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Themenbereich: Grundlagen der Gesellschaft

Thema: Globalisierung

Beitrag 4: Ethische Grundlagen einer gobalen Gesellschaft Bodo Fiebig, 2018-1

Was sollte eine globale Gesellschaft zusammenhalten, wenn sie „nur“ in gleichberechtigte und eigenverantwortliche Regionen gegliedert wäre? Was sollte die dann notwendige Kommunikation und Kooperation „auf Augenhöhe“ regeln? Wie sollten überregional bedeutende Projekte verwirklicht werden? Wie sollten sich dann Streitfälle schlichten und Interessenkonflikte beilegen lassen? Wie sollten Frieden und Sicherheit gewährleistet werden? Die Antwort für eine globale Gesellschaft lautet: Nicht durch zentrale Anwendung von Macht, sondern durch gemeinsame Akzeptanz ethischer Grundsätze. Eine regional differenzierte globale und demokratische Gesellschaft ist ohne eine gemeinsame und alle verpflichtende ethische Grundlage nicht lebensfähig.

Eine solche ethische Grundlage müsste aus zwei gleichgewichtigen Aspekten bestehen: Erstens aus einem formulierten Menschenrecht, das für alle Menschen ohne Ausnahme gleiche Rechtsbedingungen schafft (siehe das Thema „Recht und Unrecht“, dort sind Grundsätze eines globalen Menschenrechts ausformuliert, die können hier nicht wiederholt werden) und zweitens aus einer inneren ethischen Gesinnung (wenigstens bei einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung, alle wird man sicher nicht erreichen), die bereit ist, jedem Mitmenschen die gleichen Rechte und den gleichen Wert zuzumessen, wie sich selbst.

Global gültige Menschenrechte und ethische Normen und regional zuständige Verwaltungseinheiten, durch die solche Normen in konkret politisches Handeln umgesetzt werden und die als gleichberechtigte Partner regional und überregional kooperieren, das ist ein Gesellschaftsmodell, das der entstehenden globalen Weltgesellschaft angemessen wäre.

1 Weltöffentlichkeit und Weltethik

Noch nie in den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte gab es, so wie heute, eine gemeinsame, alle Länder und Kontinente umfassende Weltöffentlichkeit (trotz aller Abschottungsmaßnahmen, mit denen totalitäre Regime ihre Bürger von eben dieser Weltöffentlichkeit fernzuhalten versuchen). Noch nie waren die politischen, wirtschaftlichen, finanziellen, juristischen, aber auch wissenschaftlichen, kulturellen, weltanschaulichen und religiösen Belange der ganzen Menschheit so eng miteinander verbunden und so sehr voneinander abhängig wie heute. Wir stehen, wie nie zuvor, an einer Zeitenwende, an der Wende von den traditionell verschieden geprägten Regional-Gesellschaften zu der einen globalen Menschheits-Gesellschaft.

Ich will das mit dem Bild von einer Seenlandschaft verdeutlichen: Stellen wir uns vor: In einer weiten Talsenke liegen mehrere verschieden große Seen, in die verschiedene Zuflüsse münden: kleine Bäche mit klarem Wasser, aber auch verseuchte Abwässer von Häusern und Fabriken. Jeder dieser Seen hat seinen besonderen Charakter, je nach seiner Lage, der Wasserqualität und den Pflanzen und Tieren, die in ihm leben. Manche der Seen sind noch relativ sauber und gesund, andere enthalten soviel Abfall und Giftstoffe, dass sich in ihnen kaum noch Leben regt. Nun aber ist eine nie dagewesene Überschwemmung im Gang, eine globale Daten- und Informationsflut ungeheuren Ausmaßes. Alle Dämme sind gebrochen; alle Wasser strömen ineinander und vermischen sich; ein einziger großer See entsteht. Noch halten die Selbstreinigungskräfte des großen Sees der Verschmutzung stand, aber er steht auf der Kippe. Schon eine kleine Menge von zusätzlichem klaren Wasser (oder auch von neuem Schmutz) kann darüber entscheiden, ob die Ökobilanz des ganzen Sees kippt, ob der große „See” (= globale Gesellschaft) und die kulturelle Vielfalt in ihm als friedlicher und menschenwürdiger Lebensraum erhalten bleibt oder nicht.

