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Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: sein und sollen

Beitrag 4: Allgemeine und persönliche Berufung (Bodo Fiebig 2017- 12)

Das Bild von Gott, der wie ein überdimensionaler „Chef” uns ständig vorschreiben will, war wir tun sollen bzw. was wir nicht tun dürfen, ist biblisch gesehen falsch. Es geht beim biblischen Glauben zunächst nicht um Vorschriften für unser Tun, sondern um den Rahmen für unser Sein. Und dieser Rahmen ist fast unbegrenzt weit. Das, was wir nach den Willen Gottes werden sollen, ist so umfassend und vielgestaltig und immer ganz besonders, dass es für unser Sein fast uneingeschränkte Möglichkeiten zur Verfügung stellt. Gott zeigt uns die ungeheure Weite und Fülle dessen, was wir werden sollen und das hat (wenn wir es bejahen, Gott zwingt uns ja nicht) selbstverständliche Konsequenzen dafür, wie wir jetzt leben leben können.

Sollen” enthält eine Aufforderung und Verpflichtung, zugleich auch eine Richtungs- und Zielangabe, die man sich nicht selbst aussucht. Im Sollen drückt sich aber auch eine Herausforderung aus, die dem eigenen Wollen einen Impuls geben kann, die Ansporn ist und Motivation zu freien Entscheidungen. Es ist wichtig zu unterscheiden zwischen einem von Menschen aufgezwungenem „Müssen” und einem von Gott angebotenen „Sollen”, auf das ein Mensch in freier Entscheidung zugeht und in dem sich seine persönliche Lebenserfüllung im Gesamtzusammenhang der Menschheitsberufung nach und nach entfalten und verwirklichen kann.

In den ersten drei Beiträgen zum Thema „sein und sollen“ (Menschsein – wozu? / Der zweite Teil der Schöpfung / Die Herausforderung des Menschseins) ist vom „sollen“ als einer allgemeinen Berufung des Menschseins die Rede: Und (es) sprach Gott: Machen wollen wir Menschen in unserem Bild, gemäß unserer Gleichheit. (...) Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn … 1. Mose 1, 26+27. Die erkennbare und erfahrbare Vergegenwärtigung der Liebe Gottes in der Gemeinschaft des Menschseins, das ist die allgemeine Berufung aller Menschen.

Hier, im vierten Beitrag zum Thema „sein und sollen“ muss noch auf die persönliche Komponente dieser Berufung hingewiesen werden. Das geht selbstverständlich nicht so direkt und allgemeingültig wie bei der allgemeinen Berufung des Menschseins, denn die Berufung des Einzelnen ist von Gott ja immer sehr individuell auf den Einzelnen zugeschnitten. Aber es gibt Beispiele: Biblische (Adam, Noah, Mose, David, die Propheten, Maria, Petrus, Johannes …), geschichtliche (Augustinus, Franziskus, Dietrich Bonhoeffer, Hildegard von Bingen, Therese von Avila, Edith Stein …) und aktuelle (Menschen, denen wir begegnen und an deren Leben etwas von der Realität dieser Berufung sichtbar wird). Dabei sollte man sich nicht nur an den großen Heiligen und Glaubenshelden orientieren, deren Wege waren immer sehr besonders und fast immer von großem Leiden geprägt. Es kommt darauf an, die eigene Berufung zu entdecken, die den eigenen von Gott gegebenen Begabungen und Impulsen entspricht. Aber immer sollte dabei die Frage bedacht werden, wie sich die eigene und persönliche Berufung dem Miteinander mit anderen zuordnet, die ja auch eine eigene und möglicherweise ganz andere Berufung haben und wie sie das Eigene in die Gesamtberufung des Menschseins einfügt.

