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Hitlers Kampf

<strong>Hitlers Kampf </strong>
Seit jenem 30. April 1945, als Adolf Hitler - in der Irrwelt seiner Weltanschauung noch unentrinnbarer eingeschlossen als in seiner unterirdischen Bunkerwelt in den Ruinen des zerbombten Berlin - seinem Leben ein Ende machte, rätseln Historiker ebenso wie nachdenkliche Laien über der Frage, wie aus einem lebensuntüchtigen Insassen der Wiener Obdachlosenunterkünfte der spätere „Führer“ des Deutschen Reiches werden konnte, auf dessen Befehl hin Millionen von Menschen zu einem schrecklichen Leben und einem noch schrecklicheren Tod verurteilt wurden.
Die äußeren politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Umstände seines Aufstiegs nach dem Ersten Weltkrieg sind eingehend dargestellt worden und bedürfen hier keiner ergänzenden Betrachtung. Auch die persönlichen, sozialen und psychologischen Hintergründe des jungen Adolf Hitler scheinen ausreichend durchleuchtet, auch wenn da viele Fragezeichen bleiben.
Hier soll nur der Versuch gemacht werden, <em>einen </em> der „roten Fäden” nachzuzeichnen, die sich durch das Leben und Denken Hitlers zogen und seine Anfänge in Braunau, Linz und Wien direkt mit den Vernichtungsstätten des Holocaust verknüpften.

<strong>1 Die Abstammung</strong>
Niemand kann sich seine Vorfahren selbst aussuchen und niemand kann für seine Abstammung verantwortlich gemacht werden. Aber jeder ist dafür verantwortlich, was er aus dem macht, was ihm von seinen familiären Wurzeln her an Möglichkeiten und Hindernissen mitgegeben ist. Hitler wurde zu Lebzeiten mit Superlativen überhäuft (größter Feldherr, Staatsmann, Bauherr… aller Zeiten), die sich am Ende alle als lächerliche Speichelleckerei erwiesen haben. Ein Superlativ aber muss man ihm (auch aus dem zeitlichen Abstand von Jahrzehnten) zuschreiben: Er war der Mensch, der aus den Gegeben­heiten seines Lebens die schrecklichsten und folgen­reichsten Kon­sequenzen zog.
Sein Lebensweg vom mittelmäßigen Schüler über den verbummelten „Möchtegern-Künstler“ und heruntergekommenen Insassen von Männer-Heimen in Wien bis zum Reichskanzler und allmächtigen „Führer“ des Deutschen Reiches ist sicher eine der ungewöhnlichsten „Karrieren”, die je ein Mensch durchlaufen hat. Er ist aber auch ein zutiefst erschreckendes Beispiel für die Blindheit und Verführbarkeit der großen Mehrheit eines ganzen Volkes.
 Adolf Hitler, geboren am 20. April 1889 in Braunau am Inn, konnte selbst jenes Dokument nicht vorweisen, das auf seinen Befehl hin für Millionen von Menschen zur Entscheidung über Leben und Tod wurde: den „Großen Ariernachweis“ (oder zumindest den „Kleinen”).  Adolf Hitlers Vater wurde als uneheliches Kind geboren; dessen Vater, also Hitlers Großvater, blieb unbekannt. Die Mutter von Hitlers Vater, Maria Anna Schicklgruber, war zu der Zeit, als sie mit ihm schwanger wurde, als Köchin in einem jüdischen Haushalt mit Namen Frankenberger angestellt. Die Familie Frankenberger zahlte von der Geburt des Kindes an bis zu dessen vierzehntem Lebensjahr Alimente an Frau Schicklgruber. Hitler wusste offensichtlich von dieser (für ihn) sehr fragwürdigen Wendung seiner Abstammungslinie. Und er zog (sobald er die Macht dazu hatte) Konsequenzen daraus: <em>Schon im Mai 1938, wenige Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, ließ er die Ortschaft Döllersheim (wo seine Großmutter gelebt hatte) und deren weitere Umgebung in einen Truppenübungsplatz umwandeln. Die Gerburtsstätte des Vaters und die Grabstelle der Großmutter wurden von den Panzern der Wehrmacht dem Erdboden gleichgemacht. </em> (Joachim C. Fest: "Das Gesicht des Dritten Reiches")
