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Bereich: Grundlagen der Gesellschaft

Thema: Wahrheit und Wirklichkeit

Beitrag 2: Die Macht der Lüge (Bodo Fiebig 2017- 8)

 Jede Information, ob in Form von Sprache, von Eindrücken, von Ereignissen, von Ursache-Folge-Wirkungen usw. prägt unser Empfinden und unser Bewusstsein mit, wenn es um die Fragen geht „wie ist diese Welt beschaffen, wie finde ich mich in ihr vor und welches Handeln ist jetzt richtig und angemessen?“ Das bedeutet aber: Die Lüge ist nicht nur einfach eine sachliche Falschinformation. Sie bewirkt etwas. Sie bewirkt unter anderem auch eine Fehlprägung unseres Weltbewusstseins (im Kleinen wie im Großen).

Jede bewusste Lüge ist auch eine bewusste Fehlsteuerung unserer Umweltwahrnehmung und bewirkt eine Verfälschung dessen, was im Beitrag „Weltwahrnehmung und Weltverständnis“ unsere „Weltverinnerlichung“ genannt wird. Solche Verfälschungen bewirken, dass sich unser Verständnis der Welt nach und nach immer weiter von den Realitäten dieser Welt entfernt. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn es sich dabei um vereinzelte Nebensächlichkeiten handeln würde; im wörtlichen Sinne „tragisch“ kann das aber dann werden, wenn es sich um ein ganzes System von gesteuerten Falschinformationen und Fehldeutungen handelt, die unser Denken und Verhalten im Sinne einer umfassenden Strategie oder Ideologie beeinflussen sollen. So ist es in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Ländern der Erde in gewaltigem Umfang geschehen und mit furchtbaren Folgen. Keine Diktatur der Welt kann ohne die Macht der Lüge existieren. Das gilt auch für die Meinungsdiktaturen, die gegenwärtig auch in den demokratisch verfassten Ländern immer weiter um sich greifen. Einige davon werde ich in diesem Beitrag noch ansprechen.

Dabei geht es den Lügenverbreitern nicht einfach nur um falsche Informationen. Es geht darum, die dem Menschen grundsätzlich gegebene Fähigkeit, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden und sich für die Wahrheit und gegen die Lüge zu entscheiden zu übertölpeln und so die bewusst eingesetzte Lüge als selbstverständliche Wahrheit erscheinen zu lassen. Und es geht dabei (wie immer) um Reichtum und Macht und um die Lust, andere so zu manipulieren, dass man sie für die eigenen Zwecke einsetzen und missbrauchen kann. Drei Bereiche solcher Übertölpelung durch Wahrheitsverfälschung will ich hier anführen:

1Die Verdächtigung des Positiven

2) Verfälschung der Sprache

3) Überwältigung der Wahrheit

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1) Die Verdächtigung des Positiven

Was hier gemeint ist, könnte man als "ungewollte Kehrseite der Werbung" bezeichnen. Werbung ist zunächst einmal und ursprünglich einfach Information. Ein Unternehmen hat ein neues Produkt entwickelt und informiert potenzielle Kunden über das neue Produkt und seine Eigenschaften. Solche Art von Werbung ist nicht zu kritisieren und hat mit Beeinflussung gar nichts zu tun, aber sie ist selten geworden. Und dabei sind noch gar nicht jene Übertreibungen gemeint, welche uns Eigenschaften des Produkts versprechen, die das Produkt selbst tatsächlich gar nicht bieten kann.

Beeinflussung durch Werbung geschieht fast immer durch Aussagen, die gar nicht das Produkt selbst ansprechen. Fast immer sind den Werbeinformationen Botschaften beigemischt, die mit den tatsächlichen Eigenschaften des beworbenen Produkts gar nichts zu tun haben. Wie sollten denn auch die Bilder einer attraktiv aufgemachten jungen Frau in erotisch anziehenden Posen über die Fahreigenschaften eines Autos informieren? Das wollen und sollen sie auch gar nicht. Sie wollen und sollen bewirken, dass der potenzielle Käufer (das sind bei Autos meistens Männer) die positiven Emotionen, welche die Bilder von der jungen Frau bei ihm wecken, auf das Auto überträgt, so dass dieses eine emotionale Attraktivität erhält, die ursprünglich der jungen Werbe-Frau galt. Oder: Das Sehnsuchtsbild von sonnigen, blühenden Wiesen in einer atemberaubend schönen Alpenlandschaft lässt uns im Supermarkt zu einer bestimmten Käsesorte greifen, auch wenn die Milch dafür von Kühen stammt, die in riesigen Ställen mit vollautomatischen Fütterungs- und Melkanlagen stehen und die das Licht des Tages nie gesehen haben.

