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Bereich: mitgehen Gemeinschaft biblischen Glaubens

Thema: Juden und Christen

Beitrag 2: Feindschaft im Hause Gottes (Bodo Fiebig, Version 2018-2)

1 Das zerrissene Gottesbild

Gott ist unsichtbar, unvorstellbar, unbegreiflich. Wir haben keine natürlichen Sinnesorgane für die Wahrnehmung Gottes. Normalerweise können wir die Gegenwart oder das Handeln Gottes nur am Geschehen und dessen Folgen erschließen. Freilich gibt es außerordentliche Situationen, wo Menschen etwas von Gott spüren, sehen, hören …, aber die kann man weder vorhersehen, noch herbeiführen.

Gott kann man nicht anschauen und beschreiben. So ist es ganz selbstverständlich, dass Menschen sich Götter-Bilder machen, die ihnen eine Vorstellung vom Gegenüber ihres Glaubens ermöglichen. Auch die Bibel redet von Gott in Bildern und Gleichnissen, nennt ihn Bräutigam und Ehemann, Hirte und König, Retter und Richter, Friedefürsten und Herr der Heerscharen... Das geht auch gar nicht anders. Wir brauchen menschlich-anschauliche Vorstellungen und eine menschlich verständliche Bildersprache, um überhaupt von Gott sprechen zu können. Wir verwenden ganz selbstverständlich bildhafte Analogien, um von Gott zu reden und um unseren Glauben ausdrücken.

Jeder Gläubige hat Gottes-Bilder, hat eine mehr oder weniger bewusste, mehr oder weniger deutliche „Anschauung” davon, was der Begriff „Gott” bei ihm an Vorstellungen und Erfahrungen weckt. Sogar (im biblischen Sinn) „Ungläubige” haben solche Anschauungen. Der entsprechende Begriff heißt dann bei ihnen vielleicht „Schicksal” oder „astrologische Sternenkonstellation” oder „kosmische Energieströmung” oder „Autopoiese“ (der sich selbst schaffende Kosmos, das sich selbst erzeugende Leben) …, aber jeder Glaube (und auch der Unglaube ist ja eine Form des Glaubens) braucht eine innere Schau vom Gegenüber seines Glaubens.

Die Bibel warnt allerdings vor selbstgemachten Gottesbildern (2. Mose 20, 4+5a): Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!

Hören wir genau hin: Die Bibel verbietet nicht, dass wir Gottesbilder haben, sondern nur, dass wir uns selbst welche machen, um dann die selbstgemachten Götter (und damit uns selbst) anzubeten. Dabei wird deutlich, dass nicht nur von Hand gemachte, sichtbare und anfassbare Götzenbilder aus Holz, Stein oder Gold für Gott ein Gräuel sind, sondern auch unsere inneren Gottes-Bilder, also unsere Vorstellungen davon, wie Gott ist, wie er handelt und welche Absichten er mit uns hat, sofern diese Gottesbilder von unserer eigenen Phantasie selbst gemacht und selbst erdacht sind. Auch solche inneren Gottesbilder können zu Götzenstatuen erstarren, auch sie können zum Glaubenshindernis werde, können in uns Einstellungen und Haltungen bewirken, die uns von Gott entfernen und seinem Willen widerstreben.

Wir können Gott nicht mit unseren Gedanken erfassen und nicht mit unserer Phantasie ausmalen aber trotzdem ist er uns nicht unbekannt. Gott hat sich uns offenbart, hat sich zu erkennen gegeben: In der Botschaft der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, in den Bekenntnissen der Zeugen Gottes aller Jahrhunderte und in unseren eigenen Gotteserfahrungen. Grundlage aller Gotteserkenntnis ist die Gottesoffenbarung, mit der er selbst sich zu erkennen gibt. Aber diese Gotteserkenntnis steht den Menschen nicht zur beliebigen Verfügung. Jede persönliche Gotteserfahrung oder religiöse Einsicht muss sich an der biblischen Botschaft messen und notfalls von ihr korrigieren lassen. Nur in den Worten seiner auserwählten und geistbegabten Botschafter Alten und Neuen Testaments und in seinem in der Bibel bezeugten (und noch heute erfahrbaren) Handeln ist Gott so zu erkennen, wie er selbst sich unserem beschränkten Fassungsvermögen vorstellen will.