Durch eine weltweite Kommunikation, die es diesem Umfang, in dieser Intensität und Dichte noch niemals gegeben hat, entsteht aber nicht nur eine die ganze Menschheit umfassende Weltöffentlichkeit, sondern (meist unbewusst und von den meisten unbemerkt) auch eine neue, alle Kontinente und Kulturen übergreifende gemeinsame Weltethik, die nach und nach die ethischen Grundpositionen der einzelnen Kulturen, die in Jahrtausenden und in relativer Isolation entstanden waren, ablöst und ersetzt. Diese Entwicklung ist schon längst im Gange. Die Meinungsmacher und Mega-Trends können soziale Bewegungen auslösen, die in kürzester Zeit rund um den Globus laufen. Wir haben gar nicht mehr die Option zu sagen: „Wir wollen das nicht, wir wollen unsere eigene bei uns gültige Ethik beibehalten.“ Unsere Gegenwart heute ist der Zeitraum, in dem eine kollektive Ethik der Menschheit, also das, was weltweit und über die Grenzen der verschiedenen Kulturen hinweg, als richtig oder falsch gilt, was als erwünscht oder unerwünscht, erlaubt oder verboten, „gut” oder „böse” angesehen und gewertet wird, und die Ansicht (ja, im schlimmsten Falle der Zwang), wie man „korrekterweise” zu denken, zu reden und zu handeln hat, seine entscheidende und für lange Zeit gültige Ausformung und Begründung erfährt.

Die Entstehung einer Weltethik ist zunächst einmal positiv zu werten, als nie dagewesene Chance, das Zusammenleben aller Menschen auf eine einheitliche und gemeinsame ethische Grundlage zu stellen. Es ist ja beides für eine menschenwürdige Entwicklung der Zukunft lebensnotwendig: Einerseits eine regionale Verankerung der Völker und Kulturen mit regionaler und überregionaler Kooperation ihrer Institutionen und andererseits ein weltweit gültiges und gemeinsam verantwortetes ethisches Fundament.

Die Globalisierung ist unausweichlich, aber es ist noch nicht entschieden, in welche Richtung sie sich entwickeln wird. Sie kann eine großartige soziale, politische wirtschaftliche und ethische Erneuerung der Menschheit bewirken. Sie kann aber auch eine nie dagewesene Bedrohung darstellen. Ob der kalte, egoistische Selbstbehauptungswille der verschiedenen Individuen und gesellschaftlichen Interessengruppen in harter Konkurrenz und rücksichtsloser Durchsetzungskraft den Ton angeben wird (vielleicht auch eine ideologisch-religiöse Weltbevormundung, ein weltumfassender Gesinnungsterror) oder ob es eine Mitmenschlichkeit sein wird, die auch den Schwachen und Bedürftigen ihren Lebensraum lässt, in der die in Jahrtausenden gewachsenen Kulturen ihren Lebens- und Entfaltungsraum haben und welche die Freiheit des Denkens und Glaubens, des Redens und Lebens garantiert, das wird heute und in der allernächsten Zeit entschieden. Und diese Entscheidung wird wohl für lange Zeit gültig bleiben.

