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Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Körper, Geist und Seele

Beitrag 1: Das Märchen von der Seele (Bodo Fiebig 2017- 12)

Gibt es im menschlichen Körper eine Seele? Diese Frage wurde früher heiß diskutiert. Heute scheint diese Sache geklärt zu sein. Die wissenschaftliche Anatomie sagt uns:Wir haben keine Seele im Menschen gefunden. Wir haben tausendfach menschliche Körper seziert bis in die verborgenen Kammern des Herzens und in die letzten, feinsten Nervenfasern des Gehirns und wir haben nirgendwo auch nur eine Spur von etwas entdeckt, das man eine ‚Seele‘ nennen könnte. Das heißt: Die Idee von von der ‚Seele‘ im Menschen ist endgültig als Märchen entlarvt“.

Da kann man sich als biblisch gläubiger Mensch beruhigt zurücklehnen und antworten: „Kein Problem, denn die Vorstellung von einer „Seele“, die irgendwo an einer bestimmten Stelle im Körper eines Menschen zu finden wäre und die beim Sterben den toten Körper verlässt und wie ein Luftballon in den Himmel entschwebt, die ist wirklich nur ein Märchen, das weder mit der wissenschaftlich erkennbaren Realität, noch mit der biblischen Verkündigung irgendetwas zu tun hat“.

Wer allerdings nun meint, dass es das, was die Bibel „Seele“ nennt, gar nicht geben kann, der ist möglicherweise etwas zu voreilig und macht es sich möglicherweise etwas zu leicht. Das, was man die „Seele“ des Menschen nennen könnte (also so etwas wie das „innerste Selbst“ des Menschen, das zu Gott hin strebt), das ist etwas für das Menschsein so Zentrales und zugleich etwas so Komplexes, dass wir schon etwas genauer hinschauen müssen, um zu erkennen, dass hier etwas viel Handfesteres gemeint ist, als nur ein dünnes Seelenlüftchen, das ungesehen entweicht, wenn die grobe Hülle des Körperlichen zerfällt. Wir werden noch darauf zurückkommen.

Ähnlich ergeht es uns mit dem Begriff „Geist“. „Die geistigen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns sind ausschließlich Funktionen seiner materiellen Ausstattung“, sagt man uns. „Bestimmte Nervenzellen geben elektrische Impulse ab, die über Synapsen und ein integriertes Netzwerk von Verbindungen weitergeleitet und in bestimmten Bereichen des Gehirns verarbeitet und kombiniert werden, bis sie bestimmte Reaktionen in Gang setzen, durch die der Mensch seine Gedanken äußern (d. h. durch verhalten, reden und handeln nach außen hin wahrnehmbar machen) kann. Alles Geistige ist als Funktion der Materie erklärbar“.

Das kommt unserem modernen wissenschaftlich geprägten Weltbild und unserem rational bestimmen Verständnis vom Menschsein sehr entgegen. Und das ist auch gut so. Ein Menschenbild, das nach den einschlägigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht fragt und das sich in irrationalen Phantasien ergeht (möglicherweise, weil die irgendwie „fromm“ klingen), helfen uns gewiss nicht weiter. Und wir werden sehen (wenn wir die Geduld aufbringen, bis zum Schluss dranzubleiben): Eine rationale, wissenschaftlich fundierte Denkweise widerspricht dem biblischen Welt- und Menschenbild keineswegs. Bis zu dieser Einsicht haben wir aber noch einen weiten Weg vor uns, in schwierigem Gelände, einen Weg mit Blockierungen und versteckten Stolperfallen. Versuchen wir trotzdem, ihn zu gehen. Zuerst einmal, indem wir unser sehr komplexes Thema mit Hilfe eines Vergleichs etwas vereinfachen.

Der Mensch ist ein sehr kompliziertes Ganzes. Über Körper, Geist und Seele eines Menschen (und über das Verhältnis dieser „Teile“ zueinander) etwas Gültiges auszusagen, scheitert oft schon an der Komplexität dieser „Gegenstände“. Probieren wir trotzdem einen ersten Schritt, indem wir versuchen, das mit Körper, Geist und Seele Gemeinte erst einmal gleichnishaft an einem viel einfacheren, schlichteren „Objekt“ zu erfassen: Z. B. an einem Buch. Ein Buch hat mit allen drei Phänomenen zu tun: Es hat eine körperlich-materielle Seite, wir können es in die Hand nehmen und darin blättern. Es hat einen geistigen Inhalt, wir können es lesen und die Gedanken nachvollziehen, die der Autor oder die Autorin geschrieben haben. Und es hat, je nachdem, was man darunter verstehen mag, vielleicht auch eine „Seele“, jedenfalls berührt es mich emotional und existenziell (sicher nicht jedes, aber doch manches Buch). Schauen wir uns diese drei Aspekte unseres Objekts „Buch“ etwas genauer an.