Nun war eine uneheliche Geburt damals gesellschaftlich weniger akzeptiert als heute, trotzdem musste das für das Kind und dessen Nachkommen nicht unbedingt eine gesellschaftliche Ächtung bedeuten. Hitlers Vater selbst konnte sich bis zum „Oberoffizial der k.u.k. Zollbehörde“ hocharbeiten und so eine geachtete Stellung einnehmen. Auch dass dessen vermuteter Vater (und Großvater Adolf Hitlers) möglicherweise Jude war, spielte (soweit es damals überhaupt öffentlich bekannt wurde) keine besonders negative Rolle. Für den Enkel aber wurde diese Tatsache mit einer emotionalen und weltanschaulichen Bedeutung aufgeladen, die seinen Lebensweg entscheidend beeinflusste (davon wird noch die Rede sein). Wann Hitler von dieser (für ihn) „dunklen Stelle“ in der Geschichte seiner Familie erfuhr, ist ungewiss, sicher ist aber, dass die Tatsache selbst im Leben Hitlers (und damit im Leben von sehr vielen Menschen in vielen Ländern Europas und darüber hinaus) sehr weitreichende Auswirkungen hatte.
Ob diese Frankenberger-Theorie tatsächlich von den historischen Tatsachen bestätigt wird oder nicht (es gibt ja erhebliche Zweifel daran), ist gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass Hitler wohl selbst daran glaubte und seine emotionale und weltanschauliche Einstellung und schließlich auch sein Handeln davon bestimmen ließ. Im persönlichen Gespräch gestand er später (Hermann Rauschning, „Gespräche mit Hitler“ S. 216, zitiert nach J.C. Fest), <em>„dass auch er am „Siechtum des verdorbenen Blutes leide” und von der Teilhabe an der „Bruderschaft der wirklich Reinen, Adeligen für immer ausgeschlossen sei”.</em>

<strong>2 Das Scheitern des jungen Hitler</strong>
Adolf Hitler erlebte die ersten beiden Jahrzehnte seines Lebens als sozialen Abstieg und persönliches Scheitern. Anfangs, als Volksschüler, galt er als durchaus begabt. Später, in der Realschule in Linz zeigte er zunehmend Schulunlust und musste die sechste und siebte Klasse wiederholen. Die neunte Klasse (in Steyr) schaffte er gar nicht und er verließ die Realschule ohne Abschluss. Nun wollte er Kunstmaler werden und erträumte sich ein ungebundenes und verantwortungsfreies Leben als erfolgreicher Künstler. Allerdings reichte seine Begabung nicht aus, um zum Studium an der Wiener Kunstakademie zugelassen zu werden. Er lebte nun in Wien von einer unrechtmäßig erschlichenen Waisenrente und vom Verkauf nachgemalter Postkarten. Schließlich landete er in den Obdachlosenasylen und Männerheimen von Wien und damit im untersten Bodensatz der sozialen Rangordnung der Stadt. Er galt bei seinen Mitbewohnern als faul und launisch, schwankend zwischen depressiver Verstimmung und überreizter Aggressivität, die sich zu hemmungslosen Wutanfällern steigern konnte. Um der Einberufung zum österreichischen Militär zu entgehen, zog er 1913 nach München.

<strong>3 Das entlastende Erklärungsmuster</strong>
Wann und wie Hitler erfahren hat, dass sein Vater als uneheliches Kind (möglicherweise) von einem jüdischen Mann gezeugt worden war, ist ungewiss. Unter dem Einfluss billiger antisemitischer Traktate, die in Wien vielfach im Umlauf waren, und verbreiteter verbaler antijüdischer Propaganda kam er nach und nach und schließlich immer selbstüberzeugter zu der für ihn befreienden „Erkenntnis“: Nicht er selbst ist schuld an seiner üblen Lage, seinen Misserfolgen, seinem Scheitern, sondern „der Jude in ihm“ und (allgemeiner, aber in enger Beziehung dazu) „der Jude in der Welt“. Er selbst, so gewann er die immer festere Überzeugung, war zu Höherem berufen, aber das Jüdische in seinem Blut, das zog ihn nach unten, das verhinderte, was ihm eigentlich zustand. Wenn er je in der Lage sein würde, den Schaden, den die jüdische Rasse in seiner Erblinie angerichtet hatte, in sich zu überwinden, dann würde sich großartig entfalten, was er als geniale Begabung in sich zu spüren meinte.
