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Themenbereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Die Frage nach dem Sinn

Beitrag 1: Im Anfang schuf Gott? (Bodo Fiebig 2017- 9)

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Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“. So beginnt der biblische Bericht von der Entstehung unserer Welt. Aber kann dieser Satz für uns, heute, im 21. Jahrhundert noch gültig sein? Setzt er nicht etwas voraus, was erst noch erwiesen werden müsste: dass die Welt in der wir leben, tatsächlich etwas Erschaffenes ist, etwas von einem Schöpfer bewusst Gemachtes und Gestaltetes? Viele wehren sich gegen eine solche religiös motivierte Vor-Festlegung. Stellen wir uns also der Frage, um die es hier zunächst geht: Ist diese Welt etwas zufällig Gewordenes oder ist sie etwas bewusst Geschaffenes? Diese Frage markiert den Unterschied zwischen biblischem und atheistischem Weltbild. Und an der Antwort auf diese Frage entscheidet sich alles.

Wenn die Welt, in der wir leben, etwas zufällig Gewordenes ist, dann existiert alles in ihr ohne Sinn und Ziel, dann ist auch unser eigenes Leben zufällig und sinnlos (denn woher sollte in einer zufällig gewordenen Welt plötzlich ein Sinn und ein Ziel kommen?). Dann lebt ein Lebewesen, ob Einzeller, Pflanze, Tier oder Mensch, solange es sich im „Kampf ums Dasein“ zu behaupten vermag und stirbt, sobald es einem Stärkeren begegnet (oder wenn die nötigen Lebensbedingungen nicht in ausreichender Weise gegeben sind); und beides, sein Leben und sein Sterben wäre völlig ohne Bedeutung. Dann gäbe es keine Entscheidung und keine Handlungsweise, die man „richtig“ oder „falsch“ nennen könnte (denn woher sollte in einer sinnlosen Welt ein Maßstab kommen dafür, was „richtig“ oder „falsch“ wäre?), und es gäbe erst recht kein Verhalten, das man „gut“ oder „böse“ nennen könnte (denn woher sollten in einer sinnlosen Welt ethische Wertvorstellungen kommen)? Ob wir uns in einer sinnlosen Welt in einer bestimmten Situation so oder ganz anders entscheiden und verhalten würden, wäre ganz und gar gleichgültig. Oder zugespitzt personalisiert: Adolf Hitler und die Judenvernichtung in Auzschwitz und Mutter Theresa und Ihr Einsatz für die Armen und Sterbenden in Kallutta wären in ihrer Bedeutung und ihren Wert gleich, nämlich nichts.

Wenn aber die Welt in der wir leben, etwas bewusst Geschaffenes ist, geschaffen von einer Kraft, die für die ganze Schöpfung nicht nur einen Anfang und ein Ende bestimmt hat, sondern auch einen Sinn und ein Ziel, dann gäbe dieser umfassende Schöpfungs-Sinn auch unserem eigenen Leben eine Bedeutung, gäbe unserer Existenz einen bleibenden Wert. Dann wäre es Sinn-voll, in dieser Welt verantwortlich zu leben und zu handeln. Dann gäbe es Entscheidungen und Handlungsweisen, die man „richtig“ oder „falsch“ nennen müsste, vielleicht sogar „gut“ oder „böse“ (siehe das Thema „gut und böse“).

Trotzdem: Wir wollen die Frage, ob diese Welt etwas zufällig Gewordenes oder etwas bewusst Geschaffenes ist, vorläufig offen lassen. Eines können wir aber jetzt schon sagen: Unabhängig davon, ob unsere Existenz in dieser Welt objektiv gesehen (falls das überhaupt möglich ist) sinnvoll oder sinnlos wäre, so wäre es doch subjektiv gesehen für das Leben und das Zusammenleben der Menschen in höchstem Maße sinnvoll, für unser Dasein einen Daseins-Sinn anzunehmen (oder notfalls selbst einen zu erfinden!) denn nur dann, wenn unser Leben einen Sinn hat (oder wir einen Sinn annehmen und an ihn glauben), der über die bloße Daseinsvorsorge und Daseinsbehauptung hinausgeht, nur dann wären Lebensformen und Handlungsweisen möglich, die man „menschenwürdig“ und „verantwortungsvoll“ nennen könnte (wobei die Maßstäbe dafür, was wir „menschenwürdig“ und „verantwortungsvoll“ nennen wollen, hier noch im Dunklen bleiben, wir werden aber noch darauf zurückkommen).

