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Bereich: Grundlagen der Gesellschaft

Thema: Friede auf Erden?

Beitrag 4: Nähe und Ferne (Bodo Fiebig 2017- 12)

1 Der zweite Feind

Der große Feind des Friedens ist der (individuelle und kollektive) Egoismus. Ja, das stimmt, aber der ist dabei nicht allein. Der zur Gewalttätigkeit neigende Egoismus hat bei seinem friedenszerstörenden Wirken noch eine sanfte, aber mächtige Komplizin: Die große Gleichgültigkeit. Sie ist der zweite große Feind des Friedens. Und: Die beiden sind Zwillinge: Je mehr ein Mensch nur noch mit sich selbst beschäftigt ist, mit seinen eigenen Interessen, Wünschen und Bedürfnissen, desto weniger interessiert er sich für die Interessen, Bedürfnisse und Wünsche anderer - oder auch für deren Nöte und Leiden.

Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ (Sie erinnern sich noch an diesen Werbespot?); die Werbeprofis wissen genau mit welchen Themen man das Interesse und den Konsum der meisten Menschen anheizen und lenken kann. Mit Themen wie „Verantwortung“, „Bescheidenheit“ oder „Nachhaltigkeit“ lässt sich nicht gut der Umsatz ankurbeln. Das gilt nicht nur im Bereich der Wirtschaft. Sogar bei politischen Wahlen haben die Politiker mit den Themen „Geld“ (Löhne und Renten), „Auto“ (keine Fahrverbote!) und „mehr Wohnungen“ (vor allem in Großstädten) wesentlich mehr Chancen auf Stimmengewinne als mit Themen wie „die Krise der Demokratie“, „Macht und Menschlichkeit“ oder „die Herausforderung der persönlichen Freiheit“ (wobei Geld, Autos und Wohnungen ja nicht unwichtig sind, aber eben nicht allein wichtig). Wohlstand und Bequemlichkeit für alle (und vor allem für mich), das sind für viele die Maßstäbe für gute Politik und die Politiker, die auf die Wählerstimmen angewiesen sind, richten sich danach.

Dabei sind die meisten Menschen auf Themen wie „Verantwortung“, „Bescheidenheit“ und „Nachhaltigkeit“ durchaus ansprechbar, am ehesten aber dann, wenn sie etwas mit ihrem unmittelbaren Nahbereich zu tun haben. In dreierlei Weise:

Mit dem räumlichen Nahbereich. Wir sind von unserer natürlichen Veranlagung her auf das fixiert, was in unserer unmittelbaren Umgebung vor sich geht. Wie geht es den Mitgliedern meiner Familie, den Nachbarn, den Freunden? Wo bekomme ich Hilfe, wenn ich sie nötig habe und von woher könnte mir Gefahr drohen? Die Vorgänge im räumlichen Nahbereich betreffen mich direkt. Das ist verständlich, denn in den Jahrtausenden, in denen die menschlichen Instinkte und Verhaltensmuster herausgebildet wurden, war nur dieser Nahbereich von Bedeutung. Es gab noch keine Waffen, die weiter reichten als eine Speerwurfweite und kein Informationssystem, das weiter reichte als der Klang der Stimme oder einer Trommel. Und mit Menschen, die mehr als ein paar Kilometer entfernt wohnten, hatte man kaum jemals etwas zu tun. Nun aber leben wir mit dieser Grundausstattung der besonderen Wahrnehmung für den Nahbereich in einer Welt, in der die Nach-Wirkungen von Ereignissen und die Auswirkungen von Handlungen globale Folgen haben: Die Abgase meines Autos sind Mit-Verursacher für das Abschmelzen des Grönlandeises. Mein Einkauf im Supermarkt hat Auswirkungen auf das Leben von Kleinbauern in Mittelamerika und die politischen Entwicklungen am Persischen Golf beeinflussen den Preis, den ich an der heimischen Tankstelle zu bezahlen habe ... Das überfordert unsere Aufmerksamkeit und unser Verantwortungsgefühl.

