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Bereich: mitmachen – Vision und Konkretion

Thema: Reich Gottes und Demokratie

Beitrag 1: Demokratie auf biblischer Grundlage? (Bodo Fiebig 2018- 4)

Die Idee vom „Gottesreich auf Erden“ ist für die meisten Menschen in den demokratisch verfassten Ländern der Gegenwart eher ein Schreckgespenst als eine verlockende Aussicht. Wir haben da die Vorstellung von fanatischen „Gotteskriegern“, die mit Hass und Gewalt einen harten und intoleranten „Gottesstaat“ verwirklichen wollen, in dem die Freiheit der Meinungen, des Glaubens und der Lebensführung mit dem Knüppel religiösen Zwangs zerschlagen wird.

Dass es so etwas gibt, ist offensichtlich (wenn auch gegenwärtig nicht mit biblischem Hintergrund; heute sind Christen und Juden die meistverfolgten Minderheiten weltweit). Aber entspricht das, was der Begriff „Reich Gottes“ an Vorstellungen in uns weckt, auch dem, was in der Bibel damit gemeint ist? Was steckt denn wirklich hinter dieser so kompakt und abweisend wirkenden Formel? Es hilft nichts: Wir müssen, wenn wir dieser Frage nachgehen wollen, die biblischen Texte selbst zu Rate ziehen (siehe auch das Thema „Dein Reich komme”, dort wird der biblische Hintergrund ausführlicher dargestellt).

Es ist für unser Thema wichtig, zunächst einmal wahrzunehmen, was in der Bibel mit „Reich Gottes“ eigentlich gemeint ist. Erst im Gesamtzusammenhang der biblischen Botschaft in der ganzen Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments wird eine durchgängige Grundlinie erkennbar. Und wir werden sehen: Die (biblische) Rede vom „Reich Gottes” gibt für das Leben im „Volk Gottes” nicht eine gewalttätig intolerante und monarchisch zugespitzte Herrschaftsstruktur vor, sondern eine spirituell-demokratische Verfassung, durch die allen Menschen die gleiche Würde und Vollmacht zugeschrieben wird.

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1 Ordnungen für die Freiheit

Zum ersten Mal wurde dieses „Reich” (die Königsherrschaft Gottes in seinem erwählten Volk) in Israel nach der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten ansatzweise konkret. Und hier eben nicht als Monarchie und nicht als Priesterstaat, sondern als lose Gemeinschaft der Befreiten ohne gemeinsame und starke Herrschaftsstruktur. Diese Gemeinschaft entlaufener Sklaven stand dann in den folgenden Jahrhunderten unter der Leitung von „Richtern“ und Propheten ohne eigene Machtbasis, aber ausgestattet mit der Vollmacht Gottes, in seinem Namen zu reden und zu handeln. Und das, obwohl in allen umliegenden Völkern und Kulturen der damaligen Welt das monarchische Prinzip durchgängig Gültigkeit hatte! Zusammengehalten wurde dieser lose Verband von selbständigen Stämmen durch „Weisungen” (Gebote), die aber nicht von einer obersten Herrschergestalt kamen, sondern von Gott selbst, von dem Gott, der allen Menschen Recht schafft und die Armen und Benachteiligten besonders liebt.

Diese Gebote wurden Israel gegeben, damit es als Volk in der Freiheit eine Orientierung und Hilfe hätte für das Zusammenleben in einer Volksgemeinschaft, die Träger einer weltumfassenden Verheißung sein und werden sollte. Als die Israeliten noch Sklaven waren, brauchten sie keine eigenen Ordnungen. Die Gesetze ihrer Sklavenhalter-Herren waren für sie allein gültiges Recht (bzw. Un-Recht). Nun aber, in der Freiheit, war es unbedingt notwendig, eine eigene Rechtsordnung zu haben, aber nicht als Zwang durch eine menschliche „Herrschaft“, sondern als göttliches An-Gebot als Ordnungsrahmen der Freiheit. Die Grundzüge dieser Rechtsordnung bekam das entstehende Volk in Form von „Weisungen“ (Geboten), von Gott selbst auf steinerne Tafeln graviert (also auf einem unvergänglichen Material bleibend festgehalten).

