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Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: sein und sollen

Beitrag 2: Der Zweite Teil der Schöpfung (Bodo Fiebig 2017- 12)

Den ersten Teil der Schöpfung, wo es um die Erschaffung der Materie, des Kosmos und der Erde ging und um die Erschaffung des Lebens und des Menschen, den hat Gott selbst und allein angestoßen und gestaltet.

Im zweiten Teil der Schöpfung, wo es darum geht, dass das Menschsein zum Ebenbild Gottes wird und die Gemeinschaft des Menschseins zum Reich Gottes und dadurch Gott selbst in der Schöpfung vergegenwärtigt und so die Schöpfung vollendet und „sehr gut“, da ist die Mitarbeit und Mitverantwortung der Menschen unbedingt und unersetzbar notwendig. Es ist ja nicht möglich, dass das Menschsein zum Ebenbild der Liebe Gottes wird, ohne sein eigenes Dazutun. Alles kann geschaffen werden, die Physik des Universums und die Biologie auf der Erde und auch das Menschsein. Aber die Liebe unter den Menschen, die kann nicht „geschaffen” werden, die kann es nur geben als Ausdruck freier und bewusster Hingabe im Miteinander und Füreinander menschlicher Gemeinschaft. Sie ist ja auch das Innerste vom Wesen Gottes selbst, das, was das Gott-Sein Gottes ausmacht, seine Identität.

Die Schöpfung Gottes kann nur dann „sehr gut“ werden, wenn die Menschen (das heißt menschliches Miteinander, ja die Gemeinschaft des Menschseins als Ganzes) zum „Bild“, zur anschaubaren Vergegenwärtigung Gottes wird, und damit die ganze Schöpfung Reich Gottes. Dabei geht Gott immer den Weg der Erwählung des Kleinsten als Same für das Wachsen und Werden des Größten. Das begann er mit Adam und seiner Frau Eva. Als das gescheitert war, fing er neu an mit Henoch und seinen Nachkommen. Als auch bei denen „die Bosheit groß geworden war“ (1. Mose 6,5) fing er wieder neu an mit Noah und dessen Nachkommen. Dann erwählte Gott sich Abraham und seine Nachkommen Isaak und Jakob und deren Familie, die in Ägypten zu einem großen Volk heranwuchsen. Dann führte er die Heilsgeschichte weiter in seinem erst­erwählten Volk Israel durch Mose, David, die Propheten …, schließlich in der alles entscheidenden Zeitenwende durch seinen Sohn und Gesalbten Jesus von Nazareth. Dessen Jüngerschaft sollte zum sichtbaren Zeichen der Gottesgegenwart und Gottesebenbildlichkeit werden (Joh 13, 35): Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

Das ganze Gottesvolk Alten und Neuen Testaments1, Israel und die Kirche hat miteinander eine Aufgabe, die Aufgabe einer doppelten Vergegenwärtigung: Erstens die Vergegenwärtigung des Jenseitigen im Diesseits, d. h. die Vergegenwärtigung der Liebe Gottes in der geschaffenen Welt. Die Liebe Gottes, die die Engel im Himmel voller Ehrfurcht und Anbetung schauen, soll im Leben des Gottesvolkes andeutungsweise sichtbar gemacht werden, hier und jetzt vor den Augen der Welt.

Zweitens die Vergegenwärtigung des Zukünftigen im Heute, d. h. die Darstellung des Menschseins der vollendeten Schöpfung, wo alles Böse überwunden sein wird, mitten in der Vorläufigkeit und Gebrochenheit unserer Zeit. Welch eine Herausforderung für die Gemeinschaft der Kinder Gottes und welch ein Geschenk für die harrende und hungernde Schöpfung: Licht der Welt, Salz der Erde und Stadt auf dem Berge. Leuchtzeichen der Liebe mitten in dieser verfinsterten und unbarmherzigen Welt. Auf diese Aufgabe einer doppelten Vergegenwärtigung will ich noch etwas näher eingehen, weil sie mit unseren gegenwärtigen, alltäglichen und konkreten Leben zu tun hat.

1 Vergegenwärtigung des Himmlischen auf der Erde

Zunächst geht es um die Vergegenwärtigung des Jenseitigen, Göttlichen im Diesseits unseres alltäglichen menschlichen Lebens. Wie das Göttliche (also die Liebe) und die materiellen Schöpfung (das Universum und die Erde, auf der wir leben), wie die zusammengehören, das können wir uns an einem einfachen Vergleich verdeutlichen: Stellen wir uns vor: Jemand hat eine wunderschöne Melodie im Sinn, aber er kann sie niemandem mitteilen, denn er hat kein geeignetes Instrument, auf dem er diese Melodie spielen könnte. Da macht er sich eine Flöte, und auf ihr kann er nun seine Melodie zum Klingen bringen.

