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Bereich: Grundlagen der Gesellschaft

Thema: Freiheit

Beitrag 5: Freiheit als Gabe und Aufgabe (Bodo Fiebig 2019- 4)

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Unsere Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit; sie muss als Gabe und Aufgabe verstanden werden. Gabe deshalb, weil unsere gegenwärtige Freiheit nicht „Zufall“ oder „Schicksal“ ist, sondern weil sie von den Generationen vor uns erarbeitet und durchgesetzt wurde und wir sie als ihre „Gabe“ geerbt haben. Aufgabe deshalb, weil sie von der jetzt verantwortlichen Generation neu gestaltet, verteidigt und gesichert werden muss. (Dass Freiheit auch Gabe und Aufgabe von Gott her ist, davon wird später die Rede sein.)

Freiheit ist wie ein Gefäß mit lebensnotwendigem Wasser in der Wüste, das aber ein kleines Loch hat (oder manchmal auch mehrere und größere Löcher). Wenn wir nichts unternehmen, wird das Gefäß mehr oder weniger schnell leer sein (bzw. unsere Freiheit verloren). Wir müssen also ständig in Bewegung sein und aktiv Freiheitsbestrebungen „nachfüllen“, damit der Bestand gehalten werden kann.

Oder mit einem anderen Bild gesprochen: Freiheit ist wie das Leben. Das Leben ist immer bedroht, von außen und von innen. Wenn der Hase keine Haken schlägt, wenn der Fuchs kommt und wenn die Füchsin nicht ihre Jungen verteidigt, wenn der Falke herabstößt, dann wird es bald aus sein mit ihnen. Aber nicht nur von außen ist das Leben bedroht. Auch im Innern lauert der Tod. Jeder lebende Organismus trägt seinen Tod schon mit sich herum. Nur solange seine Immunabwehr die eingedrungenen Krankheitserreger und Fäulnisbakterien in Schach hält, lebt er. Sobald seine innere Abwehr den Kampf aufgibt, stirbt der Organismus und die Verwesung beginnt.

So ist es auch mit der Freiheit. Ihr großer Feind ist der (individuelle und kollektive) Egoismus. Er bedroht unsere Freiheit von außen und von innen. Die Freiheit sagt: „Du kannst selbst entscheiden, wie du leben willst, solange du auch den anderen ihre Freiheit lässt“. Der Egoismus sagt: „Ich bin der Stärkere, deshalb musst du meinen Anweisungen gehorchen und meinen Wünschen dienen“ (oder: „Wir sind die Stärkeren ...).

Wir tragen den sozialen Krankheitserreger des Egoismus schon immer mit uns herum, in jedem Einzelnen und in jeder Gemeinschaft, von der Ehe und Familie als kleinsten Sozialraum, über verschiedene kleine und große Gruppierungen bis hin zum „großartigsten“ Volk, zur „überlegenen“ Rasse, zur „allein zukunftsfähigen“ Ideologie, zur „einzig richtigen“ Religionsgemeinschaft usw. Wenn wir nachlassen, unseren eigenen Egoismus in uns selbst (als Individuum und als Gemeinschaft) zu bekämpfen und zugleich auch dem uns von außen entgegenkommenden Egoismus der anderen Widerstand zu leisten, dann wird er die Oberhand gewinnen und entweder „uns selbst“ oder „den anderen“ die Freiheit rauben. Und (das bestätigt uns die Geschichte der Völker und Reiche): Dieser Egoismus wird uns über kurz oder lang umbringen, egal, ob wir dabei die Beherrschten oder die Herrschenden sind.

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1 Der Treibstoff der Verunfreiung

Verunfreiung“ - welch ein seltsames Wort. Seltsam, ja, aber treffend: Es beschreibt nicht den Zustand der Unfreiheit (jemand sitzt im Gefängnis), sondern den Vorgang der Freiheitsberaubung und Gefangennahme durch die Kräfte des Egoismus. Sehen wir uns diesen freiheitsgefährdenden, friedenszerstörenden, menschheitsbedrohenden Egoismus etwas genauer an. Er bildet eine Reihe von Schwerpunkten, die fast überall wiederzufinden sind, und die sich vielfach berühren und überschneiden:

- Machtegoismus: Wir, wir und nur wir sind die Guten; die „anderen“ (Andersartigen, Anderslebenden, Andersdenkenden, Andersgläubigen ...) sind die Bösen. Wir sind von der Natur, von der Geschichte oder von göttlichen Mächten dazu ausersehen, die Menschheit zum vollendeten Glück zu führen. Deshalb steht uns allein das Recht zu, Macht auszuüben und Angehörige anderer Völker und Rassen, anderer Weltanschauungen und Religionen zu unterwerfen. Die Anderen, die Fremden, die Bösen sind schon im Vormarsch. Nur wir können sie, bei Anspannung aller Kräfte, noch aufhalten. Dabei muss uns bewusst sein: Wenn man die Menschheit von allem Übel befreien will, dann muss man auch zu harten Maßnahmen bereit sein. Das kann für eine notwendige Übergangszeit auch Unterdrückung und Entrechtung der Feinde des Guten bedeuten, ja, vielleicht sogar deren Ausrottung, aber selbstverständlich nur im äußersten Notfall, wenn sie das große Menschheitsglück, das wir erringen wollen, gefährden, wenn sie uns Widerstand leisten bei unserem Weg zum allgemeinen Heil in einer leuchtenden Zukunft.“

- Besitzegoismus: Wir, wir und nur wir sind zurecht Inhaber großer Vermögen und wirtschaftlicher Macht. Unser Reichtum ist ja der Beweis für unsere überlegene wirtschaftliche und finanztechnische Tüchtigkeit. Und diese Tüchtigkeit der Finanzeliten ist unabdingbare Voraussetzung dafür, dass die schlimmsten Plagen der Menschheit, der Hunger, die Krankheit und die Armut überwunden werden können. Dazu braucht es eine Freiheit des Handelns für die Wirtschafts- und Finanzmächtigen, die von niemandem in Frage gestellt werden darf. Freilich gibt es in der fortschreitenden Entwicklung zum Besseren, die wir anstreben, auch Phasen, wo man harte Entscheidungen treffen muss, und wo man beim Einsatz der jeweils billigsten Humanressourcen nicht zimperlich sein darf, auch wenn das manche ahnungslosen Sozialromantiker dannAusbeutung“ nennen und „moderne Sklaverei“.

- Rassenegoismus: Wir, wir und nur wir sind die biologisch reine und genetisch höchstentwickelte Rasse*, deren Reinerhaltung und Stärkung allein die Degeneration und den Verfall der Menschheit durch minderwertige und entartete Gene aufhalten kann. Das geht aber nur dann, wenn wir die genetische Durchmischung der Völker, wie sie heute durch eine bewusst vorangetriebene Globalisierung geschieht, stoppen! Rassenmischung führt immer zur Herabminderung der wertvollsten genetischen Ressourcen auf das Niveau der minderwertigsten! Nein, nein, selbstverständlich streben wir nicht die Ausrottung minderwertiger Rasssenelemente in Vernichtungslagern an, wie früher in Auschwitz und anderswo, aber jeder vernünftige Mensch wird doch einsehen, dass man primitives Erbgut nicht allein durch gute Worte zurückdrängen und im Genpool der Menschheit unwirksam machen kann. Die moderne Gentechnik bietet da vielversprechende und sehr humane Möglichkeiten.“

* Im Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts war es nicht die „Rasse“, sondern das „edle Blut“ der Adeligen, das sie angeblich weit über die Masse des „gemeinen Volkes“ hinaushob. Der Rassismus von heute wendet das Adelsprädikat der „blaublütigen“ Familien auf die genetische Überlegenheit bestimmter Völker und Kulturen an.

