Anmeldestatus

Du bist nicht angemeldet.

www.chajimweschalom.de

Bereich: Jesus

Thema: Jesus - der Weg

Beitrag 12: Es ist vollbracht (Joh 19,30) 2020-2

Mirjam beugte sich vor, legte die fieberheiße Stirn in die zitternden Hände und verharrte minutenlang in dieser Haltung. Es sah aus als bete sie. Aber was ihr Innerstes bewegte, war alles andere als ein frommes Gebet. Es war einratlos-verzweifelter Schrei: „Wer bist du Gott? Wer bist du, dass du so etwas zulassen kannst? Oder hast du es nicht nur zugelassen, sondern selbst ...?“ Mirjam wagte nicht, den Gedanken zuende zu denken. Das große ungelöste Rätsel ihres Lebens lag wie eine riesige Last auf ihr, viel größer und viel schwerer, als dass sie sie je tragen könnte.

Jeschuah, mein Sohn, Jeschuah, meinSohn ...“ jeder Pulsschlag, jeder Atemzug wiederholte die gleichen Worte in ihr. Ja, wenigstens das wusste sie ganz sicher, bei allem, was ihr in den letzten Tagen und Stunden an Sicherheit zerbrochen und vergangen war: Jeschuah war ihr Sohn, sie hatte ihn geboren, und nun fühlte sie sich, als ob der Schmerz dieser Geburt vertausendfacht wieder zurückgekommen sei. Wo war der Vater ihres ersten Sohnes, den sie empfangen hatte, als sie noch „von keinem Manne wusste“? Warum war er nicht da, als sie ihn am dringendsten brauchte?

Sie spürte ein übergroßes Verlangen in sich, diese Last und ihren Schmerz mit einem Mann zu teilen, der auch „Jeschuah, mein Sohn“ sagen würde. Aber das war ihr immer versagt geblieben. Mirjam erinnerte sich an den Tag, wo Jeschuah, kindlich-lallend, im Spiel mit den ersten selbst erzeugten Lauten, zum ersten Mal das Wort „Abba“* geformt hatte. Sie hatte gespürt, ohne hinzusehen, wie Josef neben ihr für einen Moment erstarrte, bis er sich wieder in der Gewalt hatte und seine Arbeit weitermachte, als sei nichts geschehen.

* Abba = hebräische Koseform für „Vater“, etwa wie „Papa“

Später, viel später, hörte sie ihren Sohn „Abba“ sagen zu einem anderen Vater, aber da war das längst kein kindlich-vertrauliches Spiel mehr. Kann man „Abba“ sagen zu einem, der immer gegenwärtig und doch nie „da“ ist, braucht nicht ein Kind, braucht nicht ein Mensch einen „Abba“, den man anfassen und spüren kann?

Damals, als junges Mädchen, als sie gesagt hatte „Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast“, da hatte sie nicht gewusst, nicht im entferntesten geahnt, was Gott ihr da abverlangen würde. Aber sie hatte ihr „Ja“ nicht zurückgenommen, hatte es auf sich genommen, Mutter zu sein neben einem Mann, der nicht Vater dieses Kindes sein wollte, und Mutter zu sein im Schatten eines Unbegreiflichen, zu dem ihr Sohn „Abba“ sagte.

Aber das, was jetzt geschehen war, das hatte sie nicht eingeschlossen in ihr„Ja“, das war ohne ihre Zustimmung geschehen und gegen ihre Bereitschaft. Keine Mutter könnte je „ja“ sagen zu so einem wahnsinnigen, unmenschlichen, blutigen ... Mirjam spürte ein Würgen in sich aufsteigen, als die Bilder von gestern über sie herfielen wie eine Meute reißender Schakale. Jeschuah, mein Sohn, Jeschuah, mein Sohn, wer immer dich in mir gezeugt hat, dafür habe ich dich nicht getragen und geboren und großgezogen, dafür nicht!

Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jeschuah geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben”. Dazu hatte sie ja gesagt, in mädchenhaft-kindlicher Naivität, und sie hatte dieses „Ja“ durchgehalten, auch dann noch, als es schier über ihre Kräfte ging.

Aber jetzt, jetzt fühlte sie, wie sich dieses „Ja“ gegen sie wandte wie ein scharfes Messer in der Hand eines unerbittlichen Feindes. War das der Thron der Verheißung, dieser blutige Stamm auf dem Felsen vor der Stadtmauer? Sah so das „nahegekommene Königtum“ aus, das ihr Sohn verkündigt hatte: Nackt und wehrlos, schmerz-durchrast um jeden Atemzug ringend, der unbarmherzig brennenden Sonne ausgeliefert und würdelos vor den Augen der Gaffer, unerbittlich bis zum Ende? Sieht so die Vaterliebe Gottes aus?

