Anmeldestatus

Du bist nicht angemeldet.

www.chajimweschalom.de

Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: sein und sollen

Beitrag 1: Menschsein – wozu? (Bodo Fiebig 2017- 12)

Sein und sollen? Nein, danke, nicht schon wieder! Ich bin den ganzen Tag lang derjenige, der etwas soll. Mein Chef sagt mir, was ich zu tun habe und wie er das haben will. Ich würde ja gern manches anders machen, als ich es soll, aber wenn ich das nicht so mache, wie er sich das vorgestellt hat, dann gibt es Ärger. Da bleibt für mein Sein, für meine individuellen Ansichten, Fähigkeiten, Begabungen, Pläne, Bedürfnisse... nicht viel Raum. Und da soll ich noch Lust haben auf eine Religion, die mir ständig sagt: Du sollst und Du sollst nicht? Nein, danke. Ich bin ja nicht gegen den Glauben an einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der die Naturgesetze eingerichtet und die Kräfte des Universums in Gang gesetzt hat. Aber damit soll's auch gut sein; aus meinem privaten Leben soll er sich raushalten. Da will ich selbst entscheiden können, was ich will oder nicht.

So oder so ähnlich denken und reden viele und das ist auch sehr verständlich. Auf einen Gott, der nichts anderes sein will als unser oberster Chef, der uns sagt, was wir tun sollen und was wir nicht tun dürfen, auf so einen könnten wir gern verzichten. Aber ist der Gott der Bibel nicht genau so ein „Chef”? Versteht sich nicht zumindest das Alte Testament selbst als „Gesetz”, das vor allem aus Vorschriften und Verboten besteht (… du sollst, du sollst nicht ...)? Nein, das wäre ein grundsätzliches und schwerwiegendes Missverständnis der Bibel Alten und Neuen Testaments: Was Gott uns sagen will, ist nicht in erster Linie das, was wir tun (oder lassen) sollen, sondern was wir sein sollen. Der entscheidende An-Spruch der biblischen Botschaft an uns meint keine Vorschriften für unser Tun, sondern eine Zielangabe für unser Sein. Und erst dann, erst in zweiter Linie, damit dieses Sein auch gelingen kann, da gibt uns Gott dann auch wichtige Hinweise auf Verhaltensweisen, die diesem Sein entsprechen - oder ihm auch widersprechen. Seine „Weisungen” (Gebote) sind Richtungsweisung, Wegweisung und Anweisung, aber auch Zurechtweisung, die uns helfen sollen, (in aller Unvollkommenheit menschlichen Bemühens) das zu werden, was wir von Anfang an sein sollen. Sie wollen uns bewusst machen, was die Herausformung „wahren Menschseins“ erleichtern und fördern oder sie erschweren kann. Das also sind die Gebote Gottes wirklich: Hilfen zu einem Leben, in dem wir das werden können, was wir sein sollen. Aber was ist es denn, was wir sein sollen, hat da nicht jeder seine ganz eigenen Vorstellungen?

1 wollen oder sollen?

Sollen und wollen, diese beiden Begriffe beschreiben – jedenfalls im Verständnis vieler Menschen der Gegenwart - den Konflikt zwischen Rückständigkeit und Moderne, zwischen Fremdbestimmung und Freiheit. Etwas „sollen” bedeutet für sie Abhängigkeit, Unfreiheit, Unterdrückung, bedeutet, nicht selbst entscheiden zu können, was man tun will. Aber gerade dieses „Selbst-entscheiden-können” (und dann auch die Freiheit und die Möglichkeiten haben, das, wofür man sich entschieden hat, auch tatsächlich zu verwirklichen) das bedeutet für sie Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Modernität, Freiheit.

