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Bereich: Kontroverse Diskussion

Thema: Das Gender-Konstrukt

Beitrag 1: Die Gender-Ideologie (Bodo Fiebig 2017- 12)

Ideologien tauchen nicht aus dem Nichts auf. Sie sind Kinder ihrer Zeit und ihre „Väter“ sind fast immer Missstände in der Gesellschaft und davon verursachte Nöte der Menschen. Die erzeugen in der jeweiligen Zeit einen gesellschaftlichen Drang nach Veränderung und Erneuerung, der die Zeiten fruchtbar macht. Das ist gut so und notwendig, aber auch mit einer schrecklichen Gefahr belastet: Mit der Gefahr einer Fehlleitung notwendiger Veränderungsprozesse in den Bahnen einer verengten und verfestigten Ideologie. Eine Verengung und Verfestigung, die sich in drei Fragen äußert: Erstens: Wer ist Schuld an unserem Unglück? Zweitens: Wie können wir die Schuldigen bekämpfen, so dass es uns besser geht? Und drittens: Wer sind eigentlich „wir“, wie definiert sich die Gemeinschaft der Guten? Und wer sind die anderen, die Bösen, die wir bekämpfen müssen?

Diese drei Fragen (und die Antworten darauf) sind der Kern jeder Ideologie und es lohnt sich, diesen „Kern“ etwas genauer anzuschauen. Nehmen wir dazu die drei Fragen von oben in den Blick:

Zu erstens: Ideologien kommen nicht aus ohne Feindbilder. Irgendjemand muss doch schuld sein an unserer Misere! Und oft stimmt es ja auch: Gesellschaftliche Verhältnisse neigen dazu, sich zu verfestigen und dabei Gewinner und Verlierer zu produzieren und es gibt Menschen, die in solchen Situationen schuldig werden. Aber: Ideologen sind Vereinfacherer. Differenzierungen sind ihnen zuwider. Wenn sie einen Schuldigen ausgemacht haben, dann ist der an allem Schuld. Aus einem Mitmenschen, der Stärken und Schwächen hat, der Gutes tut und Böses, wird der Böse, (der Kapitalist, der Jude, der Ungläubige ...) von dem alles Unheil kommt. Diese Bösen muss man bekämpfen und beseitigen und wenn man sie endgültig besiegt hat (also ausgerottet oder zumindest in die Bedeutungslosigkeit abgedrängt), dann wird alles gut.

Zu zweitens: In der Antwort zu „erstens“ liegt schon die „Gebrauchsanleitung“ für den zweiten Schritt: Der Kampf gegen die Bösen ist der einzige Weg, das Gute zu verwirklichen. Echte Ideologen kämpfen für etwas Gutes, indem sie die Bösen bekämpfen. Wir müssen nur noch die „Menschheits-Schädlinge“ beseitigen und den „Endsieg“ erringen (und dafür ist jedes Mittel recht und jede Handlungsweise erlaubt), dann wird in der „Klassenlosen Gesellschaft“, in der es keine Kapitalseigner und Ausbeuter mehr gibt, dann wird in der „Reinen Volksgemeinschaft“, in der es keine Andersartigen und Andersdenkenden mehr gibt, dann wird im „Verheißenen Paradies“, in dem es keine Ungläubigen oder Falschgläubigen mehr gibt, alles Unheil beseitigt und das Heil für alle vollendet. Diese „Heils- und Erlösungsstrategie“ der Ideologen hat allein im 20 Jahrhundert mehr als hundert Millionen Menschen das Leben gekostet (z. B. im Nationalismus in Deutschland und im Zweiten Weltkrieg oder im Kommunismus in der Sowjetunion und in China). Auch der militante Islamismus unserer Tage wird von den gleichen Antriebskräften bewegt: Wenn nur erst alle Falschgläubigen und Ungläubigen der Scharia unterworfen sind und alle Völker den Islam angenommen haben, dann wird die Erde zum „Haus des Friedens“ und dann wird alles, alles gut. Auch im Christentum hat es Zeiten gegeben, wo eine Ideologisierung des Glaubens bei einigen dazu führte, dass sie meinten, „Ketzer“ und „Hexen“ bis in den Tod bekämpfen zu müssen, um den „wahren Glauben“ zu verteidigen.

