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Themenbereich: Grundfragen des Lebens

Thema: Zeit und Ewigkeit

Beitrag 1: Zeit-Bilder (Bodo Fiebig, Version 2017-4)

Der Mensch ist das einzige Wesen auf dieser Erde, das eine bewusste Vorstellung von Zeit - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - haben kann. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass er nun auch gezwungen ist, sich mit dem Phänomen Zeit und ihrer Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Je mehr und genauer wir in der Lage sind, Zeit zu messen, einzuteilen und zu vergleichen, desto mehr werden wird genötigt, uns den Zeitvorgaben unserer Umwelt unterzuordnen. Und immer, wenn in unserer Umgebung der Tod der Lebens-Zeit eines Menschen ein Ende setzt, sehen wir uns vor beklemmende Fragen gestellt: Wie ist es möglich, dass die Zeit allgemein einfach weitergeht, wenn meine Zeit zu Ende ist? Kann denn die Zeit in der Stunde meines Todes mein „Dasein in der Zeit” einfach abschalten, oder hat die Zeit nach meiner biologischen Lebens-Zeit für mich persönlich noch eine Bedeutung? Ist vielleicht das, was wir „Zeit“ nennen, selbst etwas Endliches und der Begriff „Ewigkeit“ vielleicht nur ein Hilfskonstrukt, das uns helfen soll, die offensichtliche Unerbittlichkeit im Vergehen der Zeit und in der Vergänglichkeit des eigenen Lebens zu ertragen?

Was ist das: „Zeit“? Und was soll man sich darunter vorstellen, dass die Zeit „vergeht“ ?Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich verschiedene Weisen herausgebildet, wie sich Menschen das Phänomen „Zeit“ vorstellen. Wir brauchen ja Bilder, um einen so abstrakten Begriff wie „Zeit“ überhaupt mit Inhalt füllen zu können. Wie also können wir uns das, was wir „Zeit“ nennen, also das Zusammenspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und unser eigenes Dasein darin, bildhaft anschaulich machen? Und welche Bilder stecken da – bewusst oder unbewusst - in unseren Köpfen und Herzen schon drin und bestimmen unser Denken und Empfinden? Die häufigsten Vorstellungen vom Ablauf der Zeit beinhalten entweder ein zyklisches oder ein lineares Zeit-Bild.

1.1 Zyklisches Zeitbild (Bild 1)

Das älteste Verständnis von „Zeit“ ist ein natürlich-zyklisches. Sein Ur-Bild ist der Kreislauf. Es ist dem Geschehen in der Natur abgeschaut, dem Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, die sich Tag für Tag und Jahr für Jahr in immer gleichem Ablauf wiederholen. Dem entspricht ein zyklisches Zeitverständnis: Alles wiederholt sich in einem ständigen Kreislauf, alles kehrt wieder zu sich selbst zurück.

Religionen, bei denen Ahnenkult oder Reinkarnation eine Rolle spielen, haben so ein zyklisches Zeitverständnis (Siehe den Themenbeitrag „Weltreligionen und biblischer Glaube“): Die Lebenskraft, Spiritualität und Gestaltungspotenz der toten Vorfahren kann für das Leben der gegenwärtigen Generation reaktiviert werden. Oder: Der Mensch stirbt zwar als Individuum, aber Auswirkungen früherer Existenzweisen kehren je nach ethischer Qualität (Karma) der vorigen Lebensformen in neuer Gestalt zurück. Im Buddhismus ist es sogar das höchste Ziel, nach vielen Reinkarnationen irgendwann im Nirwana vom Zwang des ewigen Wiederholen-Müssens erlöst zu werden.

Ob wir es merken oder nicht: Etwas von diesem zyklischen Zeitempfinden steckt auch in jedem von uns, und nicht von ungefähr sind Reinkarnationslehren auch bei uns im sogenannten „christlichen Abendland“ wieder stark im Kommen. Da unser Erleben von frühester Kindheit an von Zeiterfahrungen in Form von Kreisläufen und Wiederholungen geprägt ist (Morgen und Abend, Tag und Nacht, Hunger und Sättigung, Ebbe und Flut, Sommer und Winter, Saat und Ernte, Geburt und Tod ...), sind zyklische Zeitvorstellungen ganz tief in unserem Empfinden verankert.