Ohne menschenwürdige und verantwortungsvolle Lebensformen und Handlungsweisen aber wären unser Leben und Zusammenleben dem „Kampf ums Dasein“, dem Gesetz von „fressen und gefressen werden“ und dem „Recht des Stärkeren“ hilflos und unentrinnbar ausgeliefert. Das heißt: Religion als Sinnhintergrund des Daseins wäre auch dann noch „sinnvoll“, wenn unsere Welt tatsächlich etwas zufällig Gewordenes wäre! Aber ist sie das denn?

Wir wollen uns bei der Antwort auf diese Frage nicht vorschnell festlegen. Dass der Mensch nach Sinnerfüllung für sein Dasein sucht, ist unbestreitbar; ob er dabei nur seine eigenen Wünsche und Ängste nach außen projiziert, ist (wissenschaftlich gesehen) ungewiss. Gehen wir also der Frage nach dem Sinn des Daseins ein Stück weit nach, um zu sehen, welche realen Auswirkungen die beiden oben genannten Alternativen im realen Leben hätten. Wir werden sehen: Aus beiden, dem biblischen und dem atheistischen Weltbild, ergeben sich Konsequenzen (siehe das Thema „Die Ethik des Atheismus”, Beitrag 3 „Evolution oder Menschlichkeit?”). Folgen wir beiden Alternativen (in Gedanken und im Gedenken an Erlebtes und Erlesenes) bis zum Schluss und entscheiden uns dann, welche von ihnen wir im Leben folgen wollen, weil sie uns ein menschenwürdiges Leben ermöglicht.

Beginnen wir da, wo alles Sein mit einem großen, spektakulären Geschehen begann, bei jenem Ur-Ereignis, durch das vor unvorstellbar langer Zeit in einem Bruchteil von Sekunden alles Sein den Anfang nahm – und bei der Frage nach dem, was diesen Prozess der Welt-Werdung in Gang setzen und voranbringen konnte.

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1 Das Bild der Schöpfung

Unvorstellbar: Im Augenblick, als der sogenannte „Urknall“ vor etwa 15 Milliarden Jahren die Entstehung des Universums in Gang setzte, soll (so die gängige Vorstellung) die ganze Materie und Energie des Alls in einem einzigen Punkt konzentriert gewesen sein, von dem aus sich das Universum in einer Explosion von Ur-Energie und Ur-Teilchen in Wellen und Wirbeln mit Lichtgeschwindigkeit nach allen Seiten hin ausbreitete und sich dabei zunehmend in Form von Energie und Materie manifestierte und strukturierte. Erst im Laufe dieser Ur-Ereignisse entstanden Zeit und Raum und die uns vertrauten Formen von Materie und Energie und damit Zustände, die unserem Denken zugänglich sind. Unsere Fantasie reicht bei Weitem nicht aus, um uns den Vorgang ihrer Entstehung auch nur einigermaßen konkret vorzustellen.

So geläufig uns die Vorstellung vom „explodierenden Universum“ ist, so begrenzt ist jedoch ihre Brauchbarkeit, und es kann bezweifelt werden, dass sie uns wirklich ein geeignetes Bild von der Entstehung unserer Welt vermittelt (und alle unsere Vorstellungen von einem "Uranfang" sind ja nur Bilder, die versuchen, Unvorstellbares in unsere Denkmöglichkeiten zu übersetzen). Was wir brauchen, ist eine Vorstellung, die uns hilft, die Entstehung unserer Welt zugleich wissenschaftlich angemessen und spirituell „wahr“ zu verstehen, die uns vielleicht sogar helfen kann, uns in unserer Welt zurechtzufinden und heimisch zu werden.