Nun ja“, könnte man sagen, „solche Werbung ist zwar nicht ganz ehrlich, aber sie schadet ja schließlich niemandem. Die meisten Leute sehen halt gern Bilder von schönen und erotisch attraktiven Menschen, oder Bilder von herrlichen Alpenlandschaften und stimmungsvollen Sonnenuntergängen am Palmenstrand, oder Bilder von glücklichen Paaren und von harmonischen Familien mit lachenden Kindern“. Na, und?

Das ist aber sehr naiv gedacht. Doch, solche Bilder richten Schaden an, unermesslichen Schaden, aber ganz anders als wir meinen. Die modernen Menschen, die ständig von einer Überfülle solcher Werbung umgeben sind, sind ja nicht dumm, jedenfalls nicht so dumm wie manche Werbefachleute meinen. Obwohl die Werbebilder und -Szenen bewusst nicht auf den Verstand der Menschen zielen, sondern auf ihre Gefühle, so wissen sie es doch: Das ist ja nur Werbung, das ist doch alles nicht wahr, falscher Schein, verlogene Verführung. Und so entsteht im Laufe der Zeit bei vielen, unbemerkt und ungewollt, in ihrer Umweltwahrnehmung eine Verknüpfung (wie ein "Link" im Computer-Programm) zwischen den Empfindungen „gut und schön“ und „falsch und verlogen“.

Die Bilder von schönen und erotisch attraktiven Menschen, die Bilder von herrlichen Alpenlandschaften mit klarer Luft und weitem Blick oder von stimmungsvollen, friedlichen Sonnenuntergängen am Palmenstrand, die Bilder von glücklichen Paaren in unbeschwerter Zweisamkeit oder von harmonischen Familien mit lachenden Kindern, die sind ja nicht zufällig ausgewählt. Da haben die Werbepsychologen ganze Arbeit geleistet. Die Werbebilder beschreiben in beeindruckender Kürze das, wonach sich die meisten Menschen sehnen, weil sie es bei sich selbst vermissen. (Übrigens: Auch politische Propaganda ist eine Form von Werbung. Sie ist aber bewusster und zielbewusster auf gesamtgesellschaftliche Beeinflussung ausgerichtet. Ansonsten bedient sie sich genau der gleichen Mittel und Methoden wie die Werbung für Waschmittel, Autos oder Babynahrung).

Wenn aber nun das, wonach sich die Menschen sehnen, in ihrem Unterbewussten mit dem Empfinden „unecht“ verknüpft ist, als etwas, das uns beeinflussen will, etwas zu kaufen, was wir vielleicht gar nicht brauchen, wenn alles, was Menschen als gut und schön empfinden und gerne haben möchten, gleichzeitig (bewusst oder unbewusst) mit dem Urteil „falsch und verlogen“ verbunden ist, dann entsteht eine gesellschaftliche Gesamtatmosphäre des Misstrauens gegen alles, was irgendwie positiv zu sein scheint. Und dann bekommt alles, was negativ erscheint, was gewalttätig und hässlich daherkommt, den Stempel, „unschön, aber wenigstens ehrlich“.

In der „modernen“ Kunst z. B. (in Europa seit den Erschütterungen durch den ersten Weltkrieg) ist es unumstößliches Gesetz: Nur das Negative, das Boshafte und aggressiv Böse, das Gewaltsame und Gewalttätige, das Zerstörte und Zerstörende, das Leidende und das Leid Verursachende, nur das hat Wahrheitswert und das Siegel der Echtheit. Alles Anständige, Gute, Schöne, Freundliche, Hilfreiche, Heitere, Unbeschwerte … ist „Kitsch“, unecht und verlogen (was zur Folge hat, dass die ohnehin schon oft bewusst seichte Trivialisierung des Guten dann noch extra kitschig dargeboten wird, weil es ja nur „Unterhaltung“ sein will und nicht „Kunst“).