Zu drittens: Diejenigen, denen es aktuell nicht gut geht oder die sich benachteiligt fühlen, erkennen, dass ihr Ergehen nicht nur ein je persönliches Einzelschicksal darstellt, sondern dass es eine ganze Gruppe von Menschen betrifft, denen ganz bestimmte Umstände und Lebensbedingungen gemeinsam sind, die ihnen das Leben schwer machen. Nicht nur ich bin betroffen, sondern wir (z. B. das „Proletariat“ in der Früh-Zeit der Industrialisierung Europas im 19. Jahrhundert). Es entsteht ein Wir-Bewusstsein der Benachteiligten. Und das ist gut so. Jedenfalls, solange nicht dieses Wir-Bewusstsein durch eine Ideologie in eine ungute Verengung und Vereinseitigung geführt wird: Wir, wir und nur wir sind die „Guten“ (die edle Herrenrasse, die zukuftsgestaltende Arbeiterklasse, die auserwählten Rechtgläubigen usw.), denen von Natur aus oder von den geschichtlichen Abläufen her oder von den göttlichen Verheißungen versprochen die Zukunft und die Weltherrschaft gehören. Und wir, denen Macht und Herrschaft, Reichtum und Ehre rechtmäßig zustehen, wir müssen die Bösen bekämpfen und ausschalten, weil sie dem großen Ziel im Wege sind. Das ist unsere große und Menschheits-rettende Aufgabe.

Auch die Gender-Ideologen kämpfen diesen Kampf Gut gegen Böse“. Allerdings mit einer kleinen Besonderheit: Die meisten von ihnen sind gar nicht selbst Betroffene (wenn es um Homosexualität und andere „besonderen“ sexuellen Orientierungen geht), aber sie benutzen die relativ wenigen Betroffenen als Berechtigungsnachweis für ihren Kampf. Sonst läuft alles, wie gehabt: Wir sind die Guten, die denen, die diesen Kampf nicht selbst führen können, zu ihrem Recht verhelfen. Die Feinde des Guten, das sind alle, die an überkommenen Vorstellungen festhalten wollen: Mann und Frau, zwei Geschlechter, die einander zugeordnet sind und sich gegenseitig brauchen und ergänzen. Böse sind sie, weil sie denen, die nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zuzuordnen sind und denen, die nicht die Bipolarität der beiden Geschlechter suchen, sondern sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, keinen gleichwertigen Platz in der Gesellschaft einräumen wollen. Und wie schon oben angedeutet: Das Anliegen ist ja richtig und der Einsatz dafür notwendig. Falsch und schädlich ist nur die ideologische Verengung und Vereinseitigung, mit denen dieses Anliegen oft vertreten wird.

Diese Verengung und Vereinseitigung hat selbstverständlich auch bei den Gender-Ideologen ihre „Väter“. Zwei dieser Väter will ich hier beim Namen nennen. Sie heißen „Erfahrung“ und „Idee“. Ich will sie im Folgenden kurz vorstellen.

1 Die Erfahrung

Dass Frauen in der Gesellschaft benachteiligt werden, dass homosexuell empfindende und handelnde Menschen geächtet, verfolgt und bedroht werden, dass Menschen mit ungeklärter geschlechtlicher Zuordnung gesellschaftlich ausgegrenzt, oft auch unter Zwang in falsche Geschlechterrollen gedrängt werden, ist eine Erfahrung der Jahrhunderte, ja in manchen Kulturen der Jahrtausende.

Hinzu kommt die Erfahrung des 20. und 21. Jahrhunderts die eine überraschenden Entdeckung machte: Diese Benachteiligungen der sexuell Unangepassten sind nicht schicksalhaft und unveränderlich vorgegeben. Es ist möglich, ungerechte gesellschaftliche Strukturen aufzubrechen und uralte Sichtweisen zu verändern.