- Kulturegoismus: Wir, wir und nur wir sind Träger der höchstentwickelten, edelsten und fortschrittlichsten Kultur. Wenn unsere Kultur und unser Lebensstil sich weltweit durchgesetzt haben, dann wird das zu einer nie dagewesenen Erneuerung und Veredelung des Menschseins führen und zu kulturellen Leistungen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Freilich müssen dazu Volksgruppen, die noch niedrigeren und primitiveren Kulturen anhängen, entsprechend umerzogen und angepasst werden. Aber, weil wir ja die Friedenskultur schlechthin sind, werden wir das natürlich nicht mit Gewalt tun, sondern wir werden die minderwertigen Kulturen einfach marginalisieren und austrocknen, indem wir ihnen die finanziellen Mittel und die gesellschaftlichen Freiräume zu ihrer Entfaltung entziehen. Nur im Notfall, wenn die Primitivkulturen uns durch ernsthaften Widerstand dazu zwingen, würden wir zu schärferen Maßnahmen greifen.“

- Weltanschauungsegoismus: „Wir, wir und nur wir vertreten die eine Weltanschauung, die dem Fortschritt und der Humanisierung der Menschheit dient. Nur unsere Weltanschauung (und damit auch unsere Programme und Ziele) sind auf wirklich wissenschaftlicher Basis begründet. Und die beweist eindeutig: Die Entwicklung der Menschheitsgeschichte nimmt zwangsläufig den Weg, der unserer Weltanschauung entspricht. Und nur dieser Weg führt zu einer wahrhaft menschenwürdigen und befriedeten Gesellschaft, in der alle Herrschaft der Einen über die anderen überwunden ist. Das geht aber nur, wenn jetzt, in der gegenwärtigen Auseinandersetzung der Weltanschauungen, wir die alleinige Herrschaft übernehmen und alle schädlichen und rückständigen Elemente ausschalten. Nur so können die Klassenfeinde, ja Menschheitsfeinde unschädlich gemacht werden. Erst dann wird wahrer Frieden sein.“

- Religionsegoismus: Wir, wir und nur wir allein sind die Rechtgläubigen, die Vertreter der allein richtigen Glaubensinhalte und Glaubenspraxis*. Uns hat unser Gott (haben unsere Götter) erwählt, dass wir die Menschheit zu ihrer Bestimmung und die Geschichte zu ihrer Erfüllung führen. Deshalb dürfen wir keinen Fußbreit abweichen von den Vorschriften unseres Gottes (unserer Götter), die unsere Vorfahren schon vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden aufgeschrieben haben. Wir müssen mit allen Mitteln dafür kämpfen, dass alle Menschen unseren Glauben übernehmen, weil ja nur wir wissen können, wie die Weisungen und Verheißungen der Vergangenheit auf die Verhältnisse und Herausforderungen unserer Gegenwart anzuwenden sind. Wer als Glied unserer Religionsgemeinschaft unsere Glaubenspraktiken nicht mitvollzieht, ist ein Verräter, wer unseren Glauben leugnet, ein Verbrecher. Jeder, der schon einmal Anhänger unserer Religion war und sich nun abwendet und sich einer anderen Glaubensgemeinschaft anschließt, ist des Todes, denn er leugnet den allein wahren Gott (die allein wahren Götter). Die Ungläubigen und Andersgläubigen sind Feinde unseres Gottes (unserer Götter)! Sollten wir sie dann zu unseren Freunden machen?“

* Siehe das Thema „Weltreligionen und biblischer Glaube“, Beiträge „Nur wir?“ und „Frieden durch Religion?“

Wenn wir diese Zusammenstellung genauer anschauen, merken wir: Auch in uns stecken, mehr oder weniger ausgeprägt und mehr oder weniger bewusst solche kollektiven Egoismen, die „den Anderen“ ihre Würde absprechen und ihre Daseinsberechtigung abstreiten, zumindest aber ihre Freiheit (die Freiheit, nach ihren eigenen Maßstäben leben zu dürfen) eingrenzen wollen.

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2 Die verfälschte Wirklichkeit*

Erinnern wir uns nun an das, was wir in den vorangehenden Beiträgen die „Weltverinnerlichung“ der Menschen genannt haben. Jetzt erkennen wir, dass die eben aufgeführten Egoismen in einem ganz engen Zusammenhang damit stehen. Die persönliche und kollektive Weltverinnerlichung beschreibt ja den Vorgang, der zu solchen Egoismen führen kann (aber keineswegs muss!).

