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Bereich: mitgehen

Thema: Jesus - die Person

Beitrag 1: Wer ist Jesus?  2020-2

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1 Das Jesus-Rätsel

Wer war Jesus? Diese Frage bewegt auch heute noch Millionen von Menschen – gläubige und ungläubige. Dieser Mann aus Nazareth hat in den vergangenen zweitausend Jahren das Denken und Leben auf dieser Erde mehr beeinflusst und verändert als irgendjemand sonst. Und doch ist er für viele (auch für viele seiner Anhänger) eine schemenhafte Rätselfigur geblieben, eine geheimnisvolle Chiffre aus der Vergangenheit, die zu entziffern dem modernen Menschen trotz aller historischen und theologischen Forschung nicht mehr gelingen will.

Dabei spürt gerade dieser „moderne Mensch“ bei seiner ruhelosen Sinn-Suche, dass der Mann aus Nazareth ihm etwas zu sagen hätte, was ihm helfen könnte, dem eigenen Dasein und dem gehetzten „Fort-schritt“ seiner Zeit Richtung und Ziel zu geben. Aber die Distanz der zwei Jahrtausende scheint zu groß, als dass ihn der Ruf aus der Vergangenheit noch verstehbar erreichen könnte. So bleibt ihm nur das resignierte und zugleich beunruhigende Gefühl, dass ihm etwas Wesentliches für sein Leben verloren ging.

Diese Verlust-Erfahrung ist allerdings heute bei vielen, die im Lebensrahmen einer christlich geprägten Tradition aufgewachsen sind, in eine mehr oder weniger zornige Abwehrhaltung umgeschlagen: Was ich nicht „kriegen“ kann, ist eben nichts wert. Was soll schon dran sein an diesem Jesus? Was war er mehr als ein Mensch unter vielen? Was sollte er uns zu sagen haben, das sich nach zweitausend Jahren noch zu hören lohnte?

Vielen scheint das nun ein wirkliches „Herzensanliegen“ zu sein: Nachzuweisen, dass Jesus doch „nur“ Mensch war. Ein besonderer, sicher, einer der herausragendsten Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte, vielleicht, aber eben doch nur Mensch mit menschlichen Ansichten und menschlichen Grenzen. Alles andere, so versucht man nachzuweisen und dafür sammelt man in akribischer Kleinarbeit Argumente und Belege, sei ihm von den Verfassern der neutestamentlichen Texte und von der entstehenden Kirche später angedichtet worden.

Dabei würde es überhaupt nicht überraschen, wenn diese Anstrengungen von Atheisten und Angehörigen antireligiös eingestellter Weltanschauungen unternommen würden, die dem Christentum ablehnend gegenüber stehen. Aber so ist es nicht. Es sind fast ausschließlich christliche (vor allem europäische) Theologen, die, von geradezu missionarischem Eifer getrieben, alle Anstrengungen unternehmen, um zu beweisen, dass die Grundlagen des christlichen Glaubens ausschließlich Menschenwerk sind, brüchige Fundamente aus alten Zeiten, zeitgeschichtliche Dokumente, historisch vielleicht interessant, aber für das Leben im 21. Jahrhundert ohne Bedeutung.

Bestenfalls mag man noch gelten lassen, dass die christliche Tradition eine zweitausendjährige Entwicklung angestoßen hat, die für das „Abendland“ zu einer prägenden kulturgeschichtlichen Leitidee geworden ist, der man auch heute noch durchaus positive kulturelle und gesellschaftliche Errungenschaften verdankt und die zu erhalten und zu pflegen sich ja doch lohnen würde. Ein Christentum als Kulturphänomen könne man aber durchaus auch ohne so anstößige Begriffe wie „Gott“, oder „Christus“, oder „Wunder“, oder„Auferstehung“ betreiben und entsprechend der Anforderungen unserer Zeit weiterentwickeln. Und auf dieser Basis könnte man sich auch mit diesem Jesus auseinandersetzen: Ein guter Mensch, der vorbildlich gelebt hat, pädagogisch sicher wertvoll.