Das ist für sich genommen eine selbstverständliche und im allgemeinen auch richtige Sichtweise. Viele aber identifizieren dann ganz automatisch und ohne weiter darüber nachzudenken solches als einengend empfundenes „Sollen” mit Religion und solches von allen Vorschriften befreites „Wollen” mit einer religionsfreien (also atheistischen) Einstellung, und da kann es natürlich nicht verwundern, dass der Atheismus als die wesentlich attraktivere Alternative angesehen wird. Religion erscheint vielen als aufgezwungenes Regelwerk, welches das meiste, was ihnen Spaß macht, mit Tabus umstellt und das ihrer Eigeninitiative enge Grenzen setzt. Im Gegensatz dazu verbinden sie eine religionsfreie Haltung mit Befreiung, Selbstbestimmung und Menschenwürde.

Soweit wäre alles ganz einfach und spräche sich eindeutig gegen Religion und für eine atheistische Einstellung und Gesellschaftsform aus, wäre da nicht die überraschende Erfahrung (vor allem die Erfahrung des vergangenen 20. Jahrhunderts), dass ausgerechnet Gesellschaftssysteme, die sich selbst als religionskritische „Befreiung” verstanden (das waren für die Gesellschaften Europas seit der Französischen Revolution im Wesentlichen der Liberalismus, der Kommunismus und der Nationalismus), immer dann, wenn sie tatsächlich irgendwo an die Macht gekommen waren, sehr schnell ein unerbittliches Zwangssystem entwickelten (siehe das Thema „Die Revolution und ihre Kinder“ im Bereich „ mitreden - kontroverse Diskussion“). Beispiele dafür waren die bewusst atheistisch-kommunistischen Systeme in der Sowjetunion und ihrer Vasallenstaaten, in China unter Mao oder auch im heutigen Nordkorea, die in Wirklichkeit Parteidiktaturen mit einer für alle verpflichtenden zwangsweise verordneten Ideologie waren bzw. sind. Ebenso müsste man die Ideologie des Nationalsozialismus in Deutschland dazu rechnen, welche den biblischen Gott durch eine selbsterdachte „Vorsehung” ersetzte und das Christentum durch eine religiös überhöhte Rassenideologie. Und ja: Auch der Liberalismus in der Form eines rücksichtslosen Turbo-Kapitalismus, wie er sich in vielen Regionen der Erde breit gemacht hat, muss zu diesen Zwangssystemen gerechnet werden.

Herausragende Merkmale dieser atheistischen Befreiungssysteme wurden schon bald nach ihrer „Machtergreifung“ und nach und nach immer deutlicher die Gefangenenlager (der GULAG in den Eiswüsten Sibiriens in der Sowjetunion, die „Umerziehungslager” der „Kulturrevolution” in China unter Mao oder die Straflager in heutigen Nordkorea ebenso wie die Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalisten in Deutschland), in denen im 20. Jahrhundert viele Millionen von unschuldigen Menschen bis zum Äußersten durch Zwangsarbeit ausgebeutet und schließlich umgebracht wurden (siehe das Thema „Die Ethik des Atheismus”). Bisher hat es auf dieser Erde kein bewusst und betont atheistisches und staatlich verfasstes System gegeben, dass seinen Bürgern die Freiheit gelassen hätte, selbst zu entscheiden, wie sie leben wollen. Das gilt auch für die heutigen liberalistischen Systeme der Weltwirtschaft und globalen Finanzwirtschaft, die für ihre systembedingten und systemnotwendigen „Billigproduzenten” in den „Billiglohnländern” ebenfalls Zwang, Unterdrückung, Ausbeutung, Hunger und Tod bedeuten. Ihre „Konzentrations- und Arbeitslager” sind die Fabrikhallen in vielen Ländern Asiens und Afrikas und anderswo, wo jeweils Tausende unter menschenunwürdigen Bedingungen für Hungerlöhne arbeiten.

Wie ist es also mit dem Sollen und dem Wollen; darf man den Begriffen trauen? Oder haben sich im Laufe der Zeit Fehldeutungen dieser Begriffe eingeschlichen, die die Verhältnisse auf den Kopf stellen? Beginnen wir mit der Frage, wozu denn eigentlich das Menschsein, das Menschenleben mit all seinen Höhen und Abgründen da sein soll.

