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Bereich: mitgehen – Gemeinschaft biblischen Glaubens

Thema: Juden und Christen

Beitrag 1: Die Geschichte einer Trennung (Bodo Fiebig, 2018-2)

Das Verhältnis von Juden und Christen während der vergangenen zwanzig Jahrhunderte beschreibt die Geschichte einer Trennung, die bis in die grauenhaften Tiefen des Holocaust reicht und einer vorsichtigen Wiederannäherung in den Jahrzehnten danach. Die Anfänge dieser Entwicklung finden wir schon gleich nach der Entstehung der ersten christlichen Gemeinde in der Apostelgeschichte. Zuerst heißt es dort (Apg 4,32): „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele“, und die Folge davon war: Vers 33: „Mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn und große Gnade war bei ihnen allen“. Und Apg 2,47: Sie (die Mitglieder der christlichen Gemeinde!) fanden Wohlgefallen beim ganzen (jüdischen!) Volk. Leider blieb es nicht bei dieser Harmonie. Die Geschichte der Trennung zwischen dem Judentum und der entstehenden Christenheit entwickelte ich in mehreren Schritten:

  • Zuerst gab es Spannungen zwischen jesusgläubigen Juden aus verschiedenem kulturellem Umfeld (z. B. zwischen den hebräisch sprechenden Juden, die in Israel wohnten und den griechisch sprechenden Juden, die aus anderen Ländern kamen).

  • Danach kam es zu noch viel größere Spannungen, als Jesusgläubige, die aus dem Judentum kamen, sich unversehens in einer Christengemeinde vorfanden zusammen mit Menschen, die vorher heidnischen Göttern gedient hatten.

  • Es begann die Herausbildung der Christenheit als reine „Heidenkirche“, aus der die jüdischen Jesusanhänger nach und nach hinausgedrängt wurden.

  • Dann folgte über Jahrhunderte hinweg, und je länger desto folgenschwerer, die Auseinanderentwicklung von Synagoge und Kirche, von Judentum und Christenheit, die bis heute nicht überwunden ist.

Diese Spannungen hätten nicht zwangsläufig zur Trennung führen müssen. Der Plan Gottes war es vielmehr (soweit man das mit menschlichen Möglichkeiten wahrnehmen und ausdrücken kann), dass zuerst Israel seinen Messias erkennt und annimmt und dann ein jesusgläubiges Judentum innerhalb relativ kurzer Zeit die Völker der Welt missioniert und zu Gott bringt. Deshalb betont Jesus auch immer wieder, dass seine Sendung jetzt nur Israel betrifft.

Aber (Jo 1,11): Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Das Volk Israel konnte oder wollte in seiner bestimmenden Mehrheit in Jesus von Nazareth nicht seinen verheißenen Messias erkennen. Vor allem wohl deshalb, weil sie ihn vor allem in der Gestalt des triumphierenden Befreiers vor Augen hatten und sie die Messiasgestalt des leidenden Gottesknechtes (Jes 53) vergessen oder verdrängt hatten.

Darauf ging Gott offenbar den umgekehrten Weg. Er wollte nun aus den Heidenvölkern einige herausrufen, die bereit waren, das Evangelium anzunehmen und aus denen er (zusammen mit den Juden, die Jesus als Messias angenommen hatten) eine neue, durch Jesus im Innersten verbundene Jüngergemeinde aus messiasgläubigen Juden und christusgläubigen Heiden formen konnte. Durch das überwältigende Zeugnis der Gegenwart und Wirksamkeit der Liebe Gottes in ihrer Lebensgemeinschaft sollte Israel (und sollten dann auch die Völker der Welt) überzeugt und zu seinem verheißenen Messias zurückgeführt werden Jo 17, 23: … damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast.

Die Einheit der Jüngergemeinde aus Juden und Heiden sollte ein Anschauungsmodell sein für die Einheit der ganzen Menschheitsfamilie (die ja auch aus Juden und Heiden besteht) unter der Königsherrschaft Gottes und seines Gesalbten. Aber offensichtlich war das Zeugnis der ersten Christen schon bald nicht mehr so überzeugend und überwältigend wie am Anfang. In die urchristliche Liebesgemeinschaft schlichen sich bald ungute Einseitigkeiten und Egoismen ein. So wurden bald die Christen für das Judentum nicht zum Anschauungsmodell für die Liebe Gottes, sondern zum Schauspiel für innere Uneinigkeit und wachsende Judenfeindlichkeit.

