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Bereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Wer bin ich?

Beitrag 2: Die Verinnerlichung der Außenwelt (Bodo Fiebig 2019-1)

Die Sinngeschichte des Menschseins“ so heißt der erste Beitrag zum Thema „Wer bin ich?“ Aber was könnte damit gemeint sein? Wie sollen wir uns denn so eine „Sinngeschichte des Menschseins“ konkret vorstellen? Beginnen wir ganz einfach: Jedes Lebewesen, und sei es nur ein einzelliges Bakterium, hat bestimmte Formen von Umweltwahrnehmung: Hitze und Kälte, Feuchte und Trockenheit, Fülle der „Lebens-Mittel“ oder Mangel ... und das Bakterium wird versuchen dorthinzugelangen, wo die Temparatur angenehm, die Feuchtigkerit ausreichend und das Nahrungsangebot optimal ist. Höher entwickelte Lebewesen haben weiter entwickelte Wahrnehmungsmöglichkeiten: Sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen ... Lebende Organismen haben die Fähigkeit, bestimmte Eigenschaften ihrer Umwelt wahrzunehmen und darauf zu regieren. Nur dadurch sind sie auf Dauer lebensfähig. Das gilt selbstverständlich auch für den Menschen.

Trotzdem stellt die Weltwahrnehmung des Menschen ein in der ganzen Schöpfung einmaliges Phänomen dar. Dabei geht es nicht in erster Linie um besondere Fähigkeiten der Wahrnehmung. Ein Falke kann viel schärfer sehen, ein Hund viel genauer und differenzierter riechen als ein Mensch. Es geht dabei vielmehr um eine besondere Form der Verarbeitung des Wahrgenommenen.

Ein Vogel z. B. kann differenzierte Wahrnehmungen machen: Es ist hell und er geht Futter suchen. Er sieht: Da krabbelt etwas, das entspricht seinem Bild von Fressbarem und er frisst es. Jeder Vogel sieht die Sonne aufgehen und untergehen und wieder aufgehen. Aber er ist sich nicht bewusst, dass es deshalb hell ist, weil die Sonne aufgegangen ist, und dass es dunkel ist, weil die Sonne unterging. Er sieht, es ist hell und er geht auf Futtersuche, es wird dunkel und er sucht sich einen Schlafplatz. Er macht sich auch keine Gedanken darüber, ob die Sonne, die am Morgen aufgeht, die gleiche ist, die am vergangenen Abend unterging. Und erst recht denkt er nicht darüber nach, wo denn die Sonne weilte, als es in der Nacht dunkel war. Die Mythologien der Menschen-Völker aber sind voll von phantasievollen Erzählungen, die das Phänomen der aufgehenden und untergehenden Sonne irgendwie zu erklären versuchen.

Menschen wollen nicht nur wahrnehmen, was vor sich geht, sie wollen auch verstehen, was geschieht. Das geht aber nur, wenn sie in ihrem Denken und Nachdenken Beziehungen herstellen können zwischen Ereignissen und Vorgängen, die sie erlebt und in ihrem Gedächtnis gespeichert haben, z. B. zwischen dem Sonnenaufgang am Morgen und dem Sonnenuntergang am Abend; bzw, aber noch viel schwieriger, zwischen dem Sonnenuntergang am Abend und dem Aufgang am Morgen. Dass zwischen diese beiden Vorgängen trotz des zeitlichen Abstands und der Dunkelheit der Nacht ein Zusammenhang besteht, ist ja nicht so selbstverständlich, wie es uns scheinen mag. Einem Vogel z. B. ist das völlig egal. Es ist hell, er fliegt, er sieht die Maus unter ihm und setzt zum Sturzflug an.

Menschen haben dagegen ein ganz anderes „Erfahrungs-Management“. Sie können Erfahrungen „verinnerlichen“, sie in ihrer Er-Innerung speichern (Das können Tiere in begrenzter Weise auch). Menschen aber können in ihrer „Welt-Verinnerlichung“ bestimmte Ereignisse und Abläufe der Vergangenheit wieder vergegenwärtigen, auch wenn sie zeitlich und räumlich weit entfernt geschehen sind und sie zueinander in Beziehung setzen: Z. B. als zeitliche Abfolge: Erst und dann und dann und dann ..., oder als Bedingung und Folge: wenn … dann, oder als Ursache-Wirkung-Zusammenhang: weil … deshalb. Die Inhalte seiner Wahrnehmungs-Verinnerlichung kann ein Mensch auf sehr individuelle Weise verarbeiten und sich „aneignen“. Er fragt nicht nur „was geschieht?“, sondern auch „wie geschieht es?“ und „warum geschieht es?“ und „wie ist dieses Geschehen zu beurteilen?“ und „wie wird es weitergehen?“

