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Themenbereich: Grundfragen des Lebens

Thema: gut und böse

Beitrag 1: Die Realität (Bodo Fiebig 2017- )

Es ist heutzutage nicht opportun, die Begriffe „gut” und „böse” zu verwenden. Das sind doch Zuschreibungen, ja Werturteile aus längst vergangener Zeit; wie unmodern das klingt! So etwas sagt man einfach nicht, wenn man ernst genommen werden will. Ich tue es hier trotzdem, und zwar deshalb, weil es in der Realität unseres Lebens Verhaltensweisen gibt, auf die diese Werturteile zutreffen und weil solche Verhaltensweisen von entscheidender Bedeutung sind, wenn es um das Leben und das Zusammenleben von Menschen geht (siehe die Themenseite „gut und böse“).

Das kann ja niemand leugnen, dass es das Böse gibt, das Böse als etwas bewusst Böswilliges. Unsere Erde ist voll davon. Wenn auch nur für zehn Sekunden der Vorhang der Heimlichkeit weggezogen würde und wir könnten für diese wenigen Sekunden wahrnehmen, was gerade jetzt rund um diesen Globus alles geschieht an Bosheit, Verbrechen und Grausamkeit, an Missachtung, Misshandlung und Missbrauch, an Betrug, Erpressung und Verleumdung, an Unrecht, Unterdrückung und Ausbeutung, an Gewalt, Folter und Mord, wir könnten es nicht ertragen, nicht einmal ein Tausendstel davon.

Aber woher kommt dieses Böse in unsere Welt? Wie kann es in einer guten Schöpfung so viel Böses geben? Die unbelebte Natur (feste Körper, Flüssigkeiten, Gase ...) kann ja weder gut noch böse sein, sie existiert einfach, ohne Bewusstsein und Willen. Sie ist da und alles, was geschieht, geschieht an ihr und in ihr ohne gute oder böse Absicht. Gut und böse sind keine Kategorien, die auf sie anwendbar wären.

Auch die belebte Natur ist weder gut noch böse. Sie lebt, und damit sie leben kann und das Leben immer weitergehen kann, muss in den Kreisläufen des Lebens das dafür geeignete Material immer wieder „recycelt“ werden durch durch Sterben und Neugeburt, durch Fressen und Gefressen-Werden, ein Werden und Vergehen, durch das insgesamt in Jahrmillionen die organische Substanz auf unserer Erde vermehrt und in immer komplexeren Lebensformen organisiert wurde.

Das Böse, das ist auch nicht der „Kampf ums Dasein“, in dem alles Leben um sein Lebensrecht ringen muss und wo ein Lebewesen das andere tötet, um selbst zu überleben. Wenn die Katze eine Maus jagt und frisst, dann ist das nicht böse, sondern ein natürliches, instinktgesteuertes Verhalten. Nein, das Böse, das ist die Lust am Betrug, am Raub, an der Erniedrigung und Ausbeutung, an der Gewalt, am Quälen und Töten, ist die bewusste Böswilligkeit, die dem anderen schaden und ihm weh tun will. Das wirklich Böse geschieht da, wo einer den anderen bewusst erniedrigt, um sich selbst zu erhöhen, wo einer den andern betrügt, um für sich einen Vorteil herauszuschlagen, wo einer den andern unterdrückt, um die eigene Macht auszuweiten, wo einer den andern beraubt, um Dinge an sich zu bringen, die er/sie selbst zum Leben und Überleben nicht braucht, wo einer den andern verwundet und tötet, um den Triumph des Sieges auszukosten.

Das wirklich Böse gibt es nur als bewusstes Planen und Tun der Menschen.

Das wirklich Gute auch.

Das wirklich Gute geschieht da, wo einer einem anderen hilft, ohne einen eigenen Vorteil davon zu haben, wo einer von seinem Reichtum abgibt, damit ein Armer davon leben kann, wo einer für einen anderen eintritt, der zu Unrecht beschuldigt oder verfolgt wird, wo einer sein eigenes Vorankommen zurückstellt, um einen anderen zu fördern, wo einer freiwillig auf Macht und Ehre verzichtet, um für andere da zu sein, wo einer bewusst eigene Nachteile und eigenen Schmerz erleidet, um einen anderen zu schützen. Auch das gibt es ja und es ist häufiger, als wir manchmal denken.