Gewiss war das nicht mehr als ein selbstgestricktes Erklärungsmuster zur Rechtfertigung seines eigenen Versagens. Das Judentum als einheitliche „Rasse” hat es nie gegeben. Die Landbrücke zwischen den Kontinenten Afrika, Asien und Europa (die das Land Israel mit einschließt) war seit den frühesten Anfängen der menschlichen Entwicklung ein Durchgangsland gewesen, in dem sich die verschiedensten Völkerschaften aufgehalten und vermischt hatten. Das hat sich nach der Vertreibung der Juden aus ihrem „Gelobten Land” und ihrer Zerstreuung in der zweitausendjährige Diaspora in verschiedenen Ländern auf allen Kontinenten der Erde fortgesetzt und noch verstärkt. Wer heute durch die Straßen von Jerusalem, Tel Aviv oder Haifa geht, begegnet Juden aus Mittel- und Osteuropa ebenso, wie aus dem Jemen oder Mesopotamien, aus den Ländern rings ums Mittelmeer ebenso, wie aus Äthiopien. Trotzdem: Ein über viele Generationen gewachsener Antijudaismus, gepaart mit kruden, bemüht wissenschaftlich klingenden Rassentheorien konnte einem labilen, zwischen Selbstzweifeln und Selbstüberhöhung hin und her schwankenden jungen Mann sehr wohl zum Erklärungsmodell für das eigene schmerzlich empfundene Ungenügen werden.
Wie aber konnten solche „Einsichten“ dann eine so unglaubliche Biografie vom Obdachlosen-Heim-Insassen zum Deutschen Reichskanzler und „Führer“ hervorbringen? Wie konnte ein junger Mann, der übereinstimmend von allen, die ihn kannten, als unzufrieden und arbeitsscheu, mal träge, mal wichtigtuerisch aufbrausend, von wirren Ideen und dumpfen Aggressionen beherrscht geschildert wird und der, um der Einberufung zum österreichischen Militär zu entkommen, schließlich nach München auswich, zu einer so beherrschenden Stellung gelangen? Was konnte so eine Lebenswende bewirken? Eine entscheidend prägende Erfahrung waren zweifellos seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg.

<strong>4 Die Erfahrung des Krieges </strong>
 Adolf Hitler kam (wie alle anderen Soldaten auch) nicht als der zurück, als der er in den Krieg gezogen war. Kein Mensch kann vier Jahre eines grauenvollen Völker-Mordens durchleben, bei dem eine ganze Generation junger Menschen in sinnlosen Stellungskriegen „verheizt“ wurde, ohne davon im Innersten berührt und verändert zu werden. Bei ihm aber hatte sich diese Erfahrung offensichtlich nicht zerstörend, sondern aufbauend ausgewirkt.