Gewiss, die Völker der Erde können nun zu der einer Menschheitsfamilie werden, wie es seit den Anfängen von Gott gemeint und gewollt war. Wenn aber dann nicht die Menschenfreundlichkeit und die Nächstenliebe diese Welt regieren, sondern die Bosheit, die Habgier und das Machtstreben, die Lüge und die Verführung, der Betrug und die Ausbeutung, wenn dann die ökonomischen, ideologischen oder religiösen Absolutheitsansprüche das Handeln der Mächtigen bestimmen, mit Unterdrückung und Gewalt, mit Kampf und Krieg, dann wird diese Herrschaft so total sein wie nie zuvor. Dann werden die Fliehenden keinen mehr Ort haben, wo sie in Sicherheit wären. Dann werden die Verfolgten kein Land mehr finden, das sie aufnehmen und ihnen Schutz gewähren könnte. Noch nie war die Menschheit als Ganzes, bis zur letzten einsamen Südseeinsel, so dem Zugriff globaler Mächte ausgeliefert wie heute und noch mehr in der Zukunft.

Die Frage ist nur, was wird diese Zukunft bestimmen? Wird es die aufbauende Macht der Liebe sein oder die zerstörende Gewalt des (individuellen und kollektiven) Egoismus? Diese Frage wird heute und in den nächsten Jahren für lange Zeit entschieden. Und wir sind aufgefordert, diese Entscheidungsphase mitzugestalten. Christen aus verschiedenen Ländern und Kulturen, in verschiedenen Konfessionen und Gruppierungen, jeweils beheimatet in einer konkreten Glaubens- und Lebensgemeinschaft aber weltweit verbunden und vernetzt, können entscheidend dazu beitragen, dass nicht die Habgier, das Machtstreben und die Selbstüberhöhung die künftige globale Menschheits-Gesellschaft bestimmen, sondern die Menschenliebe Gottes, die zum Vor-Bild und Anstoß wird für ein sich wandelndes Klima weltweiter und kulturübergreifender Mitmenschlichkeit (Siehe das Thema „AHaBaH – das Höchste ist Lieben“). Entscheidend dafür ist auch die Frage, welches Menschenbild wir haben.

2 Was ist der Mensch?

(Siehe dazu auch den Themenbeitrag „Adam – wer bist du?“, dort werden die Zusammenhänge ausführlicher darfgestellt).

Die Bibel sagt: Materiell gesehen ist der Mensch gar nichts Besonderes. „Staub vom Erdboden” ist er, heißt es da (1. Mose 2, 7; siehe das Thema Schöpfungsglaube und modernes Weltbild”.) Und die Bibel hat recht: Die Atome, aus denen ein menschlicher Körper zusammengesetzt ist, unterscheiden sich in nichts von denen, die den „Staub vom Erdboden” bilden. Auch biologisch gesehen ist der Mensch nichts Besonderes. Biologisch funktioniert er genau so wie jedes andere Lebewesen auch. Und genetisch ist er den Säugetieren ganz eng verwandt. Das Besondere des Mensch-Seins liegt nicht in seiner Materie und nicht in seiner Biologie. Worin aber dann? Was macht denn dann das Mensch-Sein des Menschen aus? Die Bibel sagt: Das Besondere am Menschen liegt in seiner Berufung, liegt in dem, was er sein kann und werden soll (siehe das Thema „sein und sollen“). Jedes Tier erfüllt den Sinn seines Daseins allein schon durch sein Da-Sein als Mit-Geschöpf im Beziehungsgefüge des Lebens. Es kann seinen Lebenssinn nicht verfehlen. Der Mensch aber hat die Erfüllung seines Lebenssinns als Aufgabe bekommen, die er erfüllen oder auch versäumen kann. Er ist das einzige Lebewesen, das den Sinn seines Daseins nicht in sich selbst hat, sondern ihn suchen und finden und als Berufung annehmen muss. Aber was ist das für eine Berufung? Das steht schon auf der ersten Seite der Bibel: 1.Mose 1, 26-27 (wörtliche Übersetzung):: Und (es) sprach Gott: Machen wollen wir Menschen in unserem Bild, gemäß unserer Gleichheit. (...) Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bilde Gottes schuf er ihn ...

