Anmeldestatus

Du bist nicht angemeldet.

www.chajimweschalom.de

Bereich: mitmachen

Thema: Konkrete Visionen

Beitrag 3: Struktur ohne Grenzen (Bodo Fiebig 2017- 12)

Es geht um die Balance zwischen Regionalität und Globalität, zwischen Freiheit der Einzelnen (und der einzelnen Gemeinschaften) einerseits und der Zusammengehörigkeit aller andererseits. Unsere Zukunft braucht beides. Kommt diese Balance aus dem Gleichgewicht, droht entweder eine globale Diktatur oder weltweites Chaos. Und wir merken, dass unsere staatlichen Institutionen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stoßen. „Aber, es muss doch irgendwelche erkennbaren Strukturen und Zuständigkeiten geben für die notwendigen Einrichtungen und Verwaltungsabläufe in der Gesellschaft“, sagt man „und es muss öffentliche Institutionen geben, um entsprechende Regelungen zu erarbeiten und umzusetzen!“ Selbstverständlich (denn Anarchie wäre nichts anderes als die Rückkehr zum Gewaltrecht des Stärkeren), nur müssen sich solche Strukturen nicht an nationalen Grenzen orientieren, über die irgendwann einmal auf den Schlachtfeldern der Vergangenheit zugunsten der Mächtigsten, Aggressivsten und Rücksichtslosesten entschieden wurde (siehe Beitrag 1 "Nationalstaaten für eine globale Gesellschaft?"). Wenn wir einmal den Versuch machen würden, die Kriege und Gewaltakte der Jahrhunderte herausrechnen aus den Landkarten der Erde, so blieben ganz andere Strukturen übrig, als wir sie heute kennen, nämlich geografisch begründete und kulturgeschichtlich gewachsene regionale Einheiten, keine Machtgebilde, sondern Lebens-, Arbeits-, Kultur- und Begegnungsräume für ihre Bewohner und Besucher.

Es wird in einer globalisierten Weltgemeinschaft immer mehr darauf ankommen, solche regionalen Lebens-, Arbeits-, Kultur- und Begegnungsräume zu stärken gegenüber den Vereinnahmungs- und Überwältigungsstrategien der politischen und wirtschaftlichen "Global Player". Aber auch gegenüber nationalen Egoismen, welche meinen, etwas Eigenes bewahren zu können, indem man das Fremde abwehrt oder unterwirft.

Dabei geht es um "bewahren", nicht um "aufbewahren". Bewahren heißt, etwas Wertvolles zu erhalten, wobei man versucht, den werttragenden "Kern" der gesellschaftlichen Identität zu schützen und zu pflegen, zugleich aber die "Hülle" der Äußerlichkeiten immer wieder neu den äußeren Gegebenheiten und Notwendigkeiten anzupassen. Etwas "aufbewahren" heißt, es in einem geschlossenen Behälter zu konservieren, damit es mit der "verderblichen Außenluft" nicht in Berührung kommt. Etwa wie es eine Hausfrau macht, die ihre Beerenernte in Einweckgläsern konserviert, luftdicht verschlosen und kühl im Vorratskeller, und die ab und zu nachschaut, ob nicht doch eines der Gläser undicht und der Inhalt schimmelig geworden ist, dann muss sie ihn leider wegwerfen (wobei ja auch die Hausfrau das Konservieren nicht zum Selbstzweck macht, vielmehr wird sie das Glas zur gegebenen Zeit öffnen und den Inhalt weiterverarbeiten). Es geht darum, das Vorhandene weiterzuentwickeln, um das Wesentliche zu bewahren, nicht um isolieren und aufbewahren.

Die Frage ist dabei, ob man die eigene kulturelle Gestaltungskraft in Sprache, Kunst, Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Politik, Rechtsprechung ... für stark genug hält, sich in einer offenen Gesellschaft zu behaupten, ja das Eigene im Ganzen zur Geltung zu bringen. Selbstisolierung, um das Eigene nicht zu verlieren, ist ein Zeichen von Schwäche, die sich selbst diese Stärke nicht zutraut.