Trotz dieser Selbstoffenbarung Gottes sind in der Geschichte der Christenheit falsche Gottesbilder entstanden. Das könnte man als kleinen Schönheitsfehler gelten lassen und nicht weiter ernst nehmen, wenn nicht die Menschen aller Völker und Generationen die Neigung hätten, ja eigentlich gezwungen wären, ihren Gottesbildern Hände zu geben, und Füße und Zungen. Es waren die falschen Gottesbilder die den Gläubigen Schwerter in die Hände gaben statt Pflugscharen, es waren die falschen Gottesbilder, die ihre Füße auf die Schlachtfelder lenkten, statt auf die Weizenfelder und in die Weinberge, die ihre Zungen Todesurteile aussprechen ließen gegen Ketzer und Hexen und Juden und jede Art von Andersdenkenden. Unsere selbstgemachten Gottesbilder sind keine Götter, gewiss nicht, aber sie sind trotzdem Realitäten mit schwerwiegenden Konsequenzen und weitreichenden Auswirkungen, weil sie unser Denken und Reden und Handeln bestimmen.

Damit kein Missverständnis entsteht: Ganz gewiss sind alle unsere Gottesvorstellungen gemessen am Sein und Handeln Gottes ohne Ausnahme ungenügend, ungenau, unzutreffend, uneigentlich …, das kann auch gar nicht anders sein. Gott ist immer größer und weiter, immer ganz anders als wir uns das vorstellen können. Eines dürfen unsere Bilder aber nicht: Sie dürfen dem nicht widersprechen, was Gott selbst in der Heiligen Schrift uns von sich offenbart hat, sonst sind sie nicht nur ungenügend (und das sind sie immer), sondern falsch (und das dürfen sie nicht sein).

Hier kann es nicht darum gehen, einzelne dieser falschen Gottesbilder zu betrachten und ihre Auswirkungen zu beschreiben. Es soll hier nur der Versuch gemacht werden, eine bestimmte Vorstellung von Gott als selbstgemacht und unbiblisch zu erkennen, obwohl sie noch heute von vielen Christen ganz selbstverständlich als wahres Gottesbild geglaubt wird. Eine der in der Christenheit weltweit und über Jahrhunderte hinweg weitestverbreiteten und folgenschwersten Fehlinterpretationen der biblischen Aussagen über Gott hat zu einem seltsam gespaltenen und zerrissenen Gottesbild geführt: Zum zerrissenen Gottesbild der Christenheit.

Christen meinen oft, es gäbe in der biblischen Offenbarung einen Gott des Alten Testaments, der wäre ein harter Richter-Gott, der unerfüllbare Gesetze aufstellt, der unerbittlich deren strikte Einhaltung fordert und der an jedem Rache übt, der gegen diese Gesetze verstößt (und dem entsprechend wäre das Judentum als Religion des Alten Testaments eine harte und starre Gesetzesreligion). Dem gegenüber wäre der Gott des Neuen Testaments ein barmherziger und liebender Vater-Gott, der Vergebung übt und Nachsicht walten lässt (und deshalb wäre das Christentum als Religion des Neuen Testaments eine Religion der Liebe und der Barmherzigkeit). Wir haben den Gott der Bibel vor Augen als eine in sich selbst gebrochene Persönlichkeit, an deren Bruchlinie, die irgendwo im Niemandsland zwischen Altem und Neuem Testament verläuft, eine unerklärliche Verwandlung vom harten Hüter des Gesetzes zum barmherzigen Botschafter der Liebe geschah.

Unsere inneren Bilder sind aber, wie wir vorhin schon festgestellt haben, nicht nur Vorstellungen die in unserer Gedankenwelt eingeschlossen bleiben, sondern sie erzeugen ganz selbstverständlich und ohne dass wir das merken, Einstellungen und Handlungsimpulse, die bewusst oder unbewusst unser Verhalten steuern. Dies gilt auch für das zerrissene Gottesbild der Christen: Es hat ganz konkrete und reale Folgerungen in der Geschichte der Christenheit hervorgebracht: Es hat einen Riss im Leben des Gottesvolkes bewirkt, der bis heute nicht geheilt werden konnte. Unsere Vorstellung, von einem Gott, der im jüdischen „Alten” Testament ein ganz anderer ist als im christlichen „Neuen” Testament, hat aus der Sicht des neutestamentlichen Gottesvolkes, der Christen, einen schier unüberwindlichen Graben aufgerissen, der seitdem die Christenheit vom Gottesvolk des Alten Testaments, den Juden, trennt. Der Riss, der durch unser Gottesbild geht, hat auch das Volk Gottes zerrissen.