Der Mensch ist im Vergleich zu allem Vorangegangenen eine wirkliche Neuschöpfung Gottes, trotz seiner biologischen Nähe zu den Säugetieren. Und dieses „ganz Neue“ ist nicht materieller und nicht biologischer Art, sondern besteht in einer besonderen, nur die Menschen betreffenden Berufung: Die Schöpfung „Mensch“ soll „Bild“ sein, Ikone – Ikone Gottes, das heißt: sichtbare Darstellung des Schöpfers in der Schöpfung, anschaubare Vergegenwärtigung Gottes mitten in einer scheinbar gottlosen Welt. Dabei ist aber der Mensch keine optische Abbildung Gottes, als wäre Gott ein Wesen mit menschenähnlicher Gestalt, mit Armen und Beinen, mit Augen, Mund und Nase… (dann wäre ja Gott ein Abbild des Menschen, und so haben sich Menschen zu allen Zeiten ihre Götter vorzustellen versucht).

Nein, der Mensch ist keine optische Abbildung Gottes sondern eine wesentliche. Durch das Menschsein soll das Wesen Gottes in der Schöpfung anwesend sein. Aber, wer ist Gott, was ist denn sein eigentliches Wesen? Und wozu hat er uns geschaffen und was erwartet er von uns? Die Antworten auf solche Fragen sind von uns aus nicht zugänglich. Wir können mit den Mitteln menschlicher Erkenntnisfähigkeit nur so viel von Gott erfassen und mit den Mitteln menschlichen Sprache nur so viel von Gott aussagen, als er selbst sich uns offenbart.

Und Gott hat sich offenbart: In der Schöpfung, in der Geschichte Israels, im Leben, Reden und Handeln Jesu, auch in der Geschichte der Christenheit der vergangenen 2000 Jahre und in der Weltgeschichte und Heilsgeschichte bis heute. Und in dieser Selbstoffenbarung Gottes über Jahrtausende hinweg können wir wahrnehmen, dass die Existenz Gottes wesentlich in einem „In-Beziehung-Sein“ besteht, einem „In-Beziehung-Sein“, das wir mit den Mitteln der menschlichen Sprache (freilich völlig unzureichend, aber wir haben keine Alternative) mit dem Begriff „Liebe“ umschreiben. (siehe auch das Thema AhaBaH – das Höchste ist lieben“)

In der Bibel klingt das so: 1. Joh 4, 7-8: „Ihr Lieben, lasst uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.“ Das also (das, was hier mit dem Begriff „Liebe” umschrieben wird), das ist es, was das Gott-Sein Gottes ausmacht, sie ist sein eigentliches „Wesen”, seine „Substanz”, seine „Identität”.

Die Bibel beschreibt (in deutscher Übersetzung) das Wesen Gottes in drei Worten: Gott - ist - Liebe. Damit ist alles Wesentliche über den Gott der Bibel ausgesagt: Sein Wesen ist ein „Für-den-andern-da-sein“ in voraussetzungsloser Annahme, uneingeschränkter Zuwendung, unerschütterlicher Treue und opferbereiter Hingabe. Und diese Liebe, die das Gott-Sein Gottes ausmacht, die soll nun als sein „Ebenbild” auch das Mensch-Sein des Menschen bestimmen. Das, was das Menschsein des Menschen ausmacht, ist die Fähigkeit zu lieben. Zu lieben aus bewusster Hingabe an ein Du. Zu lieben, auch wenn es für das eigene Ich Nachteile einbringt. Zu lieben, und koste es das eigene Leben.

Solche Liebe, die sich bewusst an ein Gegenüber hingibt, die nicht sich selbst erhöhen, sondern dem andern zur Erfüllung seines Menschseins und zur Freude am Dasein helfen will, die sich aus freiem Willen für eine Gemeinschaft engagiert und die sich sogar selbst unter Zurückstellung des eigenen kreatürlichen Lebenswillens für das Gefährdete und Verlorene einsetzen kann, um es zu retten, das ist das Göttliche, das sich im Menschsein widerspiegeln soll als sein Ebenbild und das durch den Menschen in der Schöpfung gegenwärtig und wirksam sein soll.