Unvermittelt tauchte das Bild ihres Vaters in ihr auf. Seit vielen, vielen Jahren hatte sie es nicht mehr vor Augen gehabt. Ihr Vater, bevor er vor ihren Augen verhaftet und weggeschleppt wurde. Sie hatte ihn nie wieder gesehen und sein Bild war in ihr verblasst. Nun war es wieder ganz gegenwärtig. Der Vater, liebevoll und stark, wie oft hatte sie ihn als Kind vermisst, hatte geträumt, dass er wiederkam, einfach vor der Tür stand und sagte „Ich bin wieder da“.

Jeschuah hatte ein anderes, viel größeres Vater-Bild. „Vater unser ...“ das war sein Gebet, in das er alle Menschen-Kinder mit einschloss. Kann Gott Vater sein? Muss er nicht doch immer Gott sein? Kann Gott Vater sein, wenn er seinen Sohn sterben sieht, ... so sterben sieht? Kann Gott wirklich Gott sein, wenn er einen Menschen so sterben lässt, egal wen?

Wer bist du, Gott, Vater meines Sohnes, angesichts dieses Todes? Wer bist du, Gott, Vater aller Menschen, angesichts des Leidens und Sterbens aller Menschen jederzeit, überall? Mirjam fühlte sich auf einmal unendlich leer und schwach und müde. Was war aus ihren Mädchenträumen geworden? Mutter des Maschiach wollte sie sein „... und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.” Selbst vor ein paar Tagen, als sie in Jerusalem einzogen, hatte sie noch gehofft, gehofft, dass sich die Verheißung hier erfüllen würde. Jeschuah, mein Sohn, Jeschuah, mein Sohn ... der wird großsein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben... Hatte sie zu viel gehofft, zu Großes erwartet?

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.” Noch nie hatte sich Mirjam mit ihrem erstgeborenen Sohn so eins gefühlt, wie jetzt in diesem Schrei der Verzweiflung aus dem zweiundzwanzigsten Psalm.

Woher hatte Jeschuah die Kraft genommen, mitten im Todeskampf diesen langen Psalm zu beten? Jetzt war es auch ihr Psalm geworden: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.” Woher wusste der Psalmbeter vor tausend Jahren so genau, wie es jetzt in ihrem Innern aussah? Wie konnte Jeschuah in seiner furchtbaren Qual diesen Psalm weiterbeten, als der von Klage und Verzweiflung zur Anbetung wechselte? „Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehret ihn, ihr alle vom Hause Jakob, und vor ihm scheuet euch, ihr alle vom Hause Israel! Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er's.”

Welch eine Kraft des Vertrauens zu einem Vater, der stumm blieb, bis der letzte Schrei des Gequälten verhallt war! „Vater unser im Himmel ...“ Mirjam sah nach oben in ein wolkenlos strahlendes Blau. Für Jeschuah war der Himmel eine stets gegenwärtige Realität gewesen, vertraut wie das Vaterhaus, in dem man aufgewachsen ist, und viel näher als die Wohnung des Nachbarn nebenan. Und jetzt? Warum war der Himmel so fern und die Hölle menschlichen Leidens und unmenschlicher Gewalt so nah?

Mirjam schloss die Augen wieder. Jetzt war Schabbat, Ruhetag. Die längste Nacht ihres Lebens war vorüber. Gleichgültig, als wäre nichts geschehen, war die Sonne wieder aufgegangen. Jetzt wurden in den Synagogen das „Sch'ma“ und das „Sch'mone-essre-Gebet“ gesprochen und die Thora- und Haftara-Lesungen gehalten. Jetzt war auch für Jeschuah Ruhetag. Die Dunkelheit der Grabkammer schützte ihn vor der sengenden Sonne, der Rollstein bewahrte ihn vor allen Angriffen der Feinde und das Leichentuch verhüllte ihn vor den Blicken der Gaffer.

Ihr Herz aber hatte noch keine Schabbat-Ruhe gefunden. Es pochte und jagte und stockte wieder als wollte es stehen bleiben. Ach, bliebe es doch stehen! Sie wollte nicht, dass einfach alles weiterging, wie gewohnt. Sie wollte nicht, dass morgen ein neuer Tag kam und eine neue Woche begann, und dass alles so blieb wie es immer war.

Mirjam kannte die Ansicht der frommen Gelehrten, dass einmal in einem fernen Irgendwann, nach dem Schabbat, dem siebenten Tag, nicht wieder die nächste Woche mit dem ersten Tag beginnen würde, sondern dass dann der immer wiederkehrende Siebentagerhythmus durchbrochen würde und abgelöst würde vom achten Tage, dem Tag des Messias*, an dem alles neu und alles gut sein würde. Ach, wäre doch morgen dieser Tag!