Wir spüren: Diese „Theologie“ ist selbst schon eine „Verlust-Anzeige“. Uns ist die Beziehung zu unseren eigenen Wurzeln verloren gegangen, aber könnte es nicht lohnend sein, sie wieder zu suchen? Wer war er wirklich, dieser Jesus aus Nazareth? Wie könnten sein Leben und seine Botschaft wieder in eine bedeutsame Beziehung und Nähe zu unserer Lebenswirklichkeit kommen? Müssten wir dazu nicht wieder die „andere Seite“ Jesu entdecken, die sich mit unseren menschlichen Möglichkeiten nicht ergründen und beweisen lässt, die aber die Menschen damals vor zweitausend Jahren und durch alle Jahrhunderte hindurch bewegt und verändert hat?

Anhand ausgewählter Bibeltexte soll hier der Versuch unternommen werden, das Jesus-Bild der Evangelien wenigstens in einigen Grundzügen nachzuzeichnen. Wir haben kein besseres. Kein heute Lebender kann dem Lebensraum und Lebensgefühl, dem zeitgeschichtlichen und kulturellen Umfeld, dem religiösen Hintergrund im damaligen Judentum und der direkten Erinnerung der damals noch lebenden Zeugen des Lebens Jesu so nahe kommen wie die Verfasser der Evangelien selbst. So wird die in den Evangelien überlieferte Geschichte und Rede Jesu hier als das genommen, was sie selbst sein wollen: als treu im Gedächtnis bewahrte, vom Geist Gottes selbst geführte und von den Schreibern im ehrlichen Bemühen wiedergegebene Erinnerung an das, was Jesus tatsächlich lebte, tat und sagte.

Dann aber lässt uns die biblische Jesus-Überlieferung nicht die Möglichkeit offen, Jesus nur als einen besonders begabten Menschen zu betrachten. Sie zwingt uns, von Jesus noch eine „andere Seite“ wahrzunehmen, die mit unseren Kategorien von menschlichen Begabungen und Fähigkeiten nicht zu fassen sind.

In diesem Beitrag geht es vor allem um die Person Jesu. Das Leben und die Botschaft Jesu stehen hier nicht im Vordergrund, obwohl sie genau so wichtig sind. Erst alle drei Aspekte zusammen, das Leben, die Person und die Botschaft Jesu, machen aus den neutestamentlichen Berichten eine „gute Nachricht” für alle Menschen.

Der Person Jesu Jesu möchte ich mich hier in zwei verschiedenen literarischen Formen nähern:

a) Einmal durch eine erzählende Darstellung von Stationen und Begegnungen im Leben Jesu durch die wir dem biblischen Geschehen auch auf der persönlich-emotionalen Ebene näher kommen können, die aber auch etwas von seiner Persönlichkeit zum Ausdruck bringen (siehe das Thema „Jesus – der Weg“). Innerhalb dieses Themas gibt es auch einige sachlichen Auseinandersetzung mit bestimmten Texten aus den Evangelien.

b) zum zweiten durch eine Zusammenstellungen von Texten aus den Evangelien, wo Jesus selbst sich, seinen Auftrag und seine Absichten vorstellt (wer wollte denn besser als Jesus selbst wissen, wer Jesus ist?). Das geschieht in den Beiträgen "Jesus, der Sohn“, „Jesu Selbstoffenbarung“, und „Jesu Verhältnis zum Vater“ zum Thema „Jesus – die Person“.

Jetzt, hier in diesen ersten Beitrag zu diesem Thema „Wer ist Jesus?“ wird erst einmal eine Einführung anhand eines sehr prägnanten (wenn auch“schwierigen“) Textes angeboten, dem „Johannesprolog“ (Jo 1, 1-18).

