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Thema: Konkrete Visionen

Beitrag 1: Nationalstaaten für eine globale Gesellschaft? (Bodo Fiebig 2018- 3)

Braucht eine globale Gesellschaft noch eine einzelstaatliche Verfasstheit? Sind nicht die Grenzen von Ländern längst zu Hindernissen geworden für den freien Verkehr von Menschen und Gütern, von Informationen und Ideen? Brauchen wir noch die überkommene Einteilung der Erde in getrennte Nationalstaaten? Solche Fragen sind nicht einfach zu beantworten, weil da sehr komplexe und differenzierte Realitäten mit großem historischen Gewicht dahinter stehen. Trotzdem will ich hier einige Aspekte dieser Fragestellung ansprechen.

Die heute üblichen Nationalstaaten sind eine relativ junge Erscheinung der Neuzeit. Jahrtausendelang hat die Menschheit ohne sie existiert. Die Formel „Ein Volk mit gemeinsamer Geschichte, eigener und einheitlicher Sprache und Kultur in seinem eigenen Land mit eigener Regierung und eigenem Recht” hatte kaum jemals in der Realität der Länder und Völker seine Gültigkeit. Es gab kaum jemals irgendwo auf dieser Erde ein abgegrenztes Land, in dem "schon immer" ein einheitliches Volk mit gemeinsamer Herkunft, Sprache und Kultur lebte (in Europa jedenfalls nicht mehr seit der Völkerwanderung im 3. bis 6. Jahrhundert). Fast alle Völker sind Mischvölker mit Mehrheiten und Minderheiten, und fast alle sind von irgendwo her in das Land eingewandert, in dem sie jetzt leben (oder haben es gewaltsam erobert). Man muss sich dessen bewusst sein: Fast alle heute existierenden Ländergrenzen sind (soweit sie nicht durch die Weltmeere oder unübersteigbare Gebirge gezogen wurden) durch frühere Gewaltakte (Kriege und Diktate) entstanden.

Schon früheste Menschen-Gemeinschaften, Familienclans, Gruppen und Horden von einigen Dutzend oder Hundert Mitgliedern welche die Steppen und Wälder nach essbaren Pflanzen und jagbaren Tieren durchstreiften, waren keine einheitlichen „Völker”. Auch da gab es schon Binnenstrukturen mit bestimmenden Mehrheiten, geduldeten Randgruppen und unterdrückten Minderheiten, meist versklavte „Kriegsbeute”.

Die Hochkulturen und Großreiche der Frühgeschichte am Nil, am Euphrat und Tigris oder am Indus waren keine „National­staaten” im heutigen Sinn. Meist bestanden sie aus einem Völkergemisch unter der Herrschaft einer Familiendynastie, die aus der jeweils stärksten und kulturell bestimmenden Volksgruppe kam. Noch deutlicher war die differenzierte Herkunft des „Volkes” in den Reichen der klassischen Antike (z. B. im Reich Alexanders des Großen oder im Römischen Reich, die zum allergrößten Teil aus ursprünglich fremden Ländern und Völkern bestanden) oder bei den König- und Kaiserreichen des europäischen Mittelalters: Die bestanden oft aus Dutzenden von eroberten (seltener auch freiwillig angeschlossenen oder angeheirateten) Gebieten und Volksgruppen, die von der Zentralmacht einer Herrschergestalt und deren Dynastie oder der Kraft eines Herrschafts­systems zusammengehalten wurden (z. B. die Dynastie der Habsburger unter Karl V. im ausgehenden Mittelalter, die, neben der Kaiserwürde im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ unter anderen so verschiedene Länder und Völker umfasste wie Österreich, die Niederlande, Spanien, Teile Südamerikas und die Philippinen im Pazifik; die vollständige Liste seiner Herrschertitel und Ländereien ist seitenlang) .

Eine „ethnische Säuberung” eines Landes (wie man es im Zwanzigsten Jahrhundert hier und da anstrebte und manchmal auch mit Gewalt durchzuführen versuchte) wäre zu keiner Zeit der Geschichte tatsächlich irgendwo möglich und „erfolgversprechend” gewesen; man hätte jeweils einen großen Teil dessen, was man für das eigene Volk hielt, mit „wegsäubern” müssen. Die (theoretisch postulierte) Grundlage der Nationalstaaten (das eine und einheitliche Volk, das sich seinen eigenen Staat schafft) war und ist fast nirgendwo existent.