2 Was ist der Mensch, wozu ist er da?

Wozu ist das Mensch-Sein geschaffen? Wozu sind wir da? Jahrtausende lang haben Menschen um diese Frage gerungen, bis sie (gewiss nicht alle, aber doch viele) in unserer Zeit, enttäuscht und frustriert, diese Frage als irrelevant zur Seite gelegt haben: Der Mensch sei im Verlauf zufälliger Entwicklungen in dieses Dasein geworfen, ohne Sinn und Ziel und deshalb sei es völlig Sinn-los, nach einem Sinn und Ziel des Daseins zu fragen. Man will der Herausforderung, seinen Daseinssinn zu enträtseln ausweichen, indem man ihn verleugnet. Aber damit, dass man sich dieser Frage entledigt, ist sie ja nicht erledigt, zumindest nicht für Menschen, die sich mit „Geld verdienen und Spaß haben” als alleinigen Lebenssinn nicht abfinden wollen. Stellen wir uns also dieser Frage: Was ist der Mensch und wozu ist er da?

Was macht das Menschsein des Menschen aus? Seine Intelligenz, die ihn aus der Menge der übrigen Lebewesen heraushebt? Seine Sprachfähigkeit und die Entwicklung der Schrift, mit deren Hilfe er Erfahrungen, Wissen, Überlegungen, Emotionen... mitteilen und austauschen kann? Seine technischen Errungenschaften, vom Rad bis zur Weltraumrakete, vom Zählbrett bis zum Supercomputer, von der Erdhöhle bis zum Wolkenkratzer, vom Rauchzeichen bis zur globalen Kommunikation ...? Das alles sind Ergebnisse jahrtausendelanger, immer weiter aufeinander aufbauender Denk- und Gestaltungsprozesse und großartige Leistungen des menschlichen Geistes. Aber machen sie allein schon das Besondere und Einzigartige des Menschseins aus? Was ist es, das den Menschen zum Menschen macht? (Siehe die Themenbeiträge „Adam, wer bist du?” und „Die Frage nach dem Sinn”.)

Die Bibel sagt: Materiell gesehen ist der Mensch gar nichts Besonderes. „Staub vom Erdboden” ist er, heißt es da (1. Mose 2, 7, siehe den Themenbeitrag „Schöpfungsglaube und modernes Weltbild”). Und die Bibel hat recht: Die Atome, aus denen ein menschlicher Körper zusammengesetzt ist, unterscheiden sich in nichts von denen, die den „Staub vom Erdboden” bilden. Auch biologisch gesehen ist der Mensch nichts Besonderes. Biologisch funktioniert er genau so wie jedes andere Lebewesen auch. Und genetisch ist er den Säugetieren ganz eng verwandt. Das Besondere des Mensch-Seins liegt nicht in seiner Materie und nicht in seiner Biologie. Worin aber dann? Was macht denn dann das Mensch-Sein des Menschen aus? Die Bibel sagt: Das Besondere am Menschen liegt in seiner Berufung, liegt in dem, was er sein kann und werden soll. Jedes Tier erfüllt den Sinn seines Daseins allein schon durch sein Da-Sein als Mit-Geschöpf im Beziehungsgefüge des Lebens. Es kann seinen Lebenssinn nicht verfehlen. Der Mensch aber hat die Erfüllung seines Lebenssinns als Aufgabe bekommen, die er erfüllen oder auch versäumen kann. Er ist das einzige Lebewesen, das den Sinn seines Daseins nicht in sich selbst hat, sondern ihn suchen und finden und als Berufung annehmen muss.