Vielleicht kann es so (durch die die Darstellung in den drei Themen „Jesus – der Weg, Jesus – die Person und Jesus – die Botschaft) gelingen, dem Einen oder Anderen den Zugang zur Person und Bedeutung Jesu wieder ein Stück weit zu öffnen - vielleicht so weit, dass man dann mit eigenen Schritten weiter auf ihn zugehen kann. Die biblischen Texte sind, soweit es nicht anders angegeben ist, der Lutherübersetzung in der Revision von 1984 bzw. 2017 entnommen.

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2 Das doppelte Wort

In den Evangelien ist beides enthalten: die menschliche Seite Jesu, die uns anrührt, beeindruckt, fasziniert, und die „andere Seite“, die uns ergreift, verunsichert, manchmal erschreckt.

Ein Text, der diese doppelte Erscheinungsweise Jesu besonders deutlich werden lässt, ist der Johannesprolog (Joh 1, 1-14). Während die Synoptiker (Matthäus, Markus und Lukas) die Botschaft und die Taten Jesu in den Vordergrund stellen, ist das Johannesevangelium mehr an der Person Jesu und an seinem Verhältnis zum Vater interessiert. In seinem Prolog stellt der Evangelist die Person Jesu in den weitest möglichen zeitlichen und spirituellen Zusammenhang.

Der Text Joh 1, 1-18 wird hier (fett gedruckt) in einer eigenen Fassung wiedergegeben, die sich sehr eng an die biblische Vorlage hält. Die dünn gedruckten Teile innerhalb des Johannestextes sind im griechischen Originaltext so nicht vorhanden, sondern um der besseren Verständlichkeit willen eingefügt. Biblische Texte innerhalb der Sach-Kapitel werden (abgesehen vom Text Joh 1, 1-18) halbfett-kursiv gedruckt und sind, wenn nicht ausdrücklich anders bezeichnet, der Luther-Übersetzung in der Revision von 1984 bzw. 2017 entnommen.

Joh 1,1a Im Anfang (der Schöpfung) war das Wort (der „Logos“)

Der Johannesprolog nimmt ganz bewusst den ersten Satz der Bibel, den Beginn des Schöpfungsberichts 1.Mose 1, auf (Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde). Diese Parallelität beglaubigt: „Im Anfang“ bedeutet hier wie dort „im Anfang der Schöpfung“. Der Text bekräftigt damit andere Aussagen im Neuen Testament, die bestätigen, dass der „Logos“ (griech. „Wort“; gemeint ist hier das Schöpferwort Gottes), der hier in einer personalisierten Form auf Jesus hin gedeutet wird, vor aller anderen Schöpfung „da“ war als der „Erstgeborene“. Kol 1,15: Er ist (...) der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Im Neuen Testament bekommt das Schöpfungswort Gottes einen Namen, wird als Person erkennbar.

Jesus begegnet uns im Neuen Testament als ein Mensch, der in einer historisch identifizierbaren Zeit geboren wurde, lebte und starb, und zugleich auch als der „Logos“ Gottes, der der Erstgeborene vor aller Schöpfung ist. Diese „Doppel-Existenz“ Jesu war für die meisten Menschen seiner Zeit nicht fassbar. Sie sahen doch einen offensichtlich ganz normalen Menschen vor sich, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan (Gal 4,4), wie alle anderen auch! Wie sollten sie da erkennen, dass er zugleich der „Sohn Gottes“ war, von Gott gesandt, als die Zeit erfüllt war (Gal 4,4)? Sie werfen ihm vor, dass er ganz unsinnige Zeitbegriffe verwende: Abraham, euer Vater, wurde froh, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham wurde, bin ich (Joh 8,56-58).

Wie sollten die Menschen das damals, und wie sollen wir heute das verstehen können? Wie kann jemand, der jetzt lebt, schon immer da gewesen sein?

