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Themenbereich: Grundfragen des Lebens

Thema: gut und böse

Beitrag : Der dunkle Schatten (Bodo Fiebig 2017- )

Jedes Licht wirft, wenn es auf die realen Gegenstände dieser Welt trifft, einen dunklen Schatten, auch das Licht der Liebe Gottes, das sich im Miteinander der Menschen widerspiegeln soll. Der dunkle Schatten, das negative Gegenbild der Liebe, der Hingabe an ein Du, ist nicht der Hass, sondern der individuelle und kollektive Egoismus, die übersteigerte Ichbezogenheit oder Wirbezogenheit. Sie erst bringen alle negativen Folgen hervor: Habsucht und Machtbesessenheit, Ausbeutung und Gewalt, Hass und Krieg.

Am „Baum der Erkenntnis“ (siehe den Beitrag „Essen vom Baum der Erkenntnis“) muss deshalb nicht nur die Einsicht in das Gute, sondern auch die Wahrnehmung, das frühzeitige Erkennen des Bösen wachsen. Wenn wir das Böse nicht erkennen und benennen und ächten, werden wir ihm irgendwann hilflos ausgeliefert sein.

1 Die öffentliche Wirksamkeit des Bösen

Ein besonderes Phänomen unserer Gegenwart ist es, dass das Böse eine nie dagewesene öffentliche Wirksamkeit entfaltet. Unsere Zeit ist durch eine allgegenwärtige und im Zeichen der Globalisierung weltweite Öffentlichkeit gekennzeichnet. Durch die Massenmedien und die milliardenfachen Angebote des Internet, die diese Öffentlichkeit herstellen, wird nun allerdings ein öffentliches Bewusstsein geprägt, das sich oft (und zum Teil manipulativ gesteuert) weit von den tatsächlichen Verhältnissen entfernt, und zwar einseitig zum Bösen hin. Das Böse wird veröffentlicht, nicht das Gute. Das Schreckliche, Zerstörende, Gewalttätige wird berichtet, das Schöne, Freundliche, Hilfreiche nicht. Wenn man heute in den Medien etwas offensichtlich Schönem und Gutem begegnet, kann man fast immer davon ausgehen, es ist nur Werbung, und das heißt normalerweise: manipulierte Wirklichkeit oder glatte Lüge. Das allein wäre schlimm genug, aber es wird ja in den Medien zusätzlich das tatsächlich vorhandene Böse noch künstlich um ein Vielfaches vermehrt durch fantasievoll ausgedachtes und faszinierend inszeniertes Böses (in Büchern, Filmen, Computerspielen ...).

Das Gegenteil, nämlich dass ein öffentlichkeitswirksames Medium etwas Gutes „erfindet”, um das vorhandene Gute zu stärken, kommt praktisch nie vor. Und es wäre auch gar nicht wünschenswert. Etwas Derartiges geschieht meist nur in Diktaturen, wo man durch Schönfärberei die schreckliche Wahrheit verdecken will. Es wäre auch gar nicht nötig, so etwas zu tun, wenn nur das tatsächlich vorhandene Gute wenigstens annähernd in dem Maße veröffentlicht würde, wie es seinem tatsächlichen Anteil in unserer realen Umwelt entspricht.

Es gibt, was die Öffentlichkeit des realen Bösen angeht, zwei Formen: Das heimliche Böse, das möglichst unerkannt bleiben will und das demonstrative Böse, das die Öffentlichkeit will und sucht. Die wichtigste Form des heimlichen Bösen ist das Verbrechen, die wichtigste Form des demonstrativen Bösen ist der Terrorismus. Das Verbrechen fürchtet Aufdeckung und Strafe und will deshalb möglichst im Dunkeln bleiben. Der Terrorismus will Angst und Schrecken verbreiten und versucht deshalb mit möglichst spektakulären Gewaltaktionen die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu wecken.

Das Überraschende in unserer gegenwärtigen Situation ist nun, dass auch das heimliche Böse an die Öffentlichkeit drängt. Das klingt im ersten Moment widersinnig, hat aber trotzdem Sinn und Methode: Diejenigen, die Böses tun oder beabsichtigen, die wollen zwar, dass ihre persönlichen Untaten im Verborgenen bleiben, aber sie wollen gleichzeitig, dass das Verbrechen als Tatsache und Thema überall präsent ist. Das heimliche, reale Böse sucht die Bestätigung und die Rechtfertigung durch das öffentlich dargestellte Böse. Es will sich zur selbstverständlichen Begleiterscheinung allen gesellschaftlichen Lebens erklären, will sich kokett und aufreizend in Szene setzen, bis es ganz „normal” erscheint. Es will alle Schlagzeilen bestimmen, alle Nachrichten beherrschen - und meist gelingt ihm das auch: Einer von tausend Menschen begeht ein Verbrechen und schon ist er es, der alle Gedanken bewegt und alle Gespräche bestimmt.