* Siehe dazu auch die Beiträge zum Thema „Wahrheit und Wirklichkeit“

Wir erinnern uns: Das „Rohmaterial“, aus dem nach einem Prozess der Verarbeitung und Aneignung unser Welt- und Selbstverständnis aufgebaut wird, sind unsere Erfahrungen (also alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, was wir in Schulen lernen und an Universitäten studieren, was wir untersuchen und erforschen, was wir lesen oder sonst aus den Medien entnehmen, was wir im Gespräch erfahren oder auf Reisen erleben usw.). Aus den persönlichen Verarbeitungsprodukten solcher Erfahrungen ist unsere Weltverinnerlichung gemacht. Aber es gibt eben nicht nur echte Erfahrungen, sondern auch bewusst verfälschte „Erfahrungsangebote“ uns „Verstehenszwänge“. Die sind meist sehr attraktiv aufgemacht und so angerichtet, dass sie dem EGO der Menschen gut schmecken, dass sie aber diejenigen, die sich darauf einlassen, in eine verfälschte Wirklichkeit verführen.

So etwas gibt es nicht nur in den modernen digitalen Medien mit „Fake-News“ und „alternativen Fakten“, sondern das ist seit Jahrhunderten bewährte Praxis. Nehmen wir das Beispiel eines „Hitler-Jungen“ zur Zeit der Nazi-Diktatur in Deutschland 1933-1945. Er musste in den allermeisten Fällen nicht zu den Treffen der „Hitler-Jugend“ gezwungen werden. Die meisten waren mit Begeisterung dabei. Da gab es Geländespiele und vormilitärische Ausbildung. Da gab es Fahnenappelle und Nachtmärsche … Die Welt war wie ein großer Abenteuerspielplatz. Vor allem aber gab es eine „Schulung“, die den Jungen eintrichterte: „Ihr seid die Elite der Zukunft, wo die edle Herrenrasse der Arier die Welt beherrschen wird. Diese rassische Überlegenheit müsst ihr durch Härte und Kampf beweisen!“ Adolf Hitler: „Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen.“ (Zitiert nach J.C. Fest „Das Gesicht des Dritten Reiches“)

Wenn also zum Beispiel die „Weltverinnerlichung“ eines Menschen (grob zusammengefasst) etwa so lautet: „Die Welt ist ein Schlachtfeld: Kampf ums Dasein, fressen oder gefressen werden. Jeder ist sich selbst der Nächste; die anderen sollen sehen, wo sie bleiben. Das gilt für jeden Einzelnen genau so, wie für Völker, Rassen und Kulturen. Jede Rücksichtnahme gegenüber den Schwächeren bedeutet Verrat an den Ur-Gesetzen der Natur, die sich nur durch Kampf und Auslese weiterentwickeln kann“, dann haben wir schon ein tiefes Fundament gelegt für die Herausbildung von individuellen und kollektiven Egoismen. Wenn unser Weltbild dann noch auf Aussagen fixiert ist, wie etwa: „Nur der Stärkere überlebt. Unser Volk ist Träger der stärksten, fähigsten und lebenstüchtigsten Rasse und Kultur. Deshalb werden wir siegen und die Welt beherrschen!“ Dann sind wir schon in nationalistischen und rassistischen Denkmustern gefangen. Dann ist „Freiheit für die Minderwertigen“ einfach nur Unsinn, denn die taugen ja bestenfalls als „Sklavenvölker“ für niedrige Dienste unter unserer Herrschaft.

Oder wenn unsere Weltverinnerlichung etwa solche Denkmuster enthält: „Die Geschichte der Menschheit beschreibt eine Folge von gesellschaftlich-wirtschaftlichen Herrschaftssystemen, die, wenn sie veralten, durch revolutionäre Umbrüche von neuen, gerechteren Systemen abgelöst werden. Die gegenwärtige Herrschaft des Kapitals mit der Unterdrückung des Proletariats wird bald zu Ende gehen und wir, die revolutionäre Speerspitze der Entwicklung, müssen dafür kämpfen, dass die Revolution bald in Gang kommt, damit die Menschheit in einer „klassenlosen Gesellschaft“ unter der „Diktatur des Proletariats“ zur umfassenden Gerechtigkeit und zum endgültigen Frieden kommt“, dann ist das ein Denkmodell, das gewiss nicht Frieden und Freiheit bewirkt, sondern das nur den „Rassenegoismus“ durch einen „Klassenegoismus“ ersetzt.