Ähnlich ist es beim zeitlichen Nahbereich. Was gestern war, beschäftigt uns noch heute. Das war bei unseren Vorfahren in der Steinzeit nicht anders. Aber was vor einem Jahr geschehen ist oder vor 10 Jahren, das gehörte damals schon zum exklusiven Erfahrungsschatz derer, die diese Zeit bewusst miterlebt – und überlebt hatten. Was in der Vergangenheit über das Lebensalter der „Alten und Weisen“ von vielleicht 50 Jahren hinausging, war schon Mythologie, Erzählung der Alten am Lagerfeuer von fernen sagenhaften Zeiten. Ebenso eng war der zeitliche Nahbereich, der in die Zukunft reicht. Die Erfahrenen wussten: Wenn Scharen von Vögeln in Richtung der Mittagssonne ziehen, dann werden die Tage kürzer und dunkler, dann muss man Vorrat sammeln für den kalten, kargen Winter. Viel weiter als einen Jahreskreis oder höchstens ein Lebensalter in die Zukunft sehen zu wollen, wäre unsinnig gewesen, es hatte einfach keine Bedeutung. Wir aber leben in einer Zeit, wo wir ziemlich genau erkennen können, wie das Verhalten unserer Vorfahren vor Jahrhunderten unser Leben in der Gegenwart mitbestimmt und wo wir in etwa abschätzen können, welche Auswirkungen unser Lebensstil und unser Konsumverhalten noch in Jahrhunderten (z. B. beim Klimawandel) haben werden. Das überfordert unser Zeitempfinden und unsere Fähigkeit zur Zukunftsvorsorge.

Noch schwieriger abzustecken ist der dritte, der emotionale Nahbereich. Freude und Trauer, Mitgefühl und Mitleid, Wertschätzung und Ablehnung, Liebe und Hass … das Zusammenspiel solcher Emotionen spielt sich weitgehend in den direkten Beziehungen ab zwischen Menschen, die sich unmittelbar gegenüber stehen (oder die sich zumindest im Nahbereich persönlicher Begegnungen befinden). Aber: Was empfand der Bomberpilot, als er die Bombe über Hiroschima ausklinkte? Fühlte er etwas von dem hundertausendfachen Sterben, das er mit diesem einen Handgriff auslöste? Er hatte keinen der im Höllenfeuer der Bombe Sterbenden gekannt oder gar gehasst. Was empfindet ein Spezialist am Computer, der eine unbemannte ferngelenkte Rakete ins Ziel steuert? Und was empfindet er später, wenn er erfährt, dass diese eine Rakete nicht die Kommandozentrale der gegnerischen Streitkräfte traf, sondern eine Hochzeitsgesellschaft, die zufällig in der Nähe war? Und was wird ein Programmierer empfinden, der einem mit „künstlicher Intelligenz“ ausgestatteten Kampfroboter eine friedliche Millionenstadt als „feindlich“ einprogrammiert?

Unsere emotionalen Fähigkeiten sind weitgehend auf einen engen Nahbereich ausgerichtet. Ein Kind, das neben uns hinfällt, sich das Knie aufschlägt und seinen Schmerz lauthals herausschreit, weckt das Mitleid auch eines sonst sehr abgestumpften Zeitgenossen. Aber ein Kind, das im Jemen zwischen den Bombenkratern seiner Stadt verletzt liegt und verblutet oder im Südsudan zwischen den Fronten des Bürgerkriegs verhungert? Die große Gleichgültigkeit ist oft auch einfach eine Überforderung unserer emotionalen Kapazitäten.

Die Redakteure von Zeitungen und Fernsehnachrichten versuchen den Spagat zwischen weltweiter Information und persönlicher Nähe, indem sie die Nachrichten personalisieren und emotional auffüllen. Und das gelingt bei einzelnen dramatischen Ereignissen (wie einem tropischen Wirbelsturm mit seinen verheerenden Folgen) relativ gut. Aber kann das auch gelingen, wenn es z. B. um die verworrenen Zusammenhänge der Weltwirtschaft, der Umwelt- und Energiepolitik oder internationaler Abrüstungsbemühungen geht, oder um die Machenschaften globaler Datengiganten, um mögliche Folgen der Entwicklung von „künstlicher Intelligenz“ und um die destruktiven Eingriffe fremder Geheimdienste in die internen Abläufe von Demokratien? Wohl kaum. Dabei wissen wir: Die Folgen der gegenwärtigen Wirtschafts- und Energiepolitik oder das Scheitern internationaler Abrüstungsverträge und die Auswirkungen der Machenschaften globaler Datengiganten, die möglichen Folgen der Entwicklung „künstlicher Intelligenz“ und die destruktiven Eingriffe fremder Geheimdienste in die internen Abläufe von Demokratien werden unsere Zukunft viel stärker durcheinanderwirbeln und viel mehr Opfer fordern als der stärkste Hurrikan.