So ähnlich macht es Gott: Die Weite des Universums und in ihm die Erde, die Vielfalt des Lebens und in ihm das Menschsein, das alles zusammen ist die „Flöte“ auf der Gott sein Innerstes, die Melodie seiner Liebe, zum Klingen bringen will. Dazu ist alles, die ganze Schöpfung, gemacht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. D. h. Gott schuf das Menschsein bewusst als Liebesgemeinschaft, damit in ihm die Melodie seiner Liebe zum Klingen kommen kann. Wir sehen: Nicht ein einzelner Mensch soll „Bild Gottes“ sein. Gott ist Liebe, und das Bild Gottes im Menschsein soll die Liebe Gottes anschaubar machen. Ein einzelner Mensch aber kann für sich nicht „Liebe“ darstellen. Das geht gar nicht. Das geht nur in der Beziehung zum Du.

Aber nicht nur die Beziehung zwischen Mann und Frau, und erst recht nicht nur die sexuelle Beziehung, sondern jede Beziehung zwischen Menschen soll nach dem Willen Gottes eine Liebesbeziehung sein und jede menschliche Gemeinschaft, ja die Menschheit als Ganzes, soll - wenigstens in der Zielperspektive - ein Bild, ein Anschauungsobjekt werden für das Wesen Gottes. So wie das Materielle der Flöte und der Schallwellen nötig ist, um eine Melodie zum Klingen zu bringen, so ist die materielle Schöpfung, das ganze Universum mit all seinen Sternen und Galaxien und in ihm die Erde und das Leben und alles Menschsein dazu da, den „Klangkörper“ zu bilden, in dem durch das Tun der Liebe in der Gemeinschaft des Menschseins, das Wesen Gottes zum „Klingen“ kommen soll.

Von Gott her gesehen ist eigentliches Sein nicht Materie und Biologie, sondern Beziehung, und ihr Wertvollstes nicht Gold und auch nicht das Leben, sondern die Liebe. Sie zu vergegenwärtigen als Ebenbild der Liebe Gottes in der geschaffenen Welt, das ist die Berufung jedes Menschseins, ja der Menschheit als Ganzes.

Wir können nun anhand der Bibel verfolgen, wie die Menschheit, repräsentiert erst durch Adam und seine Frau, dann durch Noah, dann durch Abraham, Mose und das Volk Israel, durch David und das Königtum Israels, schließlich auch durch die neutestamentliche Gemeinde und die weltweite Kirche immer wieder an dieser Berufung scheitert. Wenn aber in der Schöpfung das Bild Gottes nicht zur Darstellung und die Liebe nicht zum Vollzug kommt, dann ist diese ganze Schöpfung gescheitert, dann hat sie ihren eigentlichen Sinn verloren und ihren Schöpfungsgrund verfehlt.2

Gott aber ist nicht nur der Liebende, sondern auch der Allmächtige und seine Liebe und seine Macht waren groß genug, auch jetzt noch die entscheidende Wende zu vollbringen. Dazu war aber ein Schritt letzter Hingabe nötig (auf Seiten Gottes!). Gott selbst musste sich ins Menschsein hineingeben, in die Nichtigkeit des Materiellen und in die Sterblichkeit des Lebens, damit im Menschsein Gott gegenwärtig sei und so die Menschheitsberufung erfüllt würde: Vergegenwärtigung Gottes in Materie und Biologie. Der Mensch Jesus von Nazareth ist die Selbstvergegenwärtigung Gottes in der Schöpfung im Menschsein als anschaubares Bild und erfahrbare Wirklichkeit seiner Liebe in der geschaffenen Welt. Nur so war der Sieg der Liebe über alle Macht menschlicher Verirrung, Gewalt und Bosheit, über alle Not menschlichen Leidens und Sterbens zu erringen, dass die Liebe Gottes selbst Leiden und Sterben des Menschseins auf sich nahm.