Das sind nur zwei Beispiele für freiheits- und friedensgefährdende Weltbilder*. Es gibt noch viele andere (siehe weiter oben im Abschnitt „der Treibstoff der Verunfreiung“). Gemeinsam ist bei allen die Dominanz des Ich- oder Wir-Egoismus. Das Gefährliche an solchen „Weltbildern“ ist: Wenn sich im Denken, Verstehen und Empfinden von Menschen solche egoistischen Denkmuster festgesetzt haben, dann werden diese Menschen auch entsprechend handeln. Und keine Gesetzgebung der Welt und keine noch so gutgemeinte Integrationsbemühung wird aus ihnen eine offene und freie Gesellschaft mit rücksichtsvollen und hilfsbereiten Mitmenschen machen. Im Folgenden soll das, passend zu unserem Thema „Freiheit“, am Beispiel des Liberalismus verdeutlicht werden.

* siehe dazu das Thema „Die Revolution und ihre Kinder“

3 Liberal oder liberalistisch?

In den vergangenen Jahrhunderten gab es im wesentlichen drei Versuche, eine religionsfreie Form menschlicher Gemeinschaft zu organisieren, die eine weltweite Bedeutung erlangten: den Nationalismus, den Kommunismus und den Liberalismus. Man meinte jeweils, man hätte nun ein, ja das Gesellschaftsmodell gefunden, das auf religiös begründete Ordnungen verzichten, und die Menschheit dennoch (oder gerade deswegen) in eine vollkommene Zukunft führen könnte (siehe das Thema „Die Revolution und ihre Kinder“).

Wieso ist der große Wurf nie gelungen, warum wurden die hochgesteckten Ziele nie auch nur annähernd erreicht? Es fing doch alles so gut an: Alle Weltanschauungen und politischen Ideologien, die direkt oder indirekt aus der europäischen Aufklärung hervorgegangen sind und weltweite Bedeutung erlangten, wollten doch ursprünglich etwas Gutes, ja sie wollten das Gute. Alle drei genannten Ideologien strebten für die Welt, die von den Menschen aller Zeitalter und Kulturen (mit Recht!) als unvollkommen, ja un-heil empfunden wird, einen Zustand der Vollkommenheit und des Heils an, der das Unheil, das die Menschen bedroht, überwinden sollte.

Dieser Heilszustand, dieses absolut Gute, wäre dann erreicht, so meinten die Ideologen, wenn alle Menschen ihre jeweilige Ideologie übernehmen und in ihrem Gemeinschaftsleben verwirklichen würden. Dann könnte eine Zeit wahren Glückes für alle beginnen. Dabei bleibe es freilich nicht aus, dass Menschen, die der jeweils besonderen Form des Heils widerstreben würden, bekämpft werden müssten, weil sie ja dem großen Ziel im Wege stünden. Um des großen zukünftigen allgemeinen Heils willen müsste man jetzt in der Gegenwart die Feinde des Heils bekämpfen, und, wenn es denn nicht anders ginge, auch ausrotten.

Der Nationalismus und der Kommunismus haben im 20. Jahrhundert Europa und die Welt in die schrecklichsten Kriege und zu den furchtbarsten Untaten der Menschheitsgeschichte geführt. Beispiele für Letzteres sind der millionenfache Mord an den Juden Europas im „Holocaust“ der Nazis in Deutschland, das millionenfache Leiden und Sterben im „Archipel GULAG“ in der Sowjetunion und die millionenfache Vernichtung von Menschenleben im „Großen Sprung“ und in der „Kulturrevolution“ des maoistischen China. Von diesen beiden Ideologien kann hier nicht weiter die Rede sein (siehe das Thema „Die Revolution und ihre Kinder)“.

Beim Liberalismus, der dritten großen Ideologie unserer Zeit, der die „Freiheit“ als höchstes Gut propagiert, liegen die Dinge etwas anders. Kommunismus und Nationalismus können in ihrem Wesenskern angesehen werden als eine sich selbst absolut setzende kollektive Egomanie eines Teils der Menschheit, der sich entweder als sozial definierte Einheit (Klasse) oder als genetisch de­finierte Einheit (Rasse) versteht, jedenfalls als den Teil der Menschheit, dem (nach ihrer Sicht) von Natur aus oder von der geschichtlichen Notwendigkeit her die Weltherrschaft rechtmäßig zusteht: Wir sind es, und nur wir, die die Menschheit in eine glückliche und endgültig gute Zukunft führen können.