Versuchen wir, uns mit einem Bild zu helfen: Nehmen wir an, jemand hätte einen sehr großen Geldbetrag auf dem Konto. Er könnte mit ihm ein Haus bauen lassen, und er könnte das tun, ohne dazu ein Geldstück in die Hand zu nehmen, indem er die entsprechenden Beträge „bargeldlos“ überweist. Das Geld würde nirgends sichtbar (in Münzen oder Scheinen) in Erscheinung treten, aber es wäre da und es würde bewirken, dass schließlich das Haus fertig dasteht. Dann aber, wenn dieser Hausherr jemandem, der in seinem Hause wohnt und der durch eigenes Verschulden eine so hohe „Schuldenlast“ angehäuft hat, dass er aus dem Hause gewiesen werden müsste, etwas so Wertvolles schenken wollte, dass er seine Schulden bezahlen und er weiter im Hause wohnen könnte, dann könnte er zur Bank gehen und sich einen entsprechenden Betrag in Scheinen und Münzen auszahlen lassen und ihn so sichtbar überreichen. Es wäre von dem gleichen Geld, das schon lange auf dem Konto ist und mit dessen Hilfe auch das Haus gebaut wurde, aber jetzt wäre es anschaubar, greifbar, und der Beschenkte könnte sich darüber freuen und seine Schulden bezahlen und es bliebe noch ein ordentlicher Betrag übrig.

So können wir uns bildhaft das Handeln Gottes vorstellen: Der „Logos“ (das Schöpferwort Gottes), der schon „im Anfang“ da war, und durch den die Schöpfung ins Leben gerufen wurde, der trat, „als die Zeit erfüllt war“ sichtbar in Erscheinung. Natürlich hinkt dieser Vergleich nach allen Seiten, aber es geht hier nur darum zu zeigen, dass eine schöpferische Potenz existieren kann, ohne dass sie sichtbar und greifbar gegenwärtig sein muss, und dass sie zu einer bestimmten Zeit wahrnehmbar in Erscheinung treten kann. Das in Jesus Person gewordene Schöpfungswort Gottes, war „im Anfang“ schon da. Jetzt, im sichtbaren Menschenleben Jesu wurde es fassbar, anschaubar und erlebbar als „Geschenk“ Gottes an die Menschen.

1b ... und das Wort war zu Gott hinführend

Meist wird übersetzt: „... das Wort war bei Gott“; wörtlich aber heißt es: „... das Wort war zu Gott“ oder: „... zu Gott hin“. Von Anfang an war das Wort der Weg zu Gott. Durch das offenbarende Wort Gottes erfahren wir, wer Gott ist und bekommen Wegweisung zu ihm hin. Wie in der ganzen Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments wird hier im Johannesprolog das Wort (Gottes) als die auf Gott hinweisende, ihn offenbarende, zu ihm hinführende „Äußerung“ Gottes dargestellt. Das gilt zunächst und bleibend für das Wort Gottes in der ganzen Heiligen Schrift Alten Testaments.

Im Neuen Testament kommt uns nun dieses wegweisende Wort in einzigartiger Weise als Person entgegen (Joh 14,6): Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. Jesus ist das Mensch gewordene Wort Gottes, und damit ist er auch der menschlich erkennbare Weg zu Gott hin. Hier wird eine andere Art „Doppelexistenz“ Jesu sichtbar: Jesus als „Wort“ (griechisch „Logos“) und als Person. Er ist die Mensch gewordene Selbstoffenbarung Gottes, eine anschaubare Vergegenwärtigung dessen, was das Wort der Schrift von Gott aussagt. Seine ganze Existenz, seine Botschaft und sein Leben, ist Wegweisung auf Gott hin, ist Veranschaulichung Gottes. Durch Jesus können wir mit unseren menschlichen Sinnen und Wahrnehmungsmöglichkeiten erkennen, wer Gott ist und wie Gott ist (Joh 14,9): Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich sieht, der sieht den Vater! Wie sprichst du dann: Zeige uns den Vater?

