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Bereich: mitreden - Herausforderungen der Gegenwart

Thema: Die Krise der Demokratie

Beitrag 4: Die Krise des Vertrauens (Bodo Fiebig 2018- 9)

Das Vertrauen in die grundsätzlich positive Grundhaltung im Miteinander von Einzelnen und Gruppen, das Vertrauen in die Stabilität der sozialen Beziehungen und das Vertrauen in die Gültigkeit der Regeln des Zusammenlebens ist der „Kitt” in jeder menschlichen Gemeinschaft, erst recht der Kitt für den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft jedes Staates und in der globalen Staatengemeinschaft.

Unsere Gegenwart am Beginn des 21. Jahrhunderts ist durch einen dramatisch fortschreitenden Verlust solchen Vertrauens gekennzeichnet: Sätze wie „Der Ehrliche ist der Dumme” oder „Jeder ist sich selbst der Nächste” sind Anzeichen für eine schleichende Aushöhlung des gemeinsamen Rechtsempfindens und für eine fortschreitende Entsolidarisierung der Gesellschaft. Der Verlust des Vertrauens zwischen Einzelnen und zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen, der Verlust des Vertrauens in die öffentlichen Institutionen und Amtsträger, der Verlust des Vertrauens zwischen Rassen und Religionen, Völkern und Kulturen sind keine bedauerlichen Schönheitsfehler, sondern Vorboten eines zuerst inneren ethischen, dann auch äußeren sozialen Zusammenbruchs. Dieser Verlust ist deshalb so dramatisch, weil er dem Miteinander der Menschen die stabilisierende Grundlage entzieht.

Wir sind tagtäglich darauf angewiesen, dass wir Menschen, mit denen wir in direktem persönlichem Kontakt sind, grundsätzlich vertrauen können. Stellen wir uns doch einmal vor, wie das wäre, wenn wir bei jedem Menschen, mit dem wir zu tun haben (der Nachbar, der neben uns wohnt, der Mann, der im Bus zur Arbeit hinter mir sitzt), argwöhnen müssten, dass sie uns Böses wollen, uns belügen, betrügen, verletzen oder gar töten wollten! Unsere Existenz wäre aufs Äußerste bedroht. Die einzige angemessene Einstellung gegenüber allem und jedermann wäre das Misstrauen. Schon heute rät die Polizei (mit Recht!) in öffentlichen Aufrufen zu einem „gesunden Misstrauen“ vor allem im Umgang mit dem Internet. Dieses „gesunde Misstrauen“ droht aber immer mehr Bereiche zu erfassen. Es ist ein Alarmsignal für eine ungesunde Entwicklung, durch die einem offenen und entspannten Miteinander der Boden entzogen wird. Das Extrembeispiel dafür ist der Terrorismus. Der internationale Terrorismus will gerade dieses grundsätzliche Vertrauen zerstören und uns einer allgemeinen Verunsicherung mit ständig wachsendem Misstrauen gegen alles und jeden ausliefern.

Menschen, die in totalitären Systemen leben, erfahren es zumindest in Teilbereichen tagtäglich ihren sozialen Umfelds: Jeder Gesprächspartner in einer scheinbar belanglosen Unterhaltung, jeder „Freund“, dem man sich anvertraut, könnte auch ein Spitzel sein, jedes gesprochene Wort könnte bei den „Sicherheitsorganen“ landen. Manchmal hat schon eine unbedachte Bemerkung eines Kindes (z. B. im Nazi-Deutschland unter Hitler) ihre Eltern in die Todesmaschine eines „Konzentrationslagers“ gebracht und manchmal wurden Kinder auch bewusst ausgehorcht, um etwas „Verdächtiges“ über ihre Eltern oder Verwandten zu erfahren (z. B. in der Ex-DDR). Der Verlust des Vertrauens bedeutet Zerstörung von Gemeinschaft auf allen Ebenen.

Das gilt aber nicht nur für das Leben in totalitären Systemen, sondern auch für das Leben in nach außen hin noch gefestigten Demokratien.

Was macht das z. B. mit dem Gemeinschaftsempfinden in einer Schulklasse, wenn jeder jederzeit damit rechnen muss, dass er (oder sie) in einer Situation persönlicher Schwäche oder peinlichen Ungeschicks von anderen mit dem Smartphone fotografiert oder gefilmt wird und die Bilder dann im Internet einer fast unbegrenzten Öffentlichkeit präsentiert werden?

Was macht das mit dem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten, wenn der Arzt damit rechnen muss, dass sein Patient nach der Behandlung ihm in entsprechenden Internet-Portalen Punkte für sein „Ärzte-Ranking“ zuteilen wird?

Was macht es mit unserer Bereitschaft zur Mitmenschlichkeit, wenn wir fast jeden Tag in der Zeitung lesen, wie raffinierte Betrüger die Hilfsbereitschaft vor allem älterer Menschen ausnutzen, um an ihr Geld zu kommen? Jede missbrauchte Hilfeleistung bewirkt eine weitergehende „Abhärtung“ gegenüber der Bedürftigkeit anderer. Was aber, wenn jemand wirklich einmal dringend Hilfe braucht? Seine Not wird an der Mauer des abgehärteten Misstrauen abprallen.