Aber wie soll sich das „Reich Gottes“ konkret in den Verhältnissen und Abläufen dieser Welt darstellen, und was soll das alles mit „Demokratie“ zu tun haben?

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2 Die Rede Jesu vom nahegekommenen Gottesreich

Am deutlichsten begegnet uns die biblischen Reich-Gottes-Vorstellung in der Predigt Jesu. Die Botschaft Jesu im Neuen Testament hat ein zentrales Thema: Dieses wird am Anfang der Evangelien (bei Mt, Mk, Lk) nach der einleitenden Vorgeschichte genau angegeben:

Mt 4,7: Von da an begann Jesus zu verkündigen: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“

Mk 1,14+15: Er verkündigte das Evangelium Gottes und sprach: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“

Lk 4,43: Er sagte zu ihnen: „Ich muss auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkündigen, denn dazu bin ich gesandt worden.

Das „Reich Gottes“ (oder „Himmelreich“ - die beiden Begriffe sind in ihrer Bedeutung gleich, die Juden zur Zeit Jesu haben nur aus Scheu, den Namen Gottes zu gebrauchen, diese Umschreibung verwendet: Man sagte "Himmel", wenn man "Gott" meinte) steht im Zentrum der Botschaft Jesu. Im Neuen Testament bezeichnet allerdings der Begriff „Reich“ nicht in erster Linie ein Land, ein Staatsgebiet (etwa wie bei „Deutsches Reich“ oder „Frankreich“), sondern ein Herrschaftsverhältnis. „Gott-Königtum“, bzw. „Königsherrschaft Gottes“ wären sinngetreue Übersetzungen der Begriffe „Reich Gottes“ oder „Himmelreich“ (eine ausführliche inhaltliche Darstellung der Verkündigung Jesu vom „Reich Gottes“ ist im Thema „Dein Reich komme“ enthalten).

Das ist aber keineswegs ein völlig neues Thema im Gesamtzusammenhang der biblischen Botschaft. „Der Herr ist König, des freue sich alles Erdreich und seien fröhlich die Inseln, soviel ihrer sind.“ So beginnt eines der „Lieder vom Königtum Gottes“, einer jener Psalmen, die Gott als König über alle Völker, als Herrscher über die ganze Erde und Herrn über alles Geschaffene preisen (Psalmen 47, 93 und 96-99; der oben angeführte Satz ist der Eingangsvers von Psalm 97). Diese Lieder stimmen ein Grundmotiv der ganzen Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes an: Der in der Bibel sich offenbarende Gott ist nicht nur der Schöpfer, der in einem gewaltigen universellen Schöpfungsimpuls die Welt ins Sein rief und ihre billionenfachen Entwicklungsabläufe in Gang setzte. Er ist auch König, ein väterlich fürsorgender Herrscher, der sein Werk nicht aus den Händen gibt und seine Geschöpfe nicht aus den Augen verliert. Er ist der Eine, der für seine Schöpfung einen Weg weiß und ein Ziel kennt, der sie vor unumkehrbarer Verfehlung bewahren und vor endgültiger (Selbst)-Vernichtung retten kann. Und „Reich Gottes“ bedeutet in diesem Zusammenhang nichts anderes, als eine Lebensform menschlicher Gemeinschaft, in der dieser gute Wille Gottes für die Menschen und für die ganze Schöpfung zum Vollzug kommt.

Das Reich Gottes ist nach biblischer Sicht die alles entscheidende Voraussetzung dafür, dass die Menschheit zu ihrer Sinnerfüllung und die Schöpfung zu ihrer Vollendung kommen können. Darum ging es schon vom Anfang der Menschheitsgeschichte an. Am deutlichsten zeigte sich das bei der Volk-Werdung Israels am Sinai nach dem Auszug aus Ägypten: Reich Gottes ist da, wo ein Volk sich bewusst und freiwillig dem Herr-Sein Gottes unterordnet und seinen Weisungen folgt. Nicht um des bloßen Gehorsams willen, sondern weil nur so die Menschheit zu sich selbst und zu ihrer Bestimmung finden kann (siehe das Thema „Die Frage nach dem Sinn“).