* Das hebräische Wort „schemen“ (Salböl), von dem das Wort „maschiach“ (der Gesalbte = Messias) abstammt, hat den gleichen Wortstamm wie die Worte „schmona“ (acht) und „schamajim“ (Himmel).

Aber wie sollte etwas gut werden, wenn ihr Sohn tot war, wie sollte der Tag des Messias kommen, wenn der im Grabe lag, auf den alle ihre Hoffnung ausgerichtet gewesen war? Mirjam fühlte den morgigen Tag, den Tag nach dem Schabbat, mit seinem„normalen“ Ablauf und seiner routinemäßigen Geschäftigkeit auf sich zu kommen wie eine Bedrohung. Morgen, ganz früh, würden die Frauen aus ihrer Gruppe, Schlomit, ihre Schwester, Mirjam aus Magdala und Mirjam, die Mutter des Ja-akov zum Grab hinausgehen und den Leichnam Jeschuahs für die endgültige Bestattung vorbereiten.

Die Menge der Zuschauer von gestern hatte sich längst verstreut. Ein sterbender „Davidssohn“ am Kreuz war für die einen, die sich in ihrer Ablehnung bestätigt fühlen, eine Genugtuung, für die anderen, die bis zuletzt gehofft hatten, eine furchtbare Enttäuschung und für die meisten ein makabres, schaurig-erregendes Schauspiel.

Ein Vers aus demPropheten Jesaja fiel Mirjam ein: „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.”

Ja, diese Zeile aus dem „Knecht-Gottes-Lied“ des Propheten waren wie für ihren Sohn geschrieben. Er, zu dem die Stimme vom Himmel her gesagt hatte „dies ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe“, der war jetzt der „Allerverachtetste und Unwerteste - für nichts geachtet“.

In diesem Moment klang es ihr fast hörbar in den Ohren, wie das Lied bei Jesaja weiterging: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.” Bei diesen Worten in ihrem Innern löste sich die Erstarrung ihrer Seele und sie fing an, all die Tränen nachzuweinen, die ihr gestern nicht vergönnt gewesen waren.

* * *

Die Königsherrschaft der Himmel, das Reich Gottes, das Friedensreich des Maschiach war nahe herbeigekommen! Jetzt war es nicht mehr zu übersehen und zu leugnen. Jeschuah lebte! Mochten doch die Unwissenden reden was sie wollten. Mochten doch die Neider und Feinde überall herumerzählen, sein Leichnam wäre gestohlen und irgendwo anders bestattet worden. Sie selbst hatte ihn gesehen, hatte ihn gehört, war mit ihm zusammen gewesen. Wer könnte mit größerer Sicherheit als sie sagen: Das ist Jeschuah, er ist es wirklich! Sie selbst hatte ihn geboren und großgezogen.

Freilich merkte sie auch die Veränderung am deutlichsten, die sich an ihrem Sohn vollzogen hatte. Entsetzlich gezeichnet noch von den furchtbaren Misshandlungen und doch wie einer, der schon einer Welt angehört, wo „Gott alle Tränen abwischen wird von allen Augen, und der Tod wird nicht mehr sein wird, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz“ (Off 21.4), demütiger und zurückhaltender als je und doch wie einer, dem „alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden“, nahe wie früher, aber doch unberührbar - einer anderen Wirklichkeit zugehörig. Aus jedem Blick, jedem Wort, jeder Geste leuchtete eine mit Worten nicht beschreibbare Gottesgegenwart: Himmel auf Erden; vollkommenes Ebenbild des erhabensten Gottes im geschundensten Menschsein.

Mirjam fühlte sich wieder klein und schwach und ganz und gar unwürdig angesichts dessen, was mit ihr geschah, wie damals als junges Mädchen, als der Engel zu ihr gekommen war. Fürchte dich nicht, Mirjam, du hast Gnade bei Gott gefunden. Ja, es war keine Einbildung, kein überspannter Mädchentraum gewesen. Gott hatte an ihr gehandelt. Und jetzt? Jetzt war er wieder dabei zu handeln, unbegreiflich, unwiderstehlich, erschreckend und zugleich beglückend wie nie zuvor, an ihr, an der Gemeinschaft der Jünger, am Volk Israel und an der ganzen Menschheit.

