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Thema: Konkrete Visionen

Beitrag 6: Das ethische Fundament (Bodo Fiebig 2017- 12)

Das ethische Fundament einer „qualitativen Demokratie“ müsste aus drei tragenden Säulen bestehen:

  • Menschenrechte,
  • gemeinsame ethische Grundüberzeugungen und
  • Kriterien für die ethische Bewertung von Vorhaben und Handlungsweisen.

Im Folgendem soll das kurz angedeutet werden.

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1 Menschenrechte

Im Beitrag „Menschenrechte“ zum Thema „Recht und Unrecht“ werden Menschenrechte genannt und begründet und in vier sich gegenseitig ergänzende Kategorien eingeteilt:

- Lebens-Rechte

- Freiheitsrechte

- Selbstbestimmungsrechte

- Gemeinschaftsrechte

Diese Menschenrechte können hier nicht im Einzelnen aufgeführt und dargestellt werden. Im oben genannten Beitrag sind sie aber jederzeit nachzulesen.

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2 Gemeinsame ethische Grundüberzeugungen

(Siehe auch den Beitrag „Ethische Grundlagen einer globalen Gesellschaft“ zum Thema „Globalisierung“)

Um ein friedliches und gerechtes Miteinander von Menschen und Gruppen zu erreichen, genügt es nicht (so notwendig das ist), Gesetze aufzustellen und ihre Anwendung durchzusetzen (oder dies wenigstens so weit wie möglich, zu versuchen). Wenn Gesetze nur als von außen aufgezwungene Verhaltensregeln und Verbote aufgefasst werden, so reizen sie manche Menschen geradezu, diese zu umgehen, vor allem dann, wenn man auf diese Weise für sich selbst Vorteile herausschlagen kann. Dann kann es zu einem fast schon sportlichen „Wettkampf“ kommen zwischen Ordnungskräften (der Polizei) und den Bür­gern, die kaum noch ein Unrechtsbewusstsein haben, wenn sie Gesetze übertreten, ja, die insgeheim ein wenig stolz darauf sind, es wieder mal so geschickt angestellt zu haben, dass man nicht „erwischt“ worden ist. Gesetze allein verhindern nicht, dass Gesetzlosigkeiten geschehen und Menschenrechte allein verhindern nicht, dass Menschen Unrecht zugefügt wird. Zu einem von außen vorgegebenen Katalog von Menschenrechten muss noch eine eigene innere Einstellung kommen, eine ethische Grundüberzeugung, welche die meisten Menschen für sich selbst als verpflichtend erachten und die sie selbst trotz aller eigenen menschlichen Begrenzungen und Schwächen zu verwirklichen trachten. Um in einer globalen Gesellschaft im Frieden zu leben, braucht die Menschheit nicht nur von allen anerkannte Menschenrechte, sondern auch eine allen gemeinsame und selbstüberzeugte „Ethik der Mitmenschlichkeit“. Eine solche ethische Grundeinstellung könnte man freilich nicht verordnen, aber man könnte sie vorleben, auf allen Ebenen initiieren und bestärken und da, wo es um ihre Auswirkungen in konkreten Verhaltensweisen geht, auch einfordern.

Aber, kann es das wirklich geben: Gemeinsame ethische Grundüberzeugungen, welche Angehörigen aller Religionen ebenso wie die Vertreter religionsloser Weltanschauungen aus allen Völkern und Kulturen bejahen und und in ihrem Miteinander aktiv anwenden könnten? Ich meine: ja. Im Folgenden soll das in einigen ganz einfachen Grund-Sätzen dargestellt werden. (Siehe auch das Thema „Weltreligionen und biblischer Glaube“)

Das Größte ist die Liebe, diesen Satz aus dem sogenannten „Hohelied der Liebe“ der Bibel (1. Kor 13) können wohl (fast) alle Menschen unterschreiben. Die Liebe ist etwas, das alle Menschen bewegt und verbindet. Das gilt für die Liebe zwischen den Geschlechtern ebenso, wie für jede Aufgeschlossenheit und positive Zuwendung zwischen Einzelnen und Gemeinschaften, zwischen Völkern, Rassen, Kulturen, Religionen ... Liebe ist die Fähigkeit und Bereitschaft, von sich und den eigenen Erfahrungen, Einsichten, Wünschen, Bedürfnissen ... zeitweise wegzuschauen und sich erwartungsvoll und vertrauensvoll auf ein Gegenüber einzulassen, das anders ist als man selbst. Dass Liebe und Zuneigung richtiger sind als Egoismus und Ablehnung, dieser Grundsatz gilt in allen Weltanschauungen, Religionen und Kulturen. Zum Grundpfeiler einer globalen „Ethik der Mitmenschlichkeit“ könnte diese Einsicht aber nur dann werden, wenn es eine grundsätzliche Übereinstimmung gäbe in der Frage, was denn mit „Liebe“ gemeint sein sollte. Der Begriff „Liebe“ ist ja einer der meistgebrauchten und meistmissbrauchten Begriffe in allen Sprachen der Menschheit (siehe dazu auch das Thema „AHaBaH – das Höchste ist lieben“). Um als Grundlage für eine elementare Menschheits-Ethik zu dienen, müsste dieser Begriff drei entscheidende Elemente umfassen: Offenheit, Güte und Treue.

