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Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Wer bin ich?

Beitrag 10: Die Menschheits-Familie (Bodo Fiebig 2019-1)

Das ist schon ein seltsamer und geschwollen klingender Begriff: „Menschheits-Familie“. Aber er ist hier und jetzt erst einmal eine ganz nüchterne Beschreibung einer historischen Tatsache: Jedes Lebewesen der Gattung „Homo Sapiens“ stammt genetisch von einem gemeinsamen Ursprung ab. Wahrscheinlich von den Steppen Afrikas ausgehend haben die ersten Rudel dieser „modernen Menschen“ sich ausgebreitet und in Jahrtausenden die Kontinente der Erde erobert. Genetisch gesehen sind alle Menschen Verwandte.

Aber eben nicht nur genetisch gesehen. Auch unsere ganze geistige Existenz, unser ganzes Denken, Wissen, Reden, Wollen, Glauben und Hoffen hat eine Menschheits-Genese, eine Entstehungsgeschichte, die über Zehntausende von Jahren hinweg bis zu den Menschheitsursprüngen reicht. Diese geistige Abstammung und Verwandtschaft ist für unser Leben und Zusammenleben mindestens genau so bedeutsam wie unsere biologische. In der Bibel (eine der der ältesten und in ihrer Wirkungsgeschichte bedeutungsvollsten Textsammlungen der Menschheit) wird ein wichtiger Aspekt dieser genetischen und geistigen Menschheits-Geschichte in einem schlichten und doch bedeutsamen Bild dargestellt: In der Geschichte von zwei Bäumen in einem Garten. Freilich sind diese Bilder für uns Heutigen nicht ohne Hürden zugänglich. Versuchen wir es trotzdem.

Zunächst eine Frage: Was macht man, wenn man jemandem etwas beschreiben will, von dem dieser überhaupt keine Vorstellung hat? Ganz einfach: Man beschreibt das Neue, indem man es mit etwas Bekanntem vergleicht. So macht es die Bibel Alten und Neuen Testaments an ganz vielen Stellen und auch schon auf ihren ersten Seiten. Die Bibel ist über weite Strecken eine versprachlichte Bildergeschichte. Allerdings sind die biblischen Bilder für uns im 21. Jahrhundert nicht so selbst-verständlich und selbst-erklärend, dass sie sich uns problemlos erschließen. Das Bild von den "Bäumen“, das die Bibel hier verwendet, will uns etwas verständlich machen, was sonst nur schwer zu verstehen wäre. Sehen wir uns die entsprechenden Texte etwas genauer an.

1.Mose 2,9 Und es ließ JaHWeH, Gott, aus dem Boden wachsen jeden Baum, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Hier wird uns die Erde (beispielhaft vorgestellt anhand einer Landschaft zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris) als "Gottesgarten" bezeichnet mit vielerlei Bäumen (oder allgemein Pflanzen), die reizvoll anzusehen sind und eine faszinierend schöne Naturlandschaft bilden und die zugleich die Nahrungsgrundlage der Menschen zur Verfügung stellen. Inmitten dieses "Gartens" befinden sich zwei besondere Bäume, der "Baum des Lebens" und der "Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen". Die sind hier nicht einfach nur Pflanzen, sondern sie sind "Sinn-Bilder" für zwei besondere Herausforderungen des Menschseins. Aber, welche Realität, welcher „Schöpfungsakt Gottes“ steht hinter den Bildern von den beiden Bäumen im Garten Eden?