1 Die Jerusalemer Urgemeinde: Spannungen zwischen jesusgläubigen Juden aus verschiedenem kulturellen Umfeld

Die Ereignisse um Entstehung und Entwicklung der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem können wir in den ersten 8 Kapiteln der Apostelgeschichte nachlesen. Diese „Urgemeinde“ bestand anfangs noch ausschließlich aus Juden. Allerdings aus Juden verschiedener Herkunft, zwischen denen ein nicht immer spannungsfreies Verhältnis bestand (vgl. Apostelgeschichte 6,1): In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

Da gab es also die sogenannten “hebräischen Juden“ in der Gemeinde, die anfangs die Mehrheit darstellten und zu denen z. B. auch die Apostel gehörten. Das waren einheimische Juden, die im Lande aufgewachsen waren, die hebräisch oder aramäisch sprachen und die auch von ihrem kulturellen Hintergrund ganz von der jüdischen Tradition geprägt waren. Daneben gab es die „griechischen Juden“, also Diasporajuden, die außerhalb Israels in anderen Ländern aufgewachsen waren, die die damalige Weltsprache Griechisch sprachen, und deren Erfahrungshintergrund von griechisch-römischer Kultur geprägt war (siehe auch das Thema „Evangelium und Urgemeinde“). Oft kamen ältere Diasporajuden nach Israel und besonders nach Jerusalem zurück, um dort ihren Lebensabend zu verbringen und dort begraben zu werden. Zwischen diesen beiden jüdischen Volksgruppen gab es immer wieder Spannungen, die auch in die christliche Urgemeinde hineinreichten.

Diese Spannungen konnten aber damals noch relativ leicht gelöst werden, indem man verantwortliche Diakone einsetzte, die sich speziell um diese „griechischen“ Juden kümmerten. Bald entstanden aber grundsätzlichere Meinungsverschiedenheiten, die sich ergaben, als Menschen den christlichen Glauben annahmen, die gar nicht zum Judentum gehörten, sondern aus heidnischen Völkern stammten wie etwa der Hauptmann Cornelius (Apostelgeschichte 10) oder die heidenchristlichen Gemeinden in Kleinasien und Griechenland, Rom, Nordafrika, Mesopotamien ..., die später von Paulus und anderen gegründet wurden. Die Paulusbriefe und einige Kapitel der Apostelgeschichte sind Ausdruck des Ringens um die Einheit und das rechte Miteinander von Gläubigen verschiedener Herkunft und Prägung in einer Gemeinde und Kirche.

2 Die sich ausbreitende christliche Kirche: Spannungen zwischen Judenchristen und Heidenchristen

Es war sicher die größte, schwierigste und folgenreichste Herausforderung der frühen Christenheit, als Menschen den christlichen Glauben annahmen, die früher Heiden gewesen waren. Wie verbindlich sollten für diese Christen die jüdischen Gebote sein, die Speisegebote z. B. oder die Beschneidung? Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen und es bedurfte der ganzen Autorität der Apostel beim sogenannten „Apostelkonzil“ im Jahre 48 in Jerusalem, um einen Weg zu finden und durchzusetzen, der die Freiheit es Evangeliums mit der Treue zur Überlieferung verband und der eine Spaltung der Gemeinde verhinderte. Das ging auch noch weiter gut, solange die Gemeinschaft der Apostel in Jerusalem die gesamte Jesusjüngerschaft leitete. Danach, als die ersten Apostel gestorben waren und die apostolische Vollmacht im Führungsstreit der Regionalbischöfe verloren ging, drifteten die verschiedenen Teile der entstehenden Christenheit auseinander.

Besonders die Jesusanhänger jüdischer Abstammung gerieten nun von allen Seiten unter Druck: Von der wachsenden Heidenkirche wurden sie als zu jüdisch abgelehnt und vom rabbinischen Judentum wurden sie als unerwünschte Sekte an den Rand gedrängt. Im Jahre 66 n. Chr., also kurz vor dem Ausbruch des jüdischen Krieges, verließ die urchristliche Gemeinde die Stadt Jerusalem und floh nach Pella im Ostjordanland. Auslöser war eine prophetische Weissagung, dass Jerusalem bald zerstört werden würde. 4 Jahre später, im Jahre 70 wurde Jerusalem von den Römern tatsächlich erobert und zerstört. Für die judenchristliche Gemeinde hatten diese Vorgänge weitreichende Folgen. Von der Mehrheit der Juden wurden sie nun als Verräter abgelehnt, weil sie sich dem Freiheitskampf gegen die römische Besatzungsmacht entzogen hatten.