Was bewirkte diese Veränderung? Man weiß Einiges über Hitlers Kriegszeit aber kaum etwas darüber, was sie in ihm auslöste. Man kann aber doch <em>indirekt </em>deren Auswirkungen erkennen. Man stelle sich (als bildhaftes Beispiel) eine Billardkugel vor auf einem Tisch, von dem die eine Hälfte verdeckt und nicht einsehbar ist. Trotzdem könnte man dann, wenn man beobachtet, in welchem Winkel und welcher Geschwindigkeit eine Kugel in diesen verdeckten Bereich hineinrollt und in welcher Weise sie beim Verlassen dieses Bereiches wieder herauskommt, ziemlich genau berechnen, welchen Anstoß, welchen Energie-Impuls diese Kugel in diesem verdeckten Bereich erhalten hat. Ähnlich kann man aus den biografischen Gegebenheiten Hitlers vor und nach dem Krieg mit einiger Genauigkeit auf das schließen, was sich in dieser Phase vollzogen hat: Hitler hatte im Inferno des „Stellungskrieges“ Kampf, Grausamkeit und die Tötung des „Feindes“ als Befreiung erlebt. Zum ersten Mal in seinem Leben wurden er selbst und sein Tun anerkannt und gewürdigt. Er bekam das „Eiserne Kreuz Erster Klasse“, eine Auszeichnung, die bei Mannschaftsdienstgraden sehr selten war. Unmittelbarer Anlass war, dass er als "Meldegänger" in einer sehr schwierigen und gefährlichen Situation nach dem Zusammenbruch der Telefonleitungen eine wichtige Meldung trotz feindlichen Beschusses erfolgreich zu den Frontstellungen brachte. Hitler erlebte diese Auszeichnung als Anerkennung nicht nur dieser einzelnen Tat, sondern als persönliche Aufwertung: In einem jahrelang andauernden Krieg, in dem oft beim Kampf um einem einzigen „strategisch wichtigen“ Hügel Hunderte von jungen Menschen auf furchtbare Weise ihr Leben lassen mussten und bei dem in einer entsetzlichen Verrohung des Empfindens das Töten als tägliches „Handwerk“ erledigt wurde, waren er selbst als besonders wichtig und sein Handeln als herausragende Leistung gewürdigt worden.
Das wurde für ihn zur befreienden Erfahrung: Im Krieg, in der Härte des Kampfes, im Töten (d. h. in der Überwindung, des von ihm als „jüdisch“ empfundenen Tötungsverbotes, ja in der Überwindung aller ethischen Grundsätze, die er irgendwie hemmend im „Kampf ums Dasein“ empfand) fühlte er, wie er den „Juden in sich“ überwinden konnte. Der „Jude in ihm“ (so empfand er das nun) war also das, was ihn hinderte, mit Kampf  und Härte seine Ziele zu verfolgen und die entsprechende Anerkennung dafür zu bekommen und „Erfolg“ zu haben. Jahre später, 1928, in einer Rede in Kulmbach betont er:<em> Die Idee des Kampfes ist so alt wie das Leben selbst, denn das Leben wird nur dadurch erhalten, dass anderes Leben im Kampf zugrunde geht (…) In diesem Kampf gewinnt der Stärkere, Fähigere, während der Unfähige, der Schwache verliert. Der Kampf ist der Vater aller Dinge. (…) Nicht durch die Prinzipien der Humanität lebt der Mensch oder ist er fähig, sich neben der Tierwelt zu behaupten, sondern einzig und allein durch die Mittel brutalsten Kampfes.</em> (Alan Bullock "Hitler")
Und so, wie er selbst sich von der (wie er es sah) destruktiven Kraft des Jüdischen in ihm durch Kampf und Krieg und Mord befreit hatte, so musste (nach seiner Vorstellung) nun der ganze „Volkskörper“ des deutschen Volkes, ja die ganze Menschheit durch Bekämpfung, Unterdrückung und Ausrottung von allem Jüdischen „befreit” werden. Diese Erfahrung der „Befreiung” von allen Hemmungen vor Gewaltanwendung, Brutalität und Mord verband sich nach dem Krieg mit der Entdeckung seines rednerischen Talents und der Erfahrung einer geradezu hypnotischen Macht über seine Zuhörer.