a) Offenheit:

Voraussetzung für „Liebe“ im weitesten Sinne ist Aufgeschlossenheit für Andere und für das Anders-Sein. Ohne solche grundsätzliche Aufgeschlossenheit für das von mir (von uns) Verschiedene ist menschliches Miteinander nicht möglich, denn alle Menschen sind verschieden. Offenheit ist das Gegenteil von individueller und kollektiver Selbstverliebtheit, Selbstbezogenheit und Selbstüberhöhung, das Gegenteil von unveränderlichen Vor-Eingenommenheiten, Vor-Festlegungen, Vor-Urteilen, das Gegenteil von Abneigung, Ablehnung und Abwertung gegenüber „den anderen“. Die Einsicht und Überzeugung, dass Offenheit und Zuwendung grundsätzlich besser ist als Verschlossenheit und Ablehnung gegenüber allem Andersartigen und Fremden, ist in jeder Weltanschauung und Religion möglich (freilich nicht überall selbstverständlich, einfach und unwidersprochen, aber doch möglich).

Diese grundsätzliche Übereinstimmung bedeutet aber nicht, dass solche Offenheit in realen Situationen auch immer praktiziert wird. Die Einsicht, dass alle Menschen verschieden sind und ihre je eigene Persönlichkeit, Lebensgeschichte und Identität haben und zugleich die feste Überzeugung, dass alle Menschen bei aller Verschiedenheit doch gleichwertig sind und gleichwertige Lebens-Erwartungen haben und gleichermaßen ein Recht auf Lebensqualität und Lebenserfüllung, diese Einsicht und Überzeugung sind leider nicht bei allen Menschen in allen Weltanschauungen, Religionen und Kulturen gleichermaßen entwickelt. Dass jede Form von Herabwürdigung, Feindschaft und Hass gegen Andere und Andersartige falsch ist (und das meint auch die jeweils eigenen, tief verwurzelten Haltungen), das müssen die meisten Menschen erst noch mühsam lernen. Diese ethische Grundüberzeugung ist aber die Voraussetzung für positive Beziehungen zwischen Einzelnen und Gemeinschaften und muss, um der Lebensfähigkeit der globalen Gesellschaft willen, weiterentwickelt werden.

Eine globale Ethik der Mitmenschlichkeit braucht die Bereitschaft und Offenheit, persönliche, ethnische, kulturelle und religiös-weltanschauliche Verschiedenheit zuzulassen und ihr Raum zu geben.

b) Güte:

Offenheit (siehe oben) öffnet einen Raum, in dem so etwas wie „Liebe“ möglich werden kann. Offene Räume können aber ganz verschieden gefüllt werden; mit Gutem oder mit Bösem. Und hier haben wir das gleiche Problem wie bei dem Begriff “Liebe“: Verschiedenen Menschen können ganz verschiedene Einstellungen, Entscheidungen und Handlungsweisen „gut“ oder „böse“ nennen. Gemeinsame ethische Grundpolitionen sind nur dann möglich, wenn viele, ja möglichst alle Menschen die gleichen (oder zumindest vergleichbare) Einstellungen, Handlungsweisen und Entscheidungen als „gut“ oder „böse“ bezeichnen und versuchen das Gute zu tun und das Böse zu meiden (siehe auch das Thema „gut und böse“). Es braucht also Grundaussagen über „gut“ und „böse“, die von möglichst vielen Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensumständen, Kulturen, Religionen und Weltanschauungen angenommen und bejaht werden können. Im Folgen versuche ich, eine solche Grundaussage zu formulieren:

Mit „böse” können wir jede Einstellung, jedes Vorhaben und jede Tat bezeichnen, die bewusst, absichtlich und aus vorwiegend eigensüchtigen Motiven anderen Menschen Schaden und Leid zufügen wollen.