Diejenigen, die Böses tun oder beabsichtigen, wollen den Unterschied zwischen gut und böse relativieren und nivellieren: Ist nicht jede böse Tat eine Folge unglücklicher Umstände, z. B. einer schlimmen Kindheit oder ungünstiger gesellschaftlicher Verhältnisse, und ist es nicht ungerecht, den Täter dafür verantwortlich zu machen? Andererseits: Stecken nicht hinter jedem scheinbar Guten auch eigensüchtige Motive, die es sehr fragwürdig aussehen lassen? Freilich gibt es das alles auch und dann muss es auch entsprechend berücksichtigt und gewertet werden. Aber diejenigen, die Böses im Sinn haben, versuchen alles Böse zu entschuldigen und alles Gute zu verdächtigen, weil sie dann ein offenes Feld und freie Bahn haben für ihre eigenen verbrecherischen Absichten. Und es ist ihnen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gelungen, diese Denkweise in der Öffentlichkeit fest zu verankern. Dazu haben die Medien, oft ohne es zu merken und zu wollen, ihre Hand gereicht und ihre Zeitungsspalten und Sendeminuten zur Verfügung gestellt. Jeder möge sich selbst einmal fragen, wie weit diese relativierende Denkweise bei ihm selbst schon zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

In der veröffentlichten Meinung der "Meinungsmacher" in den Medien jedenfalls ist die Entschuldigung, ja Rechtfertigung des Bösen als verständlich und manchmal sogar reizvoll, und zugleich die hämisch lächelnde Verdächtigung des Guten als heuchlerisch und bigott selbstverständliche Praxis. Mit verächtlichem Unterton und herablassendem Spott spricht man von „Gutmenschen”, als ob es etwas besonders Verabscheuungswürdiges wäre, wenn ein Mensch etwas Gutes zu erreichen versucht. Die Geschichte (besonders die Geschichte des zurückliegenden 20. Jahrhunderts) zeigt uns die Realität: Es waren nicht die Gutwilligen, sondern die offen Bösen, die versteckt Böswilligen, und hinterhältig Boshaften, die dieses Jahrhundert zum blutigsten und unmenschlichsten der ganzen Menschheitsgeschichte machten. Ich kenne keinen einzigen Fall, wo jemand, der etwas Gutes wollte, bei aller menschlichen Fehlerhaftigkeit, Fragwürdigkeit und Unvollkommenheit, etwas vergleichbar Schreckliches bewirkt hätte. Warum dann diese Häme?

Vor allem alles, was sich „Kunst” und „Kultur” nennt, hat sich seit Jahrzehnten auf dieses Negativ-Bild festgelegt. Kein Künstler (Maler, Schriftsteller, Filmemacher… und sei er noch so berühmt) dürfte es wagen, einfach nur etwas Gutes und Schönes darstellen zu wollen (es sei denn, es wäre bis zur Lächerlichkeit übermalter und verzerrter Kitsch). Hohn, Verachtung, konsequente Ablehnung und finanzieller Ruin wären die Folgen. Nur die Darstellung des Bösen, oder zumindest des hintergründig Boshaften ist „erlaubt” und darf den Anspruch erheben, „Kunst” zu sein.

Dabei leben auch diese „Meinungsmacher” davon, dass das Gute noch nicht gänzlich vom Bösen überwältigt ist. Auch diejenigen, die ständig mit dem Bösen kokettieren, würden nicht gern in einer Realität leben wollen, wo das Böse wirklich die Oberhand gewonnen hat, etwa in Kambodscha zur Zeit der „Roten Khmer”, als etwa ein Viertel der Bevölkerung des Landes (und besonders die Intellektuellen) grausam ermordet wurde, oder als Afrikaner in Ruanda zur Zeit des großen Abschlachtens zwischen Hutus und Tutsis oder als Jude in Deutschland zur Zeit der Holocaust. Da war wirklich das Böse zur alles überwältigenden Macht geworden; aber die entscheidenden Starthilfen für diese Entwicklungen gaben die „Meinungsmacher”, die das Böse verharmlosten und das Gute verdächtigten.

Heute gibt es noch eine andere Erscheinung des Bösen, die sich in den Vordergrund drängt, eine, die klein und unauffällig wirkt, die sich aber auf das gesellschaftliche „Klima“ verheerender auswirkt als die großen Verbrechen, die durch alle Medien gehen. „Trickbetrüger“ nennt man die Täter und man ordnet ihre Taten unter „Kleinkriminalität“ ein: Eine junge, offensichtlich schwangere Frau klingelt an der Wohnungstür einer alten Dame. Sie will keine Geld, nein, sie bittet nur um ein Glas Wasser, dann wird es schon wieder besser. Während die alte Frau Wasser holt, schlüpft ein junger Mann, der sich bisher verborgen gehalten hat, in die Wohnung, durchwühlt blitzschnell die Räume, findet Bargeld und etwas Schmuck und verschwindet, während sich die „Schwangere“ in der Küche artig bedankt. Oder: Ein älterer Mann bekommt unerwartet einen Anruf. Er versteht zunächst nicht, wer am Telefon ist und worum es geht, dann begreift er immerhin so viel: Sein Enkel, der Tobias, hatte einen Unfall, im Ausland, zwei Menschen sind schwer verletzt, er selbst sitzt im Gefängnis, obwohl er unschuldig ist. Er braucht dringend Geld, um einen Anwalt zu bezahlen, der ihn da rausholen soll. Der Anrufer ist ein Freund von ihm, der soll das Geld abholen und zum Unfallort hinbringen, damit der Enkel wieder freikommt. Der alte Mann ist erschüttert und verwirrt. Ja, ja, er wird gleich zur Bank gehen und das Geld abheben. Wieviel? 20 000? So viel? Ja, gute Anwälte sind teuer …

Kleinkriminalität? Nein, Verbrechen an der Mitmenschlichkeit, Mordversuch an der Hilfsbereitschaft! Hier wird die Bereitschaft zum Füreinander-Dasein umgebracht! Die Früchte des Handelns dieser "Kleinkriminellen" sind gemeinschaftsvergiftend! Jeder Bittende könnte ein Räuber sein, jeder Hilfesuchende ein Betrüger, jeder bedürftig Aussehende Teil der organisierten Kriminalität. Die Kriminalpolizei rät zum „gesunden Misstrauen“, Mitleid wird zur Dummheit erklärt. Es sind ja meistens ältere Menschen, die betrogen werden. Die haben ihr Leben lang so gehandelt: Menschen, die in Not sind, muss man helfen. Jetzt aber ist jeder, der so denkt und handelt nur noch „audo“ (alt und doof). Nicht der Verlust der 20 000 Euro für den Einzelnen ist das Problem (so schlimm das für den Betroffenen ist). Das Problem ist der Verlust der Mitmenschlichkeit für eine ganze Gesellschaft, das langsame aber erfolgreiche Austrocknen einer Einstellung, die man früher einmal „Barmherzigkeit“ nannte.