<strong>5 Die Erfahrung der Nachkriegszeit</strong>
Jetzt, wo Hitler den „Juden in sich“ überwunden glaubte, konnte er auch seine persönlichen Hemmungen überwinden. Jetzt wurde seine Hauptbegabung, das Reden, sein agitatorisches Talent, angenommen und es wurde für ihn zum virtuos gehandhabten Instrument für den Machterwerb und zur Gewinnung von Anhängern und Bewunderern. Die „Kampfzeit“, wie er seinen politischen Aufstieg nannte, wurde für ihn zur Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, den Mitteln der Agitation und der Propaganda. Der „Feind“ blieb der gleiche: Der Jude in ihm (also alles, was er an sich und seiner Vergangenheit als weichlich und ethisch verpflichtend empfand und dem er sein früheres Scheitern zuschrieb) und der Jude in der Welt (also alles, was er im Kampf der Rassen und Nationen als hinderlich ansah).<em> Die Blutvermischung und das dadurch bedingte Senken des Rasseniveaus ist die alleinige Ursache des Absterbens alter Kulturen; denn die Menschheit geht nicht an verlorenen Kriegen zugrunde, sondern am Verlust jener Widerstandskraft, die nur dem reinen Blute zu eigen ist</em>. (A. Hitler "Mein Kampf")
Die beiden großen Lehrmeister seines Lebens waren das Scheitern im Frieden, als er passiv und lustlos darauf wartete, als „Künstler“ anerkannt zu werden und sein „Erfolg“ im Krieg, als er für seinen Einsatz in einem grausamen Kampf Anerkennung fand. Von da ab empfand er sich - ob Krieg oder Frieden – immer im Kampf.

<strong>6 Die Mission</strong>
Hitler hatte jetzt seine „Mission“ erkannt: So wie er das „Jüdische in sich“ (wie er es sah) überwunden und durch Kampf und Gewalt ausgetrieben hatte, so musste jetzt, wo er die Macht dazu hatte, alles Jüdische in der Welt durch Gewalt und Mord überwunden und ausgetrieben werden. Man muss sich einmal vorstellen, was es für diesen vom Leben bisher so furchtbar enttäuschten Mann bedeutet haben musste, dass er nun, da er unaufhörlich Kampf und Gewalt predigte, zum Kanzler des Deutschen Reiches aufgestiegen war! 1933, kurz nach der „Machtergreifung“ hat er in einem Gespräch in vertrautem Kreise erklärt, was das „Jüdische“ ist, das er so abgrundtief hasste und das überwunden und ausgetrieben werden musste: (aus Hermann Rauschning, „Gespräche mit Hitler“, Wien 1973*) <em>Wir erklären den Krieg gegen die Perversion unserer gesundesten Instinkte. Ah, dieser Wüstengott, dieser verrückte, stupide, rachsüchtige, asiatische Despot, mit seiner Macht, Gesetze zu machen! Diese Peitsche eines Sklavenhalters! Dieses teuflische: Du sollst, du sollst! Und dieses dumme: Du sollst nicht! Es muss heraus aus unserem Blut, dieser Fluch vom Berge Sinai! Dieses Gift, mit dem sowohl Juden wie Christen die freien, wunderbaren Instinkte der Menschen verdorben und beschmutzt und sie auf das Niveau hündischer Furcht herabgedrückt haben … Was wir bekämpfen, das ist das sogenannte Gesetz..., die weichliche Mitleidsmoral, der man göttliche Weihe verliehen hat, um den Schutz des Schwachen gegen den Starken sicherzustellen, wobei man die unverrückbaren Gesetze des Krieges verachtete … Gegen die sogenannten Zehn Gebote eröffnen wir die Feindseligkeiten … Die Tafeln vom Berge Sinai haben ihre Gültigkeit verloren … Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung; es ist, wie die Beschneidung, eine Verstümmelung des Menschen.</em>
Man muss diese Worte dessen, der eben im Deutschen Reich die Macht erobert hatte, um sie als „Führer“ des deutschen Volkes mit äußerster Konsequenz anzuwenden, etwas genauer anschauen. Hitler formuliert sie als „Kriegserklärung“ gegen die Gebote der Menschlichkeit in der Bibel. Die hätten, so Hitler, unsere „gesundesten Instinkte“ pervertiert. Diese „gesundesten Instinkte“, das sind für ihn das Recht des Stärkeren über die Schwächeren zu herrschen, sind Gewalt, Kampf und Mord. Diese „wunderbaren Instinkte der Menschen“ wären durch das „Gift“ der Gebote verdorben worden. Dieses „Gift“ ist für ihn eine „weichliche Mitleidsmoral“, weil die „den Schutz des Schwachen gegen die Starken sicherstellen“ will, und das bedeutete für Hitler „die unverrückbaren Gesetze des Krieges“ infrage zu stellen, die für ihn universelle Bedeutung hatten, die in Friedenszeiten zwar auf andere Weise angewendet werden müssten, aber prinzipiell auch da die gleiche Gültigkeit hätten. Das Gewissen, das Menschen von unmensch­lichen Handlungs­weisen abhalten könnte, ist für Hitler eine „Ver­stümmelung“ des Menschen – und eine jüdische Erfindung. Jedes Gesetz, das die Starken und Mächtigen hindern könnte, mitleidlos gegen alle Schwächeren vorzugehen, ist für ihn ein „Fluch“, der „Fluch vom Berge Sinai“.