Mit „gut” können wir jede Einstellung, jedes Vorhaben und jede Tat bezeichnen, die bewusst, absichtlich und aus vorwiegend uneigennützigen Motiven andern Menschen wohltun oder helfen, ihn schützen oder fördern wollen.

(Dass es zwischen diesen beiden Extremen ein weites Feld von Einstellungen, Vorhaben und Taten gibt, die „neutral“, d. h. weder gut noch böse sind, bleibt davon unberührt.)

Wer wollte leugnen, dass es das so bezeichnete „Böse” gibt und dass es ungeheure Auswirkungen hat im Miteinander von Menschen, vom Zusammenleben einer Familie bis zum Zusammenleben von Völkern, dass es Ursache ist von Hass und Gewalt, Streit und Krieg, von millionenfachem Hunger, Leid und Not? Und wer, außer einem böswilligen Zyniker, wollte leugnen, dass es auch das im oben genannten Sinn gemeinte „Gute” gibt und dass ohne dieses ein friedliches Zusammenleben von Menschen gar nicht möglich wäre? Ohne Unterscheidung von gut und böse im Bezug auf menschliches Verhalten , auf Worte und Taten ebenso, wie auf Absichten und Einstellungen, ist eine lebenswerte Gemeinschaft unter Menschen nicht möglich.

Dass das Gute richtiger ist als das Böse, das ist Konsens in allen Weltanschauungen, Religionen und Kulturen. Freilich gehört dann auch dazu, dass der Wille, das Gute zu tun und zu fördern nicht nur auf die eigenen Angehörigen, Freunde, Gleichgesinnte, auf die Mitgleider der eigenen Volks- oder Glaubens-Gemeinschaften usw. beschränkt bleibt, sondern dass er die Beziehungen zu allen Menschen bestimmen soll. Oder biblisch gesprochen: „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“ (Röm 13, 10) oder (3. Mose 19,18/ Mt 22,39): „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ („lieben“ ist in der Bibel nicht in erster Linie als Gefühlswallung zu verstehen, sondern als ein Verhalten und Tun, das einen anderen freuen, ihm wohltun, ihm helfen und ihn fördern kann).

Der Egoismus steckt tief in unseren Trieben und Gewohnheiten. Gutes aber geschieht nicht von allein, man muss es bewusst wollen und tun. Ob man dann immer alles erreicht, was man Gutes beabsichtigt, ist eine andere Frage, aber entscheidend ist der ehrliche Wille.

c) Treue

(oder Verlässlichkeit). Verlässlichkeit ist in allen Beziehungen unbedingt notwendig. Wenn ich auf der Straße gehe und mich nicht darauf verlassen kann, dass der Autofahrer, der auf mich zukommt, die Verkehrsregeln kennt und sich entsprechend verhält, oder dass ein Lkw-Fahrer, der auf eine Menschenmenge zufährt, wirklich hier nur Waren abliefern will und nicht die Absicht hat, in die Menge zu fahren und möglichst viele Menschen zu töten, dann kann ich nicht mehr ohne Furcht auf die Straße gehen. Ähnliches gilt z. B. im Geschäftsleben. Wenn ich nicht sicher sein kann, ob meine Kunden ihre Rechnungen auch bezahlen, wie soll ich dann mein Geschäft betreiben? Oder wie sollen Staaten und Firmen international handeln, wenn geltende Verträge nicht eingehalten werden? Oder: Wenn ich davon ausgehen müsste, dass jede Information, die ich (woher auch immer) bekomme, auch eine Lüge sein kann, dann wären meine Handlungsspielräume von größter Unsicherheit erfüllt. Ohne eine grundlegende Verlässlichkeit sind Beziehungen zwischen Menschen nicht möglich. Noch viel existenzieller und unbedingt notwendig sind solche Treue und Verlässlichkeit in direkten persönlichen Beziehungen, in einer Ehe, Familie oder Partnerschaft.

Dass Treue (Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit) richtiger ist als Lüge, Untreue und Unzuverlässigkeit, das gilt in allen Weltanschauungen, Religionen und Kulturen. Es muss nur noch die Einsicht und Entschiedenheit gefestigt werden, das solche Treue gegenüber allen Menschen (nicht nur gegenüber den Angehörigen der eigenen Familie, der eigenen Gruppe oder sozialen Klasse, des eigenen Volkes ...) richtig und notwendig ist.