So ließ sich die Liebe Gottes als Mensch „zur Welt bringen“ von einem armen Mädchen aus dem Volk der Verheißung. Und es zeigte sich, dass doch hier und da noch ein Funke von Liebe und Hingabe glomm: „Mir geschehe, wie du gesagt hast“. So wurde Maria zum Vorbild des Menschseins, dadurch dass sie ja sagte zur Urberufung des Menschen, und die heißt: Zur-Welt-Bringung Gottes durch die Liebe der Menschen, die zum Ebenbild seines Wesens werden soll. Und so kam die Liebe Gottes „zur Welt“ in einem Stall. Kein verkleideter Gott, sondern ganz Mensch, geboren in Bethlehem, nach Flucht und Rückkehr aus Ägypten aufgewachsen in Nazareth, Zimmermann von Beruf, ganz und vorbehaltlos Mensch, ohne Rückendeckung und Ausflucht, wenn es schwierig werden sollte. Aber in seinem Leben, Reden und Tun war Jesus ganz Verkörperung Gottes in dieser Welt: Helfend, heilend, segnend aus reiner Liebe. Wahres Bild Gottes im Menschsein.

Durch ihn war die Menschheitsberufung doch noch zur Erfüllung gekommen, wenn auch jetzt nur in einem Einzigen: Darstellung, Anschauungsmodell und Vergegenwärtigung des innersten Wesens des Schöpfers in der geschaffenen Welt. Durch ihn sollen und können alle Menschen, ja die ganze Schöpfung der Vergänglichkeit des Materiellen und der Sterblichkeit des Lebens entrissen werden und „Ewigkeitsstatus“ bekommen, denn die Liebe, jede Liebe, die sich einem anderen uneigennützig zuwendet, ist ewig, ewig, wie Gott selbst.

Es sollte aber nicht bei diesem Einen bleiben. In der Jüngerschaft Jesus sollte sich das Leben Jesu fortsetzen. Sie ist ja „sein Leib“ (Eph 1,23). Nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu ist die Gemeinde sichtbare und wesenhafte Verkörperung Jesu. Jesus aber ist das vollkommene Bild Gottes. Durch die christliche Gemeinde (und ihr Leben in Einheit und Liebe als „Leib Christi“ in der gegenwärtigen Welt), soll die Berufung des Menschseins als Bild Gottes neu verkörpert werden. Davon redet Jesus in seinem letzten Beisammensein mit den Jüngern am Vorabend seines Leidens und Sterbens: Joh 13,34-35: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

So soll der „neue Adam“, der „neue Bund“, die „Gemeinschaft der Heiligen“ im „Reich Gottes” aussehen: Einheit durch die Liebe. Und damit dies trotz aller menschlichen Schwachheit und Schuldhaftigkeit gelingen kann, geht Gott den Weg der Selbsthingabe bis zum Äußersten, bis in die Vernichtung: Jesus, die vollgültige Vergegenwärtigung Gottes im Menschsein, gibt sein Leben ans Kreuz, stirbt den menschlichen Tod, damit göttliches Leben im Menschsein gegenwärtig sei. So ist in Jesus alle schuldhafte Abirrung des Menschen von seiner Berufung überwunden: Die Liebe Gottes, hat ihr vollkommenes Ebenbild gefunden. So sind alle Voraussetzungen gegeben, dass die Berufung des Menschseins doch zur Erfüllung kommen kann, in aller Vorläufigkeit und Gebrochenheit, (das sehen wir ja an uns selbst) aber doch echt und gültig: Die Gemeinde, die Gemeinschaft der Heiligen, ist „Leib Christi”, ist Verkörperung Jesu als Bild Gottes im Menschsein. Von dort aus sollte sie dann in „alle Welt“ gehen (Mk 16,159) und „alle Völker“ erfassen (Mt 28, 19), sodass schließlich die ganze Erde „Reich Gottes” wird und die ganze Schöpfung zur Vollendung kommt. Im Reich Gottes, wo der Name Gottes geheiligt wird und wo sein Wille geschieht, wie im Himmel, so auf Erden, da wird die Lebensgemeinschaft des Gottesvolkes zur Widerspiegelung der Liebesgemeinschaft des Himmels hier auf der Erde und wird die Gemeinschaft des Menschseins zur anschaubaren und erfahrbaren Vergegenwärtigung Gottes inmitten der geschaffenen Welt.

2 Vorverwirklichung des Zukünftigen in der Gegenwart

So wie Jesus in seinem irdischen Leben Vergegenwärtigung war von etwas Himmlischen auf der Erde, von etwas „Jenseitigem” im „Diesseits“ dieser Welt, als Bild Gottes im Menschsein, so war sein Leben auch Vergegenwärtigung und Vor-Verwirklichung von etwas Zukünftigem jetzt und hier in unserer Gegenwart.