Wir müssen lernen, diese Erde (die ganze Erde, als den einzigen Lebensraum, den wir haben) als unseren räumlichen, zeitlichen und emotionalen Nahbereich zu verstehen und zu pflegen. Wenn das nicht gelingt, werden unser Egoismus und unsere Gleichgültigkeit den Boden auf dem wir stehen, in ein Höllenfeuer verwandeln. Aber wie soll das gehen, dass das Ferne uns so nahe kommt, dass es uns berührt und bewegt, dass etwas Fremdes uns so vertraut wird, dass es vertrauenswürdig erscheint? Man kann ja das Denken und Fühlen des Menschen nicht so einfach umprogrammieren. Es scheint alles so aussichtslos. Aber vielleicht gibt es doch Wege aus der selbstgemachten Misere (siehe die folgenden Beiträge „Den Frieden suchen“ und „dem Frieden dienen“). Hier sollen nur noch zwei „Annäherungen an den fernen Nächsten“ versucht werden:

2 Die Fremdheitsschranke durchbrechen

Vielleicht ist es Ihnen auch schon mal so gegangen: Da hatte man ein bestimmtes Bild von jemanden (von einem Einzelnen oder einer bestimmten Gruppe), von denen man schon so viel gehört oder gelesen hatte und jahrelang war dieses Bild fraglos richtig und schien sich immer wieder zu bestätigen. Dann aber hatte man eine direkte und persönliche Begegnung mit diesen Menschen und auf einmal war alles ganz anders. Alle die vorgefertigten und festzementierten Vorstellungen lösten sich in Luft auf. Der (die) war(en) ja doch ganz anders, als man immer gemeint hatte! Die betreffenden Personen waren aus dem Fern-Bereich (und der kann manchmal schon an der nächsten Haustür beginnen) in den Nah-Bereich eigener Erfahrungen, direkter Begegnung, intensiven Austausches gekommen. Man hatte „die anderen“ selbst erlebt und als Menschen (nicht nur als vorgeprägte Menschen-Bilder) wahrgenommen. Man hatte die Unterschiedlichkeit zur eigenen Prägung und Mentalität, zum eigenen Lebensstil und den eigenen Umgangsformen erfahren und zugleich eine menschlich-mitmenschliche Vertrautheit, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Als extremes Beispiel für eine „Verfremdung“, die eine ganze Gruppe von Menschen in ein bestimmtes Bild presst, und die jede tatsächliche Begegnung mit diesen Menschen verweigert, um zu verhindern, dass die eigenen Vorurteile mit der Wirklichkeit konfrontiert werden könnten, möchte ich einen Ausschnitt aus einer Rede von Heinrich Himmler zitieren, einem der Hauptakteure des Holocaust im Nazi-Deutschland. Er sagte am 4. Oktober 1943 vor SS-Führern in Posen: „Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit ein ganz schweres Kapitel erwähnen (…) Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht: „Das jüdische Volk wird ausgerottet“, sagt ein jeder Parteigenosse, „ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.“ Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude. Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn fünfhundert da liegen oder wenn tausend da liegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Das ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibende Ruhmesblatt unserer Geschichte.“

Hören wir genau hin, was dieser millionenfache Mörder hier ausspricht: Von den „braven 80 Millionen Deutschen“ seiner Zeit kennen die meisten nur einen oder wenige Juden persönlich. Und dieser eine Jude, den sie tatsächlich kennen, der ist „ein prima Jude“. Die vielen anderen Juden, die sie nicht kennen, das sind „Schweine“, die ausgerottet werden müssen, klar, das steht ja auch im Parteiprogramm. Nun kennt aber jeder der 80 Millionen Deutschen einen anderen Juden persönlich. Und das bedeutet im Endeffekt, dass (nach der Aussage Himmlers!) fast alle Juden in Deutschland „prima“ sind, und dass man das auch merkt, wenn man sie persönlich kennenlernt. Welch ein Zeugnis stellt hier der oberste SS-Führer ungewollt dem deutschen Judentum aus!

