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Bereich: mitgehen Gemeinschaft biblischen Glaubens

Themengruppe: Juden und Christen

Beitrag 4: Das trinitarische Problem (Bodo Fiebig, Version 2017-7)

Bei aller Annäherung zwischen Juden und Christen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust, gibt es doch eine harte Trennlinie zwischen beiden, die sich im Laufe der ersten vier Jahrhunderte christlicher Zeitrechnung herausgebildet und danach immer mehr verfestigt hat: Die christliche Trinitätslehre: Vater, Sohn und Heiliger Geist - eine Gottheit in drei Personen, das klingt für Juden wie die Einsetzung eines 3-Götter-Kollegiums, und das wäre für sie niemals annehmbar. Die Trinitätslehre ist aber gleichzeitig ein zentraler und unaufgebbarer Glaubensinhalt für die Christen geworden (obwohl sie im Neuen Testament nirgendwo ausformuliert ist). Um die Formulierung der trinitarischen Dogmen und Bekenntnisse wurde in den christlichen Kirchen Jahrhunderte lang erbittert gerungen. Wie sollte da eine Verständigung möglich sein? Versuchen wir in vorsichtiger Annäherung an das Problem den biblischen Hintergrund zu beleuchten.

1 Einheit und Vielheit

5.Mose 6,4: Höre Israel, JaHWeH, unser Gott, JaHWeH ist einzig (oder: ...ist Einer). So lautet die Grundaussage der Bibel vom Eines- und Einzig-Sein Gottes, die in vielen anderen Bibelstellen wiederholt und bestätigt wird (z. B. Jes 44,6): So spricht der Herr, der König Israels und sein Erlöser, der Herr Zebaoth: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott. Oder im NT (Joh 17,3), da sagt Jesus selbst im sogenannten „Hohepriesterlichen Gebet”: Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Das Bekenntnis zum Eines-Sein und Einzig-Sein Gottes ist allen biblisch Gläubigen aufgetragen, den Christen ebenso wie den Juden.

Und doch sind in der Bibel Alten- und Neuen Testaments auch unübersehbare Hinweise darauf enthalten, dass der biblische Schöpfer-Gott sich selbst als „Pluralität“ darstellt:* Die hebräische Bibel beginnt mit den Worten „bereschit bara elohim ...“ (Im Anfang schuf Gott…). Das Wort „elohim“ (Gott) ist eine Mehrzahlform. Diese Mehrzahlform (soweit sie auf den biblischen Gott bezogen ist; manchmal sind mit diesem Wort auch die „Götter“ fremder Völker angesprochen) kommt im AT sehr häufig vor, viel häufiger als die entsprechende Einzahlform „eloah“. In vielen Fällen ist diese Mehrzahlform aber dann mit einem Verb in Einzahlform verbunden. Der Anfangsatz der Bibel müsste also ganz wörtlich übersetzt so heißen: „bereschit (im Anfang) bara (es schuf -Einzahl) elohim (Gott in Mehrheit) die Himmel und die Erde”. Das können wir so verstehen, dass „elohim“ hier eine Art „Hoheitsplural“ darstellt, um den zu ehren, der alle und alles umfasst, sich selbst aber doch als Einheit erkennbar macht.

*In diesem Abschnitt „Einheit und Vielheit” greife ich - nicht bei den Formulierungen, aber bei manchen Inhalten - auf Anregungen von Arnold G. Fruchtenbaum „Jesus war ein Jude“, S. 144 ff zurück.)

Es gibt aber auch Stellen, wo die Mehrzahlform für „Gott“ auch mit einem Verb in Mehrzahlform verbunden ist, z. B. Psalm 58, 12 (wörtlich): Gewiss gibt es Gott (Mehrzahl) welche richten (Mehrzahl) auf Erden; (und damit ist an dieser Stelle eindeutig der biblische Gott gemeint). Am deutlichsten tritt die Vielheit Gottes bei der Erschaffung des Menschen zu Tage (1. Mose 1,26 wörtlich): Und (es) sprach Gott (elohim, also Mehrzahl): Machen wir den Menschen in unserem Ebenbild, nach unserer Gleichheit … Gott offenbart sich hier selbst als „Schöpfungsmacht in Pluralität“. Wie sollen wir das verstehen? Das ist gar nicht so einfach: Gott ist für menschliches Denken nicht „verstehbar”. Wir können von Gott immer nur sehr menschliche, und das heißt sehr unzulängliche und eigentlich unzutreffende Vorstellungen haben. Trotzdem brauchen wir solche Verstehenshilfen, um überhaupt von Gott denken und reden zu können. Versuchen wir also solches Reden: Gott, das Vor-Bild, für das das Menschsein ein Eben-Bild sein soll, ist kein in sich verschlossenes Einzelnes, sondern ein „In-Beziehung-Sein“. Gott ist einzig, ja, aber er ist nicht einsam. Gott ist Einer, ja, aber er ist Einer-in-Beziehung. Gott ist Einer in Beziehung zu einem Du durch die Liebe, die der „Geist“ Gottes ist. Und diese Liebesbeziehung ist so konstitutiv für das Gott-Sein Gottes, dass dieser Gott sich selbst als Pluralität darstellt. Von dieser Beziehungsexistenz Gottes und des Menschseins soll im Folgenden die Rede sein.