Für die sich ausbreitenden „heidenchristlichen“ Gemeinden war die judenchristliche Urgemeinde aus dem geistlichen Zentrum Jerusalem und damit überhaupt aus ihrem Blickfeld verschwunden und geriet zunehmend in Vergessenheit. Man mag es heute kaum für möglich halten, aber die christliche (Heiden)-Kirche hat ihre judenchristlichen Wurzeln relativ bald einfach verdrängt und vergessen. Trotzdem gab es noch längere Zeit jüdische Christen. Außerdem gab es auch nach 70 noch einmal eine judenchristliche Gemeinde in Jerusalem, sogar mit einem eigenen Bischof, der aus davidischer Abstammung war und den man „Bischof der Beschneidung“ nannte. Nach dem Jahr 135 n Chr., also nach dem Bar-Kochbar-Aufstand, als alle Juden (auch die Judenchristen) aus Jerusalem vertrieben wurden, verliert sich ihre Spur. Es gab später noch einzelne jüdisch-christliche Gruppen, etwa die Ebioniten, aber sie wurden von der Kirche schon nicht mehr als zu ihr gehörig anerkannt.

Der endgültige Bruch zwischen der heidenchristlichen Kirche und judenchristlichen Resten wurde wohl auf dem von Kaiser Konstantin 325 nach Nicäa einberufenen Konzil vollzogen, wo man die hebräischen Christen als Häretiker verdammte. Mehr als eineinhalb Jahrtausende lang gab es dann keine judenchristlichen Gemeinden mehr. Es gab zwar Juden, die manchmal freiwillig, meistens aber unter Zwang zum Christentum übertraten. Sie mussten aber dabei ihr Jude-Sein total ablegen und verleugnen. Erst im zwanzigsten Jahrhundert entstanden wieder judenchristliche Gemeinden (z. B. in Israel, aber auch in anderen Ländern), die Jesus als den verheißenen Messias annehmen, deren Glieder aber ganz entschieden Juden bleiben, die den Schabbat halten und die jüdischen Feste feiern, und die sich bewusst nicht von der Kirche vereinnahmen lassen wollen.

3 Auseinanderentwicklung von Kirche und Synagoge

Sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel, und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk, so lesen wir es in der Apostelgeschichte 2, 46-47. Offensichtlich gab es einen sehr harmonischen Anfang in der Beziehung zwischen der Urgemeinde und dem sie umgebenden Judentum. Leider blieb es nicht bei diesem gegenseitigen „Wohlwollen“. Schon im Neuen Testament gibt es Stellen, wo eine Stimmung der Ablehnung und der Feindschaft gegenüber dem traditionellen, nicht jesusgläubigen Judentum erkennbar wird: In den Sendschreiben der Offenbarung z. B. werden bestimmte örtliche jüdische Gemeinden (Smyrna, Off 2,9 und Philadelphia Off 3,9) als „Synagoge des Satans“ bezeichnet. Auf jüdischer Seite wurde später (um 100 n. Chr.) in das tägliche „Achtzehnbittengebet“ eine Bitte gegen die „Nozrim“ (Nazarener, Christen) aufgenommen: „Für die Abtrünnigen gebe es keine Hoffnung, und die Herrschaft des Frevels (d. h. das heidnische römische Reich) wollest du in Bälde in unseren Tagen ausrotten und die Christen und die Häretiker mögen augenblicklich zugrundegehen – sie mögen aus dem Buch des Lebens getilgt werden, damit sie nicht zusammen mit den Gerechten aufgeschrieben sind! Gepriesen seist du, HERR, der du Freche beugst!“ (Zitiert nach „Kirche und Synagoge“ Band 1, dtv-/Klett-Cotta S. 36) Das hatte zur Folge, dass kein Jesus-Anhänger mehr am jüdischen Gottesdienst teilnehmen konnte, weil er sich da selbst verfluchen müsste.

Später kam es zunehmend zu Spannungen und ersten Verfolgungen. Saulus von Tarsus, der später Paulus hieß, war zunächst einer der eifrigsten, wenn es darum ging, die junge Christengemeinde zu bekämpfen.