Das zeigt uns: Wir werden Menschen, die wir als irgendwie „anders“ empfinden, dann eher verstehen und annehmen, wenn wir Begegnung und Nähe zulassen. Wenn wir mit Menschen, die uns „fremd“ erscheinen, im Frieden zusammenleben wollen, dann müssen wir diese „Fremdheitsschranke“ überwinden, und das geht nur, indem wir die persönliche Begegnung mit ihnen suchen, indem wir ihnen unsere Aufmerksamkeit zuwenden und ihnen die Bereitschaft öffnen, sie unvoreingenommen wahrzunehmen. Menschen, die wir persönlich kennen, werden wir nur in seltenen Fällen als „Feinde“ betrachten, es sei denn, dass wir auch unseren räumlichen Nahbereich mit „Fremdheitsschranken“ umstellen. Eine immer weitergehende „Ent-Fremdung“ gegenüber den Menschen, mit denen wir irgendwelche Probleme haben, ist eine unbedingte Voraussetzung für einen friedlichen Umgang miteinander.

Freilich ist es ratsam, gegenüber Unbekannten auch eine vernünftige Vorsicht walten zu lassen. Nicht jeder, der auf uns zukommt, tut das mit guten Absichten. Jemandem, den man noch nicht gut kennt, seine Wertsachen anzuvertrauen, ist sicher keine gute Idee. Vertraulichkeit ist nicht der erste Schritt des Kennelernens.

Allerdings genügt es zum Kennenlernen auch nicht, als Tourist ein paar Selfies vor den „Touristenhighlights“ eines fernen Landes zu machen. Man muss schon die echten Begegnungen suchen, da wo Menschen leben und arbeiten. Dazu muss man nicht immer um die halbe Welt reisen. Man könnte schon z. B. damit beginnen, ab und zu im türkischen Laden um die Ecke einzukaufen oder beim arabischen Friseur in der nächsten Straße die Haare schneiden zu lassen. Außerdem hilft uns die moderne Technik: Wir hatten nie so viele Möglichkeiten, zu unseren (in Kilometern gemessen) entferntesten Mit-Menschen sehr nahe und persönliche Beziehungen aufzunehmen. Aufgeschlossene Mitmenschlichkeit, auch mit den räumlich oder persönlich-kulturell Entfernten, könnte so einfach sein.

3 Die richtigen Geschichte erzählen

Der Mensch ist seit Jahrtausenden ein Geschichtenerzähler und Geschichtenversteher. Schon am Lagerfeuer der frühen Steinzeitmenschen wurden Geschichten erzählt von tapferen Helden, die gegen das Böse (den Drachen) oder die Bösen (die Feinde) gekämpft haben, die schöne Häuptlingstochter befreit und den eigenen Stamm vom Untergang gerettet. Solche Geschichten waren wichtig, um den Zusammenhalt im eigenen Familienclan zu stärken und die Kampfbereitschaft gegen „die anderen“ zu erhöhen. Geschichten sind nicht nur Erfundenes und damit Bedeutungsloses, sondern sie sind Deutungsmuster für unsere Erfahrungen, sind Erklärungsmodell für Undurchschaubares, Bewältigungsstrategie für Angstmachendes, Sinn-Stifter für unser Leben und Erleben (heute auch oft nur noch Nervenkitzel für übersättigte und abgestumpfte Konsumenten).

Wir Menschen sind seit Jahrtausenden bis heute Geschichtenerzähler geblieben. Nie wurden so viele Geschichten erfunden und erzählt wie heute: In Büchern, Filmen, Schau-Spielen, Liedern, Games, Events … Nur: Wir erzählen heute die falschen Geschichten. Wir erzählen immer noch die Geschichten vom tapferen Helden (dem Krimi-Kommissar, der den Verbrecher fängt, von der Journalistin, die böse Machenschaften aufdeckt und James Bond, der wieder einmal die Welt retten muss …) der gegen das Böse und die Bösen (die Maffia, die Internet-Gangster und Umweltvernichter ...) ankämpft und die Menschheit vom Untergang rettet.

