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Thema: konkrete Visionen

Beitrag 2: Hierarchie oder Kooperation? (Bodo Fiebig 2017- 12)

Jede geschichtliche Epoche hat ihr eigenes Gesellschaftsmodell und ein dazu passendes gesellschaftliches Organisationskonzept. Das Gesellschaftsmodell der vergangenen Jahrhunderte (ja, in vielen Weltgegenden der Jahrtausende) war die Pyramide. Ganz oben auf der höchsten Spitze stand der „Monarch“ (Alleinherrscher), der König, Pharao, Kaiser, Zar …, der in manchen Kulturen als direkter Repräsentant der Götter angesehen und verehrt wurde. Darunter kam eine kleine, herausgehobene Ober-Schicht, eine Elite aus Fürsten, Heerführern, hohen Beamten, Adeligen, Priestern …, darunter eine breitere Mittel-Schicht von Angehörigen des niedrigeren Adels, dazu mittlere Beamte, Offiziere, Priester, Kaufleute, Künstler …, darunter als Unter-Schicht die Menge der einfachen Bauern, Handwerker, Kleingewerbetreibenden …, und zuunterst als Grund-Schicht die große Masse der Sklaven, die den Hauptteil der staatstragenden Arbeit leistete und als Gegenleistung von ihren Herren Kost und Unterkunft zugeteilt bekam.

Dieses Pyramiden-Schichtmodell ist jetzt, im 21. Jahrhundert, noch längst nicht überwunden. Ein großer Teil der Weltbevölkerung lebt noch immer (oder wieder) in einem solchen Schichtenmodell der Gesellschaft: Riesenreiche, in denen Machthaber auf Lebenszeit regieren, größere und kleinere Länder, in denen Diktatoren alle Macht auf sich konzentrieren, zerfallende Staaten, in deren Regionen selbsternannte Warlords und Milizenführer kleine absolute Herrschaftsgebiete mit je eigener Schreckensherrschaft beherrschen, Weltkonzerne und deren leitende Personen und Gremien, welche die Bedingungen des welt-wirtschaftlichen Handelns festlegen und kontrollieren, sich selbst aber jeder Kontrolle von außen entziehen … So finden wir in der Realität unserer Gegenwart eine ganze Anzahl größerer und kleinerer Gesellschaftspyramiden nebeneinander, verteilt über den ganzen Globus.

Das Organisationskonzept für eine solche Pyramiden-Gesellschaft ist einleuchtend: Eine Kette von Befehl und Gehorsam von oben nach unten und eine Kette der Verteilung der erarbeiteten Werte von unten nach oben.

Aber, haben wir denn heute, im 21. Jahrhundert, ein brauchbares Gegenmodell zur Pyramide? Scheinbar nicht, jedenfalls nicht auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Sicher, die „Regenten“ in den demokratisch geführten Ländern werden alle paar Jahre vom Volk gewählt, aber sonst geschieht anscheinend alles (in der Politik, der Verwaltung, der Wirtschaft …) wie gewohnt: Anordnung von oben nach unten, Verteilung von unten nach oben. Und die meisten der etwa 200 Staaten dieser Erde sind doch nur Schein-Demokratien, hinter deren schein-demokratischen Institutionen sich die blanke Macht der Machthaber verbirgt. Auch die Weltkonzerne der Internet-Riesen wollen eine offene Vernetzung der Gesellschaften nur vortäuschen, in Wirklichkeit sind sie im Innern scharf hierarchisch aufgebaut, und nach außen auf Machtzuwachs durch Anhäufung von immer mehr Geld und Daten ausgerichtet.

Dabei hat sich das neue, künftige Gesellschaftsmodell schon längst herausgebildet und etabliert, es wird nur in vielen Bereichen als solches nicht erkannt, akzeptiert und angewendet. Das Gesellschaftsmodell des 21. Jahrhunderts ist das globale Netz. Und sein Organisationskonzept heißt Beziehung und Kooperation statt Hierarchie und Gehorsam.