2 Vorbild und Ebenbild

Gott hat diese materielle, irdische Welt (die unvorstellbare Größe des Kosmos und die unglaubliche Vielgestaltigkeit des Lebens) geschaffen, damit in ihr etwas Immaterielles, Überirdisches sich vollziehen kann: Die Darstellung dessen, wer Gott ist und was das Gott-Sein Gottes ausmacht. Und es sprach Gott: Machen wollen wir Menschen in unserem Bild, gemäß unserer Gleichheit. (…) Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich erschuf er sie.* Hier beschreibt die Bibel die Grundberufung des Menschseins (siehe das Thema „Adam, wer bist du?”): Es ist dazu da, in der Schöpfung den Schöpfer abzubilden, in der geschaffenen Welt den darzustellen und zu vergegenwärtigen, der sie geschaffen hat.

*1. Mose 1, 26-27, nach der Übersetzung aus den Beiträgen zum Thema „Schöpfungsglaube und modernes Weltbild”.

Zum Bilde Gottes“ bedeutet aber nicht, dass der Mensch dem Aussehen nach Gott nachgebildet wäre. In der ganzen Bibel steht nichts darüber, wie Gott aussieht. Aber die Bibel ist von der ersten bis zur letzten Seite voll davon, was Gott tut, was er aus Liebe tut. Darin also, im Tun der Liebe soll der Mensch ein Abbild Gottes sein: Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns... (1. Johannes 4, 11-12, Luther-Übers.).

Weil „niemand Gott jemals gesehen“ hat, gibt Gott ein sichtbares Gleichnis seines Wesens in die Schöpfung. Was aber ist das „Wesen“, der „Geist“ Gottes? Die Bibel sagt es (in der deutschen Übersetzung) mit drei Wörtern: „Gott ist Liebe“ (1.Joh 4,16). Damit ist alles Wesentliche über den Gott der Bibel ausgesagt, das heißt, sein Wesen ist ein „Für-den-andern-da-sein“ in voraussetzungsloser Annahme, uneingeschränkter Zuwendung, unerschütterlicher Treue und opferbereiter Hingabe. Und diese Liebe, die das Gott-Sein Gottes ausmacht, die soll nun als sein Ebenbild auch das Mensch-Sein des Menschen bestimmen.

Der Mensch ist also keine optische Abbildung Gottes (als hätte Gott eine menschenähnliche Gestalt, mit Armen und Beinen, Augen Mund und Nase ... so haben sich Menschen zu allen Zeiten ihre Götter vorzustellen und dazustellen versucht: als Ebenbild der Menschen). Der Mensch ist keine optische Abbildung Gottes, sondern eine wesentliche. Das Menschsein soll das Wesen Gottes, seine Liebe, widerspiegeln. Der Lebensodem, den Gott dem Menschen eingehaucht hat (1. Mose 2,7) - und nur ihm, keinen anderen Lebewesen, ist sein „Geist“, ist die Fähigkeit zu lieben. Zu lieben aus bewusster Hingabe an ein Du. Zu lieben, auch wenn es für das eigene Ich Nachteile einbringt. Zu lieben, und koste es das eigene Leben.

Freilich reichen unsere Begriffe bei Weitem nicht an die Wirklichkeit Gottes heran; trotzdem ist der Begriff „Liebe“ (bzw. die entsprechenden Begriffe aus allen Sprachen der Menschheit) die weitestmögliche Annäherung an sie. Liebe ist nicht etwas Materielles, sondern etwas Göttliches. Die Liebe ist vor und unabhängig von allem materiellen Sein; sie kann und soll aber im Materiellen, im menschlichen Leben, zum Ausdruck kommen, soll sich „verleiblichen” als anschaubares „Bild“ Gottes.

