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Bereich: Jesus

Thema: Jesus – der Weg

Beitrag 10: Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem (Mt 20,18),  2020-2

Die Erleichterung war den Männern deutlich anzumerken. Sie waren gerade noch einmal davongekommen. Zu Hause, in der Gegend um den See Geneza-reth wären sie keine Stunde mehr sicher gewesen. In aller Eile hatten sie sich durch das Sumpfgebiet im Hule-Tal und die Wälder des südlichen Libanon bis nach Tyrus in Phönizien durchgeschlagen.

Syro-Phönizien war zwar auch römische Provinz, aber die Römer beschränkten sich hier auf eine kaum sichtbare Oberherrschaft und kümmerten sich wenig um die Ereignisse im Lande, so weit sie ihnen nicht gefährlich werden konnten. Hier in Tyrus, der uralten phönizischen Hafenstadt konnte man leicht für einige Zeit untertauchen. Die Stadt wimmelte von Menschen aus allen Gegenden der Welt. Man hörte Sprachen aus den verschiedensten Ländern rund um das Mittelmeer. Man verständigte sich in Koine- Griechisch, von dem die meisten wenigstens ein paar Brocken beherrschen. Jedenfalls fielen hier ein paar Fremde weniger auf als irgendwo sonst im römischen Reich.

Sie waren in einer billigen Herberge in der Nähe des Hafens untergekommen, wo Hafenarbeiter, Tagelöhner und auch einige recht zwielichtige Gestalten ein Dach über den Kopf für die Nacht fanden. Nun hatten sie sich etwas außerhalb der Stadt, nahe der staubigen Straße nach Sidon zusammengesetzt, um zu besprechen, wie sich sich weiter verhalten sollten.

Ihre Lage hatte sich schon seit Wochen dramatisch zugespitzt. Seit sie die Nachricht von der Hinrichtung Jochanans des Täufers erreicht hatte, waren sie kaum mehr zur Ruhe gekommen. Fast täglich mussten sie ihren Aufenthaltsort wechseln. Wenn die Fischer vom See Genezareth ihnen nicht immer wieder ihre Boote zur Verfügung gestellt hätten, wäre das kaum möglich gewesen. So aber konnten sie ständig zwischen Galiläa, dem Gebiet westlich des Sees, das unter der Herrschaft des Herodes Antipas stand, den Höhen der Gaulanitis im Nordosten und dem Gebiet der Dekapolis südöstlich des Sees hin und herfahren, und waren so für Soldaten, für die die Gebiete jenseits der Grenzen jeweils „Ausland“ war, wo sie keine Handlungsvollmacht hatten, kaum greifbar.

Mitten in die Unsicherheit dieser Tage kamen dann die Ereignisse am Ostufer des Sees, wo eine riesige Menschenmenge, um fünftausend Mann, zusammengeströmt war. Jeschuah hatte ihnen das kommende messianische Gottesreich verkündigt. Hier, im Herrschaftsgebiet des römischen Weltreiches, wo der Kaiserkult Staatsreligion war, eine unerhörte Provokation! Und dann geschah dieses Unfassbare, als diese ganze, kaum überschaubare Menge mit den wenigen Broten, die Jesus austeilen ließ, satt geworden war. Da war für die vielen Menschen kein Halten mehr. Dies war der verheißene König! Einer, der die Hungernden satt machen konnte. Jetzt, jetzt gleich sollte er seine Herrschaft antreten! Gegen alle Herrscher, die nur darauf aus waren, die eigenen Bäuche zu füllen. (siehe Joh 6,15)

Jeschuah konnte sich dieser stürmischen Bewegung nur entziehen, indem er sich aus der Menge heraus in die Einsamkeit der Berge zurückzog. Seine engsten Freunde hieß er wieder mit dem Boot auf die andere Seite des Sees zurückfahren. Schimon konnte sich nur allzu gut an die Überfahrt erinnern. Die Erfahrung dieser Nacht hatte sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt.