So haben wir in dem Begriff der Liebe mit den Aspekten der Offenheit, der Güte und der Treue das Fundament und die tragende Säule einer möglichen globalen Ethik, die von allen Menschen aus allen Weltanschauungen, Religionen und Kulturen bejaht, anerkannt und umgesetzt werden kann.

Freilich ist damit die Frage nach gemeinsamen ethischen Grundüberzeugungen für eine globale Gesellschaft nur angerissen und sie bedarf einer weiten und detaillierten Entfaltung. Hier geht es nur darum, aufzuzeigen, dass eine solche gemeinsame kultur-, religions- und weltanschauungsübergreifende Menschheitsethik tatsächlich möglich wäre.

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3) Kriterien für die ethische Bewertung von Vorhaben

In der konkreten Anwendung, vor allem, wenn es darum geht, Vorschläge, Vorhaben und Projekte dahingehend zu bewerten, ob sie von der Allgemeinheit unterstützt und gefördert werden sollen (siehe Beitrag 6 „Die Qualitative Demokratie“), müssen diese ethischen Grundüberzeugungen „übersetzt“ werden in handhabbare und nachprüfbare Kriterien, anhand derer man auch auch eindeutige Entscheidungen fällen kann. Dabei wäre es absolut selbstmörderisch für die Demokratie, wenn man beliebig und unterschiedslos allen Strömungen und Bestrebungen (egal ob friedlich oder hasserfüllt, aufbauend oder zerstörerisch, hilfreich oder schädigend ...) gleichermaßen freie Bahn machen würde. Die Demokratie schafft sich selbst ab, wenn sie keine Maßstäbe setzt, welches Verhalten akzeptabel ist und welches nicht.

Das erste und wichtigste Kriterium ist, dass Vorhaben nicht gegen die festgeschriebenen Menschenrechte verstoßen dürfen (siehe oben, Abschnitt 1 „Menschenrechte“). Das genügt aber nicht. Es braucht auch die Möglichkeit zur Entscheidung für bestimmte Projekte und gegen andere anhand von qualitativen Kriterien, die nicht nur sagen, was ist erlaubt und was ist verboten, sondern auch, welche Vorhaben und Vorgehensweisen einem demokratischen Gemeinwesen entsprechen (und deshalb gefördert werden sollen) und welche nicht. Ich versuche hier einige solche „qualitativen Kriterien“ zu nennen, die den oben genannten "ethischen Grundüberzeugungen" entsprechen und ihnen in konkreten Bezügen zur Geltung verhelfen könnten. Bürgerinitiativen sind dann zu fördern, wenn sie folgenden inhaltlichen Grundanforderungen entsprechen:

  • hilfreich: Das Vorhaben bewirkt eine Verbesserung der Situation für alle, die irgendwie davon betroffen sein können (nicht: Was dem einen nützt, schadet dem anderen).

  • gerecht: Das Vorhaben hat vergleichbar positive Auswirkungen für alle, die davon betroffen sein können (nicht: Die einen haben viel davon, andere wenig oder gar nichts).

  • lebenserhaltend: Das Vorhaben bewirkt, dass menschliches Leben von der Zeugung bis zum Tode, aber auch die Biosphäre der Erde und die Artenvielfalt des Lebens geschützt und gestärkt werden.

  • friedensfördernd: Das Vorhaben bewirkt, dass das Zusammenleben aller betroffenen Menschen im allgemeinen und persönlichen Bereich konfliktfreier, vertrauensvoller und in gegenseitiger Annahme und Wertschätzung verlaufen kann.

  • gemeinschaftsbildend: Das Vorhaben bewirkt, dass der Zusammenhalt unter den betroffenen Menschen, ihr Miteinander und Füreinander gefördert und gestärkt werden.

  • persönlichkeitsstärkend: Das Vorhaben bewirkt, dass die Individualität, Selbstwert-erfahrung und Eigeninitiative möglichst aller betroffenen Menschen gefördert und gestärkt werden können.

Priorität für die Annahme und Förderung durch die Allgemeinheit haben Vorschläge, die allen diesen Kriterien entsprechen. Projekte, die zwar einige Aspekte stark betonen, anderen aber widersprechen, müssten erst noch weiterentwickelt werden, ehe sie zur Verwirklichung kommen.

Zusammenfassend können wir sagen: Weltweit anerkannte und angewandte Menschenrechte, gemeinsame ethische Grundüberzeugungen und Kriterien für die ethische Bewertung von Vorhaben könnten zusammen das ethische Fundament einer „Qualitativen Demokratie“ bilden.

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Bodo Fiebig Die ethische Grundlage Version 2018 - 3

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