Das Bild vom globalen Netz ist in unserer Gegenwart fast überall präsent. Wenn wir uns Darstellungen von globalen Beziehungen in Erinnerung rufen, haben wir fast überall die gleiche Grafik vor Augen: Ob wir weltweite Verkehrswege und Warenströme darstellen oder internationale politische Beziehungen oder weltweite Touristenströme oder internationale Sportveranstaltungen und deren Teilnehmer … immer ergibt sich ganz automatisch und selbstverständlich das Bild vom globalen Netz.

Dieses Bild vom globalen Netz hat ein ganz ursprüngliches Vor-Bild: Die umfassendste Verwirklichung von einem interaktiven Netzwerk ist unser Gehirn. Ca. 86 Milliarden Nervenzellen sind über ca. 100 Billionen Synapsen untereinander so verbunden und vernetzt, dass ihre internen Interaktionen in Wechselwirkung mit den Wahrnehmungen aus der Außenwelt einen ganzen Kosmos an Denkleistungen, Gefühlsregungen und Kreativität zustande bringen. Unser Gehirn kennt keine pyramidenhafte Zuspitzung von Zuständigkeit und Macht, und es gibt erst recht keine Königs- oder CEO- Nervenzelle, die allen anderen die Art und die Richtung ihres Denkens vorschreibt. Das Internet ist die Übertragung dieses Netzwerk-Systems, das unser Gehirn darstellt, auf die globale, alle Völker und Kontinente der Erde umfassende Ebene. So wird es zum Vor-Bild (manchmal freilich auch zum Zerrbild) des Gesellschaftsmodells im 21. Jahrhundert: Jeder kann gleichberechtigt Anteil haben am weltweiten Zusammenspiel und Austausch ohne dabei an nationale Grenzen zu stoßen und kann seine eigenen Ideen, Einsichten und Anliegen in die globalen Entwicklungs- und Entscheidungs-Prozesse mit einbringen (freilich sehen wir unterdessen auch die Gefahren deutlicher, die der Missbrauch der neuen Möglichkeiten mit sich bringen kann).

Eine geeignete politische Struktur für eine Weltgesellschaft in Form eines globalen Netzwerkes wäre eine Vielfalt von sozialen Einheiten, von denen jede Einzelne mit allen in vielfältiger Weise verbunden ist; und das ist nur möglich auf der Basis einer gemeinsamen freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die offene Bahnen für solche Verknüpfungen zulässt und zur Verfügung stellt.

In der geschichtlich gesehen sehr kurzen Dauer ihrer praktischen Erprobung hat sich die Demokratie trotz aller Schwächen, die ihr anhaften, als die menschlichste und erfolgreichste Form gesellschaftlicher Ordnung erwiesen (wir werden noch darauf zurückkommen). Sie ist auch die einzige, gegenwärtig verfügbare Gesellschaftsform, die dem Gesellschaftsmodell des „globalen Netzes“ entspricht (oder ihm zumindest Raum gibt).

Trotzdem: Gibt es nicht Gemeinschaftsaufgaben der Gesellschaft, die so umfassend und so bedeutend sind, dass sie große und stabile Rahmenbedingungen in Form von hierarchisch gegliederten Zuständigkeiten und eindeutigen Befehlsstrukturen brauchen? Die meisten von uns werden geneigt sein, diese Frage aus den Erfahrungen der Vergangenheit heraus mit „ja“ zu beantworten. Wir haben, historisch gesehen, einfach zu wenig Erfahrungen mit herrschaftsfreien Gemeinschaftsformen angesichts großer Herausforderungen. Deshalb greifen wir auch in einer immer stärker globalisierten Welt, oft ohne das zu bedenken, auf Muster zurück, die uns vertraut sind, auch wenn sie sich für die anstehenden Aufgaben oft als wenig geeignet erweisen: National begründete Einzelstaaten mit hierarchisch geordneten Befehlsstrukturen. Und das, obwohl die Realitäten unserer Gegenwart uns schon ganz andere Möglichkeiten und Tendenzen aufzeigen.