Eigentlich ist das ganz einfach zu verstehen: Der Baum ist immer ein Sinnbild für etwas, was aus einer gemeinsamen Wurzel wächst, das eine gemeinsame Ab-Stamm-ung hat. Beim „Baum des Lebens“ ist uns dieses Bild geläufig: Von der ersten Ur-Zelle an hat sich das Leben immer mehr verzweigt und verästelt, bis hin zu der millionenfachen Vielfalt der Arten und Formen von Pflanzen und Tieren, die wir heute kennen. Der „Stammbaum des Lebens“ und seine Entfaltung ist zwar noch nicht in allen Einzelheiten erforscht, aber doch in seinen grundlegenden Entwicklungen erkennbar (wobei die Entfaltung des Lebens wohl viel komplexer und differenzierter vor sich ging, als es sich Darwin mit seiner „Abstammung der Arten“ vorstellen konnte, und wobei offensichtlich auch noch ganz andere Vorgänge beteiligt waren als nur Mutation und Selektion, siehe das Thema „Leben und Tod“). Dieser „Baum des Lebens“ war zu der Zeit, als es den frühen Menschen gab, schon voll entfaltet. Der Mensch war ja, wie die Bibel sagt und die Naturwissenschaft bestätigt, der letzte Zweig an diesem Stamme. Diesen Lebensbaum, den Gott selbst „gepflanzt“ hatte, und dessen Entfaltung er in jeder Phase der Entwicklung sorgsam gestaltet und begleitet hatte, stellte Gott nun dem Adam vor Augen und er gab ihm den Auftrag, die vorgefundene Vielfalt des Lebens in Eden zu nutzen und zu bewahren (1. Mose 2, 15). Dies ist die erste der beiden genannten Herausforderungen und wir beginnen erst in unserer Gegenwart zu verstehen, wie groß diese Herausforderung ist und wie schwer es ist, ihr gerecht zu werden.

Beim „Baum der Erkenntnis“ ist uns dieses Bild nicht so vertraut und wir müssen uns diese Sichtweise erst schrittweise erschließen:

Stellen wir uns frühe Formen menschlicher Gemeinschaft vor: Familien und Sippen, Horden von ein paar Dutzend Menschen, die die Wälder und Steppen auf der Suche nach jagbarem Getier und essbaren Pflanzen durchstreiften, immer den Bedrohungen durch die wechselnden Witterungen und Jahreszeiten ausgesetzt, immer in der Gefahr des Verhungerns, immer im Kampf gegen körperlich überlegene Wildtiere und konkurrierende Menschen-Gruppen. Er selbst, der Mensch, recht mangelhaft ausgestattet: nicht besonders stark, nicht besonders schnell; sehen, hören, riechen, tasten nicht so gut ausgebildet wie bei vielen Tierarten, aber intelligent und lernfähig.

Das Leben in einer so feindlichen Umwelt forderte alle körperlichen und geistigen Fähigkeiten der frühen Menschen heraus. Nur durch kluge Einteilung der Kräfte und durch überlegene Strategien gemeinsamen Kampfes, bei dem jeder seine spezielle Rolle zu spielen hatte, konnte das Leben des ganzen Rudels gesichert werden. Dazu brauchten diese Lebens- und Jagdgemeinschaften aber Regeln, die ihr Miteinander so effektiv wie möglich ordneten. So entstanden, jenseits der instinktgebundenen Verhaltensmuster, erste Rudelordnungen, die den einzelnen Mitgliedern bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen zuwiesen, an die sie sich zu halten hatten. Wenn sie sich daran hielten, wurde das von der ganzen Gemeinschaft als positiv, also „gut“ gewertet und belohnt (zum Beispiel bei der Zuteilung des Beute-Anteils), wenn nicht, galt das als schädlich für die Gemeinschaft, also als „böse“ und wurde bestraft.

Ebenso wie nach und nach durch die Entwicklung von Einzellern, dann komplexeren Lebensformen und schließlich mit der Ausdifferenzierung im Pflanzen- und Tierreich eine Genealogie (eine sich verzweigende Abstammungsfolge, ein „Baum“) des Lebens entstanden war, so entstand nun im Miteinander von Menschen-Gruppen, von Stämmen und Völkern nach und nach eine „Genealogie“, ein sich verzweigender "Baum" der Erkenntnis. All unser Wahrnehmen und Verstehen, unser Wissen und Glauben sind Früchte am „Baum der Erkenntnis“, die in Jahrtausenden in den Kulturen der Menschheit gewachsen sind. Und das ist gut und von Gott so gewollt. Er selbst hat ja den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis wachsen lassen (siehe oben).

Kein Gedanke, den heute ein Mensch denkt, wäre (so, mit genau diesen Inhalten und Bedeutungen) möglich, ohne die Entwicklung des Denkens in allen Völkern, Sprachen und Kulturen der ganzen Menschheitsgeschichte, durch die Jahrtausende bis heute.

Kein Wissen, das heute ein Mensch hat, wäre (so, mit genau diesen Inhalten und Bedeutungen) möglich, ohne die Entwicklung des Wahrnehmens, Erkennens und Erforschens während der ganzen Menschheitsgeschichte, durch die Jahrtausende bis heute .