Menschen können nicht im Frieden miteinander leben, wenn sie nicht zwischen gut und böse unterscheiden und wenn sie sich nicht (in der überwiegenden Mehrheit) für das Gute und gegen das Böse entscheiden. Eine der Tragödien unserer Zeit liegt darin, dass die christlichen Kirchen sich diese Wahrheit haben verschleiern lassen, dass sie sich das Erkennen und Benennen von Schuld und Sünde haben madigmachen lassen, dass sie sich die Unterscheidung zwischen Gut und Böse haben abschwatzen lassen vom psychologisierenden Zeitgeist, der uns einredet: „Man darf doch nicht mehr von Schuld sprechen oder gar von Sünde, wie unmodern das klingt! Nein, nein, wir müssen alles verstehen und alles gelten lassen, und wenn es gar nicht mehr geht, dann müssen wir eben darüber reden; und wenn wir nur genug darüber reden, dann löst sich alles irgendwie.”

Und man merkt oft erst nach langer Zeit: Es hat sich nichts gelöst, sondern das Fehlverhalten hat sich verfestigt, der Egoismus hat sich verhärtet, die lebensfeindlichen und gemeinschaftszerstörenden Verhaltensweisen haben sich ausgeweitet und das Böse ist unversehens zur Norm geworden. Und dann sagt man: „Was wollt ihr denn, das tun doch alle so, die Menschen sind halt so, da kann man nichts machen”. Nein, die Menschen sind nicht „halt” so, sondern es sind Menschen und Organisationen am Werk, deren Einstellungen, Absichten und Handlungsweisen sich bewusst und gesteuert so auswirken sollen, dass die Menschlichkeit unter den Menschen verkümmert, denn nur so können sie ihre Ziele erreichen. Davon soll im folgenden Abschnitt die Rede sein.

2 Macht ohne Menschlichkeit

Im letzten Buch der Bibel ist von 10 Mächten die Rede, die in der bildhaften Sprache des antiken Orients als 10 "Hörner" bezeichnet werden (Off 13,1). Immer wieder hat man versucht, in diesen 10 Hörnern aktuell existierende Staaten oder Staatenbündnisse zu erkennen und war dann oft enttäuscht, wenn sich deren Zusammensetzung so veränderte, dass sie nicht mehr zu den biblischen Aussagen passten. Aber vielleicht sind ja auch gar keine staatlich organisierten Mächte gemeint, sondern global agierende Systeme, die die einengenden Grenzen staatlicher Macht längst hinter sich gelassen haben. Im Folgenden nenne ich 10 solcher globalen Mächte unserer Zeit.

a) Ansammlung, Bündelung und Einsatz von Finanzmacht

Die Finanzmacht steht hier an erster Stelle, weil globale Geldmengen und Finanzströme, die ohne wirtschaftliche oder soziale Verpflichtung eingesetzt und bewegt werden, die größte "Machteffizenzdichte" aller Machtmittel haben. Sie sind nicht mehr an „Geld” in Form von Scheinen und Münzen gebunden, sondern existieren als „virtuelle“ Zahlen und Größen auf den Konten internationaler Banken. Solche Geldmengen und Finanzströme können als "körperloses" und damit auch in größtem Umfang leicht handhabbares "Konzentrat" wirtschaftlichen oder finanztechnischen Handelns sekundenschnell weltweit gelenkt und eingesetzt werden und dabei jedes andere Machtmittel ersetzen bzw. dazukaufen.

Solche Finanzkonzentrationen sind längst zu einer realen Bedrohung der internationalen Finanzmärkte und zu einem Unsicherheitsfaktor der weltweiten Wirtschaftsentwicklung geworden. Reine, unkontrollierbare Finanzmacht, die gar nicht mehr daran interessiert ist, die Geldmittel für wirtschaftliches Handeln zu nutzen, sondern die mit Geld immer nur noch mehr Geld „machen“ und damit reale globale Macht „kaufen“ will, ist eine der unerkannten oder zumindest unterschätzten Bedrohungen für Freiheit und Wohlstand unserer Zeit.

Am „effektivsten“ in ihren destruktiven Auswirkungen ist reine Finanzmacht dann, wenn sie nach außen hin praktisch unsichtbar bleibt und kaum jemand die handelnden Personen kennt. Und genau so ist es gegenwärtig: Globalisierung von Finanzmacht in den Händen unbekannter und unkontrollierbarer Finanzjongleure, die dadurch zu Inhabern globaler Macht werden, von niemandem gewählt, von niemandem kontrolliert und vor niemandem verantwortlich.

b) Ansammlung, Bündelung und Einsatz von Wirtschaftsmacht

Jede Gewinnung von Werten, die für die Durchsetzung von Machtansprüchen eingesetzt werden können, ist irgendwo auch an wirtschaftliches Handeln gebunden. (Wenn auch diejenigen, die solche Werte erwirtschaften meist nicht die Gleichen sind, die diese Werte dann abschöpfen und für ihre Zwecke zum Machtzuwachs und Machterhalt einsetzen.) Wirtschaftsmächte können Menschen in sehr großer Zahl (direkt oder indirekt) von sich abhängig machen und die Lebensbedingungen sehr vieler Menschen und ganzer Länder und Kontinente positiv oder negativ beeinflussen.

