Anmeldestatus

Du bist nicht angemeldet.

www.chajimweschalom.de

Bereich: Grundlagen der Gesellschaft

Thema: Friede auf Erden?

Beitrag: Ursachen des Unfriedens III: Kultur und Motivation (Bodo Fiebig, Version 2017-7)

In jeder Kultur gibt es durchgehende Motivationskräfte, die über alle situationsbedingten Besonderheiten hinweg das Handeln der Menschen, zwar oft unbewusst, aber doch sehr entscheidend mitbestimmen.

In der europäisch-nordamerikanischen Kultur stehen für diese Motivationskräfte die Begriffe „Erfolg und Misserfolg“ in Vordergrund. Der sichtbare und messbare Erfolg bestimmt das Ansehen, ja den gesellschaftlichen „Wert“ einer Person. Man muss Erfolge vorweisen können, egal auf welchem Gebiet, um anerkannt zu sein. Aber wer hat schon als „Normalbürger“ jemals die Möglichkeit, echte, herausragende und sozial anerkannte Erfolge zu präsentieren? Noch dazu in einer Gesellschaft, deren Mythen die Messlatte für „Erfolg“ in unerreichbare Höhen ansetzen: Vom „Tellerwäscher zum Millionär“ oder vom „Start-up-Unternehmer, der in der heimischen Garage an Computer-Teilen schraubt, zum Multimilliardär mit weltweiten Geschäftsbeziehungen“, oder: vom „Hinterhof-Kicker zum millionenteuren Fußball-Idol“, vom „Mädchen von Nebenan zum umjubelten Film-Star“. Gemessen an solchen Erfolgs-Fantasien sind zwangsläufig 99,9% aller realen Lebensläufe Misserfolgs-Geschichten!

In einer solchermaßen erfolgsorientierten Gesellschaft werden mangelnde Erfolge zu Misserfolgen, und Misserfolge (die ja ganz verschiedene Ursachen haben können, auch Ursachen, auf die der Einzelne gar keinen Einfluss hat) werden im sozialen Kontext als persönliches Versagen interpretiert. Wer keine sichtbaren Erfolge vorweisen kann, ist ein Versager; aber wer will und kann schon dauerhaft als Versager leben?

Erfolgserlebnisse sind in Gesellschaften, die von Erfolgs/Misserfolgs-Motiven geleitet sind und die sich zudem noch an marktliberalistisch-kapitalgesteuerten Denk- und Handlungsmodellen orientieren, fast immer von materiell-finanziellen „Erfolgen“ abhängig. Der Lebens-Erfolg wird am Kontostand abgelesen oder an der Position auf der Karriere-Stufenleiter. Wer will sich da noch in Bereichen engagieren, die keine in Euro und Dollar zählbaren Erfolge versprechen? Ein ehrenamtlicher Rettungssanitäter, der seine Freizeit opfert und freiwillig und unbezahlt Menschen in Not hilft und Menschenleben rettet, ist kein anerkanntes Erfolgsmodell. Ein Fußballspieler, der besonders erfolgreich runde Bälle in viereckige Tore kickt, hingegen schon. Und seine „Leistung“ wird im Extremfall mit Euro-Millionen honoriert.

Wer keine Chance sieht, berufliche und finanzielle „Erfolge“ zu erringen, muss auf andere Felder ausweichen: Ein „Sex-Macho“, der sich damit brüstet, wie viele Frauen er „rumgekriegt“ und „flachgelegt“ hat, eine „Party-Maus“, die von Einladung zu Einladung hastet, und bei keinem der angesagten Events fehlt ..., das sind „Erfolgsmodelle“ von gestern. Das „Smartphone-Zeitalter“ bietet neue Möglichkeiten: Die ungeheure Popularität der „sozialen Medien“ wie „Facebook“ oder „YouTube“ liegt zum Teil auch darin begründet, dass sie Schein-Angebote für „sozialen Erfolg“ machen, zählbar und vorzeigbar: Wie viele „clicks“ hat mein Urlaubs-Filmchen bekommen (und was müsste ich das nächste Mal anziehen oder ausziehen, tun oder lassen, damit es noch mehr werden?), wie viele „likes“ kriegt mein Foto von dem Verkehrsunfall, an dem wir gestern vorbeikamen? Je krasser, desto mehr! Die Zahl der „clicks“ und „likes“ bestimmt meinen Wert in der Weltöffentlichkeit des Internet und (vor allem!) im Kreise meiner Facebook-“Freunde“! Das geht so weit, dass Notärzte, Feuerwehrleute und Rettungshelfer bedrängt und behindert, manchmal sogar körperlich angegriffen werden, weil die Smartphone-Filmer um die besten Aufnahme-Positionen kämpfen, um die verletzten und blutenden Unfallopfer möglichst formatfüllend abzubilden, und um dann für ihre Filme im Internet noch mehr likes und clicks zu bekommen. Der Erfolg zählt und kann App-gezählt und mit anderen verglichen werden!