So weit befinden wir uns im Diskussions- und Handlungsraum notwendiger gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Dann aber kommen die Ideologen und suchen (siehe oben) zuerst nach – nein, nicht nach den Schuldigen, die konkret etwas falsch gemacht haben, sondern nach den Bösen, die Schuld sind an allem. Und sie werden fündig: Es sind die patriarchalischen Systeme der monotheistischen Religionen, die an allem Schuld sind. Vor allem das Christentum und das Judentum, deren Gott so männlich dargestellt wird, und die keine weiblichen Gottheiten kennen. Der Männer-Gott der Bibel (so meinen sie), der im Neuen Testament auch „Vater“ genannt wird, der hat in den Köpfen seiner Gläubigen ein Menschen-Bild geprägt, in dem Männer die dominierende Rolle spielen. Und das ist schuld an allem, was uns im Bereich der Geschlechtlichkeit Probleme macht. Dass diese Sicht nicht die biblischen Aussagen widerspiegelt, sondern Realitäten anspricht, die später von Menschen im Widerspruch zu den biblischen Aussagen so gestaltet wurden, das können oder wollen sie nicht wahrnehmen.

Dabei überrascht es, dass in der Gegenwart der Islam bei den Gender-Ideologen weniger kritisch gesehen wird, obwohl dort die Rolle der Frauen und der Menschen mit abweichendem sexuellen Verhalten noch wesentlich problematischer ist. Aber, das kennt man ja: Man ist selbst mit bestimmten kulturellen Denkmustern groß geworden, gegen die man sich nun auflehnt. Und da kommt jeder recht, der in die gleiche Kerbe haut. Der Feind meines Feindes ist mein Freund! Solange der Islam gegen Judentum und Christentum agiert und solange er biblisch begründete Gesellschaftssysteme attackiert und destabilisiert, wird er trotz aller problematischen Scharia-Gesetze positiv wahrgenommen.

Das Feindbild der Gender-Ideologen ist (siehe oben) klar erkennbar. Die Strategie ihres Kampfes gegen diesen Feind auch: Man ist nicht in der Lage, mit Gewalt gegen ihn anzukämpfen, also muss man subtilere Mittel einsetzen. Das erste und wichtigste Mittel hat mit der oben genannten dritten Frage zu tun: Wer sind die Guten und wer sind die Bösen? Die Strategie ist ebenso einfach wie wirksam: Man muss alle Verhältnisse und Vorgänge unserer Gegenwart so umdeuten, dass alle, die unserer Ideologie folgen als „die Guten“ gelten müssen und alle, die uns widersprechen, als „die Bösen“ erkennbar werden. Und weil da viele nicht ohne weiteres mitmachen, muss man eben doch auch eine Waffe einsetzen: Eine Keule namens „Diskriminierung“. Jeder, der eine andere Meinung vertritt als wir, macht sich der Diskriminierung schuldig. Und Diskriminierung ist ein Verbrechen. Die Keule der Diskriminierung macht aus Andersdenkenden Verbrecher. So einfach ist das.

In Wirklichkeit sind Erfahrungen immer deutungsoffen und interpretationsbedürftig. Man kann sie mit einer Zurückhaltung interpretieren, die bereit ist, sich von den Realitäten führen zu lassen, oder man kann sie in einen Deutungszusammenhang pressen, in dem alle Erscheinungen schon ihren festen Platz haben und der alles ausblendet, was nicht in das eigene Deutungsmuster passt.

Allerdings: Die Erfahrung allein macht noch keine Ideologie. Man braucht noch eine Idee, welche diese Erfahrungen deutet und auf eine große Zukunfts-Schau hin auslegt und zuspitzt. Das gilt selbstverständlich auch für die Gender-Ideologie.