Das, was den Menschen Gott ähnlich macht, ihm zum Bilde, das ist sein Liebender-und-Geliebter-Sein: Mann und Frau, zwei, liebend einander zugetan. Da Gott den Menschen schaffen wollte als einen, der ihm ähnlich sei, musste er ihn als ein Wesen schaffen, das zum Geben und Empfangen von Liebe fähig und bereit ist. Die Liebe zwischen Mann und Frau soll das Zeichen für das Wesen und die Anwesenheit Gottes in der Schöpfung sein. Aber nicht nur das: Nach dem Willen und der Berufung Gottes soll jedes Menschsein und jede menschliche Gemeinschaft, ja, die Menschheit als Ganzes zum „Bild Gottes” werden, zur anschaubaren und erfahrbaren Vergegenwärtigung seiner Liebe in dieser argen und doch auch so schönen Welt.

Die Liebe, die sich bewusst an ein Gegenüber hingibt, die nicht sich selbst erhöhen, sondern dem andern zur Erfüllung seines Menschseins und zur Freude am Dasein helfen will, die sich aus freiem Willen für eine Gemeinschaft einsetzt und die sich sogar selbst unter Zurückstellung des eigenen kreatürlichen Lebenswillens für das Gefährdete und Verlorene einsetzen kann, um es zu retten, das ist das Göttliche, das sich im Menschsein widerspiegeln soll als sein Ebenbild und das durch den Menschen in der Schöpfung gegenwärtig und wirksam sein soll.

Gott und Mensch, Bild und Ebenbild sind aufeinander bezogen: Ich habe dich (Israel, hier stellvertretend für die ganze Menschheit) je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen, aus lauter Güte (Jer 31,3). Und, als Antwort darauf: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieb haben von ganzen Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft (5. Mose 6,5). Gott, der Schöpfer, der die Liebe ist, macht sein Geschöpf (das Menschsein als liebende Gemeinschaft) zu seinem Ebenbild, macht sich mit ihm eins als „Ich-und-Du“, wobei das „und“ zwischen ihnen sein Geist ist, der Geist seiner Liebe: Drei in eins.

3 Vater und Sohn

Im Neuen Testament wird das In-Beziehung-Sein Gottes oft als Vater-Sohn-Beziehung benannt. Das sind (notwendigerweise) menschliche Bilder, sind Versuche, mit menschlichen Worten etwas zu fassen, was für menschliches Denken eigentlich unfassbar ist. Gott muss sich unserem Verstehen nicht nur als Person in menschlicher Weise nähern (als Menschen-Sohn in Menschengestalt), sondern er muss auch sein allmächtiges Schöpfer-Wort in menschliche Wörter und Sätze fassen, damit wir überhaupt etwas davon verstehen können. Unsere menschliche Sprech- und Denkweise (in allen Sprachen aller Völker der Welt) hat nur menschliche Begriffe und Ausdrucksweisen zur Verfügung und die reichen bei Weitem nicht aus, um etwas Göttliches direkt auszusagen. Nur indirekt, in Bildern und Gleichnissen, in Vergleichen mit menschlichen Gegebenheiten und Begriffen, kann etwas von Gott angedeutet und (mit den Mitteln menschlicher Sprache) verständlich gemacht werden. So wird in der Bibel „Gott” mit vielen verschiedenen Namen benannt und mit vielen verschiedenen, manchmal sich scheinbar widersprechenden, in Wirklichkeit aber sich ergänzenden Bildern umschrieben (z. B. als Bräutigam und Ehemann, als Retter und Richter, als Hirte und König, als Friedefürst und Herr der Heerscharen …). Es gibt kein einzelnes Wort oder einzelnes Bild (und kann keines geben), das für sich allein von Gott etwas Gültiges aussagen könnte. Erst die sich ergänzende Vielfalt der verschiedenen Aussagen kann eine vorsichtige Ahnung vermitteln von dem, was und wer und wie Gott ist. Und eines der von der Bibel verwendeten Wort-Bilder ist die Rede von der Pluralität Gottes im Gleichnis einer Vater-Sohn-Beziehung.

Sohnschaft, Gotteskindschaft ist dem Judentum aus seiner alttestamentlichen Tradition heraus gar kein Problem. Einerseits reden Menschen des Alten Testamentes von Gott als Vater: Du bist doch unser Vater; denn Abraham weiß nichts von uns, und Israel kennt uns nicht (Jes 63,16) oder Mal 2,10: Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen? Andererseits redet Gott selbst von Menschen als seinen Kindern: Höret, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren, denn der Herr redet! Ich habe Kinder großgezogen und hochgebracht, und sie sind von mir abgefallen! (Jes 1,2). Die Bibel Alten und Neuen Testamentes gebraucht an vielen Stellen das Bild von der Vater-Kind-Beziehung als Gleichnis für eine besonders enge Beziehung zwischen Gott und Mensch. Daran, dass Jesus als "Sohn Gottes" bezeichnet wird, muss also für einen Juden gar nichts Anstößiges liegen. Auch, dass in der Christenheit für Jesus eine umfassendere und tiefere Sohnes-Beziehung zu Gott geglaubt wird, die weit über die „normale“ Gotteskindschaft aller Gläubigen hinausgeht, muss dem Juden noch kein Ärgernis sein. Auch für eine solche besondere Vater-Sohn-Beziehung gibt es schon im Alten Testament Anklänge: Kundtun will ich den Ratschluss des Herrn. Er hat zu mir gesagt: "Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt." (Psalm 2,7). Man nimmt an, dass diese Formel beim Regierungsantritt der Könige Judas ausgesprochen wurde. Gleichzeitig trägt sie aber noch weiter reichende messianische Züge.