Er war dabei, etwas in ihnen entstehen zu lassen, was nach menschlichem Ermessen gar nicht möglich war. So wie Gott in ihr etwas gezeugt hatte, das viel mehr und ganz anders war, als durch die Vereinigung und Entfaltung menschlicher Möglichkeiten je entstehen könnte. Genau so wollte Gott jetzt im Mutterschoß der Jüngergemeinschaft etwas zum Leben erwecken, das weit über menschliche Möglichkeiten hinausging und das den Keim einer weltverwandelnden Erneuerung in sich trug. Und sie, Mirjam, durfte auch diesmal ihr „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ mit dazu beitragen.

Ja, sie hatte Gnade bei Gott gefunden. Aber durch welche Tiefen war Gott mit ihr gegangen bis zu diesem Augenblick glückseliger Gewissheit!

* * *

Schimon zuckte zusammen, als hätte ihn ein heftiger Schlag getroffen. Dabei hatte die Stimme Jeschuahs so leise, so sanft geklungen: „Schimon Ben Jochanan, liebst du mich mehr als diese?” (Jo 21, 15) Schimons Blick kam wie von einer weiten Reise zurück. Die letzte Station auf dieser Reise war die Gestalt des jungen Jochanan Ben Savdai, die gleich neben der mit Steinen umlegten Feuerstelle lag, in der noch eine letzte Glut glomm. Auch die anderen Jünger hatten sich gleich am Ufer in den Sand gelegt. Im Hintergrund schimmerte in der Morgensonne silbrig der See Genezareth. Alle waren erschöpft von der vergeblichen Nacht und erregt von der Begegnung mit Jeschuah am frühen Morgen. Jetzt, nachdem sie gegessen hatten und satt waren, hatte die Müdigkeit bei den Männern leichtes Spiel; die meisten waren schon eingeschlafen.

Schimons Blick wanderte von Jochanan zu Jeschuah und wieder zu Jochanan zurück. Er merkte, wie sein innerer Widerstand gegen diesen Jüngling sich wieder regte. Unbekümmert, heiter, liebenswürdig war der, jedenfalls meistens, manchmal auch aufbrausend in schnell entflammter Wut. Alle mochten ihn wegen seiner Jugend und seiner gewinnenden Art und sahen ihm vieles nach,was sie bei anderen störte. Und: Er war der Lieblingsjünger Jeschuahs.

Schimon hatte noch das Bild von jenem Abend vor den Pessach-Fest vor Augen, als sie beim Mahl zu Tisch lagen. Jochanan ganz nah bei Jeschuah, freundschaftlich, vertraut. Und er, Schimon, saß abseits. Freilich, sie waren ja auch verwandt, Jochanan und Jeschuah, ihre Mütter waren Schwestern. Ja, gewiss, Jeschuah hatte ihm, Schimon, eine führende Rolle in der Jüngerschaft zugewiesen, hatte ihn „Kefa”, den Fels genannt oder „Petrus”, wie jetzt viele auf lateinisch sagten.

Schimon hatte diese Rolle sehr ernst genommen, hatte sich eingesetzt, Pläne gemacht, Wege ausgekundschaftet, unterwegs Quartiere beschafft, die Stellen ausgesucht, wo Jeschuah predigen konnte und von vielen Zuhörern gut verstanden wurde, hatte Streit geschlichtet, Enttäuschte motiviert, Ängstliche bestärkt, hatte die Versorgung der Jüngergemeinschaft organisiert, Beziehungen zu anderen Gruppen aufgebaut und gepflegt, hatte ein Nachrichten-Netz geknüpft, so dass er immer informiert war, wenn neue Entwicklungen in Gang kamen oder alte Gefahren drohten...

Aber die Vertrautheit des Umgangs mit Jeschuah, wie sie Jochanan ganz selbstverständlich pflegte, war ihm, Schimon, verschlossen geblieben. Na ja, Verwandtschaft konnte man sich eben nicht verdienen. Zum Arbeiten war er gut genug, Freundschaft stand auf einem anderen Blatt. Und jetzt diese Frage: „Schimon Ben Jochanan, liebst du mich mehr als diese?” Was sollte er denn antworten auf diese Frage? Am liebsten würde er die Gegenfrage stellen: Liebst denn du mich, Jeschuah, oder bin ich für dich nur ein fähiger Organisator, eine Art „Leitender Angestellter”?

Und überhaupt, was sollte diese Frage, Jeschuah wusste doch ohnehin, wie es in ihm aussah. Mühsam, die Augen starr auf den Boden gerichtet, wo seine Zehe wirre Zeichen in den Sand malte, brachte er den Satz hervor: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe.” Erst nach einer Weile löste er den Blick vom Boden und sah Jeschuah an. Und merkte, dass dieser die ganze Zeit auf diesen Blickkontakt gewartet hatte.