Noch nie in den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte gab es so mächtige weltumspannende Unternehmensansammlungen wie heute. Kaum jemand kennt und durchschaut die vielfach verwobenen Strukturen und Abhängigkeiten der internationalen Konzerne und Holdings. Und noch nie gab es so viele ausbeuterische Abhängigkeitsverhältnisse (also moderne Sklaverei in verschiedensten Erscheinungsweisen) wie jetzt im 21. Jahrhundert.

Die Lenker der internationalen Konzerne verstehen sich selbst als "Global Player" und ihr Tun als „Spiel“ um Erfolg und globale Macht. Tausende von Arbeitsplätzen und die damit verbundenen Menschenschicksale wiegen nicht mehr als eine Figur im globalen "Manager-Schach". Die Ausbeutung und ökologische Zerstörung ganzer Regionen wird als notwendiger und gerechtfertigter Einsatz im globalen Spiel in Kauf genommen. Den Gewinnern winkt eine (von den nationalen Gesetzen kaum mehr kontrollierbare) Welt-Macht-Position auf Zeit - so jedenfalls im Empfinden der Wirtschaftsbosse. In Wahrheit aber ist die Position vieler Konzernmanager abhängig von jedem Wink der Kapitalseigner, die im Hintergrund die Fäden ziehen.

Der oft exzessive Zukauf immer neuer Firmen zu immer größeren Wirtschaftskonglomeraten dient nicht in erster Linie der Gewinnsteigerung (das hat sich längst als Irrtum erwiesen), sondern vor allem der Vergrößerung und Absicherung von Macht.

c) Aufbau, Absicherung und Einsatz von politischer Macht

Politische Macht ist die sichtbarste und zugleich (jedenfalls in demokratischen Ländern) begrenzteste und angreifbarste Form von Macht. Gewählte Politiker in Staaten mit einer funktionsfähigen demokratischen Verfassung sind ständiger Beobachtung und Kritik ausgesetzt. Sie haben nur eng begrenzte und von den gesetzlich Bestimmungen genau umschriebene Handlungsmöglichkeiten. Gewaltenteilung, eine unabhängige Presse und die Notwendigkeit, sich alle paar Jahre dem unkalkulierbaren Votum der Wähler stellen zu müssen, schränkt ihre Entscheidungsspielräume weiter ein.

Politiker und politische Gruppierungen in vielen (auch in manchen nach außen hin demokratischen) Ländern versuchen deshalb, ihre politische Macht mit weiteren Machtfaktoren zu stärken und abzusichern, z.B. indem sie Verfügungsgewalt über die Medien erlangen, indem sie öffentliche Gelder einsetzen, um sich loyale Gefolgsleute zu erkaufen und um Institutionen, die ihre Machtfülle begrenzen könnten, zu korrumpieren, oder auch, indem sie versuchen, das Militär, die Polizeiapparate und die Rechtsprechung in ihre Gewalt bekommen, bis dahin, dass sie sich mit der kriminellen Macht maffioser Strukturen verbünden.

d) Aufbau, Ausstattung und Einsatz von militärischer Macht

Militärische Macht ist die offensichtlichste und gewalttätigste Form der Machtausübung. Moderne Machthaber halten sie sich im Hintergrund, vor allem zur Absicherung ihrer Machtposition in Krisenzeiten bzw. zur Unterdrückung jeder Art von Opposition, wobei dann oft militärische, polizeiliche und geheimdienstliche Organisationen Hand in Hand arbeiten. Die Machthaber versuchen dabei, die militärischen Strukturen so anzulegen, dass die unwiderstehliche Gewalt der Militärmaschinerie nicht ihnen selbst zur Gefahr werden kann (z.B. durch einen Militärputsch).

Große Rohstoff-, Agrar- und Industriekonzerne halten sich eigene, modern bewaffnete paramilitärische Verbände, die aus internationalen Söldnern und Profi-Killern bestehen, um ihre Interessen (besonders in unruhigen Entwicklungsländern) notfalls mit Gewalt durchzusetzen und abzusichern.

Das Militär als Mittel zur Eroberung und Unterwerfung anderer Länder spielt heute eine geringere Rolle, denn die wirklich Mächtigen unserer Zeit sind an Ländern und Ländergrenzen nicht so sehr interessiert.

e) Aufbau, Verknüpfung und Einsatz von krimineller Macht

Der Aufbau von weltweit agierende Verbrecherorganisationen, die den globalen Drogenhandel, Waffenhandel, Menschenhandel ... kontrollieren, ist die Art und Weise, wie man heute am schnellsten sehr viel Geld verdienen und am direktesten Macht ausüben kann, da sie sich ja nicht durch irgendwelche gesetzliche Einschränkungen in ihrem Vorgehen hindern lassen.