Aber diesen Gedanken schob er jetzt zur Seite. Jetzt ging es nicht um Erinnerungen, sondern um die Gegenwart. Schimon war es gewöhnt, strategisch zudenken. Vielleicht gab es die Möglichkeit, hier, in einer Gegend wo sie niemand kannte, eine neue Basis für ihr Vorhaben zu bilden. Manchmal war es eben klüger, in der Verborgenheit zu bleiben und von da aus neue Fäden zu knüpfen, bis man stark genug war, einen offenen Kampf zu wagen. Daheim in Galiläa jedenfalls war es jetzt einfach zu gefährlich.

Als Schimon den anderen seine Gedanken mitteilte, bekam er von allen lebhafte Zustimmung. Die letzten Wochen waren für sie eine fast unerträgliche Belastung gewesen. Die ständige Bedrohung und die tägliche Flucht von einem Ort zum andern hatte sie bis zur Grenze ihrer Kräfte gefordert. Nun waren sie froh, einmal für eine Weile aufatmen und in relativer Sicherheit leben zu können. Sogar Ja-akov Ben Savdai und sein Bruder Jochanan, sonst die Mutigsten und Draufgängerischsten unter ihnen, stimmten zu. Nur Jeschuah schwieg.

Bei ihrem lebhaften Gespräch hatten sie nicht darauf geachtet, dass auf der Straße von Sidon her eine Gruppe von etwa 15 bis 20 Menschen näher gekommen war. Wahrscheinlich Händler aus einem Nachbarort, denn sie führten vollgepackte Esel mit sich. Schimon wurde erst auf die Gruppe aufmerksam, als sich eine Frau in wallendem Gewand aus ihr löste und mit lautem Schreien zu ihnen herüber gelaufen kam. Jetzt wurden auch die anderen Jünger Jeschuahs aufmerksam und sprangen auf. Was schrie denn diese Frau so, was sollte das? Jetzt konnten sie es verstehen: „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Mit stark phönizischem Akzent, aber doch in verständlichem Aramäisch.

Schimon fuhr der Schreck in die Knochen. Wie war das möglich? Hier kannte sie doch niemand! Oder doch? Vielleicht war sie eine von den Vielen, die irgendwann, zufällig oder gewollt, auf der Durchreise am See Genezareth miterlebt hatten, wie Jeschuah Menschen von schweren Krankheiten geheilt hatte. Jetzt war die Frau herangekommen und fiel Jeschuah zu Füßen. „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ wiederholte sie, “Meine Tochter wird von einem bösen Geist furchtbar geplagt. Ach Herr, hilf mir!“ Aber Jeschuah schwieg auch jetzt. Die Jünger bildeten rasch einen Ring um Jeschuah und die phönizische Frau. Trotzdem bemerkte Schimon, dass einige Männer aus der Händler-Gruppe neugierig geworden waren und näher kamen. „Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach!“ sagte Schimon leise und eindringlich zu Jeschuah. Aber Jeschuah schwieg immer noch. „Tu ihr doch den Gefallen und dann schick sie weg. Die Leute werden schon aufmerksam“, drängte Schimon. Schließlich sah Jeschuah ihn an: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!“

Ach Herr, hilf mir!“ Die Frau gab keine Ruhe. Schließlich sagte Jeschuah leise, als redete er mehr mit sich selbst als mit dieser Frau: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde“. Schimon sah, wie die Frau bei diesem Wort „Hunde“ zusammenzuckte. Er wusste, dass man in Israel die Ausländer manchmal so nannte. Auch Schimon war überrascht, dass Jeschuah hier so hart und abweisend reagierte. Was sollte denn den „Kindern“, also dem Volk Israel, genommen werden, wenn Jeschuah jetzt die Tochter dieser phönizischen Frau heilte; und überhaupt, was meinte er mit dem „Brot“, das man nicht vor die Hunde werfen dürfe? Seine Kraft zu helfen und zu heilen hatte doch schon für Tausende gereicht, warum sollte sie nicht auch für die kranke Tochter dieser Frau reichen?