Kein Tier könnte das tun. Ein Blindenhund, der sein „Herrchen“ treu durch die Widrigkeiten des Alltags führt, tut dies, weil er das in einem langwierigen Training gelernt hat. Die Vogelmutter, die bis zu ihrer eigenen Erschöpfung Futter für ihre Brut heranschafft und die trotz eigener Lebensgefahr ihre Jungen zu schützen versucht, wenn die Katze sich nähert, handelt nicht aus freier Entscheidung, sondern aus instinkthaftem Zwang, der ihr nicht die Möglichkeit lässt, sich auch anders zu entscheiden. Gut und Böse sind keine Begriffe, die tierisches Verhalten beschreiben. Nur der Mensch hat die Möglichkeit der Unterscheidung und der bewussten Entscheidung.

Nicht nur das Böse geschieht, sondern auch das Gute. Wenn auch nur für zehn Sekunden der Vorhang der Verborgenheit weggezogen würde und wir wahrnehmen könnten, was jetzt, in diesen wenigen Sekunden, rund um den Globus unter den Menschen an Gutem geschieht, an Freundlichkeit und Wertschätzung, an Zuwendung und Trost, an Unterstützung und Hilfeleistung, an Schutz und Fürsorge, an Treue und Hingabe, an Einsatz für Wohlergehen, Frieden und Gerechtigkeit für andere, wir würden es nicht fassen können, nicht einmal ein Tausendstel davon.

Wie kommt das Gute in die Welt? (Siehe auch das Themenheft „Weltreligionen und biblischer Glaube“, Abschnitt 2 „Grundlagen des Glaubens“.) Auf gleichem Wege wie das Böse. Gut und Böse können nur gemeinsam die Bühne der Welt betreten und zwar erst dann, wenn es ein Lebewesen gibt, dem die Erkenntnis von Gut und Böse zugänglich ist (siehe Beitrag 3 „Essen vom Baum der Erkenntnis“), das also über eine ethische Unterscheidungsfähigkeit verfügt und über eine dieser Fähigkeit entsprechende Freiheit des Handelns. Bis dahin gibt es nur unbewusstes Verhalten aus instinkthaftem Zwang. Wirklich Böses gibt es nur dann, wenn jemand weiß, dass ein bestimmtes Verhalten einem anderen schadet, ihn schmerzt oder ihn gar umbringt und er es trotzdem tut, um des eigenen Vorteils willen oder einfach aus Lust am Bösen, und wirklich Gutes gibt es nur, wenn jemand weiß, dass sein Handeln dem eigenen Nutzen und Vorteil schaden könnte, und er es trotzdem tut, um einem andern das Leben zu erhalten, oder sein Leben leichter und lebenswerter zu machen, um ihn zu erfreuen, ihn zu schützen oder zu fördern. Gut und Böse sind Früchte am gleichen Baum, am Baum der „Erkenntnis”. Dabei geht es ja beim Baum der Erkenntnis in der Bibel ausdrücklich nicht um Erkenntnis im wissenschaftlichen Sinn. Selbstverständlich soll und kann sich der Mensch Wissen und Erkenntnis erarbeiten über die Welt in der er lebt. Das wird in der Bibel nirgendwo in Frage gestellt. Hier geht es um das Erkennen von gut und böse, also nicht um eine wissenschaftliche Fragestellung, sondern um eine ethische. Es liegt am Menschen, die ethische Herausforderung in jeder Situation zu erkennen, dabei gut und böse zu unterscheiden und sich dann in der konkreten Situation für das Gute und gegen das Böse zu entscheiden.

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1 Böses in einer guten Schöpfung?

Aber trotzdem: Wie kann es in einer guten Schöpfung so viel Böses geben? Wie sollen wir uns das erklären? Hatte nicht alles so gut begonnen und es hätte es nicht so gut weitergehen können? Die Bibel beschreibt uns die Welt am Anfang der Welt-Geschichte sehr positiv (1. Mose 1,31): Und Gott besah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war (oder: es wird) sehr gut (siehe das Thema „Dein Reich komme”, Abschnitt 5,2 „Siehe, es wird sehr gut”.) Nicht nur „gut“, sondern „sehr gut“ war die Schöpfung angelegt. Woher sollte da etwas Böses kommen und wie konnte da etwas Böses geschehen?