Kriminelle Macht neigt dazu, sich mit jeder Form legaler Machtausübung zu verbünden und zu tarnen. Fast überall, wo in kurzer Zeit riesige Vermögen aufgebaut werden, kann man davon ausgehen, dass eine Verbindung zu kriminellen Machtkartellen besteht. In vielen Regionen der Erde sind die Grenzen zwischen politischer, wirtschaftlicher und krimineller Macht bis zur Unkenntlichkeit verschwommen, sichert das schnelle Geld aus verbrecherischen Systemen insgeheim die öffentlich-legale Macht der wirtschaftlichen oder politischen Führungskräfte.

f) Verfügungsgewalt über Rohstoffe und Energien

Das Erdöl als wesentliche Grundlage der chemischen Industrie und zugleich als Energielieferant Nr. 1 für die gesamte Weltwirtschaft ist das klassische Beispiel für das immense Machtpotential, das in der Verfügungsgewalt über Rohstoffe und Energien liegt. In abgeschwächter Form gilt das aber auch für alle anderen Arten von Rohstoffen und alle Energieträger. Lediglich Sonnen- und Windenergie sind (noch) weltweit frei verfügbar und damit dem ausschließlichen Zugriff der Mächtigen entzogen (ein Grund, warum z.B. die großen Energiekonzerne so zurückhaltend beim Aufbau einer Solar-Wasserstoff-Technologie sind, obwohl diese unbestritten die Energieform der Zukunft darstellt). Die zunehmende Verknappung der Rohstofflager macht die Verteilungskämpfe härter und die Verfügungsmacht der Inhaber von Förderrechten und Abbauanlagen größer. Wenn lohnender Abbau von Rohstoffen und Energieträgern nur noch mit riesigem technischen und finanziellen Aufwand möglich ist (z. B. Gas-Fracking) , bekommen die wenigen globalen Abbauunternehmen eine weltweite Monopolstellung, denn nur sie haben die finanziellen und personellen Ressourcen, um das zu bewerkstelligen.

In den kommenden Jahren wird der „Rohstoff Wasser“, vor allem in der Form von sauberem Trinkwasser zu einem der begehrtesten und umkämpftesten Ressourcen der Erde werden.

g) Verfügungsmacht über Informations- und Kommunikationsmittel, Verkehrs- und Transportmittel

Wenn sich die wichtigsten Informations- und Beeinflussungssysteme der modernen Mediengesellschaft (Presse, Fernsehen, Internet) in der Hand weniger Anbieter befinden, dann wird aus freien Medien, also einer Kontrollinstanz der Demokratie, die den Mächtigen auf die Finger schauen soll, ein Propagandainstrument in den Händen der Macht.

Immer wieder versuchen politische Parteien, die Kommunikationsmittel und -Wege zu kontrollieren und für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Politiker, die gleichzeitig Inhaber von Medienkonzernen sind, können leicht demokratische Spielregeln unterlaufen, weil sie die öffentliche Meinung fast nach Belieben so steuern können, dass sie selbst fast unangreifbar und durch freie Wahlen kaum ablösbar sind.

Ausbeuterische Finanz- und Wirtschaftsmächte, die gleichzeitig auch über weltweite Medienverbünde verfügen, können sich im Bewusstsein von Millionen und Milliarden von Menschen als vertrauenswürdige „Wohltäter“ darstellen und etablieren.

In totalitären Systemen, wo jede öffentliche freie Meinungsäußerung unterdrückt wird, werden die Medien zum wirksamsten Instrument der totalen Macht. Auch das Internet, ursprünglich das „demokratischste“ aller Informationsmittel, kann - von ahnungslosen Nutzern unbemerkt - manipuliert und missbraucht werden.

Verstärkt werden solche Entwicklungen durch eine Art Selbstunterwerfung der (offiziell in demokratischen Ländern noch freien) Medien unter die Diktatur des Zeitgeistes. Einerseits gibt es Tabuthemen, die niemand anzufassen bereit wäre, andererseits gibt es vorgestanzte Meinungs-Konturen, die niemand in Frage zu stellen wagt.

Die großen Weltkonzerne der Information (Google, Microsoft, Facebook, Apple …) sind dabei, über jeden Einwohner der Kontinente so viele Daten zu sammeln (nach der einfachen Formel: Daten + Geld = Macht), dass er vor ihren Augen und auf ihren Bildschirmen durchscheinend und durchschaubar wird und damit als Einzelner beeinflussbar bzw. als „Masse“ manipulierbar.

Dann gibt es da noch die geheime Sphäre der Geheimdienste, eine Parallelwelt des Wissens, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. In unvorstellbarem Ausmaß werden (diesseits und jenseits der Grenze der Legalität) Daten gesammelt, Informationen beschafft, gekauft, erschlichen, erpresst ..., werden Fehlinformationen gestreut, geheime „Operationen“ geplant und durchgeführt … Freilich stellt sich oft genug heraus, dass die Geheimdienste bei wirklich bedeutenden Entwicklungen das Entscheidende doch nicht gewusst haben oder es aus der Riesenfülle ihrer Daten nicht herauslesen konnten (z. B. als zur „Wende-Zeit“ 1989 die DDR-Führung trotz der Totalüberwachung ihrer Bürger durch die „Staatssicherheit“ von einem Umbruch überrascht wurde, den sie einfach nicht für möglich hielt).

Trotzdem: „Wer hat Zugang zu welchen Informationen, wer kann die Kommunikationsmittel kontrollieren und steuern, wer hat Verfügungsmacht über Transportmittel und Warenströme rund um den Globus?“, das wird eine der entscheidenden Macht-Fragen der Zukunft.

h) Verfügungsgewalt über Fachwissen und Know-how

In einer globalen Gesellschaft, die ihren Informationsaustausch, aber auch die Produktion und Verteilung von Waren und Werten durch immer kompliziertere technische Systeme betreibt, wird der Zugang und die Verfügungsgewalt über technisches Fachwissen immer wichtiger für den Aufbau von finanzieller, wirtschaftlicher, politischer, militärischer und auch krimineller Macht. Wer hat Zugang zu den neuesten Forschungsergebnissen (auch zu denen, die nicht veröffentlicht werden) und deren technischer Anwendung und industrieller Verwertung? Wer verfügt über die effektiveren Systeme in der militärischen Ausrüstung, in der industriellen Fertigung, in der Organisation der internen Abläufe, wer kann z. B. schneller auf neue Herausforderungen reagieren, die Polizei oder die organisierte Kriminalität? Das sind nur einige der Fragen, die dabei anstehen.