Für die überall im Römischen Reich entstehenden christlichen Gemeinden hatte es allerdings noch lange Zeit große Vorteile, dass das Christentum offiziell als jüdische Sekte galt. Das Judentum war im Römerreich eine anerkannte Religion, die bestimmte Rechte und staatlichen Schutz in Anspruch nehmen konnte. Erst als die christliche Kirche als eigene, vom Judentum losgelöste Religionsgemeinschaft in Erscheinung trat, kam es zu den groß angelegten Christenverfolgungen unter verschiedenen römischen Kaisern.

Trotzdem gab es ziemlich bald Bestrebungen in den christlichen Gemeinden, sich lebensmäßig und auch theologisch vom Judentum zu lösen. Es kann hier jetzt nicht auf die theologischen Hintergründe für diese Loslösung und zunehmende Distanzierung vom Judentum eingegangen werden, es ist nur noch möglich, ein paar Schritte auf diesem Weg anzudeuten:

Eines der Jesus-Worte, auf das sich christlicher Antijudaismus oft stützt, stammt aus dem „Gleichnis von den bösen Weingärtnern“ (Mk 12, 1-12, siehe das Thema „Liebe und Gesetz“, Beitrag „Israel und die Kirche“). Dort wird ein „Weinberg“, dessen Besitzer erkennbar Gott selbst ist, verantwortlichen „Weingärtnern“ anvertraut. Die aber wollen die „Früchte“ des Weinbergs für sich behalten und bringen alle Boten des Weinbergbesitzes um und schließlich auch dessen Sohn. Im Vers 9 heißt es dann: Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.

Über viele Jahrhunderte hinweg ist dieser Vers immer gleich gedeutet worden: Die „Weingärtner“, das sind die Juden, und denen wird der „Weinberg“ (ja, was ist das eigentlich? Ihr Land, ihr Status als Volk Gottes, ihre Verheißungen …?) genommen werden. Und das wird nun „anderen“ gegeben (und das können ja nur wir, die Christen sein). Diese Auslegung schien durch die geschichtlichen Entwicklungen bestätigt: Im Jahre 70 nach Christus (also nur wenige Jahrzehnte, nachdem Jesus dieses Gleichnis erzählt hatte) wurden das jüdische Land und die Stadt Jerusalem von den römischen Legionen belagert, erobert und zerstört. Die überlebenden Juden wurden, soweit sie nicht fliehen konnten, in die Sklaverei verkauft und in alle Himmelsrichtungen verstreut. Es begann für das Judentum die Jahrhunderte andauernde Leidenszeit der Diaspora. Das Christentum hingegen blühte auf, breitete sich rings um das Mittelmeer aus und wurde schließlich sogar Staatsreligion im römisch-byzantinischen Reich.

Was die Christen dabei nicht bedachten, ist die Tatsache, dass diese Deutung die Bedeutung der Bilder, die Jesus verwendete, völlig auf den Kopf stellt. So hat es Jesus nicht gesagt und so war dieser Satz von Jesus ganz gewiss nie gemeint. Der Weinberg war im Alten Testament (und das war die Bibel Jesu; das Neue Testament gab es ja noch nicht) immer das Bild für das Volk Israel und das gilt auch für dieses Gleichnis. Der Weinbergbesitzer ist Gott selbst. Und der setzt nun in unserem Gleichnis Weingärtner ein mit dem Auftrag, diesen Weinberg zu pflegen und darauf zu achten, dass er gute Früchte bringt. Mit diesen „Weingärtnern“ können ja unmöglich „die Juden“, also das Volk Israel als Ganzes gemeint sein (sonst wären ja der „Weinberg“ und die „Weingärtner“ identisch).

Die „Weingärtner“ im Gleichnis Jesu sind Menschen, die verantwortlich sind für die Pflege und die geistliche „Fruchtbarkeit“ des Volkes. Diese Verantwortlichen haben damals ihre Verantwortung und herausgehobene Stellung missbraucht und zum eigenen Vorteil genutzt. Gemeint waren damals die „weltlichen“ Verantwortlichen also die Könige, das Synedrium, die Beamten, die Reichen und Mächtigen, wie auch die „geistlichen“ Verantwortlichen, also die Hohenpriester, die gesamte Priesterschaft und religiöse Gruppierungen wie die Pharisäer, Sadduzäer, Essener … Jesus nennt (Mt 21, 43+45) besonders die „Hohenpriester und Pharisäer“ oder (Lk 20,19) die „Schriftgelehrten und Hohenpriester“. Ihnen wurde nun ihre Verantwortung entzogen, ja mehr noch, nach den Kämpfen im Jahre 70 (und danach noch einmal im Jahre 135 n. Chr.) verschwanden alle diese Gruppierungen von der Bildfläche und es gab und gibt sie nicht mehr - bis heute.