a) Zunächst das körperlich-Materielle: Beim Buch besteht das im Wesentlichen aus Papier und Druckfarbe, dazu kommt noch die Pappe für den Buchdeckel, eventuell eine Plastikfolie, etwas Leim, ein Zwirn für die Fadenheftung ... Allerdings: Das Materielle allein lässt noch keine Rückschlüsse auf einen Inhalt des Buches zu. Auch bei der allerfeinsten und genauesten chemischen Analyse werden wir in der materiellen Zusammensetzung des Papiers und der Druckfarbe nicht den leisesten Hinweis finden, ob es sich bei dem Buch um einen tiefsinnigen Gedichtband, eine lustige Kindergeschichte oder um einen spannenden Krimi handelt. Alle drei Inhalte kann man mit genau der gleichen Druckfarbe auf genau das gleiche Papier drucken. Der geistige Inhalt liegt offensichtlich nicht in der Materie des Buches, nicht in der chemischen Zusammensetzung von Papier und Farbe.

b) Der geistige Inhalt: Wenn der geistige Inhalt des Buches nicht in der Chemie des Papiers und der Druckfarbe enthalten ist, worin dann? Man könnte sagen: In der Anordnung der Druckfarbe auf dem Papier. Dadurch, dass die Druckfarbe nicht einfach zufällig auf das Papier gekleckst ist, sondern so angeordnet ist, dass sie bestimmte „Zeichen“ darstellt (also Buchstaben), nur dadurch kann sie auch geistige Inhalte transportieren.

Das sagt sich so leicht. Aber woher wissen wir denn, was die Zeichen H oder a oder u oder s bedeuten und wie sie klingen müssen? Im griechischen oder im hebräischen Alphabet z. B. sehen die Zeichen für die gleichen Laute ganz anders aus. Und im Chinesischen gibt es gar keine Laut-Zeichen, sondern Wort-Bilder! Und woher wissen wir eigentlich, dass die Anordnung der Zeichen H-a-u-s (ich könnte ja mit den gleichen Buchstaben auch Hasu schreiben oder Suha ...) ein „Ding“ bezeichnet, in dem man wohnen kann? Die einzelnen Buchstaben des Wortes „Haus“ und die Reihenfolge, in der sie angeordnet sind, die sehen doch gar nicht so aus, als ob man darin wohnen könnte. Wir sagen dann: Das haben wir gelernt. Von wem? Von unseren Eltern und Lehrern. Und woher wissen die das? Na, die haben das von ihren Eltern und Lehrern, und die von ihren … und so immer weiter. Und wann und wo und wie hat das alles angefangen?

Wir sehen: In der Anordnung der Druckerfarbe auf dem Papier zu Zeichen wie H und a und u und s und die Anordnung dieser Zeichen zu Wörtern wie Haus, die eine bestimmte Bedeutung haben, darin ist die ganze Geistesgeschichte der Menschheit durch die Jahrtausende enthalten. So lange hat das gedauert, bis Sprache und Schrift in den verschiedenen Kulturen bis zum heutigen Stand entwickelt waren. Unser Buch kann nur deshalb einen geistigen Inhalt transportieren und seinen Lesern zugänglich machen, weil seine Zeichen und Zeichenkombinationen (Wörter und Sätze) mit Bedeutungen verknüpft sind. Und diese Zuordnung von Zeichen und Bedeutung ist nicht zufällig entstanden, sondern ist das Ergebnis von Sprachgebrauch und Sprachentwicklung in Hunderten von Generationen in verschiedenen Völkern und Kulturen. In unserem heutigen Sprach- und Schriftgebrauch (in allen Sprachen der Menschheit) ist die ganze geistige Entwicklung der Menschheit (in jeweils besonderer geografischen, kulturellen und ethnologischen Ausprägung) seit den frühesten Formen von bewusster Kommunikation durch Laute und Zeichen gegenwärtig (schon die Neandertaler haben mit Lauten und Gesten kommuniziert, auch wenn sie diese nicht „schreiben“ konnten).

Dabei müssen wir beachten: Die geistigen Inhalte unseres Buches sind zwar nicht durch seine Materie (Papier und Druckfarbe) vorgegeben, aber sie können nur dann dargestellt und weitergegeben werden, wenn sie mit irgendwelchen konkreten Mitteln „materialisiert“ werden (z. B. durch Luftschwingungen bei gesprochener Sprache, durch Schriftzeichen in einem Brief, durch Rillen auf einer Schallplatte, durch binäre Zeichenfolgen auf der Computerfestplatte usw.).

