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Bereich: Kontroverse Diskusion

Thema : Die Ethik des Atheismus

Beitrag 5: Die das Gute wollten (Bodo Fiebig 2017- 9)

Die großen Religionen der Menschheit können im Rahmen dieser Arbeit nicht betrachtet und in Beziehung zur biblischen Offenbarung gesetzt werden (siehe den Themenbeitrag „Weltreligionen und biblischer Glaube“). Es soll aber der Versuch gemacht werden, die drei großen atheistischen, zugleich aber pseudoreligiös aufgeladenen Weltanschauungen unserer Gegenwart und unserer nahen Vergangenheit kurz in den Blick zu nehmen und nach ihrem Beitrag zur ethischen Entwicklung des Menschseins zu fragen. In den vergangenen Jahrhunderten gab es im wesentlichen drei Versuche, eine religionsfreie Form menschlicher Gemeinschaft zu organisieren (die sich überraschenderweise dann sehr schnell zu Ersatzreligionen entwickelten): den Liberalismus, den Nationalismus und den Kommunismus (siehe auch den Themenbeitrag „Die Revolution und ihre Kinder”). Man meinte jeweils, man hätte nun ein Gesellschaftsmodell gefunden, das auf religiös begründete Ordnungen verzichten, und die Menschheit dennoch (oder gerade deshjalb) in eine vollkommene Zukunft führen könnte.

Wieso ist der große Wurf nie gelungen, warum wurden die hochgesteckten Ziele nie auch nur annähernd erreicht? Es fing doch alles so gut an: Alle Weltanschauungen und politischen Ideologien, die direkt oder indirekt aus der europäischen Aufklärung hervorgegangen sind und weltweite Bedeutung erlangten, wollten doch ursprünglich etwas Gutes, ja sie wollten das Gute. Alle drei genannten Ideologien strebten für die Welt, die von den Menschen aller Zeitalter und Kulturen (mit Recht!) als unvollkommen, ja un-heil empfunden wird, einen Zustand der Vollkommenheit und des Heils an, der das Unheil, das die Menschen bedroht, überwinden sollte.

Dieser Heilszustand, dieses absolut Gute, wäre dann erreicht, so meinte man, wenn alle Menschen die jeweilige Weltanschauung übernehmen und in ihrem Gemeinschaftsleben verwirklichen würden. Dann könnte eine Zeit wahren Glückes für alle beginnen. Dabei bleibe es freilich nicht aus, dass Menschen, die der jeweils besonderen Form des Heils widerstreben würden, bekämpft werden müssten, weil sie ja dem großen Ziel im Wege stünden. Um des großen zukünftigen allgemeinen Heils willen müsste man jetzt in der Gegenwart die Feinde des Heils bekämpfen, und, wenn es denn nicht anders ginge, auch ausrotten.

Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht ...“ Immer ging und geht es den Ideologien um das „letzte Gefecht“, die letzte große Anstrengung, die unternommen werden müsste, um das große Ziel, den „Endsieg“, zu erreichen. Es gelte, die letzte alles entscheidende Auseinandersetzung mit den „Feinden des Guten“ siegreich zu bestehen, und dazu sei der äußerste Einsatz gefordert und jedes Mittel gerechtfertigt. Das Ziel der kommunistischen Ideologie einer „Klassenlosen Gesellschaft“, wo die arbeitende Bevölkerung auch Inhaber allen Produk­tivvermögens ist und somit aller Gegensatz zwischen Besitzenden und Besitzlosen, Kapitaleignern und Lohnabhängigen, Herrschern und Beherrschten aufgehoben wird, ist ja ein Ideal, das für viele bis heute seine Faszination nicht verloren hat. Es ist Antwort auf die Ausbeutung der Arbeiter im Frühkapitalismus des 19. Jahrhunderts (der in vielen Ländern bis heute noch nicht überwunden