Eine Weile sahen sie sich in die Augen und Schimon versuchte, diesem Blick stand zu halten. Dann hörte er die Stimme Jeschuahs: „Weide meine Lämmer.” „Ausgerechnet”, schoss es Schimon durch den Kopf, „ausgerechnet die Lämmer, die Jungtiere, meint er damit solche wie Jochanan?” Wieder einmal bemerkte Schimon, wie gut ihn Jeschuah kannte. Die Lämmer, die jungen, noch unreifen Jesus-Jünger wollte er ihm ans Herz legen, solche, die auch mal Dummheiten machen im jugendlichen Übermut.

Und Schimon wusste, dass Jeschuah jetzt nicht nur Jochanan im Blick hatte, sondern ihn selbst. Er war auch mal so jung gewesen und er hatte nicht nur Dummheiten gemacht da-mals, sondern ... Schimons Erinnerung riss plötzlich auf, als ob jemand einen Vorhang weggezogen hätte. Alles, was er so viele Jahre lang verdrängt hatte, war plötzlich wieder sichtbar vor Augen. Gar nicht so weit weg von hier war es gewesen. An der Stelle auf dem Berg oberhalb des Sees, wo sie öfter waren. Wieder einmal waren viele Menschen aus den umliegenden Dörfern zusammengekommen. Pharisäer und Schriftgelehrte aus Tiberias waren dabei, auch einige zwielichtige Gestalten, Steuereintreiber und zweifelhafte Geschäftemacher.

Unter den Zuhörern hatten sich zwei Gruppen gebildet, die auch äußerlich voneinander Abstand hielten: Die „Anständigen und Guten” und die „Fragwürdigen und Bösen”. Da erzählte Jeschuah ein Gleichnis von einem Vater mit zwei Söhnen. Schimon war damals wie auf glühenden Kohlen gesessen. Es war seine Geschichte, die er da hörte. Sein Vater hatte auch zwei Söhne, Andreas und ihn, Schimon. Andreas, der Ältere, war der Anständige, Fleißige, Zuverlässige gewesen und er, Schimon? Er war von zu Hause weggelaufen. Er hatte seinen Anteil am Familienvermögen durchgebracht. Er war zwar nicht bei den Säuen gelandet, wieder „verlorene Sohn” im Gleichnis, aber doch in einer ziemlich üblen Gesellschaft mit ziemlich „säuischen” Gewohnheiten. Erst als er ganz „unten” war, hatte er sich besonnen und war nach Hause zurückgekehrt. Dort hatte sein Vater, der alte Jochanan zwar kein Fest gefeiert, aber er hatte ihn wieder aufgenommen. Und auch mit Andreas, seinem älteren Bruder hatte er sich später wieder versöhnt. Und noch später waren sie beide Jünger Jeschuahs geworden.

Hier am Westufer des Sees wusste niemand etwas von der Geschichte; damals hatten sie noch in Beth-Zaida am Nordufer gewohnt. Jeschuah wusste offensichtlich von diesen Ereignissen, aber er hatte mit keiner Silbe angedeutet, dass seine Gleichnisgeschichte einen realen Hintergrund hatte.

Die Stimme Jeschuahs brachten Schimons Gedanken in die Gegenwart zurück: „Schimon, Sohn des Jochanan, hast du mich lieb?” Schimon bedauerte seine Gedanken von vorhin. Nein, Jeschuah brauchte ihn nicht in erster Linie als Organisator und Oberaufseher; er wollte ihn als Freund, der ihm aus Freundschaft, Zuneigung und Überzeugung nachfolgte. Diesmal sah er Jesusan, als er antwortete: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe”. Die Antwort Jeschuahs war fast die gleiche: „Hüte meine Schafe!” Aber Schimon merkte den Unterschied: Nicht nur die Lämmer sollte er weiden, sondern die ganze Herde und nicht nur füttern sollte er sie, sondern führen, behüten, voranbringen ...

Er, der damals bei den „Säuen” gelandet war, er sollte jetzt die menschliche „Herde” des „guten Hirten” führen. Der „verlorene Sohn” sollte nicht nur wieder ins Haus aufgenommen werden, sondern er sollte nun eingesetzt werden in seine Verantwortung als ein Nachfolger des „guten Hirten”.

Schimon spürte wie ihm ein paar Tränen in die Augen steigen wollten, aber er unterdrückte den Impuls und ließ sich nichts anmerken. In diesem Augenblick hörte er zum dritten Mal die Stimme Jeschuahs: „Schimon Ben Jochanan, hast du mich lieb?” Jetzt, als Jeschuah zum dritten Mal diese Frage stellte, konnte Schimon seine Tränen nicht mehr zurückhalten, er schluckte mühsam, dann sagte er leise, fast flüsternd: „Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich liebhabe.” Aber noch im Sprechen fiel ihm der Augenblick ein, als der Hahn gekräht hatte, nachdem er Jeschuah drei mal verleugnet hatte.