Die Frage, woher das Böse kommt, hat die Menschheit seit Jahrtausenden bewegt. In den Mythologien der Völker hat man diese Frage meistens mit der Existenz guter und böser Geister und Götter zu beantworten versucht. Das Gute kommt von den guten Göttern, das Böse von den bösen, und der jeweilige Stand des Kampfes der guten Götter gegen die bösen entscheidet auch über Gut und Böse in unserem Leben. Die biblische Botschaft widerspricht diesen Deutungen ganz entschieden: Es gibt nur einen Gott, den einen, der alles geschaffen hat und alles am Leben erhält, und der will das Gute. Wie kann es aber dann etwas Böses geben? Ist Gott zu schwach, das Gute durchzusetzen und das Böse zu verhindern?

Wenn man eine in der biblischen Offenbarung begründete Antwort sucht, gibt es offensichtlich zwei Möglichkeiten der Deutung: Zum Ersten kann man davon ausgehen, dass es ursprünglich nichts Böses gab, dass der Urzustand der Schöpfung nur „gut“ war und erst durch den „Sündenfall“ des Menschen das Böse in die Welt kam. Bei dieser Deutung kommt man aber in erhebliche Erklärungsnöte, denn lange bevor es Menschen gab und einen „Sündenfall“, wurde auf dieser Erde gelitten und gestorben, herrschte das Gesetz von „Fressen und Gefressen-Werden“. Und das sollte durchweg „sehr gut“ gewesen sein? Oft hilft man sich dann mit der Annahme eines Ur-Sündenfalls im Himmel, wo einer der Engelfürsten gegen Gott rebellierte und infolge dieser Rebellion das Böse auf die Erde brachte und so die ursprünglich gute Schöpfung verdarb. Man muss allerdings den biblischen Texten schon etwas Gewalt antun, um sie in so eine Deutung zu pressen.

Die zweite Deutungsmöglichkeit geht davon aus, dass das Leben geschaffen und entfaltet wurde unter den Rahmenbedingungen, die wir in der Natur noch heute vorfinden: Das Gesetz vom „Fressen und Gefressenwerden“ beherrschen die belebte Natur (freilich nicht so durchgehend, wie die Evolutionslehre das glauben machen will; siehe das Thema „Die Ethik des Atheismus“, Abschnitt 3.2 „Kampf oder Vereinigung?“). Tierisches Verhalten folgt weitgehend den instinktgebundenen Anlagen der jeweiligen Art. Es kennt kein „Sollen“ und damit auch keine Verantwortung für sein Tun; es kann deshalb niemals „gut“ oder „böse“ sein, auch wenn die Katze die Maus jagt und frisst. Der „Kampf ums Dasein“ bestimmt das Leben und der Drang zum Überleben und sich Fortpflanzen. Und der Mensch war bis dahin ein vollständig integrierter Teil dieser Ordnungen und Abläufe.

Dann aber, so berichtet die Bibel, bereitete Gott für die Menschen einen paradiesischen Garten, einen geschützten und umfriedeten Lebensraum, in dem das Leben eine völlig neue „Lebensqualität“ bekommen sollte. 1. Mose 2,8: Und es pflanzte JaHWeH, Gott, einen Garten in Eden, im Osten, und setzte dorthin den Adam, den er gebildet hatte. In diesem „Garten“ sollte nun eine Weiterführung geschehen, durch die das Geschaffene auf einen Weg gebracht werden sollte, der die ganze Schöpfung zur Vollendung führt. Die entscheidende Voraussetzung dafür ist, dass es inmitten der Schöpfung ein Geschöpf gibt, in dem „die Erkenntnis von Gut und Böse“ Raum gewinnen und wachsen kann. Und diese Erkenntnis, d. h. die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und sich gegen das Böse und für das Gute zu entscheiden, sollte sich von ersten Anfängen an im Miteinander der Menschen ausbreiten und am Ende alle menschliche Gemeinschaft bestimmen.