Aber was ist das für eine Berufung? Das steht schon auf der ersten Seite der Bibel: 1.Mose 1, 26-27 (wörtliche Übersetzung):: Und (es) sprach Gott: Machen wollen wir Menschen in unserem Bild, gemäß unserer Gleichheit. (...) Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn …

Biblisch gesehen ist dieses auf zwei Beinen aufrecht gehende Lebewesen „Mensch” nicht definiert durch das, was es ist (ein relativ intelligentes Säugetier) sondern durch das, was es sein soll: „Bild” Gottes, Abbild und Darstellung des innersten Wesens dessen, der das Universum geschaffen hat. Das bedeutet: Der Rahmen dessen, was der Mensch von Gott her sein und werden soll, ist so weit gesteckt, dass für sein persönliches, selbstbestimmtes „Wollen” schier unbegrenzte Möglichkeiten bleiben. Der entscheidende An-Spruch Gottes an uns meint keine Vorschriften für unser Tun, sondern eine Zielangabe für unser Sein. Und erst in zweiter Linie, damit dieses Sein auch gelingen kann, da gibt uns Gott wichtige Hinweise auf Verhaltensweisen und Handlungen, die diesem Sein entsprechen, oder auch nicht (die „Gebote“oder „Weisungen“). Dem Streben des Menschen sind von den biblischen Geboten her keine Grenzen gesetzt, denn dort geht es nicht darum, was ein Mensch wollen darf oder nicht, sondern wie er das, was er will, verwirklicht: Miteinander und füreinander (also in der Liebe) oder getrennt vom Mitmenschen und gegen ihn.

Der Mensch ist im Vergleich zu allem Vorangegangenen eine wirkliche Neuschöpfung Gottes, trotz seiner biologischen Nähe zu den Säugetieren. Und dieses „ganz Neue“ ist nicht materieller und nicht biologischer Art, sondern besteht in einer besonderen, nur die Menschen betreffenden Berufung: Die Schöpfung „Mensch“ soll „Bild“ sein, Ikone – Ikone Gottes, das heißt: sichtbare Darstellung des Schöpfers in der Schöpfung, anschaubare Vergegenwärtigung Gottes mitten in einer scheinbar gottlosen Welt. Dabei ist aber der Mensch keine optische Abbildung Gottes, als wäre Gott ein Wesen mit menschenähnlicher Gestalt, mit Armen und Beinen, mit Augen, Mund und Nase… (dann wäre ja Gott ein Abbild des Menschen, und so haben sich Menschen zu allen Zeiten ihre Götter vorzustellen versucht, schauen wir uns doch die Götterbilder der Religionen an).

Nein, der Mensch ist keine optische Abbildung Gottes sondern eine wesentliche. Durch das Menschsein soll das Wesen Gottes in der Schöpfung anwesend sein. Aber, wer ist Gott, was ist denn sein eigentliches Wesen? Und wozu hat er uns geschaffen und was erwartet er von uns? Die Antworten auf solche Fragen sind von uns aus nicht zugänglich. Wir können mit den Mitteln menschlicher Erkenntnisfähigkeit nur so viel von Gott erfassen und mit den Mitteln menschlichen Sprache nur so viel von Gott aussagen, als er selbst sich uns offenbart.

Und Gott hat sich offenbart: In der Schöpfung, in der Geschichte Israels, im Leben, Reden und Handeln Jesu, auch in der Geschichte des Judentums und der Christenheit der vergangenen 2000 Jahre und in der Weltgeschichte und Heilsgeschichte bis heute. Und in dieser Selbstoffenbarung Gottes über Jahrtausende hinweg können wir wahrnehmen, dass die Existenz Gottes wesentlich in einem „In-Beziehung-Sein“ besteht, einem „In-Beziehung-Sein“, das wir mit den Mitteln der menschlichen Sprache (freilich völlig unzureichend, aber wir haben keine Alternative) mit dem Begriff „Liebe“ umschreiben (siehe den Themenbeitrag „AHaBaH – das Höchste ist Lieben).

In der Bibel klingt das so: 1. Joh 4, 7-8: Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Das also (das, was hier mit dem Begriff „Liebe” umschrieben wird), das ist es, was das Gott-Sein Gottes ausmacht, sie ist sein eigentliches „Wesen”, seine „Substanz”, seine „Identität”.