Er stand auf und wollte weggehen. Aber Jeschuah war ebenfalls aufgestanden und umarmte ihn, war ihm einen Augenblick so nah und so vertraut wie nie. Dann spürte Schimon, wie ihm Jeschuah die rechte Hand auf den Kopf legte: „Von Gott Gesegnete sind alle, die arm sind vor ihm, denn denen gehört das Königreich der Himmel.”

* * *

Mirjam saß auf dem flachen Dach des Hauses von Martha, Mirjam und Lazarus in Beth-Anja und sah nach Osten wo im Widerschein der Abendsonne die Berge Moabs erkennbar waren. Die Senke dazwischen war von leichten Dunst erfüllt, so dass man das Salzmeer nur erahnen konnte.

Gut fünf Wochen waren jetzt schon seit jenem „ersten Tag der Woche“ vergangen, wo Mirjam von Magdala völlig aufgelöst und sprachlos vor Glück und Schrecken zugleich vom Grab zurückkam und ihnen verständlich zu machen versuchte, was sie erlebt hatte: Jeschuah war ihr begegnet.

Nach Stunden entsetzter Verwirrung und doch schon neu aufkeimender Hoffnung war es endlich unabweisbare Wirklichkeit geworden: Jeschuah lebte, er war zu ihnen, den Jüngern und den Frauen, gekommen und hatte mit ihnen geredet. Er hatte ihnen die Wundmale an den Händen und Füßen gezeigt und erst allmählich war ihnen bewusst geworden, dass wirklich etwas nie Dagewesenes geschehen war: Gott hatte sich über den Tod hinaus zu dem bekannt, zu dem er gesagt hatte: Dies ist mein geliebter Sohn ...“

Damit hatte er sich auch zu allem bekannt und alles bestätigt, was Jeschuah verkündigt hatte: Das Reich Gottes war wirklich nahe. Die Jünger, die mit Schimon „Petrus” ein paar Tage nach der Auferstehung Jeschuahs nach Hause an den See Genezareth gegangen waren, waren unterdessen nach Jerusalem zurückgekommen. Gemeinsam durchlebten sie nun eine zweite Reich-Gottes-Verkündigung*, jetzt aber in der Gegenwart des Auferstandenen und im Lichte der Auferstehung.

* Apg. 1,3: Ihnen (den Aposteln) zeigte er sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes.

Nicht nur die Tatsache der Auferstehung, sondern auch diese vierzigtägige Reich-Gottes-Schulung mit dem abschließenden Pfingsterlebnis am 50. Tage machte aus der verängstigten Jüngerschar die Gemeinschaft der Apostel, denen der „gute Hirte“ seine „Herde“ anvertrauen konnte.

Viele der Gleichnisse und Lehrvorträge Jeschuahs wurden ihnen jetzt erst in ihrer ganzen Bedeutung bewusst. Ja, das Reich Gottes begann wirklich klein und unauffällig wie ein Senfkorn im Acker oder ein wenig Sauerteig im Backtrog, aber es hatte eine Kraft in sich, die das Leben der Menschen und die Verhältnisse in der Welt völlig verändern konnte.

Den Beginn dieser Veränderung erfuhren sie nun an sich selbst. Mirjam, die anderen Frauen und die Jünger erlebten diese Tage wie eine kurze, aber um so intensivere Wiederholung ihrer dreijährigen Lehrzeit mit Jeschuah seit der Entstehung der Jüngergemeinschaft, jetzt aber nicht mehr aus der Perspektive der Hoffnung, sondern im täglichen Anschauen und Erleben der Erfüllung. Sie hatten den Schatz im Acker, die überaus kostbare Perle gefunden.

In der Gemeinschaft mit Jeschuah und im Miteinander der Jüngerschaft war eine sichtbare und erlebbare Vorerfüllung der Verheißungen vom Reich Gottes Wirklichkeit geworden. Das Reich Gottes, nun aber nicht als Regierungsorganisation, sondern als Dienerorganismus, nicht als Machtapparat, sondern als Liebesgemeinschaft, unüberwindlich nicht durch militärische Stärke, sondern durch die Kraft des Glaubens. Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt (Jo 13, 34-35).