Diese Liebe soll zur Überwindung des universalen Ego-Prinzips der Evolution werden im Miteinander der Menschen. Sie ist das Gegenmodell zum „Kampf ums Dasein”, zum Prinzip vom „Fressen und Gefressen-werden” die sonst alles Leben beherrschen. Mitten in einer Natur, in der jedes Lebewesen um seinen Lebensraum und seine Lebensmittel kämpfen muss, schafft Gott mit dem Menschen ein Geschöpf, das die Möglichkeit hat, seinen Lebensraum bewusst als Raum der Gemeinschaft zu gestalten und seine Lebens-Mittel im bewussten Miteinander und Füreinander zu erwerben.

Wer und wie ist Gott? In der Bibel lesen wir nichts darüber wie Gott aussieht, aber die Bibel ist von der ersten bis zur letzten Seite voll davon, was Gott tut, was er aus Liebe tut. Darin also, im Tun der Liebe, soll der Mensch, soll jede menschliche Gemeinschaft, ja soll das Menschsein als Ganzes ein erkennbares „Abbild“ Gottes werden. Wer mich sieht, der sieht den Vater, sagt Jesus (Joh 14,9). Damit spricht Jesus für sich das aus, was eigentlich die Berufung allen Menschseins ist: Bild Gottes zu sein. Wenn man die Menschen anschaut, nicht wie sie aussehen, sondern wie sie miteinander leben und miteinander umgehen und wie sie einander lieben, dann soll man eine erste, vorsichtige Ahnung davon bekommen: So ist Gott.

Diese Verwirklichung des Menschseins als „Bild Gottes” musste und muss in jeder zeitgeschichtlichen Epoche und in jedem kulturellen Umfeld neu erkannt und konkretisiert werden. In unserer Gegenwart sehen wir uns dabei der noch nie dagewesenen Herausforderung gegenüber, dies im Rahmen einer globalen Gesellschaft zu versuchen. In ihr entsteht eine für viele ganz neue Situation, wo die bisher mehr oder weniger abgegrenzten politischen, wirtschaftlichen, ethnischen, kulturellen und religiösen Eigenarten, Besonderheiten und Interessen einerseits ineinander verfließen, andererseits aber eine Nähe, Häufigkeit und Intensität der Begegnung erfahren, durch die neue Gemeinsamkeiten, aber auch neue Spannungsfelder und Konfrontationen entstehen können. In all dem soll und kann die Berufung des Menschseins als Ebenbild seines Schöpfers zur Grundlage einer Ethik der Mitmenschlichkeit werden, wo Menschen lernen, ihre jeweils „Nächsten“ zu lieben wie sich selbst.

 

3 Gemeinsame ethische Grundüberzeugungen

Um ein friedliches und gerechtes Miteinander von Menschen und Gruppen zu erreichen, genügt es nicht (so notwendig das ist), Gesetze aufzustellen und ihre Anwendung durchzusetzen oder dies wenigstens zu versuchen. Wenn Gesetze nur als von außen aufgezwungene Verhaltensregeln und Verbote aufgefasst werden, so reizen sie manche Menschen geradezu, diese zu umgehen, vor allem dann, wenn man auf diese Weise für sich selbst Vorteile herausschlagen kann. Dann kann es zu einem fast schon sportlichen „Wettkampf“ kommen zwischen Ordnungskräften (der Polizei) und den Bür­gern, die kaum noch ein Unrechtsbewusstsein haben, wenn sie Gesetze übertreten, ja, die insgeheim ein wenig stolz darauf sind, es wieder mal so geschickt angestellt zu haben, dass man nicht „erwischt“ worden ist. Gesetze allein verhindern nicht, dass Gesetzlosigkeiten geschehen und Menschenrechte allein verhindern nicht, dass Menschen Unrecht zugefügt wird. Zu einem von außen vorgegebenen Katalog von Menschenrechten muss noch eine eigene innere Einstellung kommen, eine ethische Grundüberzeugung, welche die meisten Menschen für sich selbst als verpflichtend erachten und die sie selbst trotz aller eigenen menschlichen Begrenzungen und Schwächen zu verwirklichen trachten. Um in einer globalen Gesellschaft im Frieden zu leben, braucht die Menschheit nicht nur von allen anerkannte Menschenrechte, sondern auch eine allen gemeinsame und selbstüberzeugte „Ethik der Mitmenschlichkeit“.