Viele Christen erkennen heute, dass die Menschheitskatastrophe des Holocaust auch kirchlich-theologische Wurzeln hatte und sie sehen die Wurzeln in einer „Enterbungstheologie”, die der Ansicht war (und oft noch ist), dass Gott vor zweitausend Jahren das Judentum als sein Bundesvolk und als Träger der Verheißung verworfen habe und seitdem die Christenheit als das „neue Bundesvolk” an dessen Stelle getreten sei. Dabei habe die Christenheit auch alle Verheißungen „geerbt”, die ursprünglich Israel zugesprochen waren, so dass sie sich nun nicht mehr aus das Judentum beziehen, sondern nur noch auf die christliche Kirche. Dieses als Irrtum zu erkennen, dafür ist es wahrlich höchste Zeit.

Ich meine aber, dass diese „Enterbungstheologie” selbst schon Folge einer viel tiefer sitzenden theologischen Fehlentwicklung war. Die eigentliche Ursache liegt nicht in einem Fehlverständnis des Judentums, sondern in einem Fehlverständnis Gottes. Sie liegt in unserem Gottesbild begründet, im zerrissenen Gottesbild der Christenheit, die einen unversöhnlichen Gegensatz zu erkennen meinte zwischen dem „gewalttätigen Rache-Gott” des Alten Testaments und dem „liebenden Gnaden-Gott” des neuen Testaments.

Aber, ist Gott wirklich so, handelt er wirklich so, wie dieses Gottesbild uns einreden will? Entspricht das er Selbstoffenbarung Gottes in der Bibel?

Das Wesentliche des Alten Testaments ist das Gesetz und das Wesentliche des Neuen Testaments ist die Liebe”, sagen viele „und zwischen Gesetz und Liebe besteht ein unaufhebbarer Gegensatz.” Aber wir befinden uns mit einer solchen Überzeugung im krassen Gegensatz zu einer zentralen Aussage Jesu. Für ihn ist das innerste Wesen des Alten und des Neuen Testaments das gleiche, nämlich die Liebe. Ja, die ist das eigentlich Verbindende zwischen beiden. Jesus selbst stellt diese Verbindung her, indem er zwei Kernaussagen des Alten Testaments zusammenfügt und sie in dieser Form zum Grundgesetz der neutestamentlichen Jüngergemeinde macht (vgl. Mt 22, 37-40): Du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft (5. Mose 6,5). Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3. Mose 19,18). Diese beiden Sätze, die wir als das „Doppelgebot der Liebe” kennen, sind nicht willkürlich aus dem AT herausgegriffen; sie enthalten nach der ausdrücklichen und durch eine besondere Betonung hervorgehobenen Aussage Jesu dessen zentrales Anliegen: „In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz (die Thora, sie 5 Mose-Bücher) und die Propheten” (hier als Zusammenfassung der übrigen Schriften des AT). Wenn nun das ganze Alte Testament in diesen beiden Geboten „hängt”, dann muss es auch ganz mit dem Blick auf diese Gebote gelesen werden. Dann ist die wechselseitige Liebe zwischen Gott und Mensch und der Menschen untereinander von so zentraler Bedeutung, dass von ihr aus alle Aussagen des AT ihren von Gott bestimmten eigentlichen Sinn haben. Psalm 103, 8-13: Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten. Schöner und ergreifender ist die Vater-Liebe Gottes auch im Neuen Testament nie besungen worden.