Die Werbung mit ihren missbrauchten Sehnsuchtsbildern trägt wesentlich zu einer solchen negativen Einstellung zu allem Positiven bei. Wir sind es so sehr gewöhnt, hinter jeder schönen Fassade etwas verborgen Böses zu vermuten, dass der Begriff „schöne Fassade“ selbst schon zu einem Begriff für etwas versteckt Boshaftes geworden ist. Dass hinter einer "schönen Fassade" auch ein schönes "Haus" sein könnte mit Menschen, die da gern und harmonisch zusammen wohnen, das scheint uns (jedenfalls im Bereich Kunst und Kultur) völlig undenkbar. Die Macht der Lüge in Form der Beeinflussung durch Werbung hat alles Gute unter den Generalverdacht gestellt, in Wahrheit etwas Verlogenes und verborgen Böses zu sein und sie kann in ganzen Gesellschaften eine Atmosphäre des Misstrauens gegen alles positiv Menschliche erzeugen. Die Folge ist: Das Misstrauen gegen das vermeintlich Gute wird nach und nach und je länger je mehr zum offenen Tor für das tatsächlich Böse. Prüfen wir uns doch einmal selbst, wie weit sich diese negative Abwehrhaltung gegenüber allem, was irgendwie gut, schön und menschenfreundlich erscheint, bei uns selbst schon festgesetzt hat.

Ein sehr deutliches Beispiel für die Verdächtigung des augenscheinlich Guten als etwas Verlogenes und verborgen Böses ist das Verhältnis vieler moderner und intellektueller Menschen zu den Kirchen. Der immer schneller gallopierende Ansehensverlust der Kirchen hat seine Haupt-Ursache nicht darin, dass die Kirchen nicht modern genug auftreten, nicht darin, dass in den Kirchen altmodische Ansichten vertreten oder langweilige Gottesdienste gefeiert werden, auch nicht in den Fällen von tatsächlichen Fehlverhalten und Missbrauch von einzelnen Kirchen-Vertretern. Nein, Menschen, in deren Weltverständnis sich diese Verknüpfung von "schön und gut" und "falsch und verlogen" festgesetzt hat (alles, was schön und gut aussieht ist in Wirklichkeit falsch und verlogen), sehen die Kirchen von außen und sie sehen, da gehen Menschen freundlich und liebevoll miteinander um, da gibt es Menschen, die sich um andere kümmern, wenn sie in Not sind, die leben in Gemeinschaften, wie sie diese Beobachter es sich eigentlich für sich selbst auch wünschen und dann können sie gar nicht anders als diese Verknüpfung nachzuvollziehen: Falsch, verlogen und in Wirklichkeit voll heimlicher Bosheit. Alles nur schöne Fassade! Und dahinter?? Und dann kommen große und sehr geschickt gemachte "Kunst-Werke" (z. B. Romane und Filme), die ihnen genau das bestätigen: Ja die Kirche ist in Wirklichkeit im Innern voller Intrigen und Gemeinheit, voller Machtgier, Gewalt und Mord. Da können viele Menschen gar nicht anders als auch diesen Reflex nachzuvollziehen: "Unschön, aber wenigstens ehrlich!" Auch wenn die dargestellen Inhalte solcher Romane und Filme mit der historischen Wirklichkeit der Kirche nichts, aber auch gar nichts zu tun haben, das Urteil steht fest.

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2) Die Verfälschung der Sprache

In George Orwells Roman „1984“ (erschienen 1948) ist schon alles vorgezeichnet, was mit „Verfälschung der Sprache“ gemeint ist, auch, wie eine verfälschte Sprache funktioniert, was sie leisten kann und soll: Die Sprache wird so verändert („Neusprech“), dass sie dem Denken bereits seine Richtung und seine Inhalte vorgibt und unerwünschtes Denken weitgehend unmöglich macht. Im „Ministerium für Wahrheit“ („Miniwahr“) wird die Wahrheit umgeschrieben und alles gelöscht, was an sie erinnern könnte und im „Ministerium für Liebe“ („Minilieb“) werden die Abweichler so lange einer Gehirnwäsche unterzogen und gefoltert, bis sie gar nicht mehr fähig sind, einen Gedanken zu denken, der nicht dem System entspricht („Gedankenverbrechen“). 1946 bis 1948, als Orwell seinen Roman schrieb, hatte er die Diktaturen unter Stalin in der Sowjetunion und unter Hitler in Deutschland vor Augen. In beiden wurde die Verfälschung der Sprache in großem Umfang Teil des politischen Systems.