Die Phönizierin, sie mochte etwas über dreißig sein, sah wohlhabend gekleidet aus, und doch kniete sie im Staub vor Jeschuah. Schimon bemerkte, dass sie Tränen in den Augen hatte und ihre Stimme zitterte, als sie weitersprach: „Ja, Herr, aber doch fressen die Hunde von den Brocken, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Da sah Schimon, wie Jeschuah ihr mit einer zarten und liebevollen Geste mit der Hand über das gebeugte Haupt fuhr.

Und bei dieser Bewegung durchfuhr es Schimon und er verstand mit einem Mal, warum Jeschuah hier so abweisend und hart reagiert hatte. Seine Ablehnung galt gar nicht dieser Frau und ihrer Bitte, sondern sie galt seinen, Schimons, Plänen! Das Brot, das man nicht vor die Hunde werfen durfte, war er, Jeschuah, selbst! Schimon erinnerte sich, dass Jeschuah erst vor kurzem davon gesprochen hatte: „Ich bin das Brot des Lebens“. Und er selbst, Schimon, hatte erst vor ein paar Minuten den Vorschlag gemacht, dass sie doch hier im Ausland, in Sicherheit, bleiben und eine neue Basis für ihre Vorhaben aufbauen sollten. Wenn Jeschuah nun hier im Ausland Wunder vollbrachte, dann konnte er hier zum Volkshelden werden, konnte vielleicht hier die Erfolge erringen, die ihm in Israel versagt blieben. Dann aber wäre wirklich den Kindern Israel das Brot des Lebens, Jeschuah, der „Sohn Davids“, genommen.

Schimon sah einen Augenblick zu Jeschuah hinüber. War er sich der Versuchung bewusst, die ihm hier in Gestalt einer um das Leben ihrer Tochter bittenden Frau begegnete? Eine Wohltat als Einstieg in den Verrat an seiner Berufung? Seine von Gott gegebene Berufung konnte sich nur in Israel erfüllen, nirgendwo sonst auf der Welt. Schimon musste fast ein wenig lächeln bei diesem Gedanken. Gewiss, Jeschuah war sich von Anfang an darüber im Klaren gewesen, welche Konsequenz diese Flucht ins Ausland letztlich hatte. Und doch war er mitgegangen, bis zu dieser Stelle, wo ihnen die Entscheidung durch die Bitte einer verzweifelten Mutter abverlangt wurde.

Schimon verstand nun, dass es Jeschuah bitter ernst gemeint hatte, als er vor ein paar Tagen davon sprach, dass alle, die ihm nachfolgen wollten, ihr Kreuz auf sich nehmen müssten. Schimon wusste, was sich hinter diesem scheinbar harmlosen Wort „Kreuz“ verbarg. Er war schon einige Male, geschüttelt von ohnmächtigem Zorn über die Brutalität der Besatzungsmacht unter dem hoch aufgerichteten Stamm gestanden, am dem ein Angehöriger seines Volkes schreiend und blutend stundenlang mit dem Tode rang.

Als Schimon aus seinen Gedanken in die Realität der Gegenwart zurückkehrte, sah er, dass die Phönizierin wieder zu der wartenden Gruppe zurückeilte. Und an ihrem beschwingten, fast hüpfenden Gang erkannte er, dass Jeschuah ihre Bitte erhört hatte.

Jeschuah selbst hatte sich ein paar Schritte abseits auf einen Felsblock gesetzt und schien in Gedanken - oder im Gebet - versunken. Und Schimon wusste, dass es nun seine Sache war, den übrigen Jüngern zu erklären, warum sie nun doch wieder nach Israel zurückkehren müssten. Und dass sie sich dann auf einen noch bedeutsameren und gefährlicheren Weg machen müssten, den Jeschuah schon mehrmals angekündigt hatte: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem”.