Das bedeutet nicht, dass man nun anfangen sollte, die bestehende nationalen Grenzen abzuschaffen und mit großartige Geste noch bestehende Schlagbäume niederzureißen, das würde nur zu unaufhörlichen Streitereien führen. Aber man könnte nach und nach Schritte gehen und Veränderungen in Gang setzen, durch welche die bestehenden nationalen Grenzen immer bedeutungsloser werden und die Regionen gestärkt und mit mehr Eigenständigkeit ausgestattet. In Europa nach dem zweiten Weltkrieg und vor allem nach dem Ende des sogenannten „kalten Krieges“ hat man ja schon damit begonnen. Heute sind die innereuropäischen Grenzen längst nicht mehr so trennend, wie vor einigen Jahrzehnten. Bei der Stärkung der Regionen allerdings ist man kaum vorangekommen. Gemeint sind dabei:

  • Kleinregionen, die einige Dörfer und kleinere Städte oder auch eine Großstadt (oder Teile davon) umfassen, in einer Landschaft, die sich als geografische Einheit wahrnehmen lässt, mit einer Bevölkerung, die eine relativ dichte und direkte interne Kommunikation „von Mensch zu Mensch“ praktiziert, deren Sprache einen unverkennbaren gemeinsamen Akzent hat und die kulturelle Lebensweisen pflegt, welche sich in engem Kontakt untereinander und in vielfältiger Zusammenarbeit entwickelt haben, auch wenn sie von ihrer Herkunft und ihren Ausdrucksformen sehr verschieden sein können. Solche Kleinregionen bilden am ehesten das ab, was man in der deutschen Sprache gemeinhin unter „Heimat“ versteht. Für die Gegend in Nordostbayern, wo ich lebe, könnte man da als solche Heimatregionen das Fichtelgebirge nennen, den Frankenwald, das Vogtland (das zum Teil in Bayern und in Sachsen liegt) oder das Sechsämterland mit engen historischen Verbindungen in die Gegend um Asch in Tschechien ...

  • Mittelregionen, die, aus mehreren Kleinregionen bestehend, sich durch Besonderheiten der Mentalität und der Sprache, der Lebens- und Arbeitsweisen ihrer Bewohner, der Siedlungsformen und Baustile, der Traditionen und des Brauchtums, der Kunst und der Literatur als kulturgeschichtlich gewachsene Einheit erkennen lassen (freilich auch mit einer Vielfalt an neueren kulturellen Einflüssen, die sich mit dem Bestehenden zu einer jeweils neuen und erweiterten Kulturform verbinden), in einer Landschaft, die geografisch und klimatisch eine bestimmte, aber keineswegs überall einheitliche Prägung hat.

    Ein für mich, da ich in Bayern lebe, „naheliegendes“ Beispiel für solche „Mittelregionen“ wären innerhalb des heutigen deutschen Bundeslandes Bayern die Regionen „Altbayern“ und „Franken“ und „Schwaben“, wobei das bayerische Schwaben in einen sprachlichen, kulturellen und geschichtlichen Zusammenhang gehört, der das Bundesland Bayern überschreitet (woraus erkennbar wird, dass auch die meisten heutigen Bundesländer Kunstgebilde sind, die gewachsene Strukturen und kulturelle Zusammengehörigkeiten zerschneiden). Trotzdem: Die genannten Regionen haben jeweils in sich sehr enge und weit zurückreichende historische Beziehungen und eine deutlich ausgeprägte sprachliche und kulturelle Identität.

  • Großregionen, die, aus mehreren Mittelregionen bestehend, durch eine gemeinsame Sprache und Geschichte ihrer Bevölkerung geprägt sind und sich darstellen als je besondere Einheit von zusammenhängenden Landschaften mit ihren Menschen und deren Kultur. (z. B. die europäisch-deutschsprachige Region, ebenso wie die europäisch-französisch-, polnisch-, italienisch- … sprachigen Regionen usw., oder wie die südamerikanisch-portugiesisch- oder spanischsprachigen und die mehrheitlich von ihren Ureinwohnern bewohnten Regionen Südamerikas usw.). Diese Großregionen müssten jedoch keine Machtgebilde sein (die um so mächtiger wären, je größer und reicher sie sind und die dann benachbarte Regionen überfallen und „erobern“ könnten), sondern Lebens-, Arbeits-, Kultur- und Begegnungsräume, die von der Kooperation ihrer Klein- und Mittelregionen leben und die ihrerseits in Kooperation mit anderen Großregionen die Bevölkerung und Kultur, die Lebens- und Arbeitswelt der Kontinente bilden.