Das Böse erscheint im Licht der biblischen Botschaft nicht wie ein fremder Krankheits-Keim, der sich in der guten Schöpfung einnistet und ausbreitet und sie verdirbt. Sondern umgekehrt: Der Keim des Guten, der von Gott kommt, soll sich einnisten und ausbreiten in einer Schöpfung, die Gut und Böse noch gar nicht zu unterscheiden vermag. Dass dies nun geschehen kann, dazu ist der Mensch geschaffen (siehe das Thema „Adam, wer bist du?“) und dazu braucht er die Erkenntnis von Gut und Böse.

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2 Der Keim des Guten

Vielleicht müssen wir das mit „gut” bzw. „böse” Gemeinte noch nüchterner betrachten: Das Böse, das Leiden und der Tod sind das „Normale”, nicht das Leben, die Freude und das Gute. Das gilt für alles Leben. Nur solange sich ein Lebewesen in jeder Sekunde seiner Existenz gegen den Verfall und den Tod wehrt (mit seinen äußeren Kräften gegen Angriffe von außen durch Abwehr, Tarnung oder Flucht, oder mit den inneren Kräften des Immunsystems gegen Keime fremden Lebens im eigenen Körper, oder mit eigener Anstrengung gegen den Mangel an Lebensnotwendigem: Wasser, Nahrung, Luft, Schutz, Lebensraum ...) nur so lange lebt es. Und diese Abwehr kann grundsätzlich immer nur eine Zeit lang gelingen; wenn sie nur einen Augenblick nachlässt, stirbt das Lebewesen, ob Mensch, Regenwurm oder Bakterie.

Aber nicht nur das Leben erweist sich als flüchtige Erscheinung, sondern auch die Materie selbst. Die Teilchenphysik, die nach den elementaren Grundlagen der Materie forscht, stößt auf immer kleinere und ungreifbarere Teilchen und Wellenerscheinungen, bis sie schließlich nur noch substanzlose Energiezustände vor sich hat, die sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in einer gewissen Zuordnung zueinander befinden. Dass überhaupt etwas existiert, das nicht „Nichts” ist und über eine Zeit hinweg erhalten bleibt, das ist ein für die moderne Wissenschaft unerklärliches Phänomen, gegen alle Wahrscheinlichkeit, Logik und Vernunft.

Dass ein Universum existiert, in dem das Leben sich entwickeln konnte, ist etwas unglaublich Unwahrscheinliches. Dazu müssen die Kräfte und Konstanten der Natur mit solcher Präzision justiert und aufeinander abgestimmt sein, dass die Wahrscheinlichkeit dafür gegen absolut Null geht. Ein Physiker brachte es auf den Punkt: „Unser Universum ist ausbalanciert wie ein Bleistift, der seit Milliarden von Jahren auf der Spitze steht”. Das „Normale”, das was man nüchtern abwägend erwarten müsste, ist die „Nichtexistenz von Etwas”. Und wenn doch, gegen alle Wahrscheinlichkeit, in diesem „Nichts” ein „Etwas” sich zusammenballt (in einem Augenblick der Entstehung, den wir etwas naiv den „Urknall” nennen), ein „Etwas” aus Energie und Materie, in Zeit und Raum sich darstellend und entwickelnd, dann müsste man erwarten, dass es schon im Verlauf der ersten Millionstel-Sekunden wieder in sich zusammenfällt. Dass etwas ist und bleibt, das ist eigentlich gar nicht möglich, das ist ein unerhörter Widerspruch gegen die Fakten, wie sie etwa in der Quantenphysik deutlich geworden sind.

Bei Gott aber „ist kein Ding unmöglich”. Er bewirkt als Erstes im Nichts den „Anstoß des Seins” als Wechselspiel und Ausformung von Energie und Materie in Raum und Zeit. (siehe dazu den Themenbeitrag „Die Frage nach dem Sinn”, Abschnitt 1, Der Anstoß des Seins”). Er tut es so, wie man einen Stein in einen ruhenden See wirft und damit ein ganzes System kreisförmig expandierender Wellenbewegungen erzeugt. Und so wie die Wellenringe auf dem Wasser nur eine flüchtige Erscheinung an der Oberfläche des Sees sind, so ist alles Materielle nur eine vorübergehende Wellen-Erscheinung auf der Oberfläche des Seins. Und doch bildet es die Welt in der wir leben.