Die Beschreibung der Messiasgestalt durch eine herausgehobene Sohnesbeziehung zum väterlichen Gott steht für sich noch nicht im Widerspruch zu jüdisch alttestamentlichen Vorstellungen. Problematisch und schließlich trennend zwischen Juden und Christen wurde die Rede vom „Einssein Gottes in Mehrheit“ erst da, wo nicht mehr die sich ergänzende Fülle der Gottesbezeichnungen etwas von der Wesensart Gottes offenbaren sollte, sondern die Einengung auf ein „einzig richtiges“ Reden von Gott. Die Begriffe „Trinität“ oder „Dreieinigkeit“, die für ein Zentraldogma der Christenheit stehen, erheben eine der vielen (notwendigerweise einseitigen und menschlich unzureichenden) Redeweisen von Gott zur einzigen und alleingültigen Wesensbeschreibung Gottes. Hier liegt das Trennende der trinitarischen Dogmen gegenüber dem Judentum.

Ein weiteres Problem der trinitarischen, bzw. christologischen Dogmen des 4. und 5. Jahrhunderts liegt darin, dass sie aus Abgrenzungsbestrebungen gegenüber dem Judentum und aus innerkirchlichen Streitsituationen hervorgegangen sind. Sie entstanden als Endpunkte von zum Teil hasserfüllten Auseinandersetzungen (z. B. die Auseinandersetzung zwischen Arianern und Athanasianern), nicht als Mittelpunkte von in der Liebe verbundenen Gemeinschaften (wie es eigentlich hätte sein sollen). Dadurch wurde das Reden von der Person Jesu und von seinem Verhältnis zum Vater zur Kampfansage der Christenheit im Verhältnis zum Judentum, ebenso wie zur Waffe in der innerkirchlichen Auseinandersetzung mit andersgläubigen Christen, statt zur Verkündigung der Liebe Gottes im Miteinander des ganzen Gottesvolkes Alten und Neuen Testaments.

Diese Fehlentwicklung ist viele Jahrhunderte alt, aber sie ist nicht unumkehrbar. Das Neue Testament selbst setzt andere Akzente. Es ist möglich, in einer Weise von der „Einheit Gottes in Vielheit“ zu reden, die jüdisches Denken, Reden und Glauben mit einbezieht und die zugleich nur auf Aussagen von Jesus selbst über sein Verhältnis zum Vater gegründet ist (und wer wollte behaupten, er/sie wüsste besser als Jesus selbst, wie sein Verhältnis zum Vater beschaffen ist?). Im Folgenden werden einige wenige der vielen Aussagen Jesus über sein Verhältnis zum Vater zusammenfassend dargestellt.

Am Anfang des sogenannten „Hohepriesterlichen Gebets“ im Johannes-Evangelium gibt es eine Stelle (17. Kapitel Verse 1-3), wo Jesus selbst sein Verhältnis zum Vater ausdrücklich erklärt (und es gibt niemanden, der es besser und authentischer erklären könnte als er): So redete Jesus, und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus* erkennen.

*Griechisch-lateinisch für das hebräische „Jeschuah ha Maschiach“.

Der, den Jesus hier mit „Vater“ anredet, ist allein wahrer Gott. Und Jesus ist der Messias, den der Vater gesandt hat. Ewiges Leben hat der, der beide erkennt (Erkennen“ hier im umfassenden Sinn einer lebendigen Liebesbeziehung gemeint, vgl. 1. Mose 4,1), den Sendenden (den Vater) und den Gesandten (Jesus, den Sohn und Messias, dem der Vater die Vollmacht verliehen hat, allen Menschen das ewige Leben zu geben). Jesus selbst betont hier einen deutlichen Abstand zwischen dem Sendenden und dem Gesandten, dem Vollmachtgebenden und dem Bevollmächtigten. Der Sendende steht über dem Gesandten, denn er ist „allein wahrer Gott“.