Das hat für Menschen existenzielle Lebens- und Überlebens-Bedeutung. Denn wenn er z. B. wahrnimmt (durch jahrhundertelange Erfahrungen und  Beobachtungen, die innerhalb seines Stammes über viele Generationen weitergegeben wurden), dass man bestimmte nahrhafte Pflanzen, die man sonst weiträumig suchen müsste, in der Nähe seiner Behausung vermehren kann, indem man bewusst Samenkörner dieser Pflanze dort in die Erde steckt, dann kann dadurch eine Entwicklung in Gang kommen, die man später die "landwirtschaftliche Revolution der Menschheit" nennen wird. Der Mensch kann in seinem Gedächtnis, d. h. in der Erinnerung und Verarbeitung seiner Erfahrungen die einzelnen Ereignisse nicht nur aneinanderreihen oder sie wie in einer Lagerhalle aufstapeln, sondern er kann sie so einander zuordnen, das ihr Verhältnis zueinander ihnen eine besondere Bedeutung gibt. Dass es Herbst wird und man sich auf den Winter vorbereiten muss, weil es da kalt wird und es keine frische Nahrung gibt, das „wissen“ viele Tiere. Menschen müssen bei ihren Reaktionen auf solche natürlichen Abläufe nicht einem dumpfen, unbewussten Trieb folgen, der von ihren Genen gesteuert wird, sondern können mit verschiedenen Formen von Vorratshaltung und Wohnraumbeheizung bewusst und sehr phantasievoll und flexibel auf Veränderungen in der Natur reagieren. Dass der Mensch als „Mängelwesen“ (A. Gehlen) sich überall auf allen Kontinenten und in allen Klimazonen durchsetzen und ausbreiten konnte, verdankt er zu einem guten Teil dieser Fähigkeit, seine äußere Weltwahrnehmung in ein inneres Weltverständnis zu übertragen, das ihm ein sinnvolles und zielgerichtetes Handeln ermöglicht.

Jeder Mensch hat ein Weltverständnis; er könnte gar nicht existieren ohne es. Das muss nicht immer ein sprachlich ausformuliertes und in sich stimmiges Gesamtkonzept sein. Manchmal mag es auch nur aus einer Vielzahl unverbundener Eindrücke bestehen, von denen sich nur wenige in einen sinnvollen Zusammenhang ordnen lassen. Erst recht muss so ein Weltverständnis keine „Ideologie“ sein, wo alle Erfahrungen und alles Wissen in einen großen, von unverrückbaren Wertungen bestimmten Gesamtzusammenhang, einem „Welterklärungsmodell“ gesehen werden.

Trotzdem braucht jeder Mensch ein Welt-Wissen und Welt-Verständnis, das den Handlungsrahmen für sein Leben absteckt. Er könnte sich ja abends nicht beruhigt schlafen legen, wenn er nicht wüsste, dass ein paar Stunden später die Sonne wieder aufgeht, und es wieder hell wird. Er könnte den Winter nicht überstehen, wenn ihm nicht seine Erfahrung versicherte, dass der Schnee wieder taut und die Natur danach wieder neues Grün und neue Früchte hervorbringt. Vieles, was im Tierreich durch instinktgesteuerte Abläufe festgelegt ist, muss der Mensch auf Grund seiner Erfahrungen bewusst gestalten.