Niemand kann den Weg zu Gott finden, niemand kann zu Gott kommen, ohne dieses Wort, ohne die in Buchstaben gefasste Selbstoffenbarung Gottes in der Heiligen Schrift und ohne die Person gewordene Selbstoffenbarung Gottes in Jesus. Beide sind das eine „Wort Gottes“ für uns, das uns „zu ihm hin“ führt.

1c ... und Gottebenbildliches war das Wort

Kol 1,15: Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ... Damit ist das von Jesus ausgesagt, was ursprünglich dem Menschsein als Ganzem zugesprochen war: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn (1. Mo 1, 27). Dass diese Ebenbildlichkeit Gottes im Menschsein sonst mehr oder weniger, und oft genug bis zu Unkenntlichkeit entstellt ist, das ist leider nur allzu offensichtlich. In Jesus aber ist das vollkommene und vollgültige Bild Gottes als Mensch unter Menschen gegenwärtig und sichtbar. In manchen Übersetzungen wird das Ebenbild-Gottes-Sein Jesu in diesem Vers deutlich zum Ausdruck gebracht: Ludwig Albrecht*: „Ja, göttlich Wesen hatte das Wort.“ Werner de Boor**: „... und Gott (von Art) war der Logos“. Hermann Menge***: „... und Gott (= göttlichen Wesens) war das Wort“. Heinrich Wiese****: „ ... und göttlichen Wesens war das Wort.“ Jesus selbst hebt sein Ebenbild-Sein hervor: „... wer mich sieht, der sieht den Vater (Joh 14,9). In Jesus ist das wahre Menschsein, dessen Schöpfungswürde und Bestimmung darin besteht, „Bild Gottes“ in der Schöpfung zu sein zur vollgültigen Erfüllung gekommen.

* Ludwig Albrecht: Das Neue Testament, Gotha 1923

** Werner de Boor in: Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1989

*** Hermann Menge: Die heilige Schrift, Stuttgart, 16. Auflage

**** Heinrich Wiese: Das Neue Testament Stuttgart 1921

2 Dieses war im Anfang (oder: von Anfang an) zu Gott hinführend.

Von Anfang an war das Wort der Heiligen Schrift, und war Jesus, als das Person gewordene Wort Gottes, dazu da, um die Menschen und die ganze Schöpfung zu Gott hinzuführen (siehe oben).

3 Alles wurde durch dieses Wort und ohne dieses ist auch nicht eines geworden, von allem, was geworden ist.

Das „Wort“ ist nicht nur wegweisende Offenbarung Gottes, sondern es erweist sich auch als schöpferischer Wille und gestaltende Kraft Gottes. Dieses „Wort“ Gottes hat alles, die ganze Schöpfung, hervorgebracht. Immer wieder heißt es im Schöpfungsbericht des AT in fast monotoner Wiederholung: „Und Gott sprach ... und es geschah so“. In Jesus ist dieses Schöpfungswort Gottes als Person gegenwärtig und am Werk. Kol 1,16-17: Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.

Das Wort Gottes ist nicht nur zu Gott hinführend, sondern es ist auch schöpferisch. Das heißt: Alles Geschaffene ist durch das zu Gott hinführende Wort geschaffen. Das aber bedeutet: Alles Geschaffene ist zu Gott hin geschaffen. Es existiert nicht einfach so, sondern es hat sein Dasein durch Gott und sein Ziel in Gott. Das ganze Universum ist von Gott ausgehend, zu ihm hin existierend und wieder in ihn einmündend (siehe die Themen „Zwischen Schöpfung und Vollendung“ und „Die Frage nach dem Sinn“, Beitrag 5 „Die Sinngeschichte des Universums“).