Die mit ungeheuren Druck forcierte Geschwindigkeit der technischen Entwicklung hat durchaus Methode und ihren Zweck. Sie erlaubt es nur den finanzkräftigsten Systemen, die sich die neueste Technik und auch die jeweils entsprechenden Fachleute leisten können, immer auf der Höhe der Zeit zu sein. Je schneller man die Entwicklung vorantreibt, desto mehr reduziert sich der Kreis derer, die davon profitieren, auf die ganz wenigen ganz großen Nutzer und Anbieter von Hochtechnologie, die dadurch nach und nach eine monopolartige Machtstellung erlangen.

i) Verfügungsgewalt über Rechtssysteme und Rechtsmittel

Die Macht von Menschen über Menschen wäre erst dann komplett, wenn sie selbst das geltende Recht nach ihren Bedürfnissen verändern und gestalten könnte. Erst wenn jeder Befehl der Mächtigen sofort und automatisch geltendes Recht wird, das von den „Rechtsorganen“ des Gemeinwesens fraglos vollzogen und exekutiert wird, erst dann ist ein Machtsystem vollkommen. Alle totalitären Systeme der Vergangenheit haben dies angestrebt und mehr oder weniger exzessiv für ihre Zwecke genutzt.

Die krassesten Beispiele dafür waren die Justiz im sogenannten „Dritten Reich“ in Deutschland unter Hitler oder in der Sowjetunion unter Stalin oder in China unter Mao. Die „Rechtsprechung“ wurde selbst zu einem wesentlichen Teil des Unrechtssystems. Freilich war dessen Macht jeweils geografisch begrenzt. Wenn nun aber eine globale Macht zu solcher Machtfülle gelangte, dann bliebe den Millionenheeren von Dienstsklaven in den Fängen der Macht kein Ausweg mehr: Es gäbe kein Land mehr auf dieser Erde, in das sie fliehen könnten, und es gäbe kein Recht mehr, dass ihnen beistehen könnte, wenn die Macht sich ihrer bemächtigt, denn das Recht wäre selbst zur gefälligen Dienerin der Macht verkommen. Globale Organisationen können heute ohne „materielle” Machtmittel, allein durch die Manipulation des Rechts umwälzende Veränderungen initiieren und erzwingen, auch wenn die Völker der Welt sie gar nicht wollen.

Wen mag es da wundern, dass jedes System, das seine Machtansprüche verabsolutieren will, genau das anstrebt: sich das Recht verfügbar zu machen? Am einfachsten geschieht das, indem man die Organe, die eigentlich dazu da sind, das Recht zu schützen und durchzusetzen, „unfunktioniert“ zum Machtmittel in den Händen der Mächtigen. Zuerst ist es „nur“ eine unscheinbare, nach außen fast unsichtbare Abteilung der Polizei (wie sie dann auch heißen mag: Geheimdienst, Geheimpolizei, Gestapo, Stasi ...), der man das „Recht“ zugesteht, auch außerhalb des geltenden Rechts zu operieren. Am Ende steht ein System, in dem alles und jeder unter der Beobachtung der „Sicherheitsorgane“ steht, gegen deren Zugriff es keinen Rechtsschutz mehr gibt.

Ein Beispiel für den Missbrauch des Rechts sind heute internationale Lebensmittel- und Saatgut-Konzerne, die sich bestimmte nutzbare Pflanzen und Tiere „patentieren“ lassen. Sie streben an, das „Recht“ auf Lebensformen, die zur Produktion von Lebensmitteln geeignet und notwendig sind, immer lückenloser in ihre Hände zu bekommen, so dass schließlich weltweit kein Bauer mehr säen und ernten darf, kein Viehzüchter mehr ein Tier im Stall oder auf der Weide halten darf, ohne das Recht dazu den Konzernen abkaufen zu müssen. Das aber bedeutet, dass die künftige Welternährung von den Entscheidungen weniger global agierender Konzerne abhängt, deren Leitung niemand gewählt hat, deren Namen kaum jemand kennt und die niemanden verantwortlich sind als nur den anonymen Geldgebern und Investoren. Und das alles im Namen eines pervertierten „Rechts“.

Noch folgenschwerer wird der Missbrauch des Rechts dann, wenn internationale Institutionen, ausgestattet von den großen Daten-Konzernen und deren „Wohltätigkeits“-Stiftungen mit fast unbegrenzten Ressourcen an Daten und Geld Einfluss nehmen auf die Rechtsprechung der Länder und der internationalen Rechtsträger (z. B. UNO, EU, WTO usw.)

j) Aufbau, Steuerung und Nutzung ideologischer und religiöser Überzeugungen als Stütze und Rechtfertigung von Macht

Die dauerhaftesten und unangreifbarsten Machtsysteme sind diejenigen, die religiös oder ideologisch begründet werden. Sie überdauern oft Jahrhunderte. Ideologisch oder religiös begründete Machtsysteme sind auch meist die totalitärsten. Denn jede Opposition gegen die Mächtigen kann dort als Widerstand gegen das absolut Gute (die Ideologie) oder gegen das absolut Wahre (die Religion) interpretiert werden. Jeder Kritiker der Machthaber ist nun ein „Feind des Guten“, der nicht nur Böses tut, sondern in sich gänzlich böse ist. Nur mit solcher Rechtfertigung sind die Anhänger und Mitläufer der Mächtigen bereit, auch den unmenschlichsten Befehlen blind zu gehorchen. Solange sich die Machthaber als Stellvertreter und Sachwalter des absolut Guten und Wahren darstellen können, ist ihre Position unangreifbar.