Die wirklich Erfolgreichen und Mächtigen wissen, dass sie der „Masse“ der Ohnmächtigen und wenig Erfolgverwöhnten ab und zu ein Paar Erfolgserlebnisse gönnen müssen, damit sie nicht unruhig wird: Ein Multimilliardär, der nach hartem Kampf seinen Wahlerfolg feiert, ruft seinen Wählern zu: „Das ist euer Sieg“. Und die Millionen von armen Leuten an den Fernsehgeräten fühlen sich einen Moment lang glücklich wie echte Sieger. Dass der Gewählte dann vor allem Politik für die Reichen machen wird, steht auf einem anderen Blatt. Ein Konzernchef bedankt sich bei seinen Mitarbeitern für ihren „großartigen Einsatz und ihre Treue zum Unternehmen“, obwohl er schon weiß, dass er bei der nächsten Umstrukturierung Hunderte von ihnen entlassen wird.

Damit wir uns nicht missverstehen: Selbstverständlich braucht jeder Mensch in seinem Leben und Tun auch Erfolg und Anerkennung. Daran ist nichts Negatives. Entscheidend ist aber, wie sehr wir unser Selbstbild und die Einschätzung unserer Mitmenschen von materiellen, zählbaren, an bestimmten Positionen und Rangplätzen erkennbaren Erfolgen bestimmen lassen.

Eine Gesellschaft, in der vor allem der vorzeigbare Erfolg über den Rang und den Wert eines Menschen entscheidet, ist in der Gefahr, das Leben als Wettkampf zu bestreiten: Schneller, besser, höher, reicher, erfolgreicher, darauf kommt es an! Und wenn man selbst nur wenig eigene Erfolge vorweisen kann, so kann man sich doch über andere erheben, indem man den Konkurrenten/die Konkurrentin durch Mobbing im Internet klein macht, sie sozial, psychisch und physisch schwächt, ja zerstört. Das menschliche Miteinander wird kälter, die Auseinandersetzungen härter und die Ausgrenzung der „Verlierer“ und „Versager“ konsequenter und folgenreicher.

Im Extremfall kann die Erfolgs-Misserfolgs-Orientierung einer Gesellschaft über Krieg und Frieden entscheiden. Mancher erfolgverwöhnte Politiker ist zumindest in der Versuchung, in Zeiten nachlassender Popularität im eigenen Volk außenpolitische Feindbilder aufzubauen, um im Kampf „die anderen, die uns schaden wollen“ neue Zustimmung und Begeisterung für sich selbst zu gewinnen.

Die Frage ist: Wie kommen wir aus dieser „Motivationsfalle“ heraus? Wir werden unsere kulturelle Prägung (in unserem Falle die Erfolgsorientierung), die in Jahrhunderten entstanden und gewachsen ist, nicht von heute auf morgen loswerden können. Das ist auch gar nicht notwendig, vielleicht nicht einmal wünschenswert. Es kommt vielmehr darauf an, den Inhalt des Begriffes Begriff „Erfolg“ neu zu definieren und ihn mit neuen Werten zu füllen. Es liegt an uns, was wir als „Erfolg“ ansehen wollen! Vielleicht könnte unser Rettungssanitäter (siehe oben) doch ein Modell für „Erfolg“ werden, wenn wir die Rettung eines Menschenlebens (oder auch schon die Hilfe für einen Leichtverletzten oder den Einsatz einer Großmutter für ihr Enkelkind, das Engagement eines Entwicklungshelfers in Afrika, den Erfolg eines Streitschlichters zwischen zwei verfeindeten Gruppen, der eine gewalttätige Auseinandersetzung verhindert hat …) höher einschätzen als finanziellen Gewinn oder tausend „likes“ im Internet. Es liegt an uns.

Und: Es liegt ganz entscheidend an den Medien, wie sie unsere Lebenswirklichkeit darstellen. Denn die Medien bilden unsere Wirklichkeit nicht einfach nur objektiv ab (das können sie gar nicht) , sondern sie geben diesen „Abbildungen“ (und manchmal auch Zerrbildern) manchmal offensichtlich und manchmal unterschwellig Wertungen mit, die unsere Einstellungen wesentlich mitbestimmen. Dabei kommt es nicht so sehr auf die einzelne Darstellung an, sondern auf die Fülle von sich immer wieder gegenseitig bestätigenden und bestärkenden Wertungsmustern, die in der Summe ein Wertediktat ergeben, dem man kaum entkommen kann.