* * *

Schimon war empört und gekränkt. Natürlich ließ er sich nach außen nichts anmerken, aber im Innern kochte es. Und natürlich ging es wieder mal um Ja-akov und Jochanan, die Söhne Savdais. Sie waren erst seit ein paar Stunden unterwegs, am Westufer des Sees entlang nach Süden. Diesmal waren sie eine größere Gruppe. Außer den zwölf ständigen Begleitern Jeschuahs und weiteren Anhängern waren einige Frauen dabei, die sie schon seit langem unterstützten. Unter ihnen waren auch Mirjam, Jeschuahs Mutter und deren Schwester Schlomit, die Mutter Ja-akovs und Jochanans und Mirjam, das Mädchen aus Magdala.

Die war in den fast drei Jahren, seit sie sich der Gruppe um Jesus angeschlossen hatte, zu einer hübschen jungen Frau herangewachsen. Freilich war sie immer noch scheu und zurückhaltend und mied größere Menschenansammlungen wo sie nur konnte. Sie hatte das Haus ihrer Eltern in Magdala verkauft, war nach Kfar Nahum gezogen und half bei Schlomit und Savdai im Haushalt.

Offiziell waren sie eine der vielen Pilgergruppen, die zum nahen Pessach-Fest unterwegs nach Jerusalem waren. Aber allen war klar, dass es diesmal keine normale Pilgerreise sein würde. Die Zeit war gekommen. Das Himmelreich war nahe. Und in Jerusalem würde sich erweisen, ob sich ihre Erwartungen erfüllten oder nicht.

Ja-akov und Jochanan kehrten seit Neuestem ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu Jeschuah heraus, besonders Jochanan sonnte sich in dem Bewusstsein, der Lieblings-Cousin Jeschuahs zu sein. Beide taten ganz selbstverständlich so, als ob dieser zu ihrer Familie gehörte und meinten, sich damit über die anderen Jünger erheben zu können. Auch Schlomit, ihre Mutter, schien, bei allem Respekt, den sie nie vergaß, Jeschuah wie einen ihrer Söhne anzusehen. Freilich, sie kannte ihn schon von Kindheit an. Mirjam, war oft mit ihm bei Savdai und Schlomit gewesen.

Savdai selber, der nun schon im siebten Lebensjahrzehnt stand, war da sehr viel zurückhaltender. Er war eine eindrucksvolle Partriarchengestalt mit langem, fast weißem Bart und silbernen Schläfenlocken. Man merkte ihm sein Alter kaum an, so energisch waren seine Bewegungen und so aufrecht seine Haltung. Unter den Fischern am See galt er als der Erfahrenste, der die ergiebigsten Fischschwärme gerade bei Nacht, wenn sie hinausfuhren, fast zu riechen schien. Selten kam er mit seinen Leuten ohne einen lohnenden Fang zurück.

Dass seine beiden Söhne den Fischfang aufgegeben hatten und mit Jeschuahdurchs Land zu zogen, das war nicht leicht für ihn, aber er hatte es ja so gewollt. Savdai selbst war bei dieser Reisegruppe nicht dabei. Einer musste sich ja um die Fischerei, um die Boote und Netze kümmern. Ja-akov, sein Ältester, war ein Mann im besten Alter, klug, kämpferisch und ausgestattet mit einem unbeugsamen Willen. Jochanan, sein zweiter Sohn, war ein Nachzügler, 14 Jahre jünger als sein Bruder. Auf dem ersten Blick ein sanfter Jüngling von knapp zwanzig Jahren, manchmal etwas verträumt, als wäre er noch nicht recht den Kinderschuhen entwachsen. Unter der Oberfläche aber brodelte ein Vulkan aus heftigen Emotionen und leidenschaftlicher Bewegung. Nicht umsonst nannte man die beiden die „Donnersöhne“.