Die elektromagnetischen Felder, Wellenbewegungen und Strahlungen, die Galaxien und Sternensysteme, die „Roten Riesen”, „Weißen Zwerge” und „Schwarzen Löcher” des Weltalls, die sind nicht gut oder böse, aber sie sind „da” und allein das ist schon eine Qualität, die offen ist für Entwicklungen, auch für Unerwartetes. Man kann es auch so sagen: Mit der Erschaffung eines Universums, in dem Erscheinungen wie Energie und Materie, Raum und Zeit möglich sind, hat Gott Voraussetzungen geschaffen, dass ein Umfeld existiert, wo „etwas", vielleicht sogar "etwas Gutes” geschehen könnte.

Als Zweites entzündet Gott im schon existierenden Universum, an einer winzigen, entlegenen Stelle auf einem Planeten in einem der Milliarden Sonnensysteme in einer der Milliarden Galaxien den Feuerfunken des Lebens (siehe den Themenbeitrag „Leben und Tod”, Beitrag 1 „Was ist Leben?”). Noch viel unwahrscheinlicher und „unmöglicher” als das materielle Universum und beginnt mit ihm ein völlig neues Dasein: Materie und Energie in dynamischer Wechselwirkung und prozesshafter Veränderung, ausgeformt anhand einer sich selbst reproduzierenden Information (in den DNA-Strängen der Gene), die einen individuellen und zugleich auch überindividuellen Lebensplan (der biologischen Art) verwirklicht, organisiert im sich ständig erneuernden Gesamtsystem eines lebenden Organismus, der bei aller Veränderung im Stoffwechsel doch als Individuum, als einmaliges unwiederholbares Original erkennbar bleibt. Und Gott entfaltet auf der Erde die Vielfalt des Lebens in Millionen verschiedenen Erscheinungsweisen und Formen. Auch das Leben ist nicht gut oder böse, aber es lebt, und das allein ist schon eine ungeheure Bereicherung der Schöpfung, eine unglaubliche Erweiterung ihrer Möglichkeiten, und zugleich auch Annäherung an eine Wirklichkeit, in der „etwas Gutes” sich ereignen könnte. Die Biosphäre der Erde ist ein Gesamtsystem, in dem alles Leben wechselseitig voneinander abhängig und aufeinander angewiesen ist und keines ohne die Fülle der anderen existieren kann, auch wenn jedes einzelne Lebewesen im ständigen „Kampf ums Dasein” um sein Lebensrecht ringen muss.

Als Drittes erwählt sich Gott aus der millionenfachen Fülle unterschiedlichster Lebensformen ein einziges Wesen, mit dem er ein völlig neues Dasein beginnt: Eine Neu-Schöpfung, welche die Erschaffung des Universums und die Entstehung und Entfaltung des Lebens noch unendlich übersteigt: Die Erwählung und Berufung des Menschen. Nein, nicht weil der Mensch als Lebewesen allen anderen Lebewesen so hoch überlegen wäre, sondern weil der Mensch (der materiell gesehen und biologisch gesehen nichts anderes ist als jedes andere Lebewesen auch) ein Dasein verwirklichen soll, das weit über Materie und Biologie hinausgeht: 1. Mose 1, 27: Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Man muss sich das mal vorstellen: Ein Lebewesen, ein Geschöpf unter Millionen Geschöpfen, als Ebenbild, als Vergegenwärtigung und Gegenüber des Schöpfers! Aber wie soll so etwas möglich sein, wie soll der Mensch diese Berufung verwirklichen? Die einzige Möglichkeit ist: Indem er das Gute tut und das Böse zurückweist, denn so ist Gott. Wie soll das geschehen? Jesus weist den einzig möglichen Weg dazu: Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen von ganzem Gemüt und mit allen deinen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst. Gott ist Liebe und der Mensch (und das Menschsein als Ganzes) soll ein anschaubares und erkennbares „Bild” Gottes darstellen (siehe das Thema „AHaBaH – das Höchste ist Lieben”, Abschnitt 3 „Berufung und Verheißung des Menschseins”). Das Einzigartige am Menschsein liegt darin, dass Gott ihm eine einzigartige, ja eigentlich unmögliche „Aufgabe” zumutet: Das Gute zu tun und das Böse zurückzuweisen und so zum Eben-Bild der Liebe Gottes zu werden. Der Mensch ist die einzige Existenz im Universum, die fähig wäre, "etwas Gutes" zu vollbringen. Damit dies geschehen kann, dazu hat Gott die Schöpfung gemacht. Dazu braucht der Mensch aber die „Erkenntnis von gut und böse”. Ohne die ist so etwas wie „Liebe” (in Sinne von: dem andern uneigennützig etwas Gutes tun) nicht möglich. Und davon soll im Folgenden die Rede sein.