Die Liebe ist aber nach den Worten Jesu nicht nur Grundlage und gestaltende Kraft des AT, sie ist auch zentraler Inhalt der neutestamentlichen Botschaft: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Jo 3,16). Diese Liebe (die der ganzen „Welt” gilt) soll auch das innerste Wesen der Jüngergemeinde und der ganzen Kirche Jesu Christi sein (Jo 13, 34-35: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Somit ist die Liebe das Bindeglied zwischen Altem und Neuem Testament. Beide zusammen sind das unzertrennliche Wort Gottes, das uns das Wesen Gottes, seine Liebe, offenbart. So ungeheuer vielschichtig und unausschöpfbar das Wort Gottes in der Bibel ist, so eindeutig muss doch dieser Aspekt als Leitgedanke durch die ganze Heilige Schrift im Auge behalten werden. Und wir stellen fest: Es existiert keine Bruchlinie zwischen beiden. Der Gott des Alten Testaments ist der gleiche wie der des Neuen und er ist unwandelbar der Liebende.

Aber noch einmal: Das ist nicht nur theologische Wortklauberei. Dieses verzerrte und verfälschte Gottesbild, das Altes und Neues Testament auseinanderzureißen versuchte, wurde im Laufe von zwei Jahrtausenden zur tiefsten Ursache von Verachtung, Entwürdigung, Verfolgung und Mord, begangen von Christen an ihren „älteren Brüdern”, den Juden.

2 Das Erbe der Gnosis

Eine Missionierung von jüdischen Menschen mit dem Ziel, diese aus ihrem Jüdisch-Sein herauszulösen, um sie zu „unjüdischen“ Christen zu machen, würde den Glauben voraussetzen, dass der Gott der Juden ein ganz anderer wäre als der Gott des Neuen Testaments, den Jesus „Vater unser im Himmel“ nennt, oder den Glauben, Gott habe sich, irgendwo im Niemandsland zwischen Altem und Neuen Testament, vom jüdischen Gott des Gesetzes und der Vergeltung zum christlichen Gott der Liebe und der Vergebung gewandelt (siehe den Themenbeitrag „Gesetz oder Liebe?”). So ein Glaube würde die Einheit Gottes im Alten und Neuen Testament leugnen. Und genau das war der Hauptangriffspunkt der Gnosis, einer synkretistischen Religion heidnischer Herkunft, die in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte in das christliche Denken und Glauben einzudringen versuchte und so die junge Christenheit fast an den Rand des Scheiterns brachte.

Die Gnosis zog eine scharfe Trennlinie zwischen der Gottesoffenbarung des Alten und des Neuen Testaments. Für sie war der Gott des Alten Testaments und der Juden, der „Demiurg“, der „Macher“ der Welt, der wie diese Welt in seinem Wesen verfinstert und entstellt sei. Dieser alttestamentliche Schöpfer-Gott sei es auch, der im Neuen Testament der „Fürst dieser Welt“ genannt wird und der verantwortlich sei für alles Unerlöste, Schmerzliche und Unbehauste des Lebens in dieser Welt. Dem gegenüber sehen die Gnostiker den Gott des Neuen Testaments als den eigentlichen und ursprünglichen Gott, der ein Gott der Liebe und der Barmherzigkeit sei. Er, nicht der Gott des Alten Testaments, sei der Vater Jesu Christi. Der wohnte bislang in der unerreichbaren Ferne des achten Himmels, nun aber wurde er von Jesus den Menschen bekannt gemacht wurde, damit auch sie die höhere Erkenntnis (Gnosis) haben, durch die allein sie erlöst werden könnten. So konnte (nach gnostischer Auffassung) Jesus auch nicht wirklich Mensch werden (denn dann wäre er ja ein Produkt des bösen Schöpfer-Gottes), sondern nahm nur einen Schein-Leib an und litt nur scheinbar den Tod am Kreuz.