Jeder Mensch braucht auch ein Selbstverständnis, das ihm z. B. sagt: „Ich bin kein Adler, der hoch über der Erde schwebt; wenn ich auf diesen felsigen Berg will, dann werde ich wohl auf Händen und Füßen hinaufklettern müssen. Und wenn ich wieder hinunter will, kann ich mich nicht einfach so in die Luft werfen wie er und hinabgleiten; ich würde zu Tode stürzen.“ Oder Jahrtausende später: „Ich bin kein Mathematik-Genie, rechnen war nie meine Stärke. Ich werde mir wohl einen Beruf suchen müssen, bei dem Zahlen keine große Rolle spielen.“ Ohne eine realistische Vorstellung von dem, was wir sind und auch was wir nicht sind, könnten wir nicht bewusst leben und sinnvoll handeln. Seitdem sich Menschen Lebens- und Handlungsräume erschlossen haben, die nicht mehr mit der vorgegebenen Instinktausstattung bewältigt werden können, sind sie darauf angewiesen, ihre Lebensweisen und Handlungsoptionen durch Wissen und Erfahrung zu begründen. Wir haben und wir brauchen für unser Leben ein einigermaßen stimmiges Welt- und Selbstverständnis, um in den alltäglichen Situationen unseres Daseins angemessen reagieren und zielgerichtet handeln zu können.

Die Höchstform solcher „Weltwahrnehmung“ ist die Fähigkeit des Menschen, die Gesamtheit seiner Umwelterfahrungen in Form einer zusammenfassenden „Weltverinnerlichung“ in sich aufzunehmen, das heißt, seine Einzelerfahrungen so in Beziehung zueinander zu setzen, sie so zu ordnen und zu werten, dass er sie wie in einem riesigen Puzzlespiel passend zusammenzufügen kann, dass er sie in sein persönliches Weltverständnis und Menschenbild einzuordnen und sie zu seinem eigenen Selbstverständnis in Beziehung zu setzen vermag, dass er sie vor sich selbst als eigene und besondere „Innenschau der Außenwelt“ darstellen kann, um sie dann, in einem Akt schöpferischer Bewältigung, als Sinnzusammenhang zu deuten. Das kann nur der Mensch, kein Tier, auch der intelligenteste Affe nicht.

Das Doppelbild der „Weltverinnerlichung“ aus Weltverständnis und Selbstverständnis ist das Persönlichste, das ein Mensch überhaupt haben kann, persönlicher noch als sein „genetischer Fingerabdruck“. Es gibt keine zwei Menschen auf dieser Erde, deren „Weltverinnerlichungen“ auch nur annähernd identisch wären, auch nicht bei eineiigen Zwillingen. Auch wenn die zu ihren gleichen Genen dazu auch noch ihr ganzes Leben lang immer die gleichen Erfahrungen machen würden, so würden sie doch diese Erfahrungen sehr oft ganz verschieden wahrnehmen, einordnen, deuten…, so dass sie ihre Umwelt doch verschieden erleben und verstehen. Diese einmalige persönliche „Weltverinnerlichung“ ist auch eines der integrierenden Bestandteile des „Ich“. Wir werden noch darauf zurückkommen, siehe die Beiträge 6 „Des Menschen Herz“ und 7 „Die Zentrale“.

Dieses „Weltverinnerlichung“ ist allerdings kein statischer Bestand, sondern ein sich ständig veränderndes Geschehen, das in Folge jeder neuen Erfahrung die Form und die Richtung seiner Daseinsinterpretation in mehr oder weniger bedeutsamen Teilbereichen immer wieder neu justieren muss. Und: Sie beschreibt keinen Zustand, sondern eine Geschichte: So und so ist das geworden, was ich jetzt wahrnehme und so und so wird es (wahrscheinlich) weitergehen. Das Besondere an der „Welt-Sicht“ der Menschen ist, dass die das Gegenwärtige als etwas in der Vergangenheit Gewordenes erkennt und als etwas, das sich in die Zukunft weiterentwickelt und dass sie dieses Erkennen in eine zusammenhängende „Sinngeschichte“ einordnen kann (siehe auch das Thema „Die Frage nach dem Sinn“). Und das kann dann bei dem Einen ein Welt- und Selbstverständnis von großer Weite, Vielfalt, Differenzierung, Farbigkeit, Beweglichkeit und tiefbegründeter Ethik beinhalten, bei einem andern eine begrenzte und schlichte Weltsicht mit einem sehr starren Handlungsrahmen.

Die „Quelle“ unseres Welt- und Selbstverständnisses liegt aber nicht nur in uns selbst und unseren individuellen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Sie hat einen viel tieferen Ursprung: „Die Quelle des Verstehens“.

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Weiterlesen im folgenden Beitrag: Die Quelle des Verstehens

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Bodo Fiebig Die Verinnerlichung der Außenwelt Version 2019-1

© 2018, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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