Bei diesem Gedanken musste Schimon trotz seines Unmuts etwas lächeln: Der „Donner“ war ja nun gerade etwas verhallt. Schlomit, die Mutter der beiden „Donnersöhne“ hatte sich, gleich bei der ersten Rast mit Ja-akov und Jochanan an der Seite, an Jeschuah herangemacht, der etwas abseits am Ufer des Sees saß. Sie rechnete offensichtlich damit, dass Jeschuah im Triumphzug nach Jerusalem einziehen und dort den Thron Davids als König Israels einnehmen würde. So wollte sie ihm das Versprechen abringen, dass ihre beiden Söhne im Reich Gottes eine bevorzugte Stellung bekommen würden „zur Rechten und zur Linken des Messias“, als erster und zweiter Minister an der Seite des Königs.

Schimon und noch zwei der Mitreisenden hatte die Szene mitbekommen, weil sie unbemerkt in der Nähe waren. Schimon war gespannt auf die Antwort Jeschuahs. Er meinte schon etwas begriffen zu haben, von dem, was Jeschuah selbst unter „Reich Gottes“ verstand, dass es da nicht in erster Linie um die Wiederherstellung des Königreichs in Israel ging, wie es unter David bestanden hatte. Und tatsächlich: Jeschuah hatte die ehrgeizige Mutter mit ihren beiden Söhnen ziemlich deutlich zurückgewiesen:Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?” Aber die beiden hatten immer noch nicht kapiert, worum es ging und dass hier der Kelch des Leidens und des Todes gemeint war, und betonten selbstsicher, dass sie das schon könnten. Schließlich hatte Jeschuah die beiden mitsamt ihrer Mutter weggeschickt mit der Bemerkung, dass Gott allein jedem seinen Platz bestimmen würde in seinem Reich.

Kurz danach war es unter den Jüngern zu einem heftigen Streit gekommen, als die übrigen von der Unterredung erfuhren, und Schimon hatte gemerkt, dass auch bei den meisten anderen eine gehörige Portion persönlicher Ehrgeiz und Konkurrenzneid eine Rolle bei ihrer Jesus-Nachfolge spielten.

Schließlich hatte Jeschuah ihnen deutlich gemacht, dass er nicht vorhatte, ein altes Herrschaftssystem zu erneuern, sondern ein neues System gegenseitigen Dienens einzuführen. Das schien einigen gar nicht so gut zu schmecken. Sie hatten sich doch nicht zufällig dem „Sohn Davids“ angeschlossen. Es ging ihnen doch darum, das Königreich Davids wieder zu errichten! Dazu waren sie jetzt unterwegs nach Jerusalem! Und wenn Jeschuah der Messias-König dieses Reiches würde, dann würde auch für sie, die für Jeschuah alles aufgegeben hatten, etwas abfallen, für das sich ihr Einsatz lohnte.

Schimons Zorn verflüchtigte sich und machte einem Gefühl von Unsicherheit und Ratlosigkeit Platz: Was würde sie erwarten in Jerusalem?

Seit sie von der Gegend um Tyrus zurückgekommen waren, hatten sich die Ereignisse überstürzt. Die Menschen drängten sich in Scharen herzu, viele wurden geheilt. Wieder wurden Tausende von wenigen Broten und Fischen satt. Gleichzeitig wurden die Auseinandersetzungen mit den religiösen Autoritäten des Landes, den Pharisäern und Sadduzäern, schärfer.

Jeschuah schien jetzt kaum mehr Rücksicht auf die überall lauernden Gefahren zu nehmen. Ja, manchmal schien es, als wollte er die Machthaber bewusst provozieren. In ganz Galiläa entstand brodelnde Unruhe. Wer war dieser Jeschuah aus Nazareth? War etwa Jochanan der Täufer wieder auferstanden oder einer der großen Propheten der Vergangenheit? Oder war er doch der verheißene Messias, der den Thron Davids wieder aufrichten würde?