Unsere Geschichten haben fast alle eine ähnliche Grundstruktur. Wir, die Guten, gegen die andern, die Bösen. Ob Krimi oder Action-Abenteuer, ob Beziehungsgeschichte oder Zukunftsphantasie ..., das Grundmodell ist immer das gleiche: Kampf der Guten (mit denen wir uns identifizieren) gegen die Bösen (die wir ablehnen und bekämpfen). Und die meisten Autoren lassen ihre Geschichte „gut“ ausgehen: Der Verbrecher wird gefasst, die Verschwörung der Mächtigen aufgedeckt, die intrigante Nebenbuhlerin ausgeschaltet, die Welt gerettet … Manchmal lässt man die Geschichte auch böse enden und hinterlässt dann ein Gefühl von Enttäuschung und Hilflosigkeit. Diese Geschichten setzen voraus, dass die entscheidenden Weichenstellungen in den Geschichten der Menschheit im Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ geschehen. Und das mag ja manchmal und im Detail auch richtig sein. Aufs Ganze gesehen aber sind das die „falschen Geschichten“. Es gibt in der Realität dieser Welt nicht die Menschen, die einfach nur „gut“ oder nur „böse“ sind. Und es ist naiv, zu meinen, das Böse sei überwunden, wenn man die Bösen ausgeschaltet hat. Das Gute ist in jedem Menschenleben möglich, das Böse auch. Das gilt für einzelne ebenso, wie auch für Völker, Staaten, Kulturen und Religionen. Wer sie pauschal in gut oder böse einteilt, hat den Weg des Friedens schon verlassen (siehe das Thema „gut und böse“).

Die Geschichten von den guten Helden sind heute die falschen Geschichten. Wir können nicht mehr die Welt retten, indem wir als einzelne „Helden“ (oder kleine „Helden-Teams“) die Bösen bekämpfen. Aber: Wer erzählt die heute richtigen und wichtigen Geschichten? Wer erzählt die Geschichten, die uns (z. B.) die verworrenen Zusammenhänge der Weltwirtschaft, der Umwelt- und Energiepolitik oder internationaler Abrüstungsbemühungen in einem spannenden und anschaulichen Erzählstil so vor Augen führen, dass die öden Statistiken der Fachleute zu leben und zu sprechen beginnen? Wer kann die nüchternen und unbequemen Wahrheiten unserer Zeit so erzählen, dass sie uns ansprechen, dass sie uns zu Herzen gehen und dort ein neues Verstehen auslösen? Es geht nicht mehr um die einsamen Helden, die unsere Erde retten, sondern um Formen gemeinsamen Ringens um die großen Themen unserer Gegenwart und Zukunft, über alle Grenzen der Generationen, Völker, Rassen, Kulturen und Religionen hinweg. Also: Nicht „wir, die Guten, gegen die andern, die Bösen“, sondern "wir, wir alle, in denen das Gute und das Böse als Impuls und Möglichkeit immer (beide!) gegenwärtig sind, miteinander im Mühen für die Entfaltung und Verwirklichung des Guten und miteinander im Mühen um das Zurückdrängen des Bösen“. So sollte das Grundmotiv unseres Erzählens lauten. Nur wenn wir die Geschichten unserer Gegenwart und Zukunft neu erzählen, werden wir sie auch neu verstehen. Nicht als Herausforderung zum Kampf, sondern als Einladung zum Miteinander und Füreinander allen Menschseins.

Im folgenden Beitrag „Den Frieden suchen“ soll anhand einiger Beispiele deutlich gemacht werden, wie in der Realität von Völkern und Gemeinschaften ein dauerhafter Frieden tatsächlich gefunden und verwirklicht wurde, nämlich da, wo ehemalige Feinde begannen, miteinander Schritte der Ent-Fremdung, Ent-Feindung und Ver-Söhnung zu gehen. Solche Geschichten gibt es in der Realität einzelner Menschen und Gruppen tausendfach und in relativ seltenen Sternstunden der Menschheit auch zwischen Völkern, Kulturen und Religionen. Aber das wissen bestenfalls Historiker. Sonst scheint das niemanden zu interessieren. Es gibt offenbar kaum jemanden, der (oder die) solche Geschichten vom wachsenden Miteinander der Völker, Kulturen und Religionen mit der Darstellung von berührenden Ereignissen und Vorgängen in räumlicher, zeitlicher und emotionaler Nähe, mit bewegender Schilderung persönlicher Schicksale und mit spannungstragender Dichte des Handelns erzählen mag. Warum eigentlich? Fähige Erzähler(innen) gäbe es genug.

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Weiterlesen im folgenden Beitrag: Den Frieden suchen

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Bodo Fiebig Nähe unbd Ferne Version 2019 - 4

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