Aber, kann es das wirklich geben: Gemeinsame ethische Grundüberzeugungen, welche Angehörigen aller Religionen ebenso wie die Vertreter religionsloser Weltanschauungen aus allen Völkern und Kulturen bejahen und und in ihrem Miteinander aktiv anwenden könnten? Ich meine: ja. Im Folgenden soll das in einigen ganz einfachen Grund-Sätzen dargestellt werden. (Siehe auch das Thema „Weltreligionen und biblischer Glaube“)

Das Größte ist die Liebe, diesen Satz aus dem sogenannten „Hohelied der Liebe“ der Bibel (1. Kor 13) können wohl (fast) alle Menschen unterschreiben. Die Liebe ist etwas, das alle Menschen bewegt und verbindet. Das gilt für die Liebe zwischen den Geschlechtern ebenso, wie für jede Aufgeschlossenheit und positive Zuwendung zwischen Einzelnen und Gemeinschaften, zwischen Völkern, Rassen, Kulturen, Religionen ... Liebe ist die Fähigkeit und Bereitschaft von sich und den eigenen Erfahrungen, Einsichten, Wünschen, Bedürfnissen ... zeitweise wegzuschauen und sich erwartungsvoll und vertrauensvoll auf ein Gegenüber einzulassen, das anders ist als man selbst. Dass Liebe und Zuneigung richtiger sind als Egoismus und Ablehnung, dieser Grundsatz gilt in allen Weltanschauungen, Religionen und Kulturen. Zum Grundpfeiler einer globalen „Ethik der Mitmenschlichkeit“ könnte diese Einsicht aber nur dann werden, wenn es eine grundsätzliche Übereinstimmung gäbe in der Frage, was denn mit „Liebe“ gemeint sein sollte. Der Begriff „Liebe“ ist ja einer der meistgebrauchten und meistmissbrauchten Begriffe in allen Sprachen der Menschheit. Um als Grundlage für eine elementare Menschheits-Ethik zu dienen, müsste dieser Begriff drei entscheidende Elemente umfassen: Offenheit, Güte und Treue.

a) Offenheit:

Voraussetzung für „Liebe“ im weitesten Sinne ist Aufgeschlossenheit für Andere und für das Anders-Sein. Ohne solche grundsätzliche Aufgeschlossenheit für das von mir (von uns) Verschiedene ist menschliches Miteinander nicht möglich, denn alle Menschen sind verschieden. Offenheit ist das Gegenteil von individueller und kollektiver Selbstverliebtheit, Selbstbezogenheit und Selbstüberhöhung, das Gegenteil von unveränderlichen Vor-Eingenommenheiten, Vor-Festlegungen, Vor-Urteilen, das Gegenteil von Ablehnung, Abwertung und Hass gegenüber „den anderen“. Die Einsicht und Überzeugung, dass Offenheit und Zuwendung grundsätzlich besser sind als Verschlossenheit und Ablehnung gegenüber allem Andersartigen und Fremden, ist in jeder Weltanschauung und Religion möglich. Solche Offenheit schließt eine grundsätzliche Friedensbereitschaft gegenüber allen Menschen und Gemeinschaften mit ein.