Nachdem man am Ende des 20. Jahrhunderts für eine Weile glaubte, Religionen und Ideologien würden im 21. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung verlieren, erleben wir nun eine Renaissance religiös begründeter Machtsysteme. Zunehmend und immer radikaler werden religiöse Überzeugung bewusst als Stütze von Machtpositionen und Rechtfertigung von Unterdrückung und Gewalt instrumentalisiert. Fanatische Überzeugungstäter sind eben viel leichter manipulierbar und vielseitiger einsetzbar als jede andere Art von Untertanen.

Aber nicht nur klassische Religionen werden in solcher Art als Machtinstrumente genutzt, sondern auch neue Bewegungen, die ihre auf Ausbeutung, Gewinn und Macht angelegten Strukturen und Aktivitäten als „Religionsausübung“ tarnen und damit unangreifbar zu machen versuchen.

Noch einmal: Für alle diese Faktoren globaler Macht gilt, dass sie nicht mehr an staatliche Strukturen und Grenzen gebunden sind. Es sind weltumspannende Systeme, die weltweit agieren, und die sich der Mittel staatlicher Macht nur dann noch bedienen, wenn das vorübergehend nützlich scheint.

3 Das „böse System“

Das Schlimmste, was einem Menschen begegnen kann, ist nicht die böse Tat, auch nicht der böse Mensch, sondern das böse System. Ein einzelner Mensch kann wohl einzelnes Unheil anrichten, kann andere Menschen verletzen oder sogar töten. Aber wenn dies in einem insgesamt positiven, die Rechte und die Würde des Menschen achtenden System geschieht, bleibt es eine einzelne Tat, die von der Mehrheit verurteilt und von den Rechtsorganen bestraft wird.

Wehe aber, wenn ein ganzes System böse wird, dann sind die negativen Auswirkungen viel tiefer gehend und viel umfassender. Das beginnt schon bei Klein-Systemen, wie etwa einer Jugend-Bande auf dem Schulpausehof, die nach innen eine gewalttätige Disziplinierung übt und nach außen Angst und Schrecken verbreitet. Noch deutlicher wird dies bei den kriminellen Großsystemen des heutigen internationalen Drogen-, Waffen- oder Menschenhandels mit weltweit Millionen von Opfern, obwohl ja auch diese Systeme noch in den meisten Ländern als verbrecherische Strukturen bekämpft werden. Seine eigentliche zerstörerische Macht erreicht so ein böses System aber erst dann, wenn es selbst zur „staatstragenden“ Idee und zum alles bestimmenden Machtzentrum geworden ist, da, wo es nicht nur Fehlentwicklung und Entgleisung einer bestehenden Ordnung durch menschliche Bosheit ist, sondern „von oben“ gewollter und gelenkter Vernichtungswille.

Eine höchste und furchtbarste Verdichtung so eines „bösen Systems“ hat es in einem Teilbereich des Nazi-Regimes in Deutschland gegeben, nämlich in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der SS. Weitgehend verborgen vor den Augen der „normalen“ Bevölkerung hatte sich ein Unrechts- und Gewaltsystem, ein „Staat im Staate“ etabliert, der alles Unrecht und alle Bosheit des Nazi-Regimes in höchster und grausamster Konzentration vollstreckte. Nie in der Geschichte der Menschheit hat es ein so rational geplantes und durchgeführtes, von den offiziellen Organen eines ganzen Staates gewolltes, vorangetriebenes und durchgesetztes Vernichtungswerk gegeben, wie jenes, das wir unter den Bezeichnungen „Holocaust“ oder „Schoah“ kennen, oder „Endlösung der Judenfrage“ (so nannten es die Täter). In diesem System starben neben den Juden auch Behinderte, „politische“ Gefangene, „Kriminelle und Asoziale“, „Zigeuner“, „Bibelforscher“ und „Homosexuelle“, und jede Art von Menschen, die irgendwie dem System als nicht systemkonform aufgefallen waren.

Alles in diesem System war daraufhin ausgerichtet, die Gefangenen, die ja meist keinerlei persönliche „Schuld“ auf sich geladen hatten, zu erniedrigen, zu quälen, ihre Arbeitskraft bis zum äußersten auszubeuten und sie schließlich zu töten. Und gleichzeitig war das System so angelegt, dass es die „Herren“ des Systems, die SS-Offiziere, mit dem Gut und der Arbeitskraft der Opfer mästete und sie zu bedingungslosen Herren über Wohl und Wehe, Leben und Tod der Häftlinge machte.

Viele Berichte aus diesen Lagern (man könnte ebenso auch Berichte aus den Lagern des „GULAG“ in der Sowjetunion unter Lenin und Stalin oder der „Umerziehungslager“ der „Kulturrevolution“ in China unter Mao heranziehen) bestätigen übereinstimmend, dass es die furchtbare Bosheit des Systems war, das die Opfer ständig an den Rand der physischen Existenz trieb, (man war ja ständig halb am Verhungern, ständig zu Tode erschöpft, und ständig in der Angst vor den Willkürmaßnahmen der Aufseher). Auch schon ohne direktes Eingreifen der SS-Henker wurden die Häftlinge und ihr Miteinander in eine unglaubliche Verrohung des Verhaltens und eine erschreckende Abstumpfung gegenüber fremdem Leid geführt, eine Verrohung und Abstumpfung, die die Häftlinge im „normalen“ Leben nie für möglich gehalten hätten. Die alltäglichen Vollstrecker des Unrechtssystems der Konzentrationslager waren ja oft gar nicht die SS-Leute selbst, die hielten sich normalerweise im Hintergrund, sondern die Kapos und Aufseher, die Kriminellen und Sadisten, die - obwohl sie selbst Häftlinge waren - innerhalb des Systems eine privilegierte Stellung erobert hatten und nun eine grausame Gewaltherrschaft über ihre Mithäftlinge ausübten, oft die einzige Möglichkeit, selbst (wenigstens noch eine Zeit lang) am Leben zu bleiben.