Solche Strukturierung der Länder und Kontinente in Klein-, Mittel- und Großregionen, wertet die geografischen, kulturellen und historischen Grundlagen der Gesellschaften auf und die machtpolitischen und kriegerischen Vorgänge der Vergangenheit und deren Auswirkungen ab. Diese Regionen haben selbstverständlich einen geografischen Zuschnitt und ihre Institutionen regionale Zuständigkeiten, aber sie brauchen keine „Grenzen“, die Nachbarn trennen und Verbindungen abschneiden. Die Abspaltungstendenzen z. B. der Schotten in Großbritannien, der Katalanen in Spanien … zeigt, wie stark die Identifikation der Menschen mit ihren historisch gewachsenen Lebensräumen ist und wie groß das Verlangen nach kultureller Selbstbestimmung unter dem Druck einer unsensibel vereinnahmenden Zentralregierung werden kann.

Die sprachlichen und kulturellen Minderheiten in diesen Klein-, Mittel und Großregionen können und sollen dort ihre Besonderheiten pflegen, müssen aber doch insofern offen für die jeweilige Mehrheitsgesellschaft sein, dass sie in ihr kommunikationsfähig sind und sie sich in die jeweils geltende Rechtsordnung und Gesellschaftsform integrieren können und wollen.

Wo Mehrheitsgesellschaften durch gewaltsame Eroberung und Kolonisierung fremder Länder und Kontinente entstanden sind (z. B. in Amerika oder Australien), müssen die Lebens- und Besitzrechte, die Sprache und Kultur der Ureinwohner (soweit sie als solche noch historisch identifizierbar sind) besondere Berücksichtigung finden, müssen die Überlebenden Anerkennung und Unterstützung erfahren, müssen die Reste der ursprünglichen Bevölkerung als Kultur- und Lebensgemeinschaft gerechte Lebensbedingungen und entsprechende Freiräume bekommen.

Die Entwicklung der Europäischen Union zeigt wenigstens in Ansätzen, dass eine solche „Struktur ohne Grenzen“ möglich ist und dass sie für alle Beteiligten von großem Vorteil sein kann. Aus einer Gruppe von Nationalstaaten mit je eigener und eigensüchtiger Politik, die Jahrhunderte lang Völker-Kriege geführt haben, ist eine Gemeinschaft mit offenen Grenzen geworden (Schengen-Raum), mit (im Euro-Raum) gemeinsamer Währung und (in Ansätzen) gemeinsamer Politik. Und wir sehen: Das tut der je besonderen Sprache, Kultur und Identität der Völker und Volksgruppen keinen Abbruch. Frankreich ist nicht weniger französisch und Deutschland nicht weniger deutsch seit Fankreich und Deutschland sich nicht mehr voneinander isolieren und sich nicht mehr gegenseitig bekriegen. Aber die französischen und deutschen Regionen beiderseits der gemeinsamen Grenze haben an Eigengewicht, Selbstbewusstsein und regionalpolitischer Kompetenz gewonnen, seit sie sich nicht mehr voneinander abgrenzen. Die Schweiz hat im Kleinen diese Koexistenz von Sprachen und Volksgruppen schon seit Jahrhunderten erfolgreich vorgelebt, ohne dass die Identität der Regionen und deren kulturellen Besonderheiten dabei verloren gingen.

.

Weiterlesen im folgenden Beitrag 4: Völker ohne Armut?

Zurück zur Themenseite „Konkrete Visionen“

Zurück zur Startseite

.

Bodo Fiebig Struktur ohne Grenzen Version 2018 - 3

© 2018, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

Vervielfältigung, auch auszugsweise, Übersetzung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen und jede Form von kommerzieller Verwertung nur mit schriftlicher Genehmigung des Verfassers

Schreibe einen Kommentar

Community

Aktuelle Informationen

Infos zu Themen, Entwicklungen, Vorhaben ...

                                                    

Mitarbeit

Hier kann man mitmachen!

                                                     

Gedanken, Anregungen, neue Themen

Du hast eigene Ideen zu "Chajim we Schalom" (Leben und Frieden)? Hier ist der richtige Ort dafür.

                                                     

registrieren und anmelden

Hier kannst du dich  registrieren lassen und anmelden. Das ist dann notwendig, wenn du zu einem der Themenbeiträge einen Kommentar schreiben willst.

                                                     

bitte beachten

                                                     

Impressum