Allerdings ist das Erfolgs/Misserfolgs-Muster nicht das weltweit einzige kulturbedingte Motivationsmodell. Andere Kulturen haben andere Antriebskräfte.

In manchen Kulturen spielen die Begriffe „Ehre und Schande“ eine entscheidende Rolle. Das „Gesicht zu wahren“ ist höchster Wert. Selbst eine nur „gefühlte“ Minderung der (persönlichen oder Familien-) Ehre wird dann vielleicht schon als existenzbedrohliche „Schande“ empfunden. Die Wiederherstellung der als beschädigt empfundenen Ehre hat höchste Motivationskraft und manchmal können nur Blut und Tod des „Entehrers“ die Ehre wieder herstellen.

Entscheidend wäre auch hier, dass man neu definiert, was als „ehrend“ oder „entehrend“ verstanden wird. Und ganz sicher könnte man auch in diesen Kulturen die entscheidenden Begriffe (in diesem Fall „Ehre“ und „Schande“) so mit neuem Inhalt füllen, dass die negativen Motivationen gemildert und die positiven gestärkt werden (so dass z. B. so etwas wie „Friedensbereitschaft“ und „Vergebung“ in ganz konkreten Fällen als „ehrend“ empfunden werden kann). Freilich: Da ich selbst diesen Kulturkreisen nicht angehöre und auch nicht längere Zeit in ihnen gelebt habe, bin ich völlig ungeeignet, dafür irgendwelche Vorschläge zu machen. Aber vielleicht gibt es ja Leser dieses Beitrags, die da aus eigener Erfahrung tiefergehende Analysen und weiterführende Gedanken einbringen könnten.

In wieder anderen Kulturen haben z. B. die Erfahrungen von Sicherheit und Bedrohung in Verbindung mit Vertrautem und Fremdem einen besonders hohen Stellenwert. Der Familien- und Stammesverband bietet Schutz und Sicherheit; hier fühlt man sich geborgen und gestärkt. Das Fremde, Unbekannte, wo man nicht unter Angehörigen und „daheim“ ist, wird hingegen als bedrohlich, als un-heim-lich empfunden. Die Kehrseite dieser Motivation sind oft Familien- und Stammesfehden, die manchmal über Generationen das Miteinander belasten, oder ist z. B. eine ausufernde Korruption, die, wo immer das möglich ist, den Familienangehörigen und Stammesmitgliedern ungerechtfertigte Vorteile zuschiebt.

Wir merken: Alle diese Motivationen sind selbstverständlich in allen Kulturen vorhanden. Und doch spielen bestimme Antriebe in bestimmten Kulturen eine besondere und bestimmende Rolle.

Es gibt neben den hier genannten sicher noch eine ganze Reihe solcher kulturbedingten Motivationen, die mir nicht bekannt sind. Es wäre gut, wenn auch dazu noch Erfahrungen und Ideen angefügt werden könnten.

Alle diese kulturbedingten Denkmuster von Erfolg und Misserfolg, Ehre und Schande, Vertrautheit und Fremdheit usw. können erhebliche, ja dramatische Folgen für das Miteinander von Personen und Gruppen haben, ja schlimmstenfalls über Krieg oder Frieden entscheiden. Deshalb soll im folgenden Beitrag „Den Frieden suchen“ nach Beispielen Ausschau gehalten werden, wo Entwicklungen des Unfriedens und der Verfeindung in Prozesse der Entfeindung und Versöhnung umgewandelt wurden.

.

Die Thema „Friede auf Erden?“ enthält derzeit folgende Beiträge: (Der eben verwendete Beitrag ist gelb markiert)

Die Ursachen des Unfriedens I, Das Erbe der Frühzeit

Die Ursachen des Unfriedens II, Das Erbe der Generationen

Die Ursachen des Unfriedens III, Kultur und Motivation

Den Frieden suchen

Dem Frieden dienen

.

© 2017 Bodo Fiebig Kultur und Motivation, Version 2018-2

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

Vervielfältigung, auch auszugsweise, Übersetzung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen und jede Form von kommerzieller Verwertung nur mit schriftlicher Genehmigung des Verfassers

Schreibe einen Kommentar

Community

Aktuelle Informationen

Infos zu Themen, Entwicklungen, Vorhaben ...

                                                    

Mitarbeit

Hier kann man mitmachen!

                                                     

Gedanken, Anregungen, neue Themen

Du hast eigene Ideen zu "Chajim we Schalom" (Leben und Frieden)? Hier ist der richtige Ort dafür.

                                                     

registrieren und anmelden

Hier kannst du dich  registrieren lassen und anmelden. Das ist dann notwendig, wenn du zu einem der Themenbeiträge einen Kommentar schreiben willst.

                                                     

bitte beachten

                                                     

Impressum