Diesen Abstand betont Jesus auch an vielen anderen Stellen (z. B. Lk 18, 18-19): Und es fragte ihn ein Oberer und sprach: „Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe“? Jesus aber sprach zu ihm: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein“. Nicht einmal das Attribut „gut“ will Jesus neben Gott für sich in Anspruch nehmen. Das heißt aber doch erst recht: „Niemand ist Gott als Gott allein“! Im Johannesevangelium (aber nicht nur dort) gibt es viele Aussagen Jesu über sein Verhältnis zum Vater in ganz praktischen Dingen (hier ist nur jeweils ein Beispiel angeführt):

> Der Sohn redet und handelt nicht von sich aus, sondern nur im Auftrag des Vaters (z. B. Joh 5,19): Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht.

> Der Sohn sucht den Willen des Vaters (z. B. Joh 5, 30): … ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.

> Jesus handelt, um die Werke Gottes zu offenbaren (z. B. Joh 9, 3): Es hat weder dieser (der blind Geborene, den Jesus heilt) gesündigt, noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

> Der Sohn handelt, um die Verheißungen des Vaters zu erfüllen (z. B. Mt 4,13-16): Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja: „Das Land Sebulon und das Land Naftali (… ) das Volk, das im Finstern saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen“.

> Der Sohn bleibt dem Vater gehorsam, auch im Augenblick der Versuchung (Mt 4,4 + 4,7 + 4,10): „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen“ und im Angesicht des Todes (Mt 26, 39): „Mein Vater, ist‘s möglich so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

Alle diese Aussagen reden von der Unterordnung des Sohnes unter den Willen des Vaters.

Aber sagt Jesus nicht auch „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10, 30) und: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh 14,9)? Ja, Jesus betont hier ein inneres Einessein mit dem Vater, das weit über das Verhältnis eines Sendenden und Gesandten hinausgeht. Es geht aber dabei nicht um „Gleichheit“ im Sinne von gleicher göttlicher Würde oder eine „Ungleichheit“ im Sinne einer Über- bzw. Unterordnung (Subordinatianismus). Es geht auch nicht um „Dreieinigkeit“ im Sinne von „einem Wesen in drei Personen“, sondern um ein „Einssein“ im Sinne einer Liebesgemeinschaft. Es geht beim Verhältnis von Vater und Sohn um ein Beziehungsgeschehen, in einer von inniger Liebe bewegten Zusammengehörigkeit. Davon soll im Folgenden die Rede sein.

4 Einheit als Liebesbeziehung

1. Joh 4,7-8: Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Das klingt uns vertraut. Aber wie sieht die Verwirklichung dieser Liebe Gottes aus? Und wer ist das Gegenüber seiner Liebe? Wir brauchen uns da nichts zusammenphantasieren. Es gibt einen Text an ganz zentraler Stelle des Neuen Testaments, wo die innergöttliche Liebeseinheit von Vater und Sohn und die Liebes-Beziehung zwischen Gott und Mensch im Detail vorgestellt und beschrieben wird und zwar am Ende des sogenannten „Hohepriesterlichen Gebets“, das Jesus am Vorabend seiner Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung betet, das letzte gemeinsame Gebet mit seinen Jüngern (Joh 17, 20-24): Ich bitte aber nicht allein für sie (die ersten Jünger, die alle Juden waren), sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden (jesusgläubige Menschen aus allen Völkern), damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war.

Das ist die einzig gültige Beschreibung der göttlichen „Einheit in Vielheit“, denn sie stammt von dem Einzigen, der sie gültig beschreiben kann; und der beschreibt sie so: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, (…) damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, (…) und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Die Pluralität Gottes wird von Jesus als inniges Liebesverhältnis beschrieben: Der Vater in Jesus und Jesus in ihm und das Menschsein in ihnen als Teil ihrer Liebesgemeinschaft und alle ganz eins in der Liebe: So ist Gott. Dieses Miteinander und Ineinander veranschaulicht sein göttliches Wesen, ist sein „Geist“, Ausdruck seiner „Person” und „Identität”. Und so soll auch, als Abbild und Ebenbild dieser göttlichen Liebesgemeinschaft, das Miteinander der Menschen sein: Einheit (trotz aller großartigen ethnischen und kulturellen Vielfalt und Verschiedenheit) durch die Liebe.