3 Der Baum der Erkenntnis

Die Erkenntnis von Gut und Böse ist nach der Bibel nicht etwas Verwerfliches, kein „Sündenfall“, sondern notwendige Voraussetzung, dass die Menschheit zu ihrer Berufung finden kann. Und Gott selbst hatte sie „aus dem Boden wachsen lassen“ (1. Mose 2,9): Und es ließ JaHWeH, Gott, aus dem Boden wachsen jeden Baum, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Inmitten eines Gartens voller blühender, fruchttragender Pflanzen lässt Gott zwei besondere Bäume „aus dem Boden wachsen“, der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Damit ist die Ausstattung des Paradiesgartens aufgezählt:

1) Vielerlei Bäume (oder allgemein Pflanzen) mit deren Früchten. Sie deuten die Fülle des Lebens und der „Lebensmittel“ in Eden an.

2) Der Baum des Lebens

3) Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Wir können mit Gewissheit davon ausgehen, dass auch diese beiden besonderen „Bäume“ zur guten und hilfreichen Ausstattung des Gartens Eden gehören. Gott selbst hatte sie „aus dem Boden wachsen lassen“. Diese positive Deutung liegt beim „Baum des Lebens“ nahe, aber wir werden sehen: Auch der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ist nicht in erster Linie zur Versuchung da, sondern zur Hilfe für Adam und seine Nachkommen, damit sie ihrer Berufung gerecht werden können. Adam soll leben und er soll erkennen, was gut und böse ist. Wie diese „frohe Botschaft“ zur „Versuchungsgeschichte“ werden konnte, davon wird später noch die Rede sein.

Zunächst aber: Welche Realität, welcher „Schöpfungsakt Gottes“ steht hinter den biblischen Bildern von den beiden Bäumen im Garten Eden?

Eigentlich ist das ganz einfach zu verstehen: Der Baum ist immer ein Sinnbild für etwas, was aus einer gemeinsamen Wurzel wächst, das eine gemeinsame Ab-Stamm-ung hat. Beim „Baum des Lebens“ ist uns dieses Bild geläufig: Von der ersten Ur-Zelle an hat sich das Leben immer mehr verzweigt und verästelt, bis hin zu der millionenfachen Vielfalt der Arten und Formen, die wir heute kennen. Der „Stammbaum des Lebens“ und seine Entfaltung sind zwar noch nicht in allen Einzelheiten erforscht, aber doch in seinen grundlegenden Entwicklungen erkennbar. Dieser „Baum des Lebens“ war zu der Zeit, als es den frühen Menschen gab, schon voll entfaltet. Der Mensch war ja, wie die Bibel sagt und die Naturwissenschaft bestätigt, der letzte Zweig an diesem Stamm.

Beim „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ ist uns dieses Bild nicht so vertraut und wir müssen uns diese Sichtweise erst schrittweise erschließen: 1. Mose 2, 9: Und es ließ JHWH, Gott, aus dem Boden wachsen (…) den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Gott selbst hatte einen Garten gepflanzt in Eden und in diesem Garten den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Gott selbst hat also diese Erkenntnis entstehen und "aus dem Boden wachsen" lassen.So steht es in der Bibel.