Gott hat für seine ganze Schöpfung eine Vollendung vorgesehen und verheißen, die das „Sehr gut“ des Anfangs zur Erfüllung bringt. Schon im Alten Testament ist davon die Rede: Jes 2, 3-4 Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, wie man Krieg führt. Gewiss, das ist jetzt noch „Zukunftsmusik“, und doch soll die „Melodie” dieser Zukunftsmusik, die Realität des himmlischen Friedens hier in dieser geschundenen und ihrer Erwählung entfremdeten Menschheit, schon hier und heute anklingen.

Im Leben Jesu war schon ein voller Ton dieser „Zukunftsmusik“ zu hören: Lk 4,16-21: Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen. Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1-2): »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.« Und als er das Buch zutat, gab er's dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren. Vorverwirklichung der Vollendung mitten in der Unvollkommenheit der Zeit.

Und das war nicht nur vollmundige Ankündigung, sondern es wurde sichtbare und spürbare Realität (Mt 15,30-31): Und es kam eine große Menge zu ihm; die hatten bei sich Gelähmte, Verkrüppelte, Blinde, Stumme und viele andere Kranke und legten sie Jesus vor die Füße, und er heilte sie, so dass sich das Volk verwunderte, als sie sahen, dass die Stummen redeten, die Verkrüppelten gesund waren, die Gelähmten gingen, die Blinden sahen; und sie priesen den Gott Israels. Hier war eine Vor-Ahnung des Heils im Reich Gottes, das Jesus als "Frohe Botschaft" verkündigte, schon erfahrbare Wirklichkeit geworden. Das Handeln Jesu bestätigte seine Botschaft.

Und doch war das vorerst nur eine zeichenhafte Vor-Verwirklichung dessen, was sich im Reich Gottes noch zu seiner ganzen Fülle und umfassenden Erfüllung entfalten soll (Offenbarung 21,3b-5): Siehe da, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und dieses ganz Neue sollte nicht nur im Leben Jesu gegenwärtige Wirklichkeit werden, sondern es soll (so sehr es noch „Zukunftsmusik“ bleibt und so leidvoll uns immer wieder die Gebrochenheit und Vergänglichkeit alles Gegenwärtigen bewusst wird) auch schon hier und heute in der Gemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen Jesu eine zeichenhafte Vor-Erfüllung finden, trotz aller menschlichen Unvollkommenheit. Wie sollte denn diese blinde, unwissende und ungläubige Menschheit eine Sehnsucht bekommen nach der Vollendung bei Gott, wenn sie nicht schon hier und heute etwas von dieser Vollendung sehen, schmecken und erfahren könnte im Miteinander der Gemeinde Jesu?

Die uralten Menschheitsprobleme, die Gier nach Besitz und Macht, nach Erfolg und Ruhm sollten in der Gemeinde nicht mehr ihre zerstörende Gewalt entfalten können. Durch die Einheit (trotz aller gottgewollten Verschiedenheit) in der einen Liebesgemeinschaft aller Jünger und Jüngerinnen Jesu sollte auch jede Trennung zwischen „wir“ und „ihr“ überwunden werden, die heute noch wie damals die Menschheit nach Rassen und Klassen, Völkern und Kulturen trennt. So soll der eine Leib Christi entstehen, die eine „Verkörperung“ seiner Liebeseinheit mit dem Vater im Heiligen Geist. Vor-Zeichen des kommenden Friedensreiches, angefochten zwar von innen und außen, aber trotz aller menschlichen Unvollkommenheit echt und gültig.

Im Leben der christlichen Urgemeinde und in vielen gläubigen Gemeinschaften auch in unserer Gegenwart wurde und wird es andeutungsweise sichtbar: Apg 2,42-47a Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. (...) Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.

So soll mitten in dieser argen und doch auch so schönen Welt der Same des Gottesreiches aufgehen wie Saatgut, das auf festgetretenen, steinigen, dornenüberwucherten Boden fällt, wie Weizen in einem Unkrautacker, wie ein Senfkorn, aus dem ein Baum wird, wie ein kleines Stück Sauerteig, das eine große Menge Mehl durchsäuert (Mt 13, 1-33). Gott beginnt seine größten Vorhaben immer ganz klein und unauffällig. Trotzdem: Ohne diese modellhaft-vorläufige Vor-Verwirklichung des Zukünftigen in der Schwachheit und Unvollkommenheit menschlichen Tuns hier und heute, inmitten einer schuldbeladenen, friedlosen Menschheit, ohne das will Gott sein vollkommenes Reich der Erfüllung und des Heils, der Versöhnung und des Friedens nicht beginnen.