Ja, mehr noch: Das Menschsein soll nicht nur Abbild Gottes sein (1. Mose 1,27), sondern selbst Teil der göttlichen Liebesgemeinschaft des Vaters mit dem Sohn: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein. Die Menschheit (hier repräsentiert durch die Gemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen Jesu aus dem Judentum und aus den Völkern der Welt) soll mit hineingenommen werden in den Vollzug der innergöttlichen Liebesbeziehung. Das ist aber nur möglich, wenn auch sie selbst eins ist durch die Liebe. Darum bittet Jesus: Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien ... Jesus bittet den Vater für die Gemeinschaft seiner Jünger, zu der ja - als Zielperspektive - alle Menschen gehören sollen. Ich in ihnen (also Jesus in uns Menschen) und du in mir (also Gott in Jesus und damit ja auch in uns!), so ist die Herrlichkeit Gottes (und das ist seine Liebe) in der Jüngergemeinschaft gegenwärtig. Die gott-menschliche Liebesbeziehung soll nicht nur für sich selbst da sein, sondern soll auch Zeichen und Zeugnis und Einladung für die ganze „Welt” sein (wörtlich: für den Kosmos).

Die Liebesgemeinschaft von Vater und Sohn im Heiligen Geist besteht nicht in der Geschlossenheit einer „trinitarischen Gottheit”, sondern vollzieht sich in der Offenheit der Liebe Gottes, mit der er die ganze „Welt” liebt und in ihr das Menschsein als sein Gegenüber. Deshalb erwählt und beruft er das Menschsein zum Ebenbild und Gegenüber seiner Liebe, damit durch diese gott-menschliche Liebesbeziehung die ganze „Welt” in den Lebensraum seiner Liebe einbezogen wird.

Dabei geht Gott immer den Weg der Stellvertretung durch Erstlinge, die er vor allen anderen und für alle anderen erwählt und beruft. Als „Erstlinge” und „Stellvertreter” für die ganze, sich ihrer Berufung noch gar nicht bewusste Menschheit erwählt sich der liebende Gott zuerst ein einzelnes Menschenpaar, das er mit dem Geisthauch seiner Liebe ausstattet*, danach ein kleines, schwaches Volk (Israel), das bereit ist, auf seine Weisungen zu hören, danach (ergänzend, nicht ersetzend) die Jesusjüngerschaft und die Gemeinschaft aller, die durch ihr Wort … an Jesus glauben werden.

*1. Mose 2, 7; siehe die Beiträge zum Thema „Adam, wer bist du?”.

Erstling aller Erstlinge aber ist der „Sohn”, der für die Liebe Gottes, die an keine Zeitgrenzen gebunden ist, schon gegenwärtig ist, noch ehe die Schöpfung begann, noch ehe der „Urknall” die Weltentstehung in Gang setzte: Denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war. Mit diesem „Sohn” war auch das ganze Menschsein als ersehntes Gegenüber seiner Liebe schon da, war bei Gott schon „gegenwärtig”. In der göttlichen Liebesgemeinschaft ist der „Gottessohn” und „Menschensohn” schon vor Grundlegung der Welt gegenwärtig als „Erstling” und „Stellvertreter” für die ganze Menschheit aller Jahrtausende. Deshalb redet der eine, einzige Gott von sich selbst als von einer Vielheit, weil er selbst sich nur als Gemeinschaft der Liebe darstellen will.

Die Liebesbeziehung Gottes ist also keine Selbstverliebtheit einer in sich verschlossenen „Dreieinigkeit“, sondern Selbsthingabe des Schöpfers aller Dinge an ein geliebtes Gegenüber. Und dieses Gegenüber ist vom Ursprung und vom Ziel her gesehen das Menschsein aller Zeiten und Völker als Ganzes. Exemplarisch sichtbar wird das am Handeln Gottes an Israel (Jer 31,3): Ich habe dich (Israel) je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte, und an der Jüngergemeinschaft (Joh 17, 22): Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind. Die Liebe Gottes zu den Menschen war „je und je“ schon da, schon ehe der erste Mensch geboren wurde, ja, schon, ehe der erste Stern entstand. Um der Verwirklichung dieser Liebe willen hat Gott Himmel und Erde gemacht, und alles Leben auf der Erde, und schließlich das Menschsein, um die Erde als Lebensraum für diese Liebe einzurichten. Um der Verwirklichung dieser Liebe willen hat Gott sich die Lebensgemeinschaft des Volkes Israel erwählt, damit im „Weinberg“ dieser Lebensgemeinschaft die Liebesgemeinschaft des Menschseins beispielhaft sichtbar werden soll (Jes 5). Um der Verwirklichung dieser Liebe willen hat Gott sich die Jesusjüngerschaft berufen, damit in ihr die Liebe, die von Gott kommt, die Grenze Israels überschreitet und so „… gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (1. Mose 12, 3). Und das trotz aller Verirrungen und Entgleisungen, die im Verlauf der Jahrhunderte diese Berufung zu manchen Zeiten und an manchen Orten in ihr schrecklichstes Gegenteil verkehren würden. Denn diese Liebe ist nicht nur eine „Eigenschaft“ Gottes, sondern ist Gott selbst, sein „Geist“, sein „Wesen”, seine „Person“, seine „Substanz” seine „Identität”.*

*Siehe die Themen „Zwischen Schöpfung und Vollendung“ und „Die Frage nach dem Sinn“.