Vielleicht hilft uns das folgende Beispiel, uns das Verhältnis von körperlicher Präsenz und geistigen Gehalt noch einmal neu zu veranschaulichen: Sie kennen vielleicht solche Spiele, wo man kleine Plastikplättchen vor sich hat, auf denen je ein Buchstabe eingraviert ist. Daraus soll man dann im Spiel Wörter oder ganze Sätze zusammenbauen. Nehmen wir an, wir hätten 100 solche Plättchen zur Verfügung mit allen Buchstaben, die es gibt. Wir könnten sie nun so zusammenlegen, dass daraus ein Gedicht von Goethe entsteht („Über allen Gipfeln ist Ruh …“) oder ein unanständiger Witz („Kennen Sie den … hahaha“), oder der 23. Psalm („Der Herr ist mein Hirte ...“) oder die Meldung eines Feueralarms („Hilfe, in der Goethestraße 23 brennt es!“) ... Die materielle Substanz der Plastikplättchen wäre immer die gleiche; da ist keine spezielle „Goethe-Gedicht-Materie“ oder “Witz-Materie“ vorhanden. Der Sinngehalt der Information wäre nur durch die Anordnung der Plättchen gegeben. Das heißt: Der Sinngehalt der Information wird zwar im Materiellen dargestellt, er ist aber selbst nicht aus Materie. Oder allgemein gesprochen: Der Inhalt einer (wahren) Information muss schon da sein, bevor er gesagt, geschrieben, digitalisiert … werden kann.

c) Die „Seele“: Kann ein Buch (oder sonst ein Schriftstück) eine „Seele“ haben? Natürlich nicht. Oder doch? Nehmen wir, der Einfachheit halber, nicht ein ganzes Buch, sondern ein kleineres Schriftstück, z. B. einen Brief, einen Brief, mit dem eine Mutter und ein Vater ihrem Sohn, der im Ausland studiert, zum Geburtstag gratulieren. Der geistige Informationsgehalt des Briefes ist dürftig: „Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag …“ und noch ein paar Sätze dazu. Trotzdem hat dieser Brief eine Bedeutung und einen Wert, der weit über seinen sachlichen Informationsgehalt hinausgeht (dass er heute Geburtstag hat, das wusste der Sohn ja schließlich schon, bevor der Brief von seinen Eltern kam). Aber: Er vermittelt dem Sohn das Bewusstsein „Meine Eltern denken an mich und sie hoffen und wollen, dass es mir gut geht“, obwohl das in dem Brief gar nicht wörtlich so drinsteht. Aber: Die wenigen Worte des Briefes rufen bei dem Sohn die vergangenen 20 Jahre intensiver Beziehung zwischen ihm und seinen Eltern auf (obwohl im konkreten Brief nirgends davon die Rede ist): Die Kindheit mit allen schönen und schmerzhaften Erfahrungen, bei denen ihm die Eltern zur Seite standen, die Schulzeit, die Jugend, die Erfolge und Niederlagen, bei denen die Eltern ihm Rückendeckung gaben … Der Brief ist viel mehr als eine neutrale Sachinformation, er ist Teil einer Beziehung. Hat er vielleicht doch so etwas wie eine „Seele“?

Diese Frage kann man natürlich auch bei einem Buch stellen. Warum berührt mich ein bestimmtes Buch so viel mehr als viele andere? Es besteht doch auch nur aus schwarzen Buchstaben auf weißem Papier. Und doch habe ich den Eindruck, als entstünde beim Lesen dieses Buches eine existenzielle Berührung, eine tiefe zwischenmenschliche Beziehung zwischen dem Verfasser des Buches, seinen Erfahrungen, seinen Ängsten und Freuden und meinem eigenen Leben und Erleben. Hat dieses spezielle Buch speziell für mich (und vielleicht auch für manche andere) doch so etwas wie eine „Seele“?

Wir haben nun versucht, die Bedeutung der Begriffe „Körper“, „Geist“ und „Seele“ anhand eines einfachen Gegenstandes, eines Buches, zu erfassen. Trotzdem bleibt es uns nicht erspart, diese Begriffe nun auch in dem viel schwierigeren Zusammenhang mit einem Menschen aufzusuchen und anzusprechen, das ist ja unser Thema. Aber, vielleicht kann uns die „Vorstufe“ dieser Überlegungen, die wir jetzt im Zusammenhang mit einem Buch durchlaufen haben, dabei helfen.

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Bodo Fiebig Das Märchen von der Seele Version 2018 - 6

© 2018, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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