Diese grundsätzliche Übereinstimmung bedeutet aber nicht, dass solche Offenheit in realen Situationen auch immer praktiziert wird. Die Einsicht, dass alle Menschen verschieden sind und ihre je eigene Persönlichkeit, Lebensgeschichte und Identität haben und zugleich die feste Überzeugung, dass alle Menschen bei aller Verschiedenheit doch gleichwertig sind und gleichwertige Lebens-Erwartungen haben und gleichermaßen ein Recht auf Lebensqualität und Lebenserfüllung, diese Einsicht und Überzeugung sind leider nicht bei allen Menschen in allen Weltanschauungen, Religionen und Kulturen gleichermaßen entwickelt. Dass jede Form von Herabwürdigung, Feindschaft und Hass gegen Andere und Andersartige falsch ist (und das meint auch die jeweils eigenen, tief verwurzelten Haltungen), das müssen die meisten Menschen erst noch mühsam lernen. Diese ethische Grundüberzeugung ist aber die Voraussetzung für positive Beziehungen zwischen Einzelnen und Gemeinschaften und muss, um der Lebensfähigkeit der globalen Gesellschaft willen, weiterentwickelt werden.

Eine globale Ethik der Mitmenschlichkeit braucht die Bereitschaft und Offenheit, persönliche, ethnische, kulturelle und religiös-weltanschauliche Verschiedenheit zuzulassen und anzunehmen und ihr Raum zu geben.

b) Güte:

Offenheit (siehe oben) öffnet einen Raum, in dem so etwas wie „Liebe“ möglich werden kann. Offene Räume können aber ganz verschieden gefüllt werden; mit Gutem oder mit Bösem. Und hier haben wir das gleiche Problem wie bei dem Begriff “Liebe“: Verschiedenen Menschen können ganz verschiedene Einstellungen, Entscheidungen und Handlungsweisen „gut“ oder „böse“ nennen. Gemeinsame ethische Grundpolitionen sind nur möglich, wenn viele, ja möglichst alle Menschen die gleichen Einstellungen, Handlungsweisen und Entscheidungen als „gut“ oder „böse“ bezeichnen und versuchen das Gute zu tun und das Böse zu meiden (siehe auch das Thema „gut und böse“). Es braucht also Grundaussagen über „gut“ und „böse“, die von möglichst vielen Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensumständen, Kulturen, Religionen und Weltanschauungen angenommen und bejaht werden können. Im Folgen versuche ich, zwei solche Grundaussagen zu formulieren:

Mit „böse” können wir jede Einstellung, jedes Vorhaben und jede Tat bezeichnen, die bewusst, absichtlich und aus vorwiegend eigensüchtigen Motiven anderen Menschen Schaden und Leid zufügen wollen.

Mit „gut” können wir jede Einstellung, jedes Vorhaben und jede Tat bezeichnen, die bewusst, absichtlich und aus vorwiegend uneigennützigen Motiven andern Menschen wohltun oder helfen, ihn schützen oder fördern wollen.

Wer wollte leugnen, dass es das so bezeichnete „Böse” gibt und dass es ungeheure Auswirkungen hat im Miteinander von Menschen, vom Zusammenleben einer Familie bis zum Zusammenleben von Völkern, dass es Ursache ist von Hass und Gewalt, Streit und Krieg, von millionenfachem Hunger, Leid und Not? Und wer, außer einem böswilligen Zyniker, wollte leugnen, dass es auch das im oben genannten Sinn gemeinte „Gute” gibt und dass ohne dieses ein friedliches Zusammenleben von Menschen gar nicht möglich wäre? Ohne Unterscheidung von gut und böse im Bezug auf menschliches Verhalten (nicht auf die Personen), auf Worte und Taten ebenso, wie auf Absichten und Einstellungen, ist eine lebenswerte Gemeinschaft unter Menschen nicht möglich.

Dass das Gute richtiger ist als das Böse, das ist Konsens in allen Weltanschauungen, Religionen und Kulturen. Freilich gehört dann auch dazu, dass der Wille, das Gute zu tun und zu fördern nicht nur auf die eigenen Angehörigen, Freunde, Gemeinschaften … beschränkt bleibt, sondern dass er die Beziehungen zu allen Menschen bestimmen soll. Eine grundsätzliche Bereitschaft zum Guten ist dann auch im Miteinander von Menschen und Gruppen Voraussetzung für jede konkrete Form von Gerechtigkeit. Oder biblisch gesprochen: „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung“ (Röm 13, 10) oder (3. Mose 19,18/ Mt 22,39): „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ („lieben“ ist in der Bibel nicht in erster Linie als Gefühlswallung zu verstehen, sondern als ein Verhalten und Tun, das einen anderen freuen, ihm wohltun, ihm helfen und ihn fördern kann).