2 Die Idee

Den Ideen-Hintergrund der Gender-Ideologie bildet eine philosophische Denk­richtung des zwanzigsten Jahrhunderts, der sogenannte „radikale Konstruktivismus“. Er geht davon aus, dass es dem Menschen unmöglich sei, die „Dinge, wie sie sind“, die „Wirklichkeit“ der Welt und die „Realität“ seiner eigenen Existenz unvoreingenommen wahrzunehmen. Vielmehr sei jede Wahrnehmung schon eine Täuschung. Das, was Menschen von den Dingen, von der Welt und von ihrer eigenen Existenz zu erkennen meinen, sei tatsächlich nur ihr eigenes Konstrukt. Das Auge des Betrachters gibt vor, was es sieht. Es gibt gar keine „Realität“, die unabhängig von einem Betrachter existieren würde, meint der Konstruktivismus, sondern der Mensch konstruiert sich seine „Realitäten“ selbst. Also gibt es so viele „Realitäten“ wie es Menschen gibt. (Siehe dazu auch das Thema "Wahrheit und Wirklichkeit" im Bereich "Grundlagen der Gesellschaft")

Die konstruktivistische Sichtweise bedeutet allerdings, und das betonen ihre Vertreter selbst mit Überzeugung, dass es auch keine objektiven Tatsachen, keine allgemeingültigen Wahrheiten und keine allgemein verpflichtende Ethik geben kann. Sie übersehen dabei (absichtlich oder unabsichtlich), dass es ohne objektive Tatsachen, ohne allgemeingültige Wahrheiten und ohne eine allgemein verpflichtende Ethik auch kein Recht geben kann, das Menschen vor Unrecht in Schutz neh­men könnte (siehe das Thema „Recht und Unrecht“) und dass damit jedem gesellschaftlichen Miteinander die Grundlagen entzogen würde.

Für sich allein hätte eine so seltsam klingende Denkweise wie der radikale Konstruktivismus wohl kaum eine Chance gehabt, in der Breite der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Aber auf dem Erfahrungshintergrund der Jahrhunderte wurde sie für manche einleuchtend, ja geradezu faszinierend: Hat es nicht das tatsächlich gegeben (und gibt es das nicht immer noch), dass Menschen ihre Sichtweisen anderen aufzwingen, weil das für sie selbst vorteilhaft ist? Gab und gibt es nicht männerdominierte Gesellschaften, die ihre Frauen an den Herd verbannten, ihnen Mitsprache und Mitverantwortung verweigerten und sie von Bildung und Macht fernhielten? Hatten nicht diese „Männergesellschaften“ soziale und politische „Realitäten“ geschaffen, die ihre Überlegenheit gegenüber den Frauen für alle Zeiten festzuschreiben versuchten? Anhand solcher Fragen wurde die Idee von der selbstkonstruierten Wirklichkeit für bestimmte Gruppen fassbar und politisch nutzbar. Sie wurde zum Wegbereiter der Gender-Bewegung.

Die Vertreter der Gender-Ideologie machten sich die Ideen des Konstruktivismus zunutze, indem sie diese mit ihren eigenen Vorstellungen von einer „selbstbestimmten Sexualität“ verbanden: Jeder kann und soll sein Geschlecht und seine sexuelle Identität selbst „konstruieren“, unabhängig von allen biologischen Vorgaben. Es gibt nicht Mann oder Frau, sondern ein breites Spektrum sexueller Einstellungen und Verhaltensweisen, aus denen jeder frei wählen kann, welche er jetzt verwirklichen will (darauf werde ich im nächsten Beitrag „Realität und Imagination“ noch näher eingehen).

Heute versuchen die Gender-Ideologen ihre Vorstellungen in der modernen Gesellschaft so zu verankern, dass sie für alle verpflichtend werden. Jeder Mensch, vom Kindergartenkind bis zum Greis, soll darauf verpflichtet werden, seine geschlechtliche Identität unabhängig von objektiven Tatsachen (z. B. einem biologischen Geschlecht) selbst zu definieren und entsprechend zu leben. Und jede Haltung, die sich diesem Meinungsdiktat verweigert, soll als „Diskriminierung“ kriminalisiert werden. Dabei gehen die Ideologen mit den Begriffen "Realität" und "Selbstbestimmung" oft sehr leichtfertig um. Sehen wir etwas genauer hin (im folgenden Beitrag "Realität und Imagination").

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Weiterlesen im folgenden Beitrag: Realität und Imagination

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Bodo Fiebig Die Gender-Ideologie Version 2018 - 10

© 2016, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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