Im Gegensatz dazu kann man den Libera­lismus eher erklären als Ausformung des individuellen Egoismus einer Vielzahl von Menschen, deren gemeinsames Merkmal der wirtschaftliche und soziale Erfolg ist. Der Liberalismus hat auch von daher kein so leicht erkennbares Feindbild wie die beiden vorgenannten Ideologien. Trotz­dem zeigen sich zu ihnen viele Parallelen: Auch der Liberalismus hat ein übergeordnetes „gutes“ Ziel, nämlich die Befreiung des Menschen aus aller Fremdbestimmung, eine freie Menschheit, wo die Freiheit des Einzelnen nur durch die Freiheitsrechte der anderen begrenzt wird.

Auch das ist ja eine wahrhaft gute und verlockende Idee. Die Kraft dieses Ziel zu erreichen, so meint man, liege im Freiheitswillen jedes Einzelnen. Wenn man diesem Drang nach Freiheit Raum gebe und ihn nicht behindere, dann geschehe durch das freie Spiel der Kräfte ein Ausgleich aller Interessen und es verwirkliche sich das Wohl des Einzelnen ebenso wie der Gemeinschaft.

Das Vorbild des politischen Liberalismus ist der sogenannte „freie Markt“ wo sich durch Angebot und Nachfrage das Marktgeschehen selbst regu­liert. Diese Selbstregulierungsmechanismen werden nun auch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und Vorgänge übertragen: Man muss nur jeden Einzelnen und jede Gruppe in die Lage versetzen, ihre Interessen optimal zu vertreten, dann kann man alle gesellschaftlichen Bereiche den Selbstregulie­rungskräften überlassen.

Jeder ist seines Glückes Schmied“. Das ist für die Geschickten, An­passungs- und Durchsetzungsfähigen, für die im Kampf um gesell­schaftliche „Marktanteile“ Erfolgreichen eine wahrhaft „frohe Bot­schaft“, ein Evangelium, das man glaubensfroh weltweit verkündigt. Wehe aber den Schwachen, die es nicht verstehen, ihre Freiheit in Er­folge umzumünzen! Sie geraten nicht nur ins Abseits, sondern sie sind nun auch noch selbst schuld daran, denn sie hätten ja (theore­tisch, nicht in Wirklichkeit) die gleichen Chancen gehabt wie alle andern. Der (durch einige mehr oder weniger wirksame soziale Bremsen gezähmte) Liberalis­mus scheint heute auf dem Weg, sich nach dem Scheitern extremer nationalistischer bzw. kommunistischer Experimente als das „menschlichste“ Zukunftsmodell weltweit durchzusetzen.

Der aufmerksame Blick auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Realitä­ten zeigt aber schon die Folgen: Der Liberalismus will die Freiheit des Einzelnen und endet im Kampf jedes gegen jeden. Die soziale Atmo­sphäre in der sogenannten „freien Welt“ wird kälter, die Vertei­lungskämpfe werden härter, die Ausgrenzung der „Verlierer“ wird rücksichtsloser und folgenschwerer. Opfer sind nicht nur die Millionen ausgebeuteter Arbeitssklaven des Frühkapitalismus (den es ja in vielen Ländern heute noch oder wieder gibt), sondern auch eine ganze Generation von jungen Menschen, denen außer „Geld machen“ und „Spaß haben“ und der Selbstdarstellung in den „sozialen Medien“ jeder Lebenssinn abhandengekommen zu sein scheint.