Erst jetzt wurde Mirjam allmählich bewusst, wie sehr die Jünger und auch sie selbst Jeschuah missverstanden hatten. Es ging um etwas viel Größeres als um die Wiederherstellung der Davids-Monarchie und die Befreiung vom Römer-Joch. Es ging um die Erneuerung der ganzen Menschheit und Schöpfung durch den Geist Gottes, der durch die Kraft der Liebe Gottes wirksam wird. Es ging darum, mitten in dieser lebenshungrigen und doch ständig von Not und Tod bedrohten Welt, mitten in dieser sich in Sehnsucht nach Liebe verzehrenden und zugleich so hasserfüllten und gewalttätigen Menschheit, ein unübersehbares Zeichen der kommenden Heilszeit im Reich Gottes zu verwirklichen.

Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. (Joh 17, 20 – 23)

Einheit aller Menschenkinder durch die Liebe, das war das Programm des messianischen Reiches, und sie erlebten, wie der Same dieses Reiches unter ihnen zu keimen begann. Allerdings: Nur durch die Gegenwart Jeschuahs war dieses Aufkeimen des Gottesreiches unter ihnen möglich. Die Jünger, die anderen Frauen und sie selbst schienen Mirjam völlig ungeeignet dafür.

Mit Jeschuah aber erlebten sie jeden Tag intensiver die beglückende Realität der Königsherrschaft Gottes in ihrem alltäglichen Leben - wie im Himmel, so auf Erden. Sie erlebten, wie dabei ihr je eigenes und besonderes Menschsein mit allen seinen verborgenen Gaben und Möglichkeiten aufblühte, und wie sich gleichzeitig ihr Miteinander als Liebesgemeinschaft und Reich-Gottes-Bürgerschaft entfaltete. Erst jetzt wurde Mirjam nach und nach bewusst, wie sehr sich die Jüngergemeinschaft in diesen Wochen verändert hatte. Am deutlichsten merkte sie es an Jochanan, dem jüngeren der beiden „Donnersöhne“: Mit welch liebevoller Einfühlsamkeit er sie behandelte, mit welch geduldiger Aufmerksamkeit er auf die anderen einging. Ausgerechnet er, der der Unbeherrschteste und Egozentrischste von allen gewesen war.

Die Gegenwart Jeschuahs, der tot gewesen war und wieder lebte, und die Zukunft des Gottesreiches, das schon unter ihnen Gestalt annahm, hatten alles verändert. Was aber, wenn Jeschuah einmal nicht mehr bei ihnen wäre? Auch Schimon Ben Jochanan, den sie jetzt „Petrus“, den Fels nannten, würde sie – allein, ohne Jeschuah - nicht auf diesem Weg weiterführen können.

Bei diesem Gedanken musste Mirjam umwillkürlich ein wenig lächeln. Seit ein paar Tagen schon merkte sie, wie Schimon wieder ungeduldig zu werden begann. Er war immer noch keiner, der lange zuhören konnte. Wenn er etwas verstanden hatte, und es gab viel zu verstehen in diesen Tagen, dann wollte er es sofort in die Tat umsetzen. Schließlich hatte ihn Jeschuah zum „Felsen“ eingesetzt, auf dem er seine Gemeinde aufbauen wollte! Handeln wollte Schimon, nicht hören! Und merkte dann oft erst viel später, dass er dadurch etwas für sein Handeln ganz Entscheidendes überhört hatte.

Das aber hatte er verstanden, dass sein Hirtenauftrag unlösbar mit der Liebe zu Jeschuah und den Brüdern zusammenhing. Wehe, wenn er sich verselbständigte und zum Machtanspruch wurde! Außerdem schien Mirjam Schimons Ungeduld ganz unbegründet. Sie spürte, dass noch eine ganz entscheidende Wende kurz bevorstand. Sie erinnerte sich, wie Jeschuah an dem Tag, bevor er gefangen genommen wurde, von seinem Weggehen und Wiederkommen gesprochen hatte:Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile,dann werdet ihr mich sehen. Ich gehe zum Vater.“ (Joh 16,17)

Mirjam hatte das bisher nur auf seinen Tod und seine Auferstehung bezogen. Jetzt aber musste sie daran denken, dass sich diese „kleine Weile“ vielleicht auch auf die Dauer des Wiedersehens beziehen könnte. Der Gedanke, dass Jeschuah sie bald wieder verlassen und endgültig „zum Vater gehen“ könnte, beunruhigte sie sehr. Das, was sie jetzt erlebten, war doch ohne die unmittelbare Gegenwart Jeschuahs gar nicht möglich! Wie sollten sie ohne ihn so leben können, dass es dem Reich Gottes entsprach?