Es ging ja in Wirklichkeit den Herrschenden (gerade auch in den nationalistisch geführten Staaten) nie um ihr „Volk“. Die Nationalisten des sogenannten “Dritten Reiches“ in Deutschland z. B. schickten bewusst und ohne zu zögern Millionen Männer ihres eigenen Volkes in einen völkermordenden Krieg, nicht um damit ihr Volk zu stärken (sie nahmen es ja bewusst in Kauf, dass ihr Volk durch den von ihnen selbst herbeigeführten Krieg millionenfach geschwächt wurde), sondern, um ihren eigenen Machtanspruch zu bestätigen und in Gebiete auszuweiten, in denen andere Völker lebten. Und als dann Millionen deutsche Männer, Frauen und Kinder umgekommen waren und die Städte in Trümmern lagen, kommentierte Hitler nur wegwerfend: „Das deutsche Volk war meiner nicht wert.“

Die Idee vom Nationalstaat wurde in der Geschichte der Menschheit immer dann lebendig, wenn innerhalb eines Herrschaftsbereichs Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Volksgruppen benachteiligt, ausgegrenzt und unterdrückt wurden. Dann wurde der Wunsch übermächtig, ein eigenes Gemeinwesen einzurichten und weiterzuentwickeln, in dem die bisher Unterdrückten gleichberechtigte Teilhaber (wenn nicht gar die nunmehr vorherrschende Klasse) sein konnten. Der Nachteil dieser Idee ist, dass sie auf der Selbstbehauptung und Konkurrenz der Völker beruht. Der stärkste Nationalstaat hat die Macht, die schwächeren zu unterwerfen und tributpflichtig zu machen. Das Zeitalter der Nationalstaaten wurde zwangsläufig zum Zeitalter der Völker-Kriege.

Was aber könnte an die Stelle der Nationalstaaten treten, um der globalen Gesellschaft innere Struktur und äußeren Zusammenhalt zu geben? Gegenwärtig gibt es zwei total gegensätzliche Antworten auf diese Frage: Entweder fortschreitende Zertückelung der sozialen Einheiten oder Aufbau von globalen Superstrukturen. Beide "Lösungen" sind in Wirklichkeit sehr fragwürdige Konzepte:

Die Zerstückelung der Lebensräume ist (besonders in Europa) schon im Gang. Die Selbständigkeits-Bestrebungen der Basken oder Katalanen in Spanien, der Schotten in Großbrittanien, die ethnische und politische Zersplitterung des Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens, die Loslösungs-Tendenzen in Norditalien usw. In vielen Regionen Europas und der Welt regen sich Kräfte, die mehr Selbständigkeit für ihre regional begrenzten geografischen, ethnischen und kulturellen Besonderheiten fordern. Leider sind diese Bestrebungen so angelegt, dass sie nicht zur Überwindung nationaler Egoismen führen, sondern dass das "Nationale" nur auf immer kleinere "Wir-Identitäten" bezogen wird. Immer mehr und immer kleinere eigenständige Nationalstaaten sind aber keine gute Antwort auf globale Herausforderungen.

Die Gegenbewegung favorisiert die Bildung übernationaler, weltweit agierender Zusammenschlüsse (politische Staatenbündnisse oder wirrtschaftliche Weltkonzerne, eventuell auch eine religiös begründete "Weltvereinigung"), welche die gegenwärtigen Tendenzen zur Gloablisierung politischer und wirtschaftlicher Belange vorantreiben, manchmal auch vorwegnehmen. So entstehen globale Superstrukturen, die sich mit eindrucksvollen Kürzeln schmücken: UN, EU, WTO, NATO, Google, Facebook ... Von den meisten "normalen" Menschen, die nicht direkt in diesen Einrichtungen arbeiten, werden sie allerding eher als globale anonyme und gesichtslose Macht-Monster empfunden, die immer mehr Zuständigkeiten an sich reißen und unter deren Diktat die Identität der Einzelnen wie der Gemeinschaften verflacht und sich allmählich auflöst. Ein möglicher Ausweg aus dem "Nationalitätenproblem" soll in den Beiträgen "Hierarchie oder Kooperation" und "Struktur ohne Grenzen" angesprochen werden.

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Weiterlesen im folgenden Beitrag 2: Hierarchie oder Kooperation?

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Bodo Fiebig Nationalstaaten für eine globale Gesellschaft? Version 2018 - 3

© 2018, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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