In Deutschland nannten die Nazis z. B. ihr Programm zur brutalen Ermordung von Hunderttausenden behinderten Menschen „Euthanasie“ (schöner Tod). Den Abtransport der Juden in die Vernichtungslager nannte man „Umsiedlung“, ihre Ermordung hieß „Sonderbehandlung“. Das ganze Programm zur Vernichtung von Millionen jüdischer Menschen hieß „Endlösung“ eines schwierigen Problems (der „Judenfrage“).

Auch heute gibt es solche Sprachverfälschung. So nennt man z. B. in vielen Ländern mit totalitären Strukturen jeden, der eine unliebsame Meinung vertritt oder jeden, der sich sonst irgendwie unangepasst verhält „Terroristen“. Und „Terroristen“ muss man eben „mit allen Mitteln“ bekämpfen! Man muss unliebsame Abweichler (z. B. Journalisten) mit unerwünschten Meinungen nur einfach "Terroristen" nennen und ihre Meinungen "Terrorpropaganda", dann darf man sie ohne Gerichtsurteil gefangennehmen, sie foltern und töten.

Auch in demokratischen Gesellschaften gibt es Bezeichnungen, die jeden, den man damit belegt, sofort zum Kriminellen macht. Ein Beispiel dafür ist das Wort „Phobie“ (eine Phobie ist eigentlich eine psychische Erkrankung im Sinne einer „unangemessenen Angstreaktion mit körperlichen Symptomen“). Unterdessen hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch diese Bedeutung völlig gewandelt und der Begriff wird als unzulässige, ja strafbare Diskriminierung verstanden (Homophobie, Islamophobie usw.). Und so kann man jeden, der eine abweichende und gesellschaftlich unerwünschte Meinung vertritt, kriminalisieren, indem man ihm „Phobie“ vorwirft.

Die Sprache prägt unsere Vorstellungswelt, unsere Einstellungen und Handlungsimpulse mehr als irgendetwas anders. Deshalb kann man mit einer verfälschten und verfälschenden Sprache das Denken und Handeln von Menschen mehr beeinflussen als durch irgend etwas sonst.

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3) Die Überwältigung der Wahrheit

Ich will diesen Abschnitt mit einem Satz aus dem oben genannten Roman George Orwells „1984“ beginnen: Wenn alle die von der Partei verbreitete Lüge glaubten, und alle verfügbaren Dokumente sie gleichlautend wiedergeben, dann ginge die Lüge in die Geschichte ein und würde Wahrheit“. Eine diktatorische Macht muss ihre Lügen gar nicht mit Gewalt durchsetzen. Es ist viel effektiver, die Wahrheit unter der Menge der Lügen einfach zu ersticken und verschwinden zu lassen. Wenn die immer gleichen Lügen von allen Seiten auf die Menschen einströmen, so dass diese Lügen sich gegenseitig immer wieder bestätigen und verstärken, dann werden sie irgendwann als „Wahrheit“ geglaubt.

Heute ist es mit den Mitteln der modernen Kommunikationstechnik möglich, Nachrichten (und das heißt eben auch: Nachrichten-Lügen und bewusste Fehlinformationen) mit einem „Klick“ millionenfach zu verbreiten, schnell, billig und effektiv. Und diese Möglichkeit wird in großer Breite genutzt: Von Geheimdiensten und deren Beauftragten, von Konzernen und deren Werbeabteilungen und Lobbyisten, von Parteien und deren Wahlkampfteams, von NGOs mit verschiedensten Motivationen und Zielen, von Interessenverbänden, Netzwerken, „Think-Tanks“ … Die „Macht der Lüge“ ist in unserer Gegenwart größer, als wir uns das vorstellen können und sie beeinflusst, verändert und bestimmt unsere „Weltsicht“ und unser Verständnis der gegenwärtigen Verhältnisse und Vorgänge mehr als wir ahnen. Solche "Wahrheitsverfälschung" gibt es nicht nur in der Politik, sondern auch im Bereich Wissen und Forschung, in Kunst und Kultur, Reisen und Bildung, Sicherheit und Recht, im Bereich der Ideale und Ideologien usw.

Diese „Umdeutung der Lüge zur allseits geglaubten Wahrheit“ geschieht heute zu einem guten Teil im Namen von „Aufklärung“ und „Modernismus“ durch eine intellektuelle Elite. Ihre Philosophie und ihr Programm heißen „Relativismus und Konstruktivismus“. Davon wird im folgenden Beitrag die Rede sein.

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Weiterlesen im Beitrag „Relativismus und Konstruktivismus

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© 201 Bodo Fiebig „Die Macht der Lüge“,

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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