Gott selbst wird beim Wiederkommen seines Messias sein vollkommenes Reich mit unwiderstehlicher Macht verwirklichen, ja, gewiss, aber er wartet zuvor auf die Vor-Verwirklichung seines Reiches hier und heute durch das menschlich unvollkommene Bemühen seiner Kinder, durch das der Name Gottes geheiligt wird und der Wille des Vaters geschieht „wie im Himmel, so auf Erden“.3

Die (immer unzureichenden und oft auch fragwürdigen) Ergebnisse dieses Bemühens um Gemeinschaft, Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden wird Gott, wenn das Vollkommene kommt, nicht für ungültig erklären oder gar vernichten, sondern er wird sie von allem Schuldhaften reinigen und sie so, geheiligt und geläutert, als Rohmaterial für die Gestaltung seines Reiches der Liebe und des Friedens verwenden.

Durch diese „doppelte Vergegenwärtigung”, die Vergegenwärtigung des Jenseitigen im Diesseits und des Zukünftigen in der Gegenwart, die in der Lebens- und Liebesgemeinschaft des Menschseins ein wenn auch immer unvollkommenes und bruchstückhaftes aber doch erkennbares und anschaubares „Bild” des Schöpfers in der geschaffenen Welt verwirklicht, durch sie kann die Schöpfung vorankommen auf dem Weg zur Vollendung, denn Gott achtet dabei nicht auf die Vollkommenheit der Ergebnisse, sondern auf die Echtheit des Lebens und der Liebe.

Was dann noch fehlt (und es wird gewiss noch ganz viel fehlen) das wird er selbst, wenn es soweit ist, aus der Fülle seiner göttlichen Liebe dazutun. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere (von Gott) dazugegeben (Mt 6, 33). Genau so, wie er aus der Fülle seiner Liebe und Macht dann auch noch das hinzufügen wird, was von Menschen niemals erreicht werden kann: Die Überwindung des Todes und allen Leids und die Überwindung aller Feindschaft zwischen aller Kreatur.

Nein, es gibt keinen unüberwindbaren Abstand mehr zwischen Gott und Mensch, Mensch und Gott, denn Gott selbst hat ihn überwunden. Durch die Hingabe seiner Liebe in dem Menschen Jesus von Nazareth hat Gott allem Menschsein göttliche Würde verliehen. Als die Mensch gewordene Liebe Gottes den Menschentod starb, konnte Jesus sterbend sagten: Es ist vollbracht. Ja, es ist vollbracht. In Jesus war, stellvertretend für die ganze Menschheit aller Völker und Generationen, das Menschsein zum Abbild der Liebe Gottes geworden. Und durch ihn und in seiner Nachfolge kann jede menschliche Gemeinschaft zum Lebensraum der Liebe werden und zur Vergegenwärtigung Gottes mitten in dieser Welt.

Und manchmal, selten genug, können wir ein bisschen, wenigstens einen Hauch davon wahrnehmen: Und dann spüren wir, überrascht und erschüttert: Diese Erde könnte ja doch ein Paradies sein – trotz aller Fragwürdigkeit menschlicher Existenz, menschlichen Wollens und Tuns in dieser Zeit.

Menschsein – wozu? Dazu, dass Menschen das werden, was sie sein sollen: Ebenbild Gottes, Darstellung und erfahrbare Verwirklichung der Liebe Gottes im Miteinander und Füreinander menschlicher Gemeinschaft, durch die der Name Gottes geheiligt wird und sein Wille geschieht und so das Reich Gottes kommt, wie im Himmel, so auf Erden.

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Das Thema sein und sollen enthält derzeit folgende Beiträge (der aktuell geöffnete Beitrag ist hier gelb markiert):

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Der zweite Teil der Schöpfung

Die Herausforderung des Menschseins

Allgemeine und persönliche Berufung

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Adam, wer bist du?

Die Frage nach dem Sinn

gut und böse

Zwischen Schöpfung und Vollendung

AHaWaH – das Höchste ist lieben

Dein Reich komme

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Bodo Fiebig Der zweite Teil der Schöpfung Version 2017 - 12

© 2012, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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