Die Bibel beschreibt (in deutscher Übersetzung) das Wesen Gottes in drei Worten: Gott - ist - Liebe. Damit ist alles Wesentliche über den Gott der Bibel ausgesagt: Sein Wesen ist ein „Für-den-andern-da-sein“ in voraussetzungsloser Annahme und uneingeschränkter Zuwendung, in unerschütterlicher Treue und opferbereiter Hingabe. Und diese Liebe, die das Gott-Sein Gottes ausmacht, die soll nun als sein „Ebenbild” auch das Mensch-Sein des Menschen bestimmen. Das, was das Menschsein des Menschen ausmacht, ist die Fähigkeit zu lieben. Zu lieben aus bewusster Hingabe an ein Du. Zu lieben, auch wenn es für das eigene Ich Nachteile einbringt. Zu lieben, und koste es das eigene Leben.

Solche Liebe, die sich bewusst an ein Gegenüber hingibt, die nicht sich selbst erhöhen, sondern dem andern zur Erfüllung seines Menschseins und zur Freude am Dasein helfen will, die sich aus freiem Willen für eine Gemeinschaft engagiert und die sich sogar selbst unter Zurückstellung des eigenen kreatürlichen Lebenswillens für das Gefährdete und Verlorene einsetzen kann, um es zu retten, das ist das Göttliche, das sich im Menschsein widerspiegeln soll als sein Ebenbild und das durch den Menschen in der Schöpfung gegenwärtig und wirksam sein soll.

Diese Liebe soll zur Überwindung des universalen Ego-Prinzips der Evolution werden im Miteinander der Menschen. Sie ist das Gegenmodell zum „Kampf ums Dasein”, und zum Prinzip vom „Fressen und Gefressen-werden”, die sonst alles Leben beherrschen. Mitten in einer Natur, in der jedes Lebewesen um seinen Lebensraum und seine Lebensmittel kämpfen muss, schafft Gott mit dem Menschen ein Geschöpf, das die Möglichkeit hat, seinen Lebensraum bewusst als Raum der Gemeinschaft zu gestalten und seine Lebens-Mittel im bewussten Miteinander und Füreinander zu erwerben.

Wer und wie ist Gott? In der Bibel lesen wir nichts darüber wie Gott aussieht, aber die Bibel ist von der ersten bis zur letzten Seite voll davon, was Gott tut, was er aus Liebe tut. Darin also, im Tun der Liebe, soll der Mensch, soll jede menschliche Gemeinschaft, ja soll das Menschsein als Ganzes ein erkennbares „Abbild“ Gottes werden. Nein, das ist nicht unmöglich! Trotz aller schuldhaften Verirrung und Entfremdung menschlichen Lebens und Handelns ist doch das Bild der Liebe Gottes im Menschsein nicht gänzlich verloren und zerstört. Es ist trotz allem erkennbar, anschaubar, erfahrbar und nachahmbar, wenn auch zunächst nur in einem Einzigen. Wer mich sieht, der sieht den Vater, sagt Jesus (Joh 14,9). Aber damit spricht Jesus für sich das aus, was eigentlich die Berufung allen Menschseins ist: Bild Gottes zu sein. Wenn man die Menschen anschaut, nicht wie sie aussehen, sondern wie sie miteinander leben und miteinander umgehen, und wie sie einander lieben, dann soll man eine erste, vorsichtige Ahnung davon bekommen: So ist Gott. Und das kann sich in aller Vorläufigkeit und Gebrochenheit menschlicher Gemeinschaft hier und jetzt an jedem Ort dieser Erde vollziehen.

Gott ist die Liebe und deshalb handelt er als Liebender. Wir Menschen können Gott nicht sehen, wir können nicht direkt erkennen, wer er ist und wie er ist. So ist es ja auch bei unseren Mitmenschen: Wir können nicht in das Herz unseres Nachbarn schauen, dessen innersten Gedanken, Motive, Abtriebe bleiben uns verborgen. Wir können nur an seinem Verhalten, Reden und Handeln indirekt erahnen, wer er ist und wie er ist. So ist es auch bei Gott. Wir können nicht direkt wahrnehmen, wie Gott ist. Wir können aber auch das Handeln Gottes nur manchmal (und oft sehr unvollkommen) wahrnehmen und deshalb beruft Gott eines seiner Geschöpfe zu seinem „Ebenbild”, damit man an dessen Sein und Leben und Handeln etwas wahrnehmen kann vom Wesen Gottes. Von Gott her gesehen soll das Menschsein – jedes Menschsein – durch sein Leben und Zusammenleben zum erkennbaren „Bild” der Liebe Gottes werden, darum geht es. Aber das geht eben nur, wenn auch das Verhalten und Handeln der Menschen erkennbar von dieser Liebe gestaltet wird.