Unvermittelt fielen ihr die vielen Gleichnisse Jeschuahs ein, wo er davon gesprochen hatte, dass ein Hausherr für lange Zeit wegging und den Knechten die Verantwortung für das Haus und die Menschen darin übertrug. Wollte Jeschuah, der „Hausherr“ des Gottesreiches, wieder weggehen, sie wieder alleinlassen, diesmal aber nicht nur bis zum dritten Tag? Sollte sie Jeschuah noch einmal, und diesmal für immer, hergeben müssen? Wollte ihr Gott noch einmal den Schmerz der Trennung zumuten? Und würde ihre Gemeinschaft dann schon so gefestigt sein, dass sie ohne die Gegenwart Jeschuahs ihre Berufung durchhalten könnte? Mirjam schien es, als hätte sie noch den Klang seiner Stimme im Ohr: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zueuch senden“ (Joh 16,7).

Mirjam wusste auf einmal, dass Jeschuah tatsächlich nur noch sehr kurze Zeit bei ihnen sein würde. Er würde wieder „weggehen“. - - Würde ihr diesmal das „Ja“ dazu, das „siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe,wie du gesagt hast“ leichter fallen als an jenem Rüsttag vor dem Schabbat, draußen vor den Toren Jerusalems, als Jeschuah auf so furchtbare Weise von ihr genommen wurde?

Mirjam wurde auf einmal innerlich ganz ruhig. Ja, es war vollbracht. Jeschuah hatte seine Mission zu Ende geführt. Das erste Samenkorn des Gottesreiches war in den Ackerboden des Menschseins gelegt: er selbst, der Sohn Gottes, der Messias Israels und Heiland der Völker. Jo 12,24: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

Und es war schon Frucht herausgewachsen aus seinem Sterben: Die Jüngergemeinschaft, die selbst wieder Same werden sollte für die zukünftige Weltgemeinschaft des Gottesvolkes: Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. (Mk 16,15) ... und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen (Mt 24,14).

Die Gemeinschaft der Jünger und der Frauen hielt sich nun wieder oft in Beth-Anja am Ostabhang des Ölberges auf, wo sie die erste Zeit nach der Ankunft in Jerusalem gewohnt hatten. Dazwischen waren sie immer wieder im Obergemach jenes Hauses in Jerusalem beisammen, wo die Jünger das letzte Pessach-Mahl vor der Gefangennahme Jeschuahs gefeiert hatten. Jeschuah hatte ihnen gesagt, dass sie Jerusalem und dessen Umgebung nicht verlassen sollten, bis sie mit dem Heiligen Geist getauft würden. Sie blieben also an den ihnen nun schon vertrauten Orten, wagten aber nicht, sich allzu wahrnehmbar in der Öffentlichkeit zu zeigen. Außerdem nahm sie die neue Reich-Gottes-Lehrzeit mit Jeschuah vollständig in Anspruch. Mirjam sah hinüber, wo das Salzmeer und dahinter die Berge Moabs im Schatten und Dunst des Abendlichts verschwanden.

Jetzt hatten sie Jeschuah schon einige Tage nicht mehr gesehen, aber für morgen hatte er sie alle auf den Ölberg bestellt. Mirjam freute sich sehr auf das Wiedersehen, trotz aller bangen Ungewissheit. Sie sah nach oben in das makellose Blau des Himmels. Es erschien ihr wie ein Zeichen für die Vollkommenheit und Herrlichkeit der Welt Gottes. Dorthin sehnte sich ihr Sohn, aber auch ihr eigenes Herz. Und wenn der Allmächtige Jeschuah dorthin holen wollte, würde sie auch diesmal ihr „Ja” nicht zurückhalten: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.” Da fiel ihr ein, was Jeschuah bei ihrem letzten Zusammensein gesagt hatte und sie merkte, dass ihre Angst vor der Trennung völlig unbegründet war: „... siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.”

.

Zurück zur Themenseite: Jesus – der Weg

.

Bodo Fiebig „Es ist vollbracht, Version 2020-2

© 2007, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

Vervielfältigung, auch auszugsweise, Übersetzung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen und jede Form von kommerzieller Verwertung nur mit schriftlicher Genehmigung des Verfassers

Community

Aktuelle Informationen

Infos zu Themen, Entwicklungen, Vorhaben ...

                                                    

Mitarbeit

Hier kann man mitmachen!

                                                     

Gedanken, Anregungen, neue Themen

Du hast eigene Ideen zu "Chajim we Schalom" (Leben und Frieden)? Hier ist der richtige Ort dafür.

                                                     

registrieren und anmelden

Hier kannst du dich  registrieren lassen und anmelden. Das ist dann notwendig, wenn du zu einem der Themenbeiträge einen Kommentar schreiben willst.

                                                     

bitte beachten

                                                     

Impressum