Was macht das mit dem Betriebsklima einer Firma, wenn die Mitarbeiter wissen, dass jede – auch sachliche und konstruktive - Kritik von den Vorgesetzten als persönlicher Angriff gewertet wird und sich negativ auf die weitere Berufs-Laufbahn auswirkt?

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Dieser Satz Lenins ist ebenso berühmt wie falsch, aber er entspricht seinem zutiefst misstrauischen und menschenverachtenden Charakter. Richtig ist: Ohne ein soziales Grundvertrauen (des Einzelnen in die Gemeinschaft und der Gemeinschaft in den Einzelnen) ist eine Gesellschaft nicht lebensfähig. Selbst ein perfekt organisiertes und allumfassendes Überwachungssystem wie das der „Staatssicherheit“ in der DDR konnte den Verlust des Vertrauens vieler Bürger in die DDR-Führung und in das hinter ihr stehende politische System nicht ausgleichen.

Der Verlust des Vertrauens ist keine Kleinigkeit und erst rechts nichts, was nur den privaten Bereich beträfe. Wenn eine Mehrheit der Bevölkerung in einem Land zu der Ansicht kommt, dass man mit Ehrlichkeit, Anständigkeit, Fleiß und Sparsamkeit für sich und seine Angehörigen kaum etwas Positives aufbauen und weitergeben kann, dann wird die Krise des Vertrauens sehr schnell zur Krise der Gesellschaft. „Jeder ist sich selbst der Nächste“. „Der Ehrliche ist der Dumme!” Lüge und Untreue sind alltäglich, Korruption und Betrug werden zum Normalfall, man darf sich nur nicht erwischen lassen. Und schließlich: „Das machen doch alle so!” So konnte ein angesehener internationaler Sportverband (die Fifa) zeitweise zu einer Art „kriminellen Vereinigung“ verkommen, in der sich die führenden Leute Millionenbeträge in die eigene Tasche steckten. Es gibt Staaten, da hat sich die Korruption so tief in alle Bereiche des öffentlichen Lebens hineingefressen, dass auch noch so umfangreiche „Entwicklungshilfe“ und Unterstützung keine positiven Effekte mehr erzielen können.

Der Verlust des Vertrauens in öffentliche Institutionen und deren Amtsträger hat zwangsläufige Folgen: So probiert man es in manchen Ländern gar nicht mehr, auf direktem Wege eine wichtige Entscheidung zu erreichen, sondern man versucht es über „Beziehungen“, über heimliche „Seilschaften“, über Personen, die einem „noch was schuldig“ sind, weil man ihnen auch mal zu einem ungerechtfertigten Vorteil verholfen hat oder einfach mit plumper Bestechung.

Es gibt den Verlust des Vertrauens, dass man mit vernünftigen Argumenten, mit sachlicher Auseinandersetzung und ehrlicher Überzeug etwas Positives erreichen oder etwas Negatives verhindern kann. Das Ergebnis solcher Erfahrungen ist der „Wutbürger”, der sich in eine Abwehr- und Verweigerungshaltung hineinsteigert, die Kompromisse kaum mehr zulässt.

Es gibt den Verlust des Vertrauens, dass unsere heutigen (materiellen) Werte auch in Zukunft noch ihren Wert behalten werden. Als Folge davon entwickelt sich der Trend zu immer schnellerem und oft sinnlosem Konsum ohne Vorsorge und langfristige Planung. Wenn die internationale Geldpolitik so angelegt ist, dass der Wertverlust durch Inflation deutlich höher ist als ein möglicher Zinsgewinn, dann dann wird Sparsamkeit bestraft und die immer risikobehaftete Spekulation mit Wertpapieren zur einzig möglichen Geldanlage (was die Aktienkurse in immer abenteuerlichere Höhen treibt und die Gefahr eines Totalabsturzes immer wahrscheinlicher macht).

Viele Staaten, die wirtschaftlich nicht auf die Beine kommen, kranken nicht (oder nicht nur) an unfähigen Unternehmern oder ungünstigen Bedingungen, sondern vor allem an einer alles durchdringenden Korruption, die es den Menschen sinnlos erscheinen lässt, langfristig zu planen und geduldig etwas aufzubauen. Das schnelle Geld ist die einzig mögliche Perspektive, denn morgen kann alles schon vorbei sein.

Viele Fluchtursachen, welche die „Fluchtwellen“ (z. B. aus Afrika) immer neu anwachsen lassen, beruhen nicht nur auf Hunger, Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit der Menschen, sondern Hunger, Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit der Menschen beruhen zutiefst auf der „Krise des Vertrauens“ in ihren Ländern (siehe das Thema „Europa und die Flüchtlingskrise“).

Diese „Krise des Vertrauens“ selbst ist gar nicht so überraschend. Jesus selbst sagt schon vor 2000 Jahren voraus, dass es so kommen wird: „Weil die Ungerechtigkeit (oder Gesetzlosigkeit) überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten“ (Mt 24,12). Die Frage ist nur, ob wir uns dieser Entwicklung widerstandslos ergeben müssen (siehe die Themen und Beiträge im Bereich „mitmachen – Konkrete Visionen“).

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Bodo Fiebig Die Krise des Vertrauens Version 2018 - 9

© 2018, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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