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2 Der Anstoß des Seins

Folgendes Bild soll uns helfen, das Undenkbare denkbarer zu machen. Stellen wir uns vor: Ein Wasserbecken, die Oberfläche glatt und völlig unbewegt. Diese ruhende Wasseroberfläche soll uns ein (vorläufiges) Bild sein für einen „Zustand ohne Schöpfung“. Nun berühren wir mit der Fingerspitze diese glatte Wasseroberfläche und beobachten, wie sich kreisförmige Wellen bilden und vom Ort der Berührung entfernen. „Etwas“ ist entstanden, das sich deutlich erkennbar von dem unterscheidet, das wir vorhin als „Zustand ohne Schöpfung“ bezeichnet haben: ein bewegtes und geordnetes System von Wellen, die eine erkennbare Struktur ergeben. Dabei sehen wir: Das Wasser im Becken ist nicht „mehr“ geworden, es ist nichts hinzugekommen, was vorher nicht da gewesen wäre, aber es ist nun durch den Impuls unserer Berührung in Bewegung geraten. Es ist also keine quantitative Veränderung geschehen gegenüber dem Zustand vor der Berührung, sondern eine qualitative. Es ist nicht etwas „mehr“ geworden, aber „anders“. Und dieses „Etwas“, die kreisförmigen Wellen und ihre Expansionsbewegung, ist unzweifelhaft „da“, obwohl es kein „Gegenstand“ ist, den man in die Hand nehmen könnte.

Das ganze Wellensystem unseres Gedankenexperiments kommt deutlich erkennbar von einem Punkt her, seinem Ursprungs- und Entstehungspunkt. Und doch wäre es falsch zu sagen, dass es einen Zustand vor der Entstehung des Wellensystems gab, wo alle seine Wellen und Energien in einem Ausgangspunkt konzentriert schon vorhanden wären und nur auf ihre Expansion warteten (auch die Dimension „Zeit“, also ein „davor“ und „danach“, entstand ja erst mit der Entstehung des Universums). Genau so ist aber meist die (laienhafte) Vorstellung, die man mit den Begriff „Urknall“ verbindet: „Vor“ dem Urknall – so meint man – war alle „Substanz“ des Universums in einem einzigen Punkt konzentriert, eine äußerste Verdichtung von Materie und Energie, die wie eine Art kosmische Bombe explodierte und deren Bruchstücke nun als Galaxien durch einen unvorstellbar weiten Raum fliegen.

Übertragen wir demgegenüber das Bild von den Wellenkreisen im Wasser auf unsere Vorstellung von der Entstehung des Universums, so wird ein verständlicheres Bild erkennbar: Aus einem Anfangsimpuls (der Begriff „Urknall“ ist hier ungeeignet) wäre ein System expandierender Wellen-Bewegungen entstanden, das sich immer weiter ausbreitet (das kommt den naturwissenschaftlichen Denkmodellen schon sehr nahe, die zwischen wellenförmigen und körperlichen Zustandsformen nicht mehr grundsätzlich unterscheiden). Im Laufe dieser Ausbreitung bildeten sich daraus die uns bekannten Formen von Energie und Materie, Raum und Zeit. Trotzdem wäre das ganze All mit seinen Sternensystemen und Galaxien nicht „mehr“ als der „Zustand ohne Schöpfung“, keine quantitative, sondern eine qualitative Veränderung, so etwas, wie ein in erkennbaren und geordneten Strukturen bewegtes „Nichts“.

Diese Vorstellung mag uns im ersten Augenblick wenig hilfreich erscheinen, hat aber deutliche Parallelen in der modernen Physik: Wenn wir „handfeste“ Materie, z. B. schweres Eisen und harten Stein, aufeinander schlagen, will es uns gar nicht einleuchten, dass dies nicht mehr sein soll, als „bewegtes Nichts“. Für die Atomphysiker aber lösen sich härtester Stein und festester Stahl bei genauerer Betrachtung auf in immer kleinere und ungreifbarere Teilchen, bis sie nur noch substanzlose Energiezustände vor sich haben, die sich jeweils mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in gewisser Zuordnung zueinander befinden. Nur weil wir selbst (materiell gesehen) Nichtse sind, empfinden wir den Zusammenprall eines bewegten Nichts mit einem anders bewegten als große Erschütterung.