Der Boden, aus dem dieser Baum herauswächst, heißt hebräisch (der Sprache der Bibel im Alten Testament) Adamah. Das kommt von adom, rot; der Erdboden hat dort eine rötliche Farbe. Das Wort adom, rot, stammt von dem Wort dam ab; dam heißt Blut. Adom, rot, ist die Farbe des Blutes dam.

Der Name des Menschen ist Adam. Adam ist eigentlich kein Eigenname, sondern heißt einfach „Mensch“. Adam, der Mensch, ist der Lebendige, Blutdurchpulste und manchmal Heißblütige, der leicht auch mal rot (adom) sehen kann. Adamah ist der Acker, der Nährboden, aus dem alles Leben herauswächst. Auch das Menschsein (Adam) wächst aus der Adamah, der Erde. Im 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 19 heißt es: Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. Und das stimmt ja auch: Der Mensch besteht seiner Materie nach aus den gleichen Atomen und Molekülen wie die ganze Natur und alles Leben; da ist er da gar nichts Besonderes. Aber zugleich ist auch das Menschsein, Adam, selbst so ein Nährboden, eine Adamah, aus der vieles herauswächst, Gutes und Böses. Auch der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wächst aus der Adamah des Menschseins (Adam). Das ist keine blumige Redeweise, sondern ganz real und konkret gemeint:

Stellen wir uns frühe Formen menschlicher Gemeinschaft vor: Familien und Sippen, Horden von ein paar Dutzend Menschen, die die Wälder und Steppen auf der Suche nach jagbarem Getier und essbaren Pflanzen durchstreiften, immer in der Gefahr des Verhungerns, immer dem Wechsel von Witterung und Jahreszeiten ausgesetzt, immer im Kampf gegen körperlich überlegene Wildtiere und konkurrierende Menschen-Gruppen. Das Leben in einer so feindlichen Umwelt forderte alle ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten heraus. Nur durch kluge Einteilung der Kräfte und durch überlegene Strategien gemeinsamen Kampfes, bei dem jeder seine spezielle Rolle zu spielen hatte, konnte das Leben des ganzen Rudels gesichert werden. Dazu brauchten diese Lebens- und Jagdgemeinschaften aber Regeln, die ihr Miteinander so effektiv wie möglich ordneten. So entstanden, im Laufe von Jahrtausenden und jenseits der instinktgebundenen Verhaltensmuster, erste Rudelordnungen, die den einzelnen Mitgliedern bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen zuwiesen, an die sie sich zu halten hatten. Wenn sie sich daran hielten, wurde das von der ganzen Gemeinschaft als positiv, also „gut“ gewertet und belohnt (zum Beispiel bei der Zuteilung des Beute-Anteils), wenn nicht, galt das als schädlich für die Gemeinschaft, also als „böse“ und wurde bestraft.

Ebenso wie nach und nach durch die Entwicklung von Einzellern, dann komplexeren Lebensformen und schließlich mit der Ausdifferenzierung im Pflanzen- und Tierreich eine Genealogie (eine Abstammungsfolge) des Lebens, eine "Baum des Lebens" entstanden war, so entstand nun im Miteinander von Menschen-Gruppen, von Stämmen und Völkern nach und nach eine „Genealogie“ der Ideen und Werte, der "Baum der Erkenntnis von gut und böse". Das mögen anfangs nur mündlich tradierte Verhaltensregeln gewesen sein, die das Miteinander der frühen Menschen-Rudel bei der Jagd oder bei der Verteilung der Beute ordneten. Allmählich bildeten sich aber in den Sippen und Stämmen ganze Systeme von ungeschriebenen - und später auch geschriebenen - Ordnungen und Gesetzen aus, die immer engmaschiger festlegten, welches Verhalten erlaubt oder erwünscht (und damit „gut“) wäre und welches Verhalten unerwünscht, verboten (und deshalb „böse“) sei. Diese Ordnungen und Gesetze machten (und machen auch heute noch) einen wesentlichen Bestandteil dessen aus, was wir die „Kultur“ einer Gemeinschaft nennen. Der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ wuchs von Generation zu Generation, und im biblischen Bericht vom Garten Eden symbolisiert er die „Genealogie der Werte“, die sich bis dahin schon herausgebildet hatte.