4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen;

In ihm, dem Mensch gewordenen Wort Gottes, war Leben. Nicht nur biologisches, sondern auch geistliches Leben, Leben, das Anteil hat am Wesen Gottes, als „Bild Gottes“ in der Schöpfung. Dieses Leben war (und ist) das Licht der Menschen. Johannes 8,12: Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Das Wort Gottes, als Schrift und als Person, ist sowohl Leben schaffend und Leben erhaltend als auch das Leben erleuchtend und zum Ziel führend. Psalm 119,105: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

5 ... und das Licht scheint (jetzt) in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen.

Dieses Licht der Welt scheint (oder erscheint) jetzt in der Finsternis dieser Welt. Johannes betont, dass jetzt, mit dem Erscheinen Jesu in dieser Welt, das zur Erfüllung kommt, was schon im Alten Testament verheißen ist: Jes 9,1: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Die Finsternis hat es nicht ergriffen“. Dabei ist das „Ergreifen“ in doppeltem Sinn zu verstehen: Einmal im Sinne von annehmen wie ein Geschenk, aber auch im Sinne von einnehmen wie eine wehrhafte Burg. Johannes stellt fest: Die Entscheidungsstunde Gottes ist ungenutzt verstrichen; die Welt (und auch das erwählte Volk Gottes in seiner Mehrheit) hat es nicht annehmen wollen, dass da ein Licht aufleuchtet, hell und warm, das alle Verfinsterung menschlicher Existenz erhellen und alle Kälte zwischenmenschlicher Beziehungen erwärmen kann. Und trotzdem ist das Leuchten nicht verlöscht, die Liebe nicht erkaltet. Die Finsternis ist nicht Sieger geblieben, hat das Licht nicht „ergreifen“ (und auslöschen) können. Das Licht scheint noch, und wer es von sich aus als Licht- und Wärmequelle seines Lebens ergreifen will, für den ist es immer noch nah.

6 Es war ein Mensch, gesandt von Gott, sein Name war Johannes. 7 Dieser kam zum Bezeugen, damit er zeugte von dem Licht, damit alle glauben sollten durch dieses. 8 Nicht war jener das Licht, sondern er kam, dass er zeugte von dem Licht.

Mehrfach betont der Evangelist Johannes, dass der Täufer nicht das verheißene „Licht“ war, sondern dass er nur die Aufgabe hatte, dieses Licht zu bezeugen. Offenbar gab es nicht wenige innerhalb und außerhalb der Täuferbewegung, die in ihm den verheißenen Messias sehen wollten. Sowohl der Evangelist als auch der Täufer selbst treten dieser Ansicht energisch entgegen. Gleichzeitig betont Johannes aber, dass der Täufer von Gott gesandt war, um die Messiasberufung Jesu als das verheißene „Licht“ zu bezeugen, wobei der Evangelist sich auf Prophetien im Alten Testament beruft: Jesaja 9,1-6 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

9 Dieses war das Licht, das wahrhaftige, welches erleuchtet jeden Menschen, bei seinem (des Lichtes) Kommen in die Welt.

Das Wort Gottes, als Schrift und als Person, erleuchtet die Menschen, wenn es in diese Welt kommt. Dies ist tatsächlich so geschehen und geschieht immer noch, wo ein Mensch vom Wort Gottes in der Heiligen Schrift angerührt wird und wo Menschen, Beziehungen und Verhältnisse durch die Begegnung mit der Person Jesu erhellt und verwandelt werden.

10 In der Welt war er, und die Welt ist durch ihn geworden, und die Welt nahm ihn nicht zur Kenntnis. 11 In das Eigene kam er, und die Eigenen nahmen ihn nicht an.