Möglicherweise kann uns das Bild von den Wellenringen im Wasser besser zu einem angemessenen Verständnis von der Entstehung des Universums führen: Die unberührte, glatte Wasseroberfläche symbolisiert uns den „Zustand ohne Schöpfung“, ein raumloses, zeitloses „Nichts“ (so wollen wir es vorläufig nennen; später werden wir sehen, dass diese Bezeichnung den Sachverhalt doch nicht ganz trifft). Die Physik spricht von einem „Quantenvakuum“.

Bei unserem Wellensystem im Wasser müssen wir unterscheiden zwischen den Wellen und dem Wasser (also dem Medium, in dem sich diese Wellen ausbreiten). Ein keines Stückchen Kork, das wir auf die bewegte Wasseroberfläche legen, wird von den Wellen an Ort und Stelle auf und ab bewegt, und zeigt uns, dass nur der Bewegungsimpuls der Wellenringe – nicht das Wasser selbst – sich vom Ort der Berührung entfernt. Das Wasser ist hier nur das Medium, in dem der Impuls unserer Berührung zum Schwingen kommt und sich ausbreitet. Jede wellenförmige Schwingung setzt ein Medium voraus, in dem sich die Schwingung ausbreiten kann, und einen Impuls, der diese Bewegung anstößt. Das „Wasser“ (das Medium) unseres Experiments muss also schon „vor“ Entstehung der Wellen da sein, und der Anstoß (der Impuls), der sie in Bewegung setzt, muss als Berührung von „außen“ dazukommen.

Bei der Entstehung des Universums gab es aber kein „davor“ und kein „außen“, Raum und Zeit entstanden erst mit dem werdenden Universum. Trotzdem musste auch hier ein „Medium“ vorhanden gewesen sein, in das der Anfangs-Impuls zur Entstehung des Universums hineinwirken und in dem er sich ausbreiten konnte und es musste „etwas“ diesen Anfangsimpuls bewirkt haben. Der „Zustand ohne Schöpfung“, den wir bisher mit „Nichts“ bezeichnet haben, muss also doch irgendwie „gefüllt“ gewesen sein. Da Energie und Materie, Raum und Zeit erst im Laufe der Ereignisse nach dem Ur-Anfang entstanden, kommen sie als „Ursache“ nicht in Frage. Das heißt, das Medium, in dem sich das Raum-Zeit-Gefüge des Universums ausbreiten konnte, war selbst etwas, das „jenseits“ von Raum und Zeit existierte, und der Anstoß, der es in Bewegung versetzte, kam von einer Wirklichkeit „jenseits“ dieser Welt. Das Medium und der Impuls, also die „Ursachen“ des Universums, stammen beide von einer Wirklichkeit „jenseits“ von Raum und Zeit, Energie und Materie (wobei „jenseits“ hier nicht eine räumliche, sondern eine existenzielle Distanz meint).

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3 Medium und Impuls der Schöpfung

Versuchen wir nun, unsere Modellvorstellung von der Entstehung des Universums mit dem biblischen Schöpfungsgedanken in Verbindung zu bringen: Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde (1.Mose 1,1). Die Bibel geht also auch, wie die moderne Naturwissenschaft, von einem Anfangs-Ereignis bei der Entstehung des Universums aus. Und sie nennt die „Existenz“, die jenseits von Raum und Zeit, Energie und Materie „da“ war und die Schöpfung in Gang setzte „Gott“. (Wobei das Wort „Gott” erst einmal nur ein Begriff der deutschen Sprache ist, der bei verschiedenen Menschen inhaltlich ganz verschieden gefüllt sein kann.) Hier bezeichnet er jene Existenz, die zugleich „Medium“ und „Anstoß“ der Schöpfung ist. Zwei „Kernsätze“ aus den Neuen Testament (die wir aber im Alten Testament ganz ähnlich formuliert finden) mögen das näher erläutern:

1) Das Medium:Gott ist Liebe“ (1.Johannes 4,16). Damit ist alles Wesentliche über Gott ausgesagt über den Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Das heißt, das, was wir vorhin „Zustand ohne Schöpfung“ genannt haben, war nicht einfach nur „Nichts“, sondern es war das Kraftfeld eines Seins jenseits aller materiellen Existenz. Und die Bibel verwendet für dieses „Kraftfeld“, für diese „Urform des Seins“, den Begriff „Liebe“.