Der „Weinberg“ (das Volk Israel in der fast zweitausendjährigen Diaspora) wurde anderen „Weingärtnern“ zur Pflege übergeben. Das war (wenn wir die Tatsachen nehmen, wie sie geworden sind) im Wesentlichen die rabbinische Autorität, die sich bald nach der Katastrophe herausbildete und die bis heute diese Verantwortung wahrnimmt und trägt. Das ist keine nachträgliche Verklärung der Geschichte, sondern einfach nur die Beschreibung der Entwicklung, die das Judentum in den vergangenen zwanzig Jahrhunderten tatsächlich genommen hat.

Wenn wirklich das Christentum gemeint wäre mit den „anderen“, denen nun der „Weinberg“ zur Pflege übergeben wurde, so hätte es diesen Auftrag auf schändliche Weise missbraucht und ins Gegenteil verkehrt. Oder wollte jemand behaupten, die verschiedenen christlichen Kirchen und deren verantwortliche Leiter wären gute „Weingärtner“ gewesen, die die Verantwortung für die Pflege und geistliche Fruchtbarkeit des Judentums während der Jahrhunderte der Diaspora treu und fürsorglich und entsprechend dem Willen des „Weinbergbesitzers“ ausgeübt hätten? Gewiss nicht. Vielmehr haben Christen (auch deren Amtsträger und Machthaber) oft an den Juden, die unter ihnen lebten, so gehandelt, wie die „Weingärtner“ im Gleichnis Jesu mit dem „Sohn“ umgegangen waren: Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Aber vielleicht wäre ja wirklich (nach dem Willen Gottes!) die Pflege des Weinbergs Israel eine Aufgabe für die Christenheit (zusammen mit der rabbinischen Autorität) in dieser Zeit der Zerstreuung gewesen?

In der sogenannten Didache, der ältesten erhaltenen christlichen Gemeinderegel, die um das Jahr 100 entstanden ist, heißt es: Eure Fasttage sollen nicht mit denen der Heuchler zusammenfallen, denn sie fasten am zweiten und am fünften Tage der Woche, ihr aber sollt am 4. Tage und am Rüsttage fasten. (“Heuchler“ wird hier schon als Sammelbegriff für alle Juden verwendet und man erkennt das Bestreben, sich nach außen sichtbar vom Judentum zu distanzieren.) Trotzdem wurde von den Christen noch lange der Schabbat als Ruhetag gehalten. Der erste Tag der Woche wurde als Auferstehungstag und „Herrentag“ gefeiert, an dem auch der Gemeindegottesdienst stattfand, aber nicht als Ruhetag.

Erst als die christliche Kirche unter Konstantin und seinen Nachfolgern Staatsreligion wurde, wurde der Sonntag in bewusster Abgrenzung zum Judentum auch als Ruhetag eingeführt, jetzt aber nicht als „Herrentag“, sondern ausdrücklich als „Sonntag“ (dies solis), weil er mit dem Tag zusammenfiel, der dem Sonnengott geweiht war. Ein konstantinisches Gesetz von 321 bestimmte: Alle Richter, das Stadtvolk und die Werkstätten aller Handwerker sollen am ehrwürdigen Tag der Sonne die Arbeit ruhen lassen.

Überhaupt genierte man sich nicht, in den christlichen Kalender lauter heidnische Götter- und Kaisernamen zu übernehmen: Der Januar war dem römischen Gott Janus gewidmet, der März dem Kriegsgott Mars, der Juni der römischen Göttin Juno, der Juli dem Julius Cäsar, der August dem Kaiser Augustus ... In den germanischen Sprachen werden seit mehr als tausend Jahren von christlichen Völkern die Wochentage immer noch nach germanischen Gottheiten benannt. Die Abgrenzung zu den jüdischen Wurzeln schien der christlichen Kirche oft wichtiger zu sein als die Abgrenzung zur eigenen heidnischen Vergangenheit.