Im Neuen Testament kommt uns diese Liebe Gottes, die allem Menschsein gilt, in einem Menschen exemplarisch-erstlingshaft entgegen: im „Sohn“, dessen „Vater“ Gott selbst ist. Der Mensch Jesus von Nazareth ist in einer Person das, was die Menschheit als Ganzes sein sollte: Bild, Ikone, das heißt anschaubare und erfahrbare Vergegenwärtigung der Liebe Gottes mitten in der erschaffenen Welt.

Jo 14,9: Wer mich sieht, sieht den Vater. Jesus spricht hier für sich das aus, was die Berufung des Menschseins als Ganzes ist: Gott schuf das Menschsein sich zum Ebenbild und Gegenüber. Wer die Menschen sieht (nicht wie sie aussehen, sondern wie sie leben und zusammenleben und wie sie einander lieben) soll etwas vom Wesen Gottes (seine göttliche Liebe) wahrnehmen können. Im Leben und Reden und Handeln Jesu ist diese göttliche Liebe im Menschsein schon zur vollkommenen Entfaltung gekommen. So war er ganz göttlich (Joh 10,30 Ich und der Vater sind eins.). In diese göttliche Liebeseinheit soll aber alles Menschsein mit einbezogen sein (Joh 17,22: Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind). Das war von Anfang an so gemeint und gewollt, denn die Liebe Gottes zu den Menschen war schon da, ehe die Schöpfung begann, ja, sie war selbst die Kraft, die die Schöpfung in Gang setzte.

Die „Trinität” Gottes ist kein „Status”, kein feststehender, unveränderlicher „Bestand”, bestehend aus drei „Personen” als „Bestand­teile” einer göttlichen Einheit. Die göttliche „Einheit in Vielheit” ist ein Geschehen. Sie geschieht im Vollzug der Liebe Gottes zu den Menschen, und im Vollzug der Liebe der Menschen zu Gott und im Tätigsein der Liebe der Menschen untereinander. Die Liebesgemeinschaft zwischen dem „Vater” und dem „Sohn” soll abgebildet werden in der Liebe zwischen den Menschen, die den „Nächsten” liebt wie sich selbst und ihm Gutes tut. Dabei ist es der „Sohn“, der als „Erstling” vor Gott schon vor aller Schöpfung die ganze Menschheit vertritt (Röm 8, 34: Wer will uns verurteilen? Christus Jesus ist hier, (…) der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt), als Anwalt, der für uns und zu unserer Entlastung eintritt und als Stellvertreter, der für uns vor Gott das Menschsein vertritt, indem er es so darstellt, wie es eigentlich sein sollte, aber leider noch nicht ist: als Ebenbild Gottes). Durch sein Vor-Bild soll das Menschensein zum Eben-Bild Gottes werden (Mt 22,37-40): Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten (vgl. 5. Mose 6,5 und 3. Mose 19,18).

Die Verwirklichung der Liebe Gottes (die sein „Geist” ist) im Miteinander menschlicher Gemeinschaft ist die einzige Weise, wie Göttliches im Menschsein gegenwärtig sein kann und das Tun der Liebe am Nächsten ist die einzige Weise, wie Menschen Anteil haben können am Wesen Gottes und so zu seinem „Ebenbild” werden können. Die Liebe, die zugleich „Substanz” und „Identität” Gottes ist, ist Eine, auch wenn sie in vielen wirksam ist. So ist auch Gott Einer, auch wenn durch den Geist seiner Liebe der Sohn (und mit ihm das Menschsein als Ganzes) „in ihm” gegenwärtig ist und am Wechselspiel seiner Liebe teilhat.

5 Gott und Mensch

Wir sagen: „Gott wurde Mensch“, und wir haben dann oft so etwas wie einen verkleideten „Übermenschen“ vor Augen, der sich tarnt und so tut, als wäre er ein Mensch wie wir. Etwa wie ein absoluter Monarch, der sich inkognito unters „gemeine Volk“ mischt, um zu sehen, wie es da zugeht (so wird es z. B. von Herodes d. Großen berichtet). Damit liegen wir aber völlig falsch. Nein, Jesus war kein als Mensch verkleideter Gott und kein als Gott verkleideter Mensch. „Gott ist Liebe“, damit ist alles Wesentliche über Gott ausgesagt. Und in Jesus ist diese Liebe, die das Gott-Sein Gottes ausmacht, im Menschsein vollgültig gegenwärtig. „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Joh 14,9). Genauer kann man die Berufung des Menschseins (jeden Menschseins! Vgl. 1. Mose 1,27) nicht beschreiben.