Diesen "Fluch" sah Hitler auch im Christentum wirksam. Goebbels notierte nach einem Gespräch mit Hitler am 29.12.1939: <em>"Wir kommen wieder auf religiöse Fragen zu sprechen. Der Führer ist tief religiös, aber ganz antichristlich. Er sieht im Christentum ein Verfallssymptom. Mit Recht. Es ist eine Ablagerung der jüdischen Rasse. Man sieht das auch an den Ähnlichkeiten religiöser Riten..."</em> (zitiert nach Saul Friedländer "Das Dritte Reich und die Juden")

Hitlers Ideologie war eine Primitivform des Sozialdarwinismus, die den „Kampf ums Dasein“, den er als durchgehendes Prinzip der Natur zu erkennen meinte, auf das Verhältnis der Rassen und Völker übertrug und auf gewaltsame Überwältigung, Versklavung und Ausrottung reduzierte. Jede friedliche Form von Konkurrenz und Wettbewerb, erst recht jede Form von Rücksichtnahme und Mitgefühl waren für ihn Zeichen von Verweichlichung und Degeneration.
Das ist der Kern der Hitler'schen Ideologie: Die Juden (alle Juden!) sind mit dem Krankheitskeim der Mitmenschlichkeit infiziert (auch wenn er ihnen in seiner Rhetorik immer wieder seine eigenen Motive unterstellte, nämlich das gewaltsame Streben nach Weltherrschaft). Ihr Festhalten an den Geboten Gottes ist wie ein Fluch für die ganze Menschheit: <em>Du sollst nicht töten, nicht stehlen, den Nächsten nicht verleumden, nicht an dich zu reißen versuchen, was einem anderen gehört</em> (2. Mose 20, 13-17), solche Verbote verhindern (so sah er es nun), dass die Stärksten und Brutalsten durch Kampf und Gewalt die Macht an sich reißen und alles Schwächere beherrschen können. Die Juden sind durch das Gift einer „Mitleidsmoral“ verdorben, die das Schwache in Schutz nehmen will gegen die Starken. Sie stellten seine (Hitlers) Lebenserfahrung und seinen Anspruch in Frage, dass nur der Stärkere durch Härte, Brutalität und Gewalt Erfolg haben könne, und dass dann eben dieser Erfolg rückwirkend die Härte, Brutalität und Gewalt legalisiert. Hitler wollte und brauchte eine „Ethik der Stärke“, die jede Gewalt gegen alles Schwache rechtfertigt und gut heißt. Nur wenn es ihm gelänge, das Judentum als Träger dieser verhassten „Mitleidsmoral“ und mit ihm das „Gift“ der Gebote der Mitmensch­lichkeit gänzlich auszulöschen, dann könnte er seine Pläne verwirklichen. Wenn das nicht gelänge, dann wäre alles, was er bisher getan und befohlen hatte und noch mehr alles, was er noch vorhatte, nichts anderes als ein furchtbares Verbrechen.