Wir müssen uns das bewusst machen: Jede Rechtsordnung und Rechtsprechung ist noch heute eine Frucht von diesem Baum. Ohne Erkenntnis von Gut und Böse ist das Erkennen von Recht und Unrecht, ist damit auch menschliche Gemeinschaft auf Dauer nicht möglich. Gott selbst hatte dafür gesorgt, dass sie wachsen und sich verzweigen und zu einem starken „Baum“ werden konnte.

Die Parallelität der Bilder ist einleuchtend: So wie der „Baum des Lebens“ die bis dahin gewachsene Abstammung und Verzweigung der Lebensformen symbolisiert, so ist der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ das Symbol für die Abstammung und Verzweigung der bis dahin entwickelten Verhaltensregeln und Werteordnungen. (Eine Anmerkung: Hier und bei der weiteren Darstellung wird davon ausgegangen, dass die biologische Entwicklung des Menschseins lange Zeiträume in Anspruch nahm und nicht mit einem einzelnen fertigen Menschen (Adam) vor etwa 6000 Jahren begann. Vgl. dazu das Themenheft „Adam, wer bist du?“, Abschnitt 1 „Adam, der erste Mensch?“ Dort sind die Zusammenhänge ausführlicher dargestellt.)

Das bedeutet aber auch: Wenn der Mensch die Fähigkeit hat, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ist er auch gezwungen, sich zu entscheiden. Er kann nicht mehr unbefangen und triebgesteuert leben und handeln. Wenn jemand erkennt, dass eine bestimmte Handlung böse ist, und der sie trotzdem tut, dann hat er sich für das Böse entschieden und ist für diese Entscheidung verantwortlich, auch wenn er diese Verantwortung weit von sich wegzuschieben versucht.

Das Menschsein unterscheidet sich von jedem anderen Dasein dadurch, dass es inmitten einer ethisch blinden Natur ein ethisch verantwortetes Dasein verwirklichen soll. Mitten in einer instinktgesteuerten und ethisch blinden Tier- und Pflanzenwelt gestaltete der Schöpfer ein Lebewesen, das in der Lage sein kann, Gut und Böse zu unterscheiden. Von diesem ersten Keim der Erkenntnis des Guten aus und dem Willen, dieses Gute auch zu tun, soll es sich ausweiten und alles Menschsein erfassen und durchläutern. Die ethische Unterscheidungsfähigkeit und dazu auch die tatsächliche Entscheidung für das Gute und gegen das Böse, das ist es, was das Menschsein des Menschen ausmacht, nicht seine intellektuelle oder technische Überlegenheit gegenüber anderen Lebewesen. Wobei uns bewusst sein muss: Das Böse (unter den Menschen) geschieht oft von allein, es entspricht ja in vielem den natürlichen Verhaltensweisen eines Lebewesens, das von gut und böse nichts weiß. Das Gute muss man erkennen und wollen. Ethisch bewusste Einstellungen und Verhaltensweisen sind immer bedroht und gefährdet. So wie sich das Leben in einer lebensfeindlichen Natur mühsam seine Lebensräume erobern muss, so muss sich das Gute in einer ethisch blinden Umwelt und in einer vom Bösen beherrschten Menschheit mühsam, Schritt für Schritt, Handlungsräume des Miteinander und Füreinander erobern.

Warum berichtet aber dann die Bibel, dass Gott, der den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen hatte wachsen lassen, nun den Menschen verbietet, von seinen Früchten zu essen. Ist das nur Mythologie aus der Frühzeit der Menschheit oder hat das auch noch eine Bedeutung im 21. Jahrhundert?

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Das Thema gut und böse enthält die folgenden Beiträge (der jeweils gewählte Beitrag ist gelb markiert).

1 Die Realität

2 Essen vom Baum der Erkenntnis

3 Der dunkle Schatten

4 Die Erneuerung des Menschseins

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Weiterführende Beiträge aus anderen Themengruppen

Schöpfungsglaube und modernes Weltbild

Adam, wer bist du?

Die Frage nach dem Sinn

Sein und sollen

Schuld und Vergebung

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Bodo Fiebig gut und böse“, Version 2017-11

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