Im Leben Jesu, in seinem Reden und Handeln, in seiner Liebe zum Vater und in seiner Liebe zu den „Nächsten“, denen er begegnete, ist die Menschheitsberufung, Ebenbild Gottes zu sein, zur vollkommenen Erfüllung gelangt. Jesus ist „wahrer Mensch“, weil er durch die vollkommene Liebe diese Menschheitsberufung verwirklicht, und er ist „wahrhaft göttlich“, weil durch ihn, mitten im Menschsein, ein vollkommenes Bild der Liebe, die das innerste Wesen Gottes ausmacht, vergegenwärtigt wird als sein Ebenbild.

Der biblische Glaube hat nicht ein Drei-Götter-Kollegium vor Augen, sondern den einen Gott, der sich aus Liebe „selbst entäußerte“ um den Menschen auf menschliche Art nahe zu sein. Das Wechselspiel der Liebe in der Vater-Sohn-Beziehung Gottes mit Jesus macht in einzigartiger Weise erkennbar, wie Gott seine Beziehung zu jedem einzelnen Menschen, zu jeder menschlichen Gemeinschaft und zur Menschheit als Ganzes gestalten will:

Gott will, dass das Verhältnis der Menschen untereinander von der gleichen Liebe getragen und geformt ist, wie sein Verhältnis zu den Men­schen. Und das ist geprägt von einer Liebe, die nicht das Eigene sucht, nicht den eigenen Vorteil, nicht die eigene Bestätigung, nicht die eigene Erfüllung, nicht die eigene Aufwertung, nicht die eigene Befriedigung, sondern das, was für den anderen gut und hilfreich und förderlich und frohmachend ist, geprägt von einer Liebe, die bereit ist, sich selbst hinzugeben für den Geliebten. Solche wahre Liebe ist von Gott und ist bei Gott, ja sie ist das Wesen Gottes. Und dafür soll die Gemeinschaft des Menschseins ein Ebenbild sein.

Zusammengefasst: Gott ist Liebe und diese Liebe ist nicht nur eine Zutat oder Eigenschaft Gottes, sondern ist aktive Zuwendung und tätige Hingabe Gottes an die Menschen; sie ist aber auch nicht nur ein Handlungsimpuls Gottes, sondern sein eigentliches „Wesen”, seine „Substanz”, seine „Identität”, sein „Geist”. Diese Liebe Gottes „entäußerte” sich selbst, als sie den Kosmos schuf und darin die Erde und darin das Leben und darin das Menschsein als ihr Gegenüber. Im Spannungszustand unerfüllter Zuneigung und vergeblicher Zuwendung Gottes zu den Menschen lebt die Schöpfung auf ihre Vollendung zu, wo Gottheit und Menschheit, Schöpfer und Schöpfung eins werden in gegenseitiger vollkommener Liebe. Die „Einheit in Vielheit” Gottes aktualisiert sich immer neu in der Beziehung des Schöpfers zu seinem Geschöpf, das er durch die Zuwendung seiner Liebe vom Geschaffenen zum Geliebten erhebt, als Abbild und Gegenüber seiner Liebe und so zum integrierten Element seiner eigenen Gottheit. Das Menschsein als geliebtes Gegenüber des Schöpfers ist im Nah-Raum seiner Liebe schon immer und schon vor Beginn der Schöpfung gegenwärtig, so wie ein Kind in der Liebe der Eltern schon gegenwärtig ist, noch ehe es geboren ist. In der biblischen, vor allem der neutestamentlichen Redeweise wird diese Gott-menschliche Liebesgemeinschaft vor allem als Vater-Sohn-Beziehung veranschaulicht. So ist im „Sohn” (noch ehe er in Jesus von Nazareth „Fleisch” wird), schon das ganze Gottesvolk Alten und Neuen Testaments und (in der Zielperspektive) auch die ganze Menschheit bei Gott „da” und in die Gemeinschaft seiner Liebe einbezogen.

Die Liebe der Menschen zu Gott (als Antwort auf seine Liebe zu uns) erweist sich aber nur dadurch als echt, dass sie auch untereinander in der Gemeinschaft der Menschen, im Miteinander und Füreinander des Menschseins verwirklicht wird. Und das soll schon hier und heute wie in einer Art „Vorschau” im Volk Gottes Alten und Neuen Testaments geschehen.

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Bodo Fiebig Das trinitarische Problem“, Version 2018 - 2

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