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Bereich: Vision und Konkretion

Thema: Die Tore Jerusalems (Erzählungen)

Beitrag: Stefans-Tor, Bodo Fiebig 2015-9

Thomas Hoffmann war einer der „alten Hasen” unter den ausländischen Korrespondenten in Jerusalem. Er hatte schon hier gearbeitet, als diese Stadt noch aus Angst vor den Selbstmordanschlägen wie gelähmt war und man kein Restaurant, keine Geschäft und keine Bank betreten konnte, ohne beim „security-man” am Eingang seine Taschen auszuleeren. Jeder Kunde konnte ein potentieller Attentäter sein mit einer Bombe im Rucksack, einem Sprengstoffgürtel um den Leib ... Diese akute Bedrohung war zwar im Augenblick vorbei, aber die ungelösten Spannungen knisterten noch in der Luft, und niemand wusste, ob sie nicht bald wieder irgendwo eine neue Explosion der Gewalt entzünden würden. Das Leben als Presse-Mann in Jerusalem war jedenfalls jetzt keineswegs weniger spannend als damals. Thomas arbeitete für mehrere Wochen-Magazine. Die atemlose Hast der Tagespresse, deren Reporter von einem Ereignis zum andern hetzten und sich nie die Zeit nehmen konnten, einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen, war nicht sein Ding.

Thomas ging durch das Stefans-Tor in die Altstadt. Er kam vom Ölberg her, wo er beim Garten Getsemane mit seinen uralten Olivenbäumen einen ihm seit langem gut bekannten römisch-katholischen Priester getroffen hatte. Der hatte in einem längeren Gespräch versucht, ihm die Vorgeschichte und Hintergründe des bevorstehenden Ereignisses verständlich zu machen. Jetzt war Thomas unterwegs zur Grabeskirche, der Zentralkirche der Christenheit, mitten in der Altstadt Jerusalems. Die orthodoxen Christen nannten sie allerdings „Auferstehungs­kir­che”, was Thomas besser gefiel. Dort sollte heute etwas stattfinden, was es in zweitausend Jahren Christenheit noch nie gegeben hatte (außer vielleicht ganz am Anfang). Thomas war eigentlich kein Mann für kirchliche Themen, aber dieses Ereignis wollte er sich doch nicht entgehen lassen. Sein eigentliches Spezialgebiet war die Politik und da hatte man in Jerusalem keine Langeweile. Er schrieb aber auch über wirtschafts- und sozialpolitische Entwicklungen, über archäologische Entdeckungen oder kulturelle Veranstaltungen. Freilich hatte in Jerusalem jedes Thema auch irgendwie mit Religion zu tun und oft genug überlagerte eine leidenschaftliche und manchmal auch verbissene Glaubenshaltung alle anderen Themen. Wie konnte das auch anders sein in einer Stadt, die zugleich „Heilige Stadt” dreier Weltreligionen war? Thomas hatte sich aber immer fern gehalten von allzu leichtfertigen Verknüpfungen von Religion und Politik. Oft genug hatte er hinter religiösen Argumenten ganz handfeste politische Interessen entdeckt. Er selbst war durchaus ansprechbar für religiöse Fragestellungen, hielt sich selbst aber nicht für „gläubig” im kirchlichen Sinn.

Thomas hatte bewusst diesen Weg gewählt. Wenn man vom Stefans­tor, oder Löwentor wie es auch genannt wurde, zur Grabeskirche ging, folgte man weitgehend der alten Via Dolorosa, dem Leidensweg eines der sehr, sehr Vielen, die in dieser Stadt gewaltsam zu Tode gebracht worden waren. Thomas war es ziemlich egal, ob das nun tatsächlich der historisch korrekte Kreuzweg Jesu war oder nicht. Ihm war, wenn er durch die alten, engen Gassen ging, als ob die gläubige Inbrunst von Millionen Menschen, die im Laufe der Jahrhunderte diesen Weg betend und singend gegangen waren, sich wie eine dicke Schicht Patina auf die uralten Steine gelegt und in alle Mauerritzen gekrochen wäre. Dass diese Patina - so empfand er es jedenfalls - nun gleichsam wieder ausdünstete und eine dichte Atmosphäre von Innerlichkeit und Glaubenshingabe schuf, das konnten nicht einmal die lauten, verkitschten und oft schreiend bunten Basarläden und ihre aufdringlich geschäftstüchtigen Betreiber verhindern. Thomas hatte noch Zeit und so ließ er sich von dem ununterbrochenen Menschenstrom mit durch die engen Gassen treiben.