Unter Konstantin wurden jetzt nach und nach alle noch bestehenden Verbindungen zum Judentum gekappt. In einem Brief an die christlichen Bischöfe verlangte Konstantin 325, dass das Osterfest nicht mehr am jüdischen Passafest gefeiert werden darf. Er schrieb u.a.: Zunächst scheint es unwürdig zu sein, jenes hochheilige Fest nach dem Gebrauch der Juden zu feiern, die ihre Hände durch ihr gottloses Verbrechen befleckt haben und darum mit Recht als Menschen, auf denen Blutschuld lastet, mit Blindheit des Geistes geschlagen sind. ... Nichts soll uns also gemein sein mit dem verhassten Volke der Juden!

Von da an war der Weg nicht mehr weit zur Zerstörung von Synagogen, zu Verfolgungen und Vertreibungen, zum Judenfleck oder Judenhut als Kennzeichnung, zu den absurden Vorwürfen von Ritualmord und Hostienfrevel, zu Zwangstaufen und Inquisition, bis hin zum Holocaust im vergangenen Jahrhundert. Die Jüngergemeinde Jesu, die (aus messiasgläubigen Juden und christusgläubigen Heiden bestehend) eine ungeteilte Liebesgemeinschaft bilden sollte, um Juden und Heiden zu ihrem von Gott gegebenen Heiland zu führen, war in ihren Grundauftrag, der Liebe und der Einheit, gescheitert.

Die Folgen wurden sehr bald sichtbar: Die Geschichte der Christenheit begann nicht als eine Geschichte der Einheit durch die alles verbindende Kraft der Liebe, sondern als Geschichte der Spaltungen durch die alles zertrennende Gewalt des Egoismus. Es begann eine bis heute nicht abgeschlossene Folge von Trennungen, Feindschaften gegenseitigen Verdächtigungen und Verketzerungen, von Kämpfen und Kriegen zwischen den verschiedenen Teilen der Christenheit und es begann eine feindselige Abgrenzung gegenüber dem Judentum, die auch bis heute nicht überall überwunden ist. Die triumphierende Staatskirche begann nun, mit aller Härte des Stärkeren sich gegen das Judentum abzugrenzen. Johannes Christostomos, einer der Heiligen und Lehrer der alten Kirche, ereiferte sich: In der Synagoge wohnt der Teufel mit seinen Dämonen ... Man mag sie ein Bordell nennen ... ein Bollwerk des Teufels, ... aller Art Unterganges jähen Abhang und Schlund, wie immer man sie auch bezeichnet, man wird sie noch nicht so benennen, wie sie es verdient. Die Kirche proklamierte sich als das rechte und neue Israel, nachdem das alte verworfen und verdammt sei. Ihr, der Kirche, sollten nun alle Verheißungen gelten, die ursprünglich Israel zugesprochen waren (wobei man natürlich alle Gerichtsworte bei Israel beließ).

Nun wurden von Kaisern und Päpsten antijüdische Gesetze erlassen, der „Judenfleck“ als Kennzeichnung und Brandmarkung der Juden in der Öffentlichkeit wurde eingeführt. Juden wurden verfolgt, gedemütigt, aus christlichen Ländern vertrieben. Später schrieb dann Luther seine hasserfüllten Sätze gegen die Juden und er forderte, dass man die Synagogen anzünden und die arbeitsfähigen Juden zur Zwangsarbeit treiben solle, und er schließt wörtlich: Denn, wie gehört, Gottes Zorn ist groß über sie, dass sie durch sanfte Barmherzigkeit nur ärger und ärger, durch Schärfe aber nur wenig besser werden. Drum weg mit ihnen. Dieses Programm haben aber erst 400 Jahre später die Nazis konsequent durchgeführt.

Als mitten in der Jüngergemeinde Jesu und zwischen altem und neuem Bundesvolk Gottes nicht mehr die Liebe, sondern der Hass regierte, als in der Christenheit die Selbstbehauptung jeder Teilkirche gegen die Bruderkirchen an die Stelle der Einheit trat, als im Miteinander des Gottesvolkes nicht mehr vor allem die Güte Gottes, sondern immer wieder auch menschliche Bosheit zur Schau gestellt wurde, da war für die Völker der Welt der Blick auf die Verheißungen des messianischen Friedensreiches weitgehend verstellt. Dass das Christentum sich trotzdem über alle Kontinente der Erde ausbreiten konnte, ist unverdiente Gnade.

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© 2011 Bodo Fiebig Die Geschichte einer Trennung“ Version 2018-2

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