Wir wissen selbst, wie sehr dieses Bild Gottes im Menschsein unter uns überdeckt, verdunkelt, verzerrt und entstellt ist. Nur in Jesus, in seinem Leben, Reden und Handeln ist ein menschlich wahrnehmbares „Bild“ Gottes unter uns gegenwärtig, das wirklich die Fülle seiner Liebe widerspiegelt, aber eben nicht als optisch erkennbare Gestalt (wir wissen ja nichts darüber, wie Jesus als Mensch ausgesehen hat), sondern als Vergegenwärtigung und „Bild” der Liebe Gottes im Leben und Tun.

Es genügt dem Schöpfer nicht, ein gigantisches, aber stummes, lebloses und sinnloses Universum zu schaffen, wie ein riesiges Feuerwerk, das aufleuchtet, eine Weile in großartigen Farben und Formen brennt und dann verlischt (siehe das Thema „Zwischen Schöpfung und Vollendung”). Nein, Gott macht das Universum als eine Art „Bühne“, als Bühne für ein „Spiel der Liebe“ und das soll sich hier, hier auf dieser armen, leiderfüllten und doch auch so wunderschönen Erde „abspielen”. Und wenn dieses Spiel der Liebe sich entfaltet, will der Schöpfer-Gott, der selbst ganz Liebe ist, dadurch mitten im Geschaffenen gegenwärtig sein.

Gott will sich in seiner Schöpfung ein Gegenüber erwecken, das sein Ebenbild ist, erkennbare und erfahrbare Vergegenwärtigung seiner Liebe mitten in dieser Welt und mit dem er eine Liebesbeziehung beginnen kann.

Nun kann man natürlich fragen: Ist das nicht eine sehr einseitige Interpretation der biblischen Texte, wenn man sie auf ein einziges, alles umfassendes Thema reduziert, in diesem Falle auf das Thema der Liebe unter den Menschen als „Bild” und Vergegenwärtigung Gottes? Ich meine: Nein, und ich berufe mich dabei auf eine Kernaussage Jesu im Neuen Testament: Mt 22, 37-40: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Hören wir genau hin: Nach Jesu Aussage „hängen” das „Gesetz” (gemeint ist die Thora, also die 5 Bücher Mose) und die „Propheten” (hier gemeint als Zusammenfassung der übrigen Schriften des AT), in diesem „Doppelgebot der Liebe”, das heißt in der Verwirklichung der Liebe im Verhältnis zwischen Gott und Mensch, Mensch und Gott und zwischen den Menschen untereinander (siehe die Themen „Gesetz und Liebe” und „AHaWaH - das Höchste ist lieben“) ). Dieses Liebesgebot ist das „höchste und größte”. Das heißt: Die ganze Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments muss (nach diesem Wort Jesu) mit dem Blick auf dieses Zentralgebot gelesen werden, wenn man sie richtig verstehen will.

Das also ist der Mensch (genauer: die Berufung des Menschen in der Gemeinschaft des Menschseins), oder das soll er sein und werden: Göttliches Leben in toter Materie, Keim der Liebe im Nährboden des Lebens, wo sonst der Kampf ums Dasein tobt, sichtbare und erlebbare Vergegenwärtigung Gottes inmitten eines sonst scheinbar gottleeren Universums. Ebenbild des Schöpfers mitten in der geschaffenen Welt (siehe das Thema „Wer bin ich?”)

3 Mitten in dieser Welt

Aber ist denn das wirklich wahr, ist das nicht nur Wunschbild und Phantasie? Ist nicht die Menschheitsgeschichte erfüllt von Raub und Betrug, Unrecht und Unterdrückung, Feindschaft und Hass, Kampf und Krieg? Wie sollte da das Menschsein zum Bild der Liebe Gottes werden?