Die Überwindung jeder ethischen Haltung, die der totalen Herrschaft der Starken über alles, was irgendwie Schwäche zeigt, im Wege stehen könnte, war prägender Bestandteil der Visionen Hitlers und die versuchte er in allen Lebensbereichen durchzusetzen, besonders in der Erziehung der Jugend: <em>Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene grausame Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen.</em> (Zitiert nach J.C. Fest)
Es kam darauf an, die Ideologie der Stärke an die nächste Generation weiterzugeben. Was würde sich auf Dauer durchsetzen? Die Macht der Gewalt oder die Ethik der Mitmenschlichkeit? Davon würde abhängen, als was Hitler und seine Anhänger in die Geschichte eingehen würden: als die größten Helden der Menschheitsgeschichte oder als deren furchtbarsten Verbrecher. Diese Alternative macht die Verbissenheit verständlich, mit der die Judenvernichtung vorangetrieben wurde. Selbst als Hitlers Armeen schon überall auf dem Rückzug waren, und obwohl es überall an Ausrüstung, Material und Transportmitteln fehlte, kam die Vernichtungsmaschinerie nicht eine Minute ins Stocken, wurden Hunderttausende von Menschen kreuz und quer durch Europa gekarrt, um sie so effektiv und so restlos wie möglich zu Tode zu bringen. Das hatte Hitler für sich und seine "Bewegung" zur großen und verpflichtenden Aufgabe angenommen (zitiert nach Ian Kershaw "Hitler" S. 751): <em>Wenn wir diese Pest (die Juden) ausrotten, so vollbringen wir eine Tat für die Menschheit, von deren Bedeutung sich unsere Männer draußen noch gar keine Vorstellung machen können." </em> (Aus einer Rede Hitlers Oktober 1941)
Der Hass der nationalistischen Ideologie, die die Gewaltherrschaft der Starken über die Schwachen zum höchsten Ideal erhob, richtete sich im Letzten gegen den Gott der Juden selbst, den Gott, der die biblischen Gebote gegeben hatte, die Weisungen für eine gottgewollte Menschlichkeit. Und weil man diesen Gott der Juden nicht direkt angreifen konnte, richtete sich dieser Hass stellvertretend gegen das Volk der Juden.  
<strong>Die Juden in Deutschland und Europa wurden von den Nazis verfolgt und umgebracht, weil sie Träger einer Rechtsordnung waren, die, weil von Gott her kommend, nicht in die totale Verfügbarkeit der Herrschenden gegeben war und weil diese Rechtsordnung (die Thora) das Gegenmodell zur Gewaltideologie des Nationalsozialismus war. Die Juden in Deutschland und Europa wurden ermordet, weil sie eine Lebensordnung repräsentierten, die nicht beliebig manipulierbar war und weil die Herrschenden nicht erwarten konnten, dass die Juden in ihrer Mehrheit sie je aufgeben würden. Die Juden Europas wurden vor die Erschießungskommandos und in die Gaskammern getrieben, weil man hoffte, dort mit ihnen zugleich auch das biblische „Du sollst“ und „Du sollst nicht“ endgültig zum Schweigen zu bringen. Die Juden Europas starben für ihre Thora, das heißt, für die ihnen von Gott anvertraute Lebensordnung der Menschlichkeit.</strong>

<strong>6 Die Resonanz</strong>
Das Erschütternde am sogenannten „3. Reich“ ist nicht, dass ein vom Leben zuerst tief enttäuschter und dann maßlos emporgehobener Mensch solche wahnsinnigen Ideen entwickelt. So etwas kann es immer wieder geben. Das Erschütternde ist, dass Millionen von „normalen“ Bürgern, Männer und Frauen, ihm mit solch blinder Begeisterung folgten. Die Resonanz der Hitler'schen Ideologie im Denken, Empfinden und Handeln weiter Teile der deutschen Bevölkerung, das ist die eigentliche Tragödie dieser 12 Jahre von 1933 bis 1945. Es hat ja im Ausland immer wieder fassungsloses Erstaunen hervorgerufen, wie ein Mann, der es als Schüler nicht einmal zu einem ordentlichen Volksschulabschluss gebracht hatte, ein Möchtegern-Künstler, dessen Talent nicht einmal dazu reichte, überhaupt zu einer Kunstausbildung zugelassen zu werden, ein ehemaliger Obdachlosenasylinsasse und späterer Soldat, der es in den vier Jahren des Ersten Weltkrieges nicht über den Rang eines Gefreiten hinaus geschafft hatte, dann zum „Führer“ des deutschen Volkes werden konnte, dem Millionen von gebildeten, fähigen und einflussreichen Leuten (Künstler, Wissenschaftler, Generäle, Juristen, Ärzte, sogar manche Pfarrer und Bischöfe …) mit solcher Begeisterung und Bedingungslosigkeit folgten.