Trotzdem bleibt diese Frage vorläufig noch offen: Kann es wirklich so etwas geben wie eine „Demokratie auf biblischer Grundlage"? Hieße das nicht, zwei völlig verschiedene Kräfte vor den gleichen Karren zu spannen? Oder sind „Reich Gottes“ und Demokratie doch miteinander vereinbar?

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3 Demokratie auf biblischer Grundlage?

Als die Israeliten der Knechtschaft in Ägypten entflohen und nach dem Durchzug durch das Meer dem Herrschaftsbereich des ägyptischen Pharaos entkommen waren, da offenbarte Gott diesem Haufen entlaufener Sklaven, welche Ordnung er für ihre entstehende Volksgemeinschaft vorgesehen hatte: 2. Mose 19, 1-6: Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: „So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.“

Hier kommt, bei einer entscheidenden Weichenstellung der Heilsgeschichte, direkt von Gott eine ausdrückliche Anweisung, wie in dem von Gott besonders gerufenen und ausgesonderten Volk die Frage von Autorität und Herrschaft beantwortet werden soll. In allen Völkern rings umher gab es zwei Autoritäten: die königliche Autorität und die priesterliche. Die Könige hatten die „weltliche“ Autorität, die sich auf die Macht der Schwerter und Soldaten stützte und die durch einen hierarchischen Beamtenapparat ausgeübt wurde. Die Priester hatten die „geistliche“ Autorität, die für sich in Anspruch nahm, die sichtbare Vertretung der unsichtbaren Götter wahrzunehmen. Was sie sagten, war Wort der Götter, und was sie taten, geschah in deren Auftrag. Wer die Priester in Frage stellte, griff die Götter selbst an! So hatten beide, Könige und Priester fast unangreifbare Machtpositionen inne, die sie weit über das „gemeine Volk“ hinaushoben. Königtum und Priestertum waren sich gegenseitig Stützte ihrer Macht.

Hier aber, im biblischen Bericht von der Befreiung und Berufung der Israeliten als Volk Gottes, ist die Rede davon, dass ein ganzes Volk mit allen seinen Angehörigen, den Alten und Jungen, den Männern und Frauen, den Starken und Schwachen, den Mächtigen und den Unbedeutenden, den Armen und Reichen in ein „königliches Priestertum” eingesetzt werden soll. Eine völlig neue, noch nie dagewesene Form von Autorität und Herrschaft ist hier angesprochen. Und das nicht als wirklichkeitsferne utopische Idee, sondern als Aufforderung das Gemeinte tatsächlich zu verwirklichen: Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.

Das Reich Gottes, wie es in der Bibel dargestellt wird, ist eben kein monarchistisch zugespitzter Machtapparat mit einem absoluten Herrscher an oberster Stelle. Das Volk Gottes im Alten Testament (Israel) hatte jahrhundertelang gar keinen König, der sich auf die Macht der Schwerter stützen konnte, sondern „nur“ Propheten und Richter als Inhaber einer von Gott selbst eingesetzten und gestützten Autorität ohne menschliche Machtmittel. Als dann, Jahrhunderte nach den Ereignissen am Sinai, die Israeliten danach verlangten, einen König als „Monar­chen“, als Alleinherrscher zu haben, weil sie sein wollten „wie alle anderen Völker auch“, da wurde dies ausdrücklich von Gott missbilligt, auch wenn er ihnen schließlich ihren Willen ließ (1.Sam 8, 4-22).

Im Neuen Testament rückt Jesus selbst jede monarchische Vorstellung und Ambition bei seinen Jüngern zurecht (Mt 20, 25-28): Aber Jesus rief sie (die Jünger) zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene, und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. Ebenso beschneidet Jesus auch die Vorstellungen seiner Jünger von herausgehobener geistlicher Autorität (Mt 23, 1-12): … ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.

Deutlicher kann man die Absage an ein monarchisch-hierarchisches System kaum formulieren. Ist vielleicht doch eine Demokratie (also wirkliche Volks-Herrschaft) auf biblischer Grundlage möglich?

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Weiterlesen im folgenden Beitrag: Die Urform der Demokratie

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Bodo Fiebig Demokratie auf biblischer Grundlage Version 2018 - 9

© 2014, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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