Freilich gibt es auch Berichte, die belegen, dass mitten in der Hölle der Unmenschlichkeit und auch unter äußerster Todesgefahr Menschen einander zu Helfern und Wohltätern wurden, wahre „Heilige“, die nicht in den Kalendern stehen – und das waren nicht wenige.

Wir nehmen als historische Tatsache wahr, dass das Böse sich als übergeordnetes System und alles bestimmende Macht in menschlichen Organisationsformen etablieren kann. Es war offensichtlich möglich, dass ein ganzes Volk in der überwiegenden Mehrheit seiner Mitglieder sich mehr oder weniger bewusst, mehr oder weniger aktiv in ein Verfolgungs- und Mordsystem einordnen ließ, das die Beteiligten selbst ein paar Jahre vorher nie für möglich gehalten hätten. Und dieses System der Bosheit wurde mit einer gläubigen Inbrunst bejubelt, gewollt und vollzogen. So erscheint uns das „böse System“ als Negativ-Folie für die Gemeinschaft des Füreinander und der Liebe, die eigentlich dem Menschsein als „Bild Gottes“, als Darstellung seiner Liebe zugedacht ist. Im Reich der Finsternis, das in den Todeslagern und Vernichtungsfeldzügen des sogenannten „Dritten Reiches“ umrisshaft sichtbar geworden ist, zeichnet sich das negative Gegenmodell zum verheißenen und kommenden Gottesreich ab.

An der Tiefe des Schattens, an der Finsternis des Bösen als Negativ-Bild der von Gott gewollten Menschlichkeit, können wir erahnen, welches Licht und welcher Glanz dem Menschsein im Reich Gottes, in der Erfüllung seiner von Gott gegebenen Berufung zukommen kann. Und so wie dort das Böse, die Gewalt, die Menschenverachtung und der Mord hier auf dieser Erde zur alles bestimmenden Realität werden konnten, so kann auch das Reich Gottes, also eine Gemeinschaftsordnung der Liebe, der Mitmenschlichkeit und des Friedens hier auf dieser Erde zur alles bestimmenden Realität werden. Nein, ich lasse es nicht gelten, wenn man sagt: „Das sind doch Illusionen eines weltfernen Träumers.“ Man möge mich dafür kritisieren und belächeln, aber ich bleibe dabei: Ein System der Güte und des Füreinander als Lebenselement und reale Rahmenbedingung des Menschseins hier und heute ist nicht unmöglicher, nein, es ist nicht unmöglicher, als es das reale System der Unmenschlichkeit in den Todeslagern der Nazis war. Wer hätte denn so etwas vorher für möglich gehalten?

Wer wollte behaupten, es könnte unter den Menschen nur das Böse zur konsequentesten Verwirklichung und äußersten Entfaltung gelangen und nicht auch das Gute? Der Mensch ist von Gott geschaffen, damit er zwischen Gut und Böse unterscheiden und sich zwischen beiden Möglichkeiten entscheiden kann. Und wo, wenn nicht in der Gemeinschaft derer, die von Jesus befreit und gesandt sind, könnte die Entscheidung für das Gute Gestalt annehmen und ein System des Miteinander und Füreinander zur gemeinsamen Lebensgrundlage werden?

Gewiss weiß auch ich, dass die Vollendung des Reiches Gottes als einer Gemeinschaftsordnung des ungefährdeten und unbegrenzten Guten durch die Liebe noch aussteht und erst verwirklicht werden kann, wenn der Herrscher dieses Reiches, Jesus, als der Messias Gottes auf diese Erde zurückkehrt, aber eine modellhafte Vorverwirklichung ist schon hier und heute möglich und von Gott gewollt.

Wer bereit ist, aufmerksamer zu schauen und zu hören, und sich hineinzubegeben in die Gemeinschaft des Gottesvolkes aller Konfessionen, auch da, wo sie noch sehr bruchstückhaft und unvollkommen ist, der wird erkennen: Ja, es hat längst schon begonnen, klein und in aller menschlichen Schwachheit, nicht überall und nicht zu jeder Zeit in gleicher Intensität und Konsequenz, aber immer mitten in dieser Welt. Freilich müssen wir auch gestehen, dass sich das immer nur in relativ kleinen, aufs Ganze gesehen scheinbar unbedeutenden Formen und Strukturen und immer nur für begrenzte Zeit verwirklicht hat. Die „Gemeinschaft der Heiligen“ ist in dieser Weltzeit fast immer in der Minderheit. Und das ist nicht nur negativ zu sehen. Da, wo Kirche sich als schon vollendetes „Reich Gottes auf Erden“ empfand, weil sie groß und mächtig geworden war, da war sie immer in der Gefahr, ihre Größe und Macht zu missbrauchen.

Das Thema gut und böse enthält die folgenden Beiträge (der jeweils gewählte Beitrag ist gelb markiert).

1 Die Realität

2 Essen vom Baum der Erkenntnis

3 Der dunkle Schatten

4 Die Erneuerung des Menschseins

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Adam, wer bist du?

Die Frage nach dem Sinn

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Bodo Fiebig Der dunkle Schatten“, Version 2017-11

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