Auch die christlichen Kirchen haben in der geistigen Auseinandersetzung zwischen Gewaltideologie und Wort Gottes weitgehend versagt. Ihre Aufgabe wäre nicht der physische Widerstand gewesen aber um so mehr der geistige Kampf um die geistigen Grundlagen des Denkens und Handelns. Dieser „Kampf” hätte schon lange vor 1933 begonnen werden müssen und er wurde auch dann nicht mit der nötigen Entschiedenheit geführt. Anfangs hatten Hitler und seine führenden Leute noch die Erwartung, dass sie die Christen und die christlichen Kirchen ganz auf ihre Seite ziehen könnten, und sie waren dafür bereit, ihre widergöttliche Ideologie mit einem ganzen Kranz religiöser und pseudoreligiöser Worte und Handlungen zu schmücken. Sie hofften, dass die Christen bereit sein würden, um der Teilhabe an der Macht willen, die zentralen Inhalte ihres Glaubens aufzugeben, und anfangs hatten sie, das haben die christlichen Kirchen eingestanden und beklagt, große Erfolge damit. Am Ende des sogenannten Dritten Reiches aber wurde immer deutlicher, dass die Christenheit als Ganzes, und auch die Christenheit in Deutschland, ihnen nicht in letzter Konsequenz folgen würden. Und wir können an verschiedenen Aussagen von "Nazi-Größen" mitverfolgen, wie auch der Hass auf die Christen und die Kirchen immer aggressiver wurde.
Man muss zunächst einmal die Schuttschichten von blankem Opportunismus und hohler Phrasendrescherei wegräumen, bis der eigentliche Kern des Phänomens "Nationalsozialismus" sichtbar wird: Es war diese Ideologie der Stärke und des Kampfes, die weite Teile des deutschen Volkes zu einer Gemeinschaft von Anhängern und Mitläufern Hitlers machte: Wir sind die von der "Vorsehung" auserwählte und zur Weltherrschaft berufene "Herrenrasse", weil wir bereit sind, bedenkenloser und mitleidloser als andere unsere Ziele zu verfolgen. Nicht nur Adolf Hitler selbst und seine engsten Mitarbeiter, sondern auch große Teile des deutschen Volkes waren bereit, sich die Vorstellungen vom „Kampf ums Dasein“ zwischen Völkern und Rassen zu eigen zu machen. Wir müssen im Rückblick mit Entsetzen feststellen, in welch furchtbarem Ausmaß es Hitler tatsächlich gelungen ist, die Mehrheit der Deutschen von dieser „Ethik“ der Stärke und des Kampfes zu überzeugen und sie zu veranlassen, entsprechend zu handeln.
Es gibt nur ein Gegenmittel gegen diese krankhafte Entfremdung des Menschen von seiner gottgewollten Menschlichkeit: Die überzeugte und engagierte Rückbindung des Denkens und Tuns an die von Gott gegebenen Weisungen: Im Alten Testament zusammengefasst in den Zehn Geboten; im Neuen Testament zusammengefasst im „Doppelgebot der Liebe” (dessen beiden Teile auch aus dem AT stammen):<em> »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18).</em>

* Wenn auch die "Gespräche mit Hitler" Rauschnings wohl größtenteils keine wörtlichen Protokolle sind, so fügen sich die hier verwendeten Zitate doch so nahtlos in den Gesamtzusammenhang der Hitlerschen Ideologie und Rhetorik, dass man sie zumindest als <em>inhaltlich authentisch</em> ansehen muss.

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