Viele Menschen reagieren auf solches von Gott angebotenes „Sollen” wie kleine Kinder. Die empfinden es als einengend und reagieren mit zornigem Geschrei, wenn der Papa es ihnen verwehrt, auf die Straße zu laufen, wo diese schönen schnellen „Brumm-brumm-Autos” fahren. Sie reagieren mit Abwehr und Verweigerung, wenn die Mama ihnen einen Gemüse-Brei anbietet, statt jenen herrlich süßen Schokoladenpudding; den würden sie am liebsten jeden Tag essen, früh, mittags und abends. Und sie können gar nichts verstehen, dass ihre Eltern, die sie eigentlich doch lieb haben, so böse und hart sein können. Die Eltern wollen aber in Wirklichkeit gar nichts anderes, als dass ihre Kinder gesunde, lebensfähige und liebenswürdige erwachsene Menschen werden können. Und ebenso, wie die Eltern versuchen, das Leben mit ihren Kindern so zu gestalten, dass die Kinder einerseits geschützt und behütet aufwachsen können und sie andererseits ihren Kindern den jeweils nötigen Freiraum lassen, dass sie ihre Kräfte erproben und ihre Fähigkeiten entfalten können, ebenso will auch Gott das „Sollen” und das „Wollen” der Menschen so auszubalancieren, dass sie das werden können, was sie sein sollen und was die Erfüllung ihres Menschseins ist: Bild Gottes durch die Verwirklichung von Liebe im Miteinander des Menschseins.

Der Mensch kann sein „Sein” nur dann ganz ausleben, wenn er sein „Wollen” an seinem (jedem Einzelnen ganz speziell angebotenen) „Sollen” orientiert. Freilich kann ein Mensch diesem „Sollen” nie hundertprozentig entsprechen. Darauf kommt es auch gar nicht an; Vollkommenheit ist nie das Ziel für irgendein Geschöpf in dieser Welt und Zeit. Ziel des Menschseins ist es, bei Gott zu sein. 1.Joh 4, 16: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Das macht die besondere Würde des Menschseins aus, dass ein Mensch nicht einfach nur eine Zeit lang existiert bis seine Existenz durch den Tod wieder gelöscht wird, sondern dass er etwas sein und werden soll, das weit über seine bloße materielle und biologische Existenz hinausgeht. Dieses „Etwas”, das der Mensch werden soll, gibt seinem „Sein” eine unauslöschliche Zukunftsperspektive, die nicht nur eine ferne Zeitdimension meint, sondern die sich schon im Hier und Jetzt ansatzweise verwirklichen kann: Nämlich in der Gemeinschaft des Glaubens, Lebens und Handelns ein „Bild” des Schöpfers zu darzustellen, ein erkennbares und erfahrbares Gleichnis dessen, dem alles Sein sein Dasein verdankt. Und das nicht nur als Idee, als religiöse Gedankenspielerei, sondern als handfest-realen Lebensvollzug im Miteinander und Füreinander einer durch freie Zuordnung und Hingabe geformten Gemeinschaft.

Der Mensch kann erst dann sein Menschsein verwirklichen, wenn er in der Gesamtheit seiner Beziehungen und eingeordnet in die Gemeinschaft des Menschseins durch die (menschlich immer unvollkommene, aber doch echte und ehrliche) Verwirklichung dessen, was Gott in ihn hineingelegt hat (die Liebe, die das Wesen Gottes ist), zum „Ebenbild” Gottes wird, das heißt zur wahrnehmbaren Vergegenwärtigung seines Schöpfers in dessen Schöpfung. Und das ist wahrhaftig möglich, hier auf unserer Erde, jetzt in unserer Zeit. Nicht deshalb, weil wir es wollen, sondern, weil Gott es für uns will; und es ist das Höchste und Größte, was er für uns wollen kann. Und wenn Gott es will, dann wird er es auch zustande bringen, trotz aller unser Fehler und trotz allen unseres Ungenügens, wenn wir nur wirklich wollen und zulassen, dass er in uns und mit uns bewirkt, dass wir immer mehr und immer leidenschaftlicher das werden wollen, was wir sein sollen.

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Das Thema sein und sollen enthält derzeit folgende Beiträge (der aktuell geöffnete Beitrag ist hier gelb markiert):

Menschsein – wozu?

Der zweite Teil der Schöpfung

Die Herausforderung des Menschseins

Allgemeine und persönliche Berufung

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Weiterführende Beiträge aus anderen Themengruppen:

Adam, wer bist du?

Die Frage nach dem Sinn

gut und böse

Zwischen Schöpfung und Vollendung

AHaWaH – das Höchste ist lieben

Dein Reich komme

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Bodo Fiebig Allgemeine und persönliche Berufung Version 2017 - 12

© 2012, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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