Der Anlass für diesen für Thomas ungewohnten Kirchgang war allerdings ein besonderer: Ein gemeinsamer Gottesdienst aller christlichen Kirchen, Konfessionen, Gruppen und Bewegungen, die es in Jerusalem gab. Eigentlich schien das Thomas wie das Selbstverständlichste von der Welt. Warum sollten Angehörige verschiedener christlicher Kirchenorganisationen, die alle an den gleichen Gott glaubten und alle den gleichen Christus verehrten, nicht miteinander Gottesdienst feiern? Aber er wusste natürlich auch, dass die Christenheit fast von Anfang an innerlich zerrissen und äußerlich gespalten war. Und nirgendwo wurde diese Zerrissenheit und Spaltung deutlicher als hier, am Ursprungsort der Christenheit.

Am allerdeutlichsten aber wurde sie in der Grabes- oder Auferstehungskirche. Da gab es seit dem 19. Jahrhundert einen sogenannten „Status quo”, der noch von den moslemischen Herrschern des Osmanischen Reiches eingerichtet worden war, und der den damals wichtigsten christlichen Kirchen Besitzrechte über je einen Teil dieses Gotteshauses zuschrieb. Seitdem wachten die Leiter der verschiedenen Kirchen eifersüchtig darüber, dass dieser Status quo von niemandem verletzt wurde. Und oft genug gab es handfeste Streitigkeiten, wenn eine der beteiligten Kirchen auch nur die geringste Kleinigkeit im Innern der Kirche umgestalten wollte, weil dann alle anderen argwöhnten, dass dadurch ihre Rechte angetastet werden könnten. Das ging so weit, dass der Schlüssel für die wichtigste Kirche der Christenheit schließlich einer moslemischen Familie übergeben wurde, damit die jeden Tag das große Eingangsportal auf- und zusperren und so verhindern sollte, dass einer der Beteiligten heimlich etwas verändern könnte. Das Grab selbst und die Rotunde unter der großen Kuppel galten als gemeinsamer Besitz aller Kirchen.

Bis vor wenigen Monaten war die Grabstelle, zugleich auch der Ort der Auferstehung, von einem großen, hässlichen und von Einsturz bedrohten Grabhaus überbaut gewesen, das 1810 nach einem verheerenden Brand in der Grabeskirche errichtet worden war. Dann aber war eine Entwicklung in Gang gekommen, die Thomas einigermaßen verblüfft hatte.

Es hatte schon immer in Jerusalem und anderswo Menschen gegeben, denen die Aufspaltung der Christenheit in Teilkirchen, die sich reserviert, ja manchmal sogar feindlich gegenüberstanden, als unsinnig und ärgerlich, ja geradezu als Skandal empfanden. Hatte nicht Jesus selbst wenige Stunden vor seinem Tod für die Einheit aller seiner Jünger und Nachfolger gebetet?1 Vor ein paar Jahren hatte sich dann eine kleine Gruppe von Christen aus verschiedenen Konfessionen und einige Juden aus messianischen Gemeinden2 mit einigen gemäßigt orthodoxen Juden zusammengeschlossen, denen das Anliegen der Einheit aller biblisch Gläubigen ein wirkliches Herzensanliegen war. Diese Leute hatten keine rabbinischen Ämter und keine leitenden Positionen in den christlich-kirchlichen Hierarchien, ja die meisten von ihnen waren nicht einmal ausgebildete Theologen, aber ihre Stellungnahmen zu ganz konkreten Verhältnissen und Ereignissen in Israel und weltweit zeugten von einer erstaunlichen Offenheit und Weite und waren zugleich biblisch gut fundiert. Man merkte deutlich, dass hier Menschen am Werk waren, die nichts für sich selbst oder die eigene Gruppe erreichen wollten, sondern die wirklich das Ganze des Gottesvolkes Alten und Neuen Testaments, ja das Wohl aller Menschen im Blick hatten. Außerdem waren ihre Beiträge oft von solcher geistlichen Tiefe und Vollmacht, dass sie nicht nur in Jerusalem, sondern weit darüber hinaus Gehör fanden. Irgendwer hatte dann für sie den Begriff „Apostel der Einheit” geprägt und tatsächlich hatte sich aus dieser Gruppe schließlich ein Kern von zwölf Personen herausgebildet, der die Verantwortung für diese Bewegung übernahm.