1.2 Lineares Zeitbild (Bild 2)

Das zweite Zeitbild und Geschichtsverständnis, das sich im Laufe der Menschheitsgeschichte herausgebildet hat, ist ein philosophisch-lineares. Es kommt nicht aus der Naturerfahrung, sondern aus dem Denken des Menschen. Er fragt: „Was war davor – und: was kommt danach?“ und er stößt mit seinem Nachdenken immer tiefer in immer fernere Zeiträume vor. Und er merkt: Zu jedem noch so fernen Zeitpunkt in der Vergangenheit kann ich diese Frage stellen: Und was war davor? Und zu jedem noch so fernen Zeitpunkt in der Zukunft kann ich fragen: Und was kommt danach? Die Zeit scheint also in die Vergangenheit und in die Zukunft hinein endlos, ewig. Eine unendliche Zeitlinie, die von einer unendlich fernen Vergangenheit in eine unendlich ferne Zukunft reicht und auf der sich die Gegenwart zwar stetig nach vorne bewegt, auf der sie aber nie an ein Ende kommen kann. Auch dieses philosophisch-lineare Zeit-Bild steckt in unserem Denken ganz tief drin, und manchmal halten wir es für das einzig mögliche, einzig gültige Denkmodell.

Wir könnten uns die Vorstellung dessen, was in so einer linear unendlichen Zeitlinie eigentlich unsere Gegenwart ausmacht, etwa mit folgendem Vergleich veranschaulichen: Eine Zündschnur, gerade ausgespannt und von uns aus gesehen nach beiden Seiten unendlich lang. Und diese Zündschnur wäre vor vielen Milliarden Jahren irgendwo weit weg von uns, in einer für uns uneinsehbaren Vergangenheit angezündet worden. Die heiße, funkensprühende Glut, die nun entlang der Zündschnur weiterwandert, wäre ein Bild für das, was wir „Gegen­wart“ nennen. Und nun fräße sich der von Nähe, Erfahrungsdichte und Handlungsmöglichkeiten glühende Zündfunke der Gegen­wart Jahrtausend um Jahrtausend an dieser Zeit-Schnur entlang, vor sich die noch unberührte Zukunft, hinter sich die kalte Asche der Vergangenheit zurücklassend. Ein ganz kleines Stück dieser Zeit-Schnur, gerade dort, wo jetzt der Funke der Gegenwart die Zukunft frisst, wäre mit einer Farbe markiert, der Farbe des Menschen. Die Zeit, seit es die ersten Menschen gab bis heute, ist ja nur ein winziger Abschnitt auf der Zeitskala des Kosmos; und das Universum könnte noch Milliarden von Jahren weiterexistieren, wenn die Menschheit längst ausgestorben ist, vielleicht an ihrer eigenen Dummheit und Aggressivität zu Grunde gegangen.

Die Zeit des einzelnen Menschen wäre ein verkleinertes Abbild davon: Er wird geboren, lebt eine kurze Zeit und stirbt, das ist alles. Und was ihm bleibt, ist der Versuch, es sich in dieser kurzen Spanne Zeit so gut wie möglich gehen zu lassen; wenn es sein muss auch auf Kosten anderer: jeder gegen jeden.

Manchmal haben wir auch eine Zeitvorstellung, die beide bisher genannten Bilder, das zyklische und das lineare, miteinander verbindet: eine Art endlose Spirale, als hätte man die Zündschnur der Zeit zu einer endlos langen Spule gewickelt, so dass sich der Zündfunke der Gegen­wart unter ständigen Wiederholungen insgesamt linear ins Endlose vorwärtsbewegt. Dieses Zeit-Bild entspricht am ehesten dem Zeitempfinden des „modernen Menschen“, der sich einem sinnlosen Werden und Vergehen ausgeliefert sieht, ohne die Möglichkeit, entscheidend in die Abläufe des Geschehens einzugreifen, und unwillkürlich wehren wir uns gegen solche Festlegungen.

Wie sollen wir uns aber dann das Phänomen „Zeit“ vorstellen, welche Vorstellung von Zeit und Ewigkeit, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft könnte uns helfen?