Die Pflege des individuellen Egoismus in den liberalistischen Systemen führt in letzter Konsequenz (wie bei den beiden anderen angeführten Ideologien) zum Brudermord des Menschen am Mitmenschen. Wenn mein Wohlergehen, mein Besitz und Gewinn zur alles entscheidenden Maxime des Handelns wird, dann spielt es eben keine Rolle mehr, wenn mein Reichtum mit der Armut anderer erkauft ist, wenn meine teuren Luxusgüter mit billiger Kinderarbeit irgendwo weit weg in der „Dritten Welt“ produziert werden, wenn unsere Gewinne bezahlt werden aus der „Konkursmasse“ der „Verlierer“, wenn unsere Übersättigung ihren Gegenpol hat im millionenfachen Hungertod der „armen Verwandten“ unserer Menschheitsfamilie. Dann scheint es „normal“ und gerechtfertigt, wenn ausufernde Spekulationen auf dem Weltmarkt für Nahrungsmittel und der zunehmende Aufkauf riesiger fruchtbarer Landflächen durch „Großinvestoren” (nur zur Geldanlage, nicht um dort etwas anzubauen) zu einer zusätzlichen künstlichen Verknappung und Verteuerung von Nahrungsmitteln führen. Auch der Liberalismus erweist sich dort, wo er unbeschränkt zur Verwirklichung kommt, in Wahrheit als menschenmordender Dämon. Sein „Feind” ist allerdings nicht die andere Klasse oder Rasse von Menschen, sondern, und das ist auf den ersten Blick überraschend: das ethisch verpflichtende Gebot.

Dabei ist es ja nicht so, dass alle Manager und Konzernlenker, alle Banker, Finanzmanager usw. Verbrecher wären, das zu behaupten wäre unsinnig und verleumderisch. Und große Teile der regionalen und mittelständischen Wirtschaft sind eben nicht vom Ungeist eines schrankenlosen Marktliberalismus beherrscht, sondern versuchen, soweit es möglich ist (und so weit es die von den größten und mächtigsten Marktteilnehmern diktierten Marktregeln es zulassen), verantwortungsbewusst gegenüber Mensch und Natur zu handeln. Aber dass es im System der Weltwirtschaft und im System der internationalen Finanzwirtschaft große Ungerechtigkeiten gibt, die dazu führen, dass die Reichen weltweit immer reicher und die Armen immer ärmer werden, Ungerechtigkeiten, die es möglich machen, dass einige ohne eigene Arbeit, nur durch Spekulation und „kreatives Anlagemanagement“, ungeheure Reichtümer ansammeln, während gleichzeitig andere trotz eigener harter Arbeit nicht das Nötigste zum Leben haben, das ist unbestreitbar. Und solche Systeme wirken sich in der Realität so aus, dass sie Armut, Hunger, Leid und Not in manchen Gegenden der Welt vermehren und dass Menschen, die innerhalb dieser ungerechten Systeme handeln, bewusst oder auch ungewollt daran mitschuldig werden.

Zur Zeit be­steht die Gefahr, dass ein globalisierter (und damit von keinen staat­lichen Instanzen kontrollierbarer) Turbo-Kapitalismus auf der Suche nach Zinsen und Gewinnen unvorstellbare Geldsummen auf dem „freien Kapitalmarkt“ hin und her schiebt, sodass dieser die Bodenhaftung in Form von echten Wirtschaftsleistungen und erarbeiteten Werten verliert. Dieses Geld soll gar nicht mehr dazu dienen, irgendwo wirtschaftli­ches Handeln zu ermöglichen, etwas zu produzieren, eine Ware zu handeln oder eine Dienstleistung zu finanzieren, sondern das Geld wird zum „Selbstwert“, das nur dazu da ist, wieder „Geld zu machen“. Das kann eine Zeit lang vordergründig sehr erfolgreich sein, es kann ganze Volkswirtschaften aufblähen und zu schnellen Scheinblüten treiben, bis das ganze System aus Mangel an echt erarbeiteten Werten plötzlich kollabiert und dabei auch die noch gesunden Teile der Wirtschaft mit in den Untergang reißt und ganze Völker in bitterer Armut zurücklässt, während sich das „freie Kapi­tal“ schon längst woanders wieder neue lukrative „Spielräume“ erschließt. Wobei man noch hinzufügen muss, dass ein beträchtlicher Teil der Vermögenswerte, die in der globalen Finanzwirtschaft umgesetzt werden, aus verbrecherischen Systemen des internationalen Drogen-, Waffen- und Menschenhandels stammen, die den internationalen Finanzmarkt als „Geldwaschanlage” nutzen.