Freilich ist dieser Begriff völlig unzureichend für das, was er hier ausdrücken soll. Unsere menschliche Erfahrung mit dem, was wir Liebe nennen, reicht bei Weitem nicht aus, um damit den Inhalt anzudeuten, der hier gemeint ist. Trotzdem haben wir in unserer Sprache (und in allen Sprachen aller Völker der Erde) keine Alternative zur Verfügung. Der Begriff „Liebe“ ist die bestmögliche Annäherung an das Gemeinte mit den Mitteln der menschlichen Sprache (siehe auch das Thema „AHaBaH – das Höchste ist lieben“).

Der Zustand des Seins im Augenblick der Welt-Schöpfung war nicht eine Verdichtung von Materie und Energie, die dann explodierte und so das Universum entstehen ließ, sondern eine Verdichtung von Beziehung, eine Höchstverdichtung von Liebe als der „Ursubstanz“ Gottes.

Schon eine Liebesbeziehung zwischen Menschen kann, so zeigt unsere Erfahrung, ein Spannungsfeld von großer Dichte und schöpferischer Kraft erzeugen. Wieviel mehr gilt dies für Gott. Er, der Eine und Einzige (vgl. 5. Mose 6,4 – die zentrale Glaubensaussage des Alten Testaments vom Eines- und Einzigsein Gottes) ist in sich Beziehung und Liebe und das Spannungsfeld dieser Liebe ist das „Medium“, in dem der Schöpfungsimpuls (dessen materielle Erscheinungsform wir „Urknall“ nennen) zur Auswirkung kommt. Später, im Neuen Testament, wird sich die Beziehungs-Existenz Gottes noch deutlicher manifestieren und sich in menschlich fassbarer Weise als „Vater-Sohn-Beziehung“ darstellen (wobei auch diese Wörter nur erklärende „Bilder“ sind, die unserer menschlichen Erfahrungswelt entgegenkommen wollen).

2) Der Impuls:Im Anfang war das Wort ... und alle Dinge sind durch dieses gemacht (Johannes 1, 1+3)“ oder (1. Mose 1, 3-30): Und Gott sprach … und es geschah so. Das Werden der Schöpfung wird durch den im Wort gefassten Willen Gottes in Gang gesetzt. Der Impuls für die Entstehung des Universums ist das Wort Gottes, das uns im Neuen Testament zugleich als Schöpfer-Wille (Vater) und als Beziehung (Vater-Sohn) erscheint.

Wir könnten also unsere Vorstellungen etwa so formulieren (wohl wissend, dass unsere sprachlichen Möglichkeiten, wenn es um „Gott“ geht, noch viel unzureichender sind, als wenn wir den „Urknall“ und die Entstehung des Universums zu beschreiben versuchen): Das „Medium“, in dem Gott die Schöpfung anstößt und in Bewegung setzt, ist (mit menschlichen Worten gesprochen) das Kraftfeld seiner Liebe, und der Impuls, der in diesem Kraftfeld zur Wirkung kommt, ist der Impuls seines Willens durch das Wort. Das heißt: Das Universum entstand durch den Impuls des Wortes Gottes, der im Kraftfeld seiner Liebe zum Schwingen kam. Zum ersten Mal wurde außerhalb des Schöpfers etwas, das existiert. Wir nennen dieses „Etwas“ das Universum - Raum und Zeit, Energie und Materie.

Ohne das Kraftfeld der Liebe Gottes und ohne den Impuls seines Willens, der in diesem Kraftfeld eine „Bewegung“ auslöste, hätte die ganze Schöpfung nicht entstehen können und ohne die immer noch fortbestehende Wirksamkeit seiner Liebe und seines im Wort gefassten Willens würde das ganze Universum augenblicklich und lautlos ins Nichts zurückfallen.

Die „Situation“ bei der Entstehung des Universums war also nicht eine äußerste Verdichtung von Energie und Materie in einem Punkt unvorstellbarer Konzentration, sondern sie bestand, vergleichbar unserem Bild vom Wasserbecken, im Vorhandensein eines „Mediums“, das von einem „Impuls” angestoßen und in „Schwingung” versetzt werden konnte.

