erde (ob Pflanze, Tier oder Mensch) nur sich selbst verpflichtet, dann sind der (persönliche und kollektive) Selbsterhaltungstrieb im „Kampf ums Dasein” und das Streben nach Erfolg, Besitz und Macht im „Kampf um die besten Plätze” die einzig gültigen Handlungsmotive, dann sind Begriffe wie gut und böse, recht und unrecht irrelevant (siehe die Themen „gut und böse” und „Die Ethik des Atheismus”). Dann ist es selbstverständlich und richtig, wenn auch unter den Menschen der Stärkere, Aggressivere gewinnt und lebt und der Schwächere, Friedlichere verliert und stirbt.

Wenn aber diese Welt etwas bewusst Geschaffenes (und bewusst von der Liebe Geschaffenes) ist, dann kann die Berufung des Menschseins als „Bild der Liebe Gottes im Geschaffenen” unserem Leben und Handeln einen Sinn geben, der diese Welt zu einem Ort des (möglichen, wenn auch immer gefährdeten) Friedens macht.

Für den (biblisch) Glaubenden ist die Entscheidung schon gefallen. Für den Nicht-Glaubenden aber liegt das Entscheidungs-Kriterium in der Frage nach den Konsequenzen: „Welche von diesen beiden Grundannahmen ergibt in der Konsequenz für das Leben und das Zusammenleben der Menschen die besseren Rahmenbedingungen, die menschenwürdigere Grundlage”? Wir müssen uns entscheiden und von dieser Entscheidung wird abhängen, ob und wie wir und die uns nachfolgenden Generationen leben können.

Das Thema „Die Frage nach dem Sinn“ enthält derzeit folgende Beiträge: (Der eben verwendete Beitrag ist gelb markiert)

Im Anfang schuf Gott?

Die Sinn-Sucher.

Die Berufung des Menschseins

Die progressive Weltformel

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Weiterführende Beiträge aus anderen Themengruppen

sein und sollen

Dein Reich komme

Weltreligionen und biblischer Glaube

Schöpfungsglaube und modernes Weltbild

AhaBaH - das Höchste ist lieben

Die Ethik des Atheismus

 

© 2010 Bodo Fiebig, Version 2017-10

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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