Kein Glaube, der heute eines Menschen „Herz“ bewegt, wäre (so, mit genau diesen Inhalten und Bedeutungen) möglich, ohne die Entwicklung des Glaubens, ohne die Erfahrung und die Weitergabe und das Wachstum gläubigen Schauens, Vertrauens und Handelns in der ganzen Menschheitsgeschichte, durch die Jahrtausende bis heute.

Die Parallelität der Bilder ist einleuchtend: So wie der „Baum des Lebens“ die bis dahin gewachsene Abstammung und Verzweigung der Lebensformen symbolisiert, so ist der „Baum der Erkenntnis“ das Symbol für die Abstammung und Verzweigung der Erfahrung und des Wissens, und der bis dahin entwickelten Verhaltensregeln und Werteordnungen:

Das mögen anfangs nur mündlich tradierte Verhaltensregeln gewesen sein, die das Miteinander der frühen Menschen-Rudel bei der Jagd oder bei der Verteilung der Beute ordneten. Allmählich bildeten sich aber in den Sippen und Stämmen ganze Systeme von ungeschriebenen (und später auch geschriebenen) Ordnungen und Gesetzen aus, die immer engmaschiger festlegten, welches Verhalten erlaubt oder erwünscht (und damit „gut“) wäre und welches Verhalten unerwünscht, verboten (also „böse“) sei. Diese Ordnungen und Gesetze machten (und machen auch heute) einen wesentlichen Bestandteil dessen aus, was wir die „Kultur“ einer Gemeinschaft nennen. Der „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ wuchs von Generation zu Generation, und im biblischen Bericht vom Garten Eden symbolisiert er die „Genealogie des Wissens und der Werte“, die sich bis dahin schon herausgebildet hatte. Jede Rechtsordnung und Rechtsprechung ist noch heute eine Frucht von diesem Baum. Ohne Erkenntnis von "gut und böse", also von ethischen Maßstäben menschlichen Handelns, von Recht und Ordnung ist menschliche Gemeinschaft auf Dauer nicht möglich. Gott selbst hatte dafür gesorgt, dass sie wachsen und sich verzweigen und zu einem starken „Baum“ werden konnte.

Wir leben alle, ob wir das wahrnehmen und wollen oder nicht, genetisch vom "Baum des Lebens" und geistig vom "Baum des Erkennens". An einer Stelle aber, nämlich da, wo es um die „Erkenntnis von Gut und Böse“ geht, da genügt es nicht, vom gewachsenen Baum der Erkenntnis und der Überlieferung zu „essen“, sondern da ist es notwendig, sich von Gott einen ganz neuen Blick und eine neue Lebensgrundlage schenken zu lassen: „Liebe deinen Nächten wie dich selbst“ (siehe dazu auch das Thema „AHaBaH – das Höchste ist lieben“). Das widerspricht aller Natur (dem Kampf ums Dasein) und allen menschlichen Bestrebungen (dem Kampf um die besten Plätze).

Eine „Erkenntnis von Gut und Böse“, die ihre normativen Impulse im „Kampf ums Dasein“ und im „Kampf um die besten Plätze“ entwickelt, kann nur eine „Ethik der Selbstbehauptung“ hervorbringen: "Ich oder du" bzw.: "Wir oder ihr"! Gott aber will, dass unter den Menschen eine „Ethik der Mitmenschlichkeit“, eine Lebensordnung des Miteinander und Füreinander bestimmend wird: "Ich mit dir!" und "Ich für dich! bzw "Wir mit euch" und "Wir für euch!" Das scheint fast unmöglich. Und doch ist dieser neue „Zweig“ der Menschlichkeit (d. h. die sich immer weiter verzweigende, blühende und Frucht tragende „Krone“ der Liebe Gottes am Stamm des Menschseins) die einzige Hilfe, dass die Menschheit in unserer Gegenwart, in der Zeit der Globalisierung und Digitalisierung mit allen Möglichkeiten der Überwachung und Ausbeutung sich nicht selbst zu Grunde richtet (siehe dazu auch das Thema „gut und böse“). Die Menschheit der Gegenwart im 21. Jahrhundert und der absehbaren Zukunft muss danach streben, zunehmend in geschwisterlicher Zusammengehörigkeit, im Miteinander und Füreinander des Menschseins zu leben. Die Alternative wäre eine Welt-Einheits-Diktatur oder die Selbstvernichtung des Lebens.

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Bodo Fiebig Die Menschheits-Familie Version 2019-1

© 2018, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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