Von diesem Anfangpunkt breitete es sich aus und erst dabei entstanden Seinsweisen, die unserem Wahrnehmen und Denken zugänglich sind: Raum und Zeit, Energie und Materie. Dabei haben wir uns den Raum nicht als eine sich nach allen Seiten linear fortsetzende Unendlichkeit vorzustellen, sondern als ein in sich gekrümmtes Ganzes, dessen „Gestalt“ von der Schwerkraft der Massen im Universum abhängig und in sich endlich ist.

Auch dafür kann uns das Bild von der Ausbreitung der Wellen im Wasser eine Hilfestellung geben, wenn wir es etwas verändern und erweitern: Stellen wir uns nun nicht ein kleines Wasserbecken vor, sondern einen ganzen Ozean, ja eine ganze Erdkugel, die ganz mit Wasser bedeckt wäre. Ihre Oberfläche wäre dann eine kugelförmig gekrümmte Wasserfläche. Diese wäre ohne Grenze, aber keineswegs unendlich groß. Diese kugelförmige Wasseroberfläche unseres „Modellglobus“ stellen wir uns so vor, dass ihre Oberfläche ganz glatt und unbewegt wäre, ohne Wind, Wellen, Wärmeströmung usw. Sie soll in unserer Modellvorstellung das Medium darstellen, in dem sich das Universum ausbreitet. Wenn nun diese Kugeloberfläche an einer Stelle von einem Impuls getroffen wird, dann breiten sich von da her Wellenkreise aus, die vom „Pol“ des Anfangspunktes bis zum „Äquator“ der äußersten Ausdehnung auseinanderlaufen. Danach würden sie auf der „anderen Seite“ der Kugel wieder zum gegenüberliegenden Pol zusammenlaufen und sich dort in einem Punkt treffen, und es bliebe von ihnen nichts übrig, als der Anfangsimpuls, aus dem alles entstand. In den sich ausbreitenden und wieder zusammenlaufenden Wellenkreisen auf der gekrümmten Oberfläche der Kugel hätten wir ein vereinfachtes Bild für den „gekrümmten Raum“, den unser Universum bildet. (Die physikalisch naheliegende Vorstellung, dass sich die Wellenkreise vom „Gegenpol“ des Anfangsimpulses wieder zum Anfang zurückbewegen würden und von da aus immer wieder zwischen Pol und Gegenpol hin und herlaufen würden, ist hier nicht gemeint. Es handelt sich ja hier um einen bildhaften Vergleich, nicht um eine in allen Aspekten stimmige Beschreibung. Nur die Bewegung vom Anfangsimpuls bis zum „Gegenpol” als End- und Zielpunkt wird hier als „Bild“ für das biblisch offenbarte Schöpfungs- und Heilsgeschehen verwendet.)

Dabei müssen wir beachten: Nicht das „Meer“ der Liebe Gottes selbst, das für unser Forschen und Erkennen unfassbar ist, sondern nur das „Wellensystem“, dessen Schwingungen dieses Meer durchlaufen, ist in unserem Bild das Symbol für unsere sichtbare und greifbare materielle Welt. Und nur der Glaube kann etwas wahrnehmen von der Weite und Tiefe des Meeres der Liebe Gottes, in dem alles materielle Sein nur ein Wellenspiel an der Oberfläche ist.