Unmöglich! Völlig unmöglich! Seht euch doch die Menschen an! Seht euch doch an, wie sie miteinander umgehen und was sie einander antun! Das Menschsein als Bild Gottes? Da müsste ja Gott ein schrecklicher Dämon sein, voller Hass und Niedertracht und Gewalt und Mord!“

Das ist ja eine der Kernfragen biblischen Glaubens (die wir nur deshalb so selten stellen, weil wir die Antwort fürchten): Warum hat Gott nicht gleich eine vollkommene Welt geschaffen, eine Welt ohne Mangel und Not, ohne Behinderung und Demenz, ohne Leid und Schmerz (siehe den Themenbeitrag „Die Frage nach dem Leid”.), ohne Krankheit und Tod? Er hätte das doch tun können, oder nicht? Hätte er nicht eine Natur schaffen können, wo jedes Geschöpf ungefährdet leben kann und nicht eingespannt ist in einen unerbittlichen Kampf ums Dasein, wo jedes Lebewesen nur leben kann, wenn es anderes Leben tötet und frisst? Heißt es nicht in der Bibel: Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut (1. Mose 1, 31)?

Ist sie wirklich „sehr gut”, diese Welt, in der wir leben? Hätte Gott die Menschen nicht so schaffen können, dass sie das Böse nicht kennen und nicht wollen und nicht tun, dass es Bosheit und Betrug, Feindschaft und Hass, Gewalt und Krieg zwischen ihnen nicht gibt?(Siehe den Themenbeitrag „gut und böse”) Warum macht das Gott so, dass er uns und unsere ganze Existenz ungefragt in diese harte, gewalttätige, mitleidlose Welt wirft: Friss, Vogel, oder stirb?

Trotz der belastenden Schwere dieser Fragen ist die Antwort doch überraschend leicht: Die Schöpfung, wie wir sie um uns her wahrnehmen, ist nicht sehr gut, und zwar deshalb, weil sie noch nicht fertig ist (fertig im Sinne von vollendet). Nein, Gott hat keine unvollkommene Schöpfung gemacht, in denen Leid und Tod regieren (wie ihm manche vorwerfen), sondern er ist mitten in einem Schöpfungsprozess, an dessen Ende und Ziel seine Schöpfung vollendet sein wird, so dass es in ihr nichts Böses und kein Leid mehr gibt. Nur, warum das nun schon so lange dauert, Jahrtausende, bis heute, warum die Schöpfung nicht schon längst vollendet ist, also ohne Leid und Schmerz und Not und Tod, und damit wirklich sehr gut, das ist die Frage. Und davon werden wir noch hören.

Der Text 1. Mose 1,1 bis 2,4, den wir normalerweise als „Schöpfungsbericht“ der Bibel bezeichnen, mit den sechs Schöpfungs-Tagen, durch die das Weltall und die Erde und die Pflanzen und die Tiere und zuletzt auch der Mensch geschaffen werden, der beschreibt nur den ersten Teil der Schöpfung. Dieser erste Teil der Schöpfung mit der Erschaffung des Universums, des Lebens und des Menschseins, wäre aber völlig sinnlos, wenn er nicht eine Fortsetzung hätte, durch die die ganze Schöpfung doch noch „sehr gut“ werden könnte. Diese Fortsetzung (also der zweite Teil der Schöpfung) liegt nicht in einer fernen Vergangenheit oder Zukunft, sondern der findet jetzt statt, jetzt in unserer Gegenwart und er ist noch nicht abgeschlossen. Es ist jener Teil, in dem das Unglaubliche, das äußerst Unwahrscheinliche, ja das scheinbar Unmögliche dennoch geschehen soll: Dass der Mensch zu seiner Berufung findet und das Menschsein zum „Bild“ Gottes wird, zur anschaubaren Vergegenwärtigung des Schöpfers durch die Verwirklichung von Liebe unter den Menschen mitten in dieser geschaffenen Welt. Dann erst ist die Schöpfung wirklich fertig und wirklich „sehr gut“.