2Messianische Juden nennt man Menschen jüdischer Herkunft, die an ihrem Jude-Sein, und weitgehend auch an den jüdischen Festen und Lebensweisen festhalten, aber Jesus als den von Gott gesandten Messias erkennen und annehmen. Sie schließen sich im allgemeinen nicht den vorhandenen christlichen Kirchen an, sondern bilden eigene, kirchenunabhängige messianisch-jüdische Gemeinden.

Von diesen „Aposteln” stammte der Vorschlag, den allen Kirchen gemeinsamen Teil der Grabes/Auferstehungs-Kirche auch für gemeinsame Gottesdienst der Christen zu nutzen. Nach und nach fanden sie für diese Idee die Unterstützung von Gläubigen aus verschiedenen Konfessionen. Schließlich stimmten sogar die Verantwortlichen der meisten Kirchen zu. Allerdings ergab sich dabei noch ein Hindernis: Um solche Gottesdienste durchführen zu können, musste das notdürftig mit einem Eisengerüst gestützte Grabhaus abgerissen werden, das den Raum beherrschte und beengte3 . Das Erstaunliche war, dass die beteiligten Kirchen schließlich auch damit einverstanden waren, wozu allerdings der bedenkliche Zustand der Anlage ein entscheidendes Argument lieferte. Man hatte dann die Reste der alten Grabanlage freigelegt und durch eine geschickte Beleuchtung so gestaltet, dass sie als Ort der Auferstehung sinnfällig wurde. Und heute sollte dort im weiten Raum der Rotunde, und mit der Grabes- und Auferstehungsstelle in der Mitte, ein gemeinsamer Gottesdienst gefeiert werden, zu dem alle jesusgläubigen Gruppen und Bewegungen Jerusalems eingeladen waren: von den ehrwürdigen altorientalischen Kirchen, deren Geschichte bis in die Uranfänge der Christenheit zurückreichte, bis zu den neuen geistlichen Bewegungen innerhalb der Christenheit und zu den messianisch-jüdischen Gemeinden. Eigentlich „nur” ein Gottesdienst, aber er markierte einen nie dagewesenen Aufbruch in der christlichen Welt.

3 Unterdessen sind Renovierungsarbeiten geschehen, die aber nicht zu den hier geschilderten Konsequenzen geführt haben.

Je näher Thomas der Kirche kam, desto mehr mischten sich unter die normalen Touristen und Kunden im Basar festlich gekleidete Gottesdienstbesucher: In schwarze oder weiße Gewänder gehüllte Mönche und Nonnen verschiedener Konfessionen, kirchliche Würdenträger in feierlichem Ornat, viele junge Menschen verschiedener Hautfarbe, zum Teil in singenden und tanzenden Gruppen. Im Hof vor dem Eingang der Kirche trafen die verschiedenen Ströme zusammen. Thomas spürte eine begeisterte Atmosphäre voller Hochstimmung und Heiterkeit, als er den Platz erreichte und sich durch die Menschenmenge zum Eingang drängte. Er selbst, als geladener Pressevertreter, hatte einen reservierten Platz; die meisten anderen würden im weiten Rund unter der Kuppel wohl nur einen Stehplatz bekommen.

Im Innern überraschte Thomas eine feierliche Stille, obwohl der Platz rund um das Grab schon dicht gefüllt war. Die neu Hinzukommenden wichen in die angrenzenden Räume der griechisch-orthodoxen, der römisch-katholischen, der armenischen und äthiopischen Kirchen-Teile aus. Niemand wehrte es ihnen, obwohl diese Räume ja nicht zum gemeinsamen Besitz aller Konfessionen gehörten. Dann zogen in feierlicher Prozession die verantwortlichen Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe der Jerusalemer Kirchen, dazu auch leitende Pastoren freikirchlicher Gruppen und messianischer Gemeinden ein. Sie hatten ihre Plätze in einem innersten Kreis rund um die Grabes- und Auferstehungsstelle. Die „Apostel” waren nicht unter ihnen, sie befanden sich irgendwo in der Menge der Gläubigen. Als dann ein großer Chor das Kyrie anstimmte, als ersten Höhepunkt einer Liturgie, die alle beteiligten Gruppen gemeinsam erarbeitet hatten, sah Thomas bei einem raschen Blick in die Runde, dass viele Tränen in den Augen hatten.

Weiterlesen im folgenden Beitrag: „Mist-Tor

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Bodo Fiebig „Stefans-Tor, Version 2015-9

© 2015, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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1Joh 17, 20-23

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