Schon heute funktionieren große Infrastrukturprojekte über Ländergrenzen hinweg (z. B. das europäische Straßen- und Eisenbahnnetz) als Kooperation selbständiger Institutionen und Unternehmen und die nationalen Zuständigkeiten erweisen sich dabei eher als Hindernisse. Noch deutlicher wird das, wenn wir die Verhältnisse und Entwicklungen in der freien Wirtschaft wahrnehmen: Nicht nur die großen internationalen Konzerne, sondern auch mittelständische private Unternehmen sind weltweit vernetzt und agieren als Teil eines global organisierten Wirtschaftssystems. Wobei wir wahrnehmen, dass kleine und mittlere Unternehmen eher bereit sind, sich gleichbereichtigt an solchen Netzwerken zu beteiligen, während die großen Konzerne eher auf das Erringen von Monopol-Stellungen ausgerichtet sind.

Eigentlich ist die Grundsatzentscheidung schon gefallen: Kooperation statt Hierarchie. Zusammenarbeit selbständiger und gleichrangiger Einheiten statt Befehl und Gehorsam in einer zugespitzten Macht- und Zuständigkeitspyramide.

Ich will das an einem Beispiel aus der Wirtschaft verdeutlichen: Ein Auto wird heutzutage nicht mehr von einer einzigen Firma gebaut, sondern eine Firma (z. B. VW, BMW usw.) organisiert ein Netzwerk von selbständigen Zulieferern, die „just in time” alle nötigen Teile liefern, aus denen ein Auto zusammengesetzt werden kann (auch viele der heute noch zentralisierten Fertigungsabschnitte, ließen sich so noch weiter dezentralisieren). Und es stellt sich heraus: Eine solche Kooperation eigenständiger Unternehmen zur Entwicklung und Produktion eines sehr komplexen Produktes (z. B. eines Autos) ist flexibler und leistungsfähiger als ein riesiges, nach außen abgeschlossenes und nach innen hierarchisch durchstrukturiertes Einzelunternehmen. Das mag manchen überraschen, aber es ist so: Selbst so ein kleines und handlichen Ding, wie ein Smartphone wird nicht von einem Einzel-Unternehmen hergestellt, sondern von weltweit kooperierenden Netzwerken: Das Betriebssystem stammt von einer anderen Firma als der Prozessor, die Batterie oder das Kamerasystem usw.

Zwei verschiedene Modelle stehen derzeit zur Verfügung, wie das Miteinander der Menschen im engeren und weiteren oder gar im globalen Rahmen organisiert werden kann: Kooperation in einem global vernetztem Beziehungssystem oder Hierarchie in der je eigenen Gesellschaftspyramide. Im Vergleich trägt das Kooperations-Modell einen zweifachen Sieg davon: Es ist erstens leistungsfähiger (leistungsfähiger vor allem dann, wenn es darum geht, allen Beteiligten eine gerechte Teilhabe an den Gütern und Errungenschaften der Gemeinschaft zu sichern) und es ist zweitens humaner, also dem Wesen des Menschseins angemessener und gerechter (denn in den hierarchischen Systemen haben ja nur die zahlenmäßig äußerst kleinen herrschenden Schichten Zugang zu den wichtigsten Ressourcen und Entscheidungsabläufen).

Die Frage ist, ob sich diese positive Erfahrung aus der Wirtschaft auch auf politische Einheiten und Strukturen übertragen ließe. Wäre es möglich, die Weltgemeinschaft als Kooperation eigenständiger regionaler Verwaltungseinheiten zu organisieren, die nicht durch nationale Machtstrukturen, sondern durch die einigende Kraft einer globalen Ethik zusammengehalten wird? (Auf Letzteres werden wir noch in einem eigenen Beitrag zurückkommen, siehe Beitrag 7 „Das ethische Fundament“).

Für die Demokratie im 21. Jahrhundert angemessen wäre ein dynamisches Zusammenspiel von Zusammengehörigkeit und Zusammenarbeit selbständiger, aber vernetzter Verwaltungseinheiten, die räumlich entsprechend den gewachsenen Sprach- und Kulturgemeinschaften angeordnet sind und die auf der Basis von gemeinsamen und global gültigen ethischen Grundpositionen entscheiden und handeln. Dieser Aspekt wird im Beitrag 4 „Struktur ohne Grenzen“ ausführlicher dargestellt.

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Weiterlesen im folgenden Beitrag 3: Struktur ohne Grenzen

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Bodo Fiebig Hierarchie oder Kooperation? Version 2018 - 3

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