Das ist die Tragödie des Menschseins seit zweitausend Jahren: Er, durch den die Welt geschaffen wurde, entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt (Phil 2,7). Und die überwiegende Mehrheit der Menschen erkannte ihn nicht, oder wollte ihn nicht erkennen oder nahm ihn einfach nicht zur Kenntnis. Und heute, nach 2000 Jahren Mission, Verkündigung, Predigt, Religionsunterricht? Der Befund ist der gleiche: Die meisten nehmen ihn nicht zur Kenntnis, sind nicht einmal bereit, sich mit ihm und seiner Botschaft auseinander zu setzen. Ja, nicht einmal im „Eigenen“, im Volk Gottes, im Judentum und in der Christenheit, wird er angenommen. Beide, Synagoge und Kirche haben ihre eigene Messiasvorstellung, und er, die in die Welt gekommene Selbstoffenbarung und Schöpfungskraft Gottes, hat darin kaum einen Platz.

12 So viele aber wie ihn annahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, denen, 13 die nicht aus Blutsverwandtschaft und nicht aus dem Willen des Fleisches und nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott gezeugt wurden.

So wie das Menschsein des Sohnes Gottes vom Heiligen Geist gezeugt wurde (Mt 1,18), so kann auch umgekehrt unser Menschsein zur Gotteskindschaft werden, wenn wir durch den Heiligen Geist Jesus annehmen und an den Namen Gottes glauben – unabhängig von unserer biologischen und sozialen Herkunft.

14Und das Wort, Fleisch wurde es, und zeltete (wohnte) inmitten von uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Einziggezeugten vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (…) 16 Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.

Denen, die ihn annahmen (und annehmen), offenbarte und offenbart sich immer noch das Geheimnis der Liebe Gottes: Das Wort wurde Fleisch (wurde „Menschensohn“ im Sinne von „ein Mensch wie wir“) und wohnt (immer noch) mitten unter uns; die schöpferische Liebe Gottes wurde im Geschaffenen für menschliche Wahrnehmung anschaubar und erfahrbar. Der Schöpfer wurde väterliche Zuwendung, damit aus Geschöpfen Kinder werden. Welche Wahrheit könnte überwältigender sein, als diese Botschaft von der alles verwandelnden Gnade Gottes?

17 Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit (die ja im Gesetz schon enthalten ist) ist durch Jesus Christus persönlich erfahrbar geworden.

Gesetz und Gnade sind kein Gegensatz. Vielmehr ist auch schon das Gesetz Gottes ein Ausdruck seiner Gnade, weil es uns anleitet, auf dem Weg zu ihm zu gehen und zu bleiben. In Jesus, dem Messias, begegnet uns jedoch diese Gnade direkt, persönlich, anschaubar und erlebbar.

18 Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt.

Gott ist für menschliche Sinne nicht wahrnehmbar. Deshalb gibt er in seine Schöpfung ein Wesen, das zum wahrnehmbaren Zeichen seiner Liebe werden soll (siehe das Thema „sein und sollen“). 1. Mose1, 27: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn… Das ist die Urberufung allen Menschseins, dass es in dieser Schöpfung zum sichtbaren und erlebbaren „Ebenbild“ der Liebe Gottes werden sollte. 1.Mose 6,5: Als aber der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar ..., da hat Gott das Menschsein nicht endgültig verworfen und vernichtet, sondern hat sich selbst, seine unerschöpfliche und unwandelbare Liebe Mensch werden lassen, damit diese Urberufung des Menschseins, Ebenbild der Liebe Gottes zu sein, doch noch im Vollkommenheit verwirklicht wird.

Nur wenn wir die Doppel-Existenz Jesu als Vergegenwärtigung Gottes und Mensch unter Menschen im Bewusstsein halten, können wir die Aussagen in den folgenden Kapiteln recht fassen, ohne sie falsch zu verstehen und einzuordnen. Im irdischen Leben Jesu vollzieht sich der Einbruch des ewigen Schöpfungswortes Gottes in unsere Welt und Zeit und verlebendigt sich menschlich wahrnehmbar in einem Menschenleben.

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Weiterlesen im Beitrag 2 „Jesus, der Sohn

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Bodo Fiebig „Wer ist Jesus?“ Version 2020-2

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