Gutes geschieht nicht von allein, man muss es wollen und tun. Ob man dann immer alles erreicht, was man Gutes beabsichtigt, ist eine andere Frage, aber entscheidend ist der ehrliche Wille.

c) Treue

(oder Verlässlichkeit). Verlässlichkeit ist in allen Beziehungen unbedingt notwendig. Wenn ich auf der Straße gehe und mich nicht darauf verlassen kann, dass der Autofahrer, der auf mich zukommt, die Verkehrsregeln kennt und sich entsprechend verhält, oder dass ein Lkw-Fahrer, der auf eine Menschenmenge zufährt, wirklich hier nur Waren abliefern will und nicht die Absicht hat, in die Menge zu fahren und möglichst viele Menschen zu töten, dann kann ich nicht mehr ohne Furcht auf die Straße gehen. Ähnliches gilt z. B. im Geschäftsleben. Wenn ich nicht sicher sein kann, ob meine Kunden ihre Rechnungen auch bezahlen, wie soll ich dann mein Geschäft betreiben? Oder wie sollen Staaten und Firmen international handeln, wenn geltende Verträge nicht eingehalten werden? Oder: Wenn ich davon ausgehen müsste, dass jede Information, die ich (woher auch immer) bekomme, auch eine Lüge sein kann, dann wären meine Handlungsspielräume von größter Unsicherheit erfüllt. Ohne eine grundlegende Verlässlichkeit sind Beziehungen zwischen Menschen nicht möglich. Noch viel existenzieller und unbedingt notwendig sind solche Treue und Verlässlichkeit in direkten persönlichen Beziehungen, in einer Ehe, Familie oder Partnerschaft.

Dass Treue (Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit) richtiger ist als Lüge, Untreue und Unzuverlässigkeit, das gilt in allen Weltanschauungen, Religionen und Kulturen. Es muss nur noch die Einsicht und Entschiedenheit gefestigt werden, das solche Treue gegenüber allen Menschen (nicht nur gegenüber den Angehörigen der eigenen Familie, der eigenen Gruppe oder sozialen Klasse, des eigenen Volkes ...) richtig und notwendig ist. Erst dann wird sie zum Fundament von Sicherheit und Recht.

So haben wir in dem Begriff der Liebe mit den Aspekten der Offenheit, der Güte und der Treue das Fundament und die tragende Säule einer möglichen globalen Ethik, die von allen Menschen aus allen Weltanschauungen, Religionen und Kulturen bejaht, anerkannt und umgesetzt werden kann.

Freilich ist damit die Frage nach gemeinsamen ethischen Grundüberzeugungen für eine globale Gesellschaft nur angerissen und sie bedarf einer weiten und detaillierten Entfaltung. Hier geht es nur darum, aufzuzeigen, dass eine solche gemeinsame kultur-, religions- und weltanschauungsübergreifende Menschheitsethik tatsächlich möglich wäre. Im folgenden Beitrag „Auf dem Weg zu einer globalen Mitmenschlichkeit“ soll das noch etwas verdeutlicht werden.

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Das Thema „Globalisierung“ enthält gegenwärtig folgende Beiträge (der eben verwendete Beitrag ist gelb markiert):

Globalisierung – Segen oder Fluch?

Globale Gesellschaft und staatliche Verfassung

Personalität und Identität in einer globalen Gesellschaft

Ethische Grundlagen einer globalen Gesellschaft

Auf dem Weg zu einer globalen Mitmenschlichkeit

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Bodo Fiebig Ethische Grundlagen einer globalen GesellschaftVersion 2018-1

© 2013, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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