3 Christlicher Antjudaismus

Die frühe Kirche hat dieses gnostische Denken damals als falsch und unbiblisch zurückgewiesen, aber es wurde doch (selbst in zwanzig Jahrhunderten!) nie gänzlich überwunden. Dafür gibt es erschreckende Beispiele durch fast alle Jahrhunderte der Christenheit. Ein Beispiel dafür aus der neueren Geschichte sind Schriften von Theologen in Deutschland im 19. Jahrhundert, die zumindest indirekt zu Vorläufern des nationalsozialistischen Antisemitismus wurden. Anfang des 20. Jahrhunderts (also noch weit vor der Machtübernahme der Nazis in Deutschland) wurde die Trennlinie zwischen Altem und Neuem Testament immer schärfer gezeichnet. Man verlangte nun: „... die Ausmerzung der jüdischen religiösen Schriften und des religiösen Geistes der Juden aus der Kirche. Mit dem Alten Testament seien nur der Geist des Pharisäismus, jüdischer Unduldsamkeit und Verfolgungssucht in die Kirche Jesu Christi eingedrungen. Der „zornige jüdische Gewittergott Jahwe“ sei ein anderer Gott als jener, den Christus als „Vater“ und „Geist“ verkündigte und den die Germanen mit ihrem Glauben an den „Allvater“ ahnten. (...) „Wenn die Christenheit Karfreitag feiert, sollte sie sich jedenfalls nicht in Träumen wiegen, als ob mit dieser Tragödie endgültig der Sieg des Christentums erstritten sei; sonst könnte noch einmal ein viel schrecklicheres Golgatha kommen, wo das Judentum der ganzen Welt am Grabe des zu Boden getretenen Christentums seine Jubelgesänge zu Ehren des menschenmordenden, völkerausrottenden Jahu singt“ (zitiert nach „Kirche und Synagoge“ Band 2, dtv/KlettCotta, München 1988, Seiten 326-328 in Auszügen). Gewiss wird das (in Deutschland) heute niemand mehr so sagen, aber die Abwertung des Alten Testaments gegenüber dem Neuen Testament (und damit unbewusst auch die Diffamierung des alttestamentlichen Gottes als den Gott des Gesetzes und der Rache gegenüber dem neutestamentlichen Gott der Liebe und der Barmherzigkeit) ist noch in vielen christlichen Köpfen präsent. Von dort her (vom gespaltenen Gottesbild der Gnosis) kommen (theologiegeschichtlich gesehen) der christliche Antijudaismus, die „Enterbungstheologie“ und eine falsche „Judenmission“ (vgl. Abschnitt 1 „Das zerrissene Gottesbild“).

Es ist unübersehbar: der „Antisemitismus“ (der in Wirklichkeit immer ein Antijudaismus war, die anderen semitischen Völker, etwa die Araber, waren ja nie mitgemeint), richtete sich in letzter Konsequenz immer gegen den „Gott der Juden“ selbst. Das „Volk der Juden“ war da nur sein Stellvertreter, dessen man habhaft werden konnte und an dem man stellvertretend seinen Anti-Theismus auslebte. Heute gibt es dafür eine neue Variante: Bei großen internationalen Institutionen gilt unterdessen der „Zionismus“ (der als Begriff nur den alten Antijudaismus verdecken soll) als größtes Hindernis für den Weltfrieden, und das angesichts einer Entwicklung, die Israel als eine Insel des Friedens erscheinen lassen angesichts der immer dramatischeren inneren Auseinandersetzungen in den arabischen Ländern rings um Israel („arabischer Frühling“), bis hin zum Bürgerkrieg (z.B. in Syrien, Irak, Jemen, Libyen).

Dieses gnostische Denken in allen seinen Erscheinungsweisen müssen Christen aller Glaubensrichtungen heute ebenso zurückweisen wie damals in den ersten Jahrhunderten der Christenheit. Der Gott des Alten Testamentes und der Juden ist auch „unser Vater im Himmel“. Und sein (jüdischer) Sohn „an dem Er Wohlgefallen hat“, ist unser Messias. Evangelisation unter Juden kann heute nur bedeuten, dass man jüdische Menschen mit ihrem jüdischen Messias bekannt macht, und zwar deshalb, weil der lebendige Glaube an Jesus als Messias die Erfüllung ihres Jude-Seins bedeutet und die Bestätigung ihrer bleibenden Erwählung.

Das Volk Israel spielt im Heils­plan Gottes eine eigene und unverzichtbare Rolle (auf die hier nicht näher eingegangen wird). Diese Rolle hat selbstverständlich auch und ganz zentral mit dem Verhältnis Israels zu seinem Messias zu tun. Wie sich jedoch dieses Verhältnis gestaltet und entw­ickelt, das haben die christlichen Kirchen nicht zu bestimmen und nicht zu verantworten.

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Bodo Fiebig Feindschaft im Hause Gottes“, Version 2018-2

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