1.3 Biblisches Zeitbild (Bild 3)

Das dritte Zeit-Bild und Geschichtsverständnis ist das biblische und das ist seiner Herkunft nach weder natürlich noch philosophisch, sondern es ist Offenbarung und es ist seiner Art nach weder zyklisch noch linear, sondern es ist epochal (siehe das Thema „Zwischen Schöpfung und Vollendung“).

Den beiden erstgenannten Zeit-Bildern ist gemeinsam, dass sie ohne Anfang und Ende sind: entweder endlose Wiederkehr oder unendliche Ausdehnung. Nach der biblischen Offenbarung dagegen ist auch die Zeit etwas Geschaffenes und auch sie hat Anfang und Ende. Der erste Satz der Bibel lautet: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Schöpfung - einschließlich dessen, was wir „Zeit“ nennen - hat einen Anfang und sie hat ein Ende. Das letzte Buch der Bibel und viele Offenbarungen des Alten und Neuen Testaments sprechen von einem Ende unserer Zeit.

Dem an der modernen Wissenschaft geschulten Menschen von heute sind solche Gedanken übrigens gar nicht fremd: Auch für die moderne Wissenschaft ist die Zeit nichts Absolutes, Unendliches, sie ist (nach der Einstein'schen Relativitätstheorie) selbst etwas Relatives und man kann sinnvolle Aussagen über die Zeit immer nur dann machen, wenn man sich auf ein bestimmtes System im Universum bezieht. Und auch die Wissenschaft spricht von einem Uranfang, dem sogenannten „Urknall“ (dieser Begriff ist allerdings ein wenig naiv und trifft den Sachverhalt nicht wirklich, siehe das Thema „Die Frage nach dem Sinn“, Beitrag 1 „Im Anfang schuf Gott?“). Hinter dieses „Anfangsereignis“ kann auch unsere wissenschaftliche Zeitvorstellung nicht sinnvoll zurückdenken. Die heutige wissenschaftlich begründete Zeitvorstellung ist der biblischen viel näher, als etwa den vorhin genannten zyklischen oder linearen Denkmodellen.

Wenn wir die biblische Offenbarung genauer anschauen, merken wir: Für sie ist nicht nur die Zeit insgesamt eine begrenzte Epoche, sondern die Zeit ist auch noch in sich in Abschnitte, sozusagen in „Unter-Epochen“ unterteilt. Die Bibel stellt uns den Ablauf der Geschichte dar, als einen Weg mit vielen Stationen, und dabei hat dann jede Station eine eigene Prägung und ihre besondere Bedeutung.

Entscheidend wichtig in der biblischen Offenbarung ist nun, dass die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen nicht nur ein Ende hat (so dass man sagen könnte, „Na, dann ist eben alles aus“), sondern sie hat für den einzelnen Menschen wie für die ganze Menschheit und Schöpfung auch ein Ziel. Von diesem Ziel her handelt Gott auch in unserer Gegenwart. Alle Stationen unseres persönlichen Lebens und alle Stationen der Menschheits- und Heilsgeschichte sind auf dieses Ziel hin ausgerichtet und um dieses Zieles willen da.

Gott handelt in einer epochal gegliederten Heilsgeschichte, die insgesamt auf ein Ende der Zeit zuläuft, in welchem sie für den Einzelnen und für die Schöpfung als Ganzes das Ziel all dessen erreicht, was in der Zeit geschieht: Zeitlos bei Gott zu sein.

Im folgenden Beitrag „Bausteine der Ewigkeit“ werden wir nach einem Zeit-Bild suchen, das uns hilft, das biblische Zeitverständnis angemessen zu erfassen.

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Folgende Beiträge stehen in Rahmen des Themas „Zeit und Ewigkeit“ zur Verfügung (der eben verwendete Beitrag ist gelb markiert):

Zeit-Bilder

Bausteine der Ewigkeit

Göttliches Zeitmaß und menschliche Zeiterfahrung

Lebens-Zeit und Lebens-Ende

Ewiges Leben

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Weiterführende Beiträge aus anderen Themengruppen

Wer bin ich?

Leben und Tod,

Die Frage nach dem Sinn

Schuld und Vergebung

Zwischen Schöpfung und Vollendung

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© 2012 Bodo Fiebig Zeit-Bilder (Version 2017-10)

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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