Der zweite Teil der Schöpfung (siehe den folgenden Beitrag), durch den das Geschaffene zur Vollendung kommt, existiert in dieser gegenwärtigen Zeitepoche nicht als fertige Gegebenheit, sondern als Herausforderung: Du sollst Gott lieben (und dich von ihm lieben lassen) und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Wenn diese beiden Gebote erfüllt sind, dann ist die Schöpfung vollendet und sehr gut (siehe den Themenbeitrag „Friede auf Erden?”).

Und diese Vollendung hätte schon vor Jahrtausenden geschehen sollen (und können!), damals im Garten Eden. Und auch als das gescheitert war, hat Gott in all den Jahrtausenden seitdem mit unendlicher Geduld immer wieder die Bedingungen zubereitet, dass diese Vollendung (wenigstens im Ansatz) doch noch geschehen könnte. Nein, nicht Gott ist schuld, dass die Schöpfung immer noch nicht vollendet ist und immer noch nicht „sehr gut”, immer noch so voller Leid und Not, Gewalt und Tod, und dass das nun schon so viele Jahrtausende so andauert, nicht Gott ist schuld, sondern wir Menschen, weil wir uns immer noch und immer wieder unserer eigentlichen und innersten Berufung verweigern! Schon das erste von Gott berufene Menschenpaar hätte, als Bild Gottes im Menschsein, in Liebe und Vertrauen einen entscheidenden Schritt hin zur Vollendung der Schöpfung gehen sollen - und ist daran gescheitert. Und nach ihnen so viele Generationen von Menschen, in so vielen Völkern und Reichen, so viele Male. Und wir – heute?

Die Schöpfungsgeschichte der Bibel reicht von ihrer ersten bis zur letzten Seite, von 1. Mose 1,1 bis Offenbarung 22,21. Und die Geschichte der Schöpfung Gottes reicht darüber hinaus von der nachbiblischen Zeit bis in unsere Gegenwart und noch darüber hinaus bis zum Wiederkommen Jesu als Messias und Friedefürst, durch den dann wirklich die ganze Erde „Reich Gottes“ wird (siehe den Themenbeitrag „Zeit und Ewigkeit”).

Aber was hat das für unser normales und alltägliches Leben hier und jetzt zu bedeuten? Wie berührt das unser Christsein, jetzt in unserer Gegenwart und mitten in dieser Welt? Davon soll im folgenden Beitrag „Der zweite Teil der Schöpfung“ die Rede sein.

.

Das Thema sein und sollen enthält derzeit folgende Beiträge (der aktuell geöffnete Beitrag ist hier gelb markiert):

Menschsein – wozu?

Der zweite Teil der Schöpfung

Die Herausforderung des Menschseins

Allgemeine und persönliche Berufung

.

Weiterführende Beiträge aus anderen Themengruppen:

Adam, wer bist du?

Die Frage nach dem Sinn

gut und böse

Zwischen Schöpfung und Vollendung

AHaWaH – das Höchste ist lieben

Dein Reich komme

.

Bodo Fiebig „Menschsaein- wozu?“ Version 2017 - 12

© 2012, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

Vervielfältigung, auch auszugsweise, Übersetzung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen und jede Form von kommerzieller Verwertung nur mit schriftlicher Genehmigung des Verfassers

 

 

Schreibe einen Kommentar

Community

Aktuelle Informationen

Infos zu Themen, Entwicklungen, Vorhaben ...

                                                    

Mitarbeit

Hier kann man mitmachen!

                                                     

Gedanken, Anregungen, neue Themen

Du hast eigene Ideen zu "Chajim we Schalom" (Leben und Frieden)? Hier ist der richtige Ort dafür.

                                                     

registrieren und anmelden

Hier kannst du dich  registrieren lassen und anmelden. Das ist dann notwendig, wenn du zu einem der Themenbeiträge einen Kommentar schreiben willst.

                                                     

bitte beachten

                                                     

Impressum