Gewiss kann und darf man nicht Millionen von Menschenopfern der einen oder anderen Ideologie miteinander vergleichen und gegeneinander aufrechnen. Dennoch: Wenn man die Opfer des Liberalismus (in seiner entarteten Form des kalten Raubtier-Kapitalismus) zählen könnte, er käme wohl nicht besser weg (weder zahlenmäßig, noch in der kalten Menschenverachtung des Handelns) als der Nationalismus oder der Kommunismus.

Aber Achtung: Bevor wir alle Formen von Liberalität verurteilen, sollten wir genauer hinsehen: In der Realität unserer Gegenwart haben wir zwei wirtschaftlich und politisch aktive Systeme, die sich beide „liberal“ nennen und die doch in der Realität völlig verschieden denken und handeln und völlig verschiedene Ziele verfolgen:

Da sind zuerst eine große Anzahl Unternehmer, Politiker, Journalisten, Juristen, Wissenschaftler …, denen es um die Freiheit der Menschen geht, die sich für Menschenrechte und Gleichberechtigung einsetzen* und für gerechte Teilhabe aller in der Gesellschaft und an den Früchten der Wirtschaft und Arbeit. Das sind echte Liberale.

* siehe den Beitrag „Freiheit als Menschenrecht“

Aber da gibt es noch eine zweite, deutlich kleinere Gruppe von Marktteilnehmern, aber versehen mit sehr viel Geld, unterstützt von trickreichen Lobbyisten und ausgestattet mit sehr viel Medienmacht, die sich auch „liberal“ nennen, die aber ein Konzept verfolgen, das in eine ganz andere Richtung zielt und das man eher liberalistisch nennen könnte.

Die liberalistische Vorstellung von Wirtschafts- und Finanzsystemen ist eine egoistisch fehlgeleitete und verabsolutierte Interpretation der liberalen Idee. Aus dem berechtigten und zutiefst menschlichen Streben nach Freiheit wurde im Liberalismus eine zunächst auf wirtschaftliche Belange bezogene, aber dann auch allgemeingültige gesellschaftliche Theorie und Ideologie, die dem „Freien Markt”, dem freien Spiel der Kräfte, den Selbstregulierungsmechanismen der wirtschaftlichen und politischen Prozesse eine geradezu göttliche Allmacht zugeschrieben: Der „Markt” (wenn er nur frei ist von allen einschränkenden Regulierungen) wird alles richten; er wird die Interessen ausgleichen und die Bedürfnisse befriedigen und langfristig gesehen wird er die Lösung aller Menschheitsprobleme in Gang setzen.

Wenn man genauer hinsieht, stellt man aber fest, dass diese Ideologie dazu geführt hat, dass heute globale Wirtschafts- und Finanzmächte weltweit das Geschehen bestimmen und die ersehnte Freiheit unter dem Diktat der Marktbeherrschung und Gewinnmaximierung erstickt wird. Freiheit wird nun in der Realität liberalistischer Systeme (z. B. in der Realität der gegenwärtigen globalen Wirtschafts- und Finanzsysteme) vor allem verstanden und praktiziert als „Befreiung” der Erfolgreichen, Finanz-Starken und Wirtschafts-Mächtigen von allen ethischen Einschränkungen und sozialen Verpflichtungen. So sieht die „Freiheit” des verabsolutierten Liberalismus aus!

Kurz zusammengefasst: „Liberal“ bezeichnet eine humane Geisteshaltung, „liberalistisch“ bezeichnet eine in der Konsequenz inhumane Ideologie.

Die Freiheit bleibt Gabe und Aufgabe für alle Menschen und Gemeinschaften in allen Kulturen, mit allen Stärken und Schwächen. Um die Bewältigung dieser Aufgabe voranzubringen, um den Egoismus und die Gleichgültigkeit zu überwinden und die Anwendung von Freiheitsrechten stabiler und krisenfester zu machen, muss es allgemein und weltweit anerkannte Menschenrechte geben, die unser Rechtsempfinden stützen

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Weiterlesen im folgenden Beitrag: Freiheit als Menschenrecht

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Bodo Fiebig Freiheit als Gabe und Aufgabe Version 2019 - 4

© 2019, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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