Gott setzt einen Anfang, indem er im „Medium” des Kraftfeldes seiner Liebe den „Impuls” seines Willens durch das Wort zum Schwingen bringt. Ein Universum entsteht und breitet sich aus. Es läuft wie eine Welle durch dieses Kraftfeld und bildet das in sich gekrümmte Raum-Zeit-Gefüge des Universums. Wenn die Impulswellen des Universums wieder in einem Punkt zusammenlaufen, wird nichts übrig bleiben als das, was schon immer war: das Kraftfeld der Liebe Gottes und der Impuls seines Willens. Das heißt: Die Schöpfung Gottes verschwindet nicht durch eine unendliche Expansion in einem unendlichen Nichts und sie kehrt auch nicht wieder in ihren eigenen Ursprung zurück. Sie geht von einem Anfangspunkt aus und sie läuft auf einen Zielpunkt zu. Anfang und Ziel sind nicht identisch, aber sie haben die gleiche Kraftquelle: die Liebe Gottes. In diesem Ziel liegt auch der Sinn allen Daseins. Wir werden sehen: Das Dasein kann nur dadurch den Sinn seines Seins finden, dass es durch die Liebe verwandelt wird in eine Existenz, die dem „Sein” Gottes entspricht. Das würde bedeuten, dass im Wellensystem der materiellen Schöpfung etwas von der „Ursubstanz des Seins“, d. h. von der schöpferischen Liebe Gottes selbst zum Schwingen kommt. Damit dieser Schöpfungssinn tatsächlich zum Vollzug kommen kann, bringt der Schöpferwille Gottes nun (in der vorhandenen Schöpfung aus Materie und Energie, Raum und Zeit) eine zweite, völlig neue Wirklichkeit hervor: Das Wunder des Lebens.

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4 Das Wunder des Lebens

Tote Materie, Staub der Erde, Atome und Moleküle, die sich sonst zu Felsen und Meeren und Gaswolken zusammenballen, bringt nun der Schöpfungswille Gottes dazu, dass sie in einem höchst differenzierten und unglaublich komplexen Funktionszusammenhang so miteinander in Beziehung kommen, dass sich ihr Zusammenwirken zu einer völlig neuen Daseinsform verbindet: lebende Organismen, in denen ein völlig neues Sein beginnt: Stoffwechsel und Fortpflanzung, Wahrnehmen und Reagieren, Empfinden und Erkennen, Wollen und Handeln. (Siehe das Thema „Leben und Tod”, Beitrag 1 „Was ist Leben?“ Dort sind die Zusammenhänge ausführlicher dargestellt.) Leben besteht aus toter Materie. Was die toten Bausteine - Atome und Moleküle wie alle anderen auch - zum Leben erweckt, ist ein erster, leiser Hauch des Göttlichen in ihnen: ein „In-Beziehung-Sein“ (z. B. in immer differenzierteren und komplexeren Strukturen von verschiedensten organischen Verbindungen, die im Ganzen des Organismus verschiedenste Funktionen wahrnehmen) und sich Einander-Zuordnen, um im Zusammenwirken einen immer komplexeren Funktionszusammenhang in Gang zu setzen. Leben ist tote Materie in dynamischer Beziehung und wechselseitigem Austausch.

Und Gott umkleidet die Erde mit einem Gewand aus lebendem Grün und atmender Vielfalt, in dem alles miteinander in Beziehung steht und voneinander abhängig ist. Aber auch das Leben ist noch längst nicht geeignet, Gegenüber der Liebe Gottes zu sein. Das Leben will leben und kann es nur auf Kosten anderen Lebens: Kampf ums Dasein, Fressen und Gefressen-Werden. Trotzdem ist mit der Entstehung des Lebens ein ganz entscheidender Schritt getan, durch den Gott seine eigentliche Schöpfungsabsicht verwirklichen will.

So ist nun durch den Impuls des göttlichen Willens im Nichts die Materie entstanden und inmitten der Materie das Leben. Aber auch dieses ist noch nicht das Ziel der Schöpfung. Noch ist in ihr das Eigentliche, nämlich das Wesen Gottes selbst, nicht vergegenwärtigt (siehe den Beitrag „Die Berufung des Menschseins“, Abschnitt 2 „Urbild und Abbild”). Das aber ist Ziel der Schöpfung, dass das Göttliche als das einzig und eigentlich Seiende in der Schöpfung gegenwärtig ist, und für Gott, den Schöpfer, zum „Eben-Bild“, zum Gegenüber und Geliebten wird. Und das soll sich nach dem Willen des Schöpfers im Menschsein vollziehen. Was damit konkret gemeint ist, werden wir sehen (siehe den Beitrag 3 „Die Berufung des Menschseins“).

Das Thema „Die Frage nach dem Sinn“ enthält derzeit folgende Beiträge: (Der eben verwendete Beitrag ist gelb markiert)

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Die Sinn-Sucher

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Die „progressive Weltformel“

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© 2010 Bodo Fiebig, Version 2017-10

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