Wenig später, als sie ganz im Norden bei Cäsarea Phillippi waren, hatte Jeschuah seine Jünger direkt darauf angesprochen: „Wer sagt denn ihr, dass ich sei?“ Schimon brauchte für die Antwort nicht lange überlegen. Seit langem ging ihm diese Frage durch den Kopf. Und noch vor ein paar Wochen hätte er geantwortet: „Du bist der Sohn Davids, der verheißene König, der Israel retten wird.“ Aber seitdem war ihm immer deutlicher klar geworden, dass Jeschuah ganz anders war, als Schimon selbst und die ganze Davidsbewegung erwartet hatten. Ja, Jeschuah war der Messias, der von Gott verheißene König Israels, aber nicht in erster Linie als „Sohn Davids“, der das davidische Königreich wieder aufrichten würde, sondern als „Sohn des lebendigen Gottes“, der eine noch viel größere Berufung und Sendung hatte und der einen ganz eigenen, für Schimon noch nicht erkennbaren Weg gehen würde. Damals, bei dieser Gelegenheit, hatte Jeschuah ihn „Kefa“, Fels, genannt.

Noch am selben Tag hatte Jeschuah zum ersten Mal davon geredet, dass er nach Jerusalem gehen müsse und dass er dort leiden und sterben müsse. Für die Jünger war dies eine schockierende Aussage. Das konnten sie überhaupt nicht einordnen. Das würde ja den Verheißungen im Tenach völlig widersprechen. Der Thron Davids würde ewig bestehen und der Sohn Davids würde ewig regieren, so hatten es die Propheten angekündigt. Und doch: Jeschuah hatte sehr ernst geklungen, als er dies sagte.

Seitdem war es ruhiger um sie geworden. Es war, als ob die Leute spürten, dass dieser Mann aus Nazareth von einem Geheimnis umgeben war, das sie nicht fassen konnten und das etwas mit Leiden und Tod zu tun hatte. Viele Menschen, die sich lange Zeit zu ihnen gehalten hatten, blieben nun weg. Man tuschelte über den Mann aus Nazareth, aber man ging ihm aus den Weg. Jeschuah sprach nun kaum noch vor größeren Menschenansammlungen. Meistens waren nur sein engster Jüngerkreis und höchstens noch ein paar entschiedene Anhänger aus der Umgebung bei ihm. Im Mittelpunkt seiner Belehrungen stand auch nicht mehr die Verkündigung des nahenden Gottesreiches, sondern Fragen der Jüngerschaft und der Nachfolge.

Manche der Jünger hatten insgeheim aufgeatmet. So, mit dieser sehr zurückhaltenden Lebensweise, konnten sie von den wachsamen Spitzeln des Herodes und der Römer vielleicht eher einer häufigen und harmlosen Erscheinung zugeordnet werden: Ein Rabbi, der eine Schar Schüler um sich sammelte und religiöse Fragen diskutierte. Vielleicht konnten sie, wenn sie sich ruhig und unauffällig verhielten, auch hier in der Heimat wieder relativ sicher leben und insgeheim ihre Pläne verfolgen.

Aber Schimon, dem dieser Gedanke gar nicht unsympathisch war, fühlte sich trotzdem unbehaglich. Irgendwie sagte ihm sein Gefühl, dass diese scheinbare Ruhe nicht lange anhalten würde. Er spürte geradezu, wie sich das Netz um sie enger zog.Und nun waren sie unterwegs nach Jerusalem. Ein paar Tage noch, dann musste sich zeigen, was es mit Jeschuah wirklich auf sich hatte. Würden bei seinem Einzug in die Stadt Davids die Massen sich gegen die Römer erheben, oder würden gar Legionen von Engeln eingreifen und den Sieg erringen? Oder - - würde alles in einer furchtbaren Katastrophe enden? Schimon wünschte sich, er wäre jetzt schon ein paar Wochen älter und wüsste, wie es ausgegangen war.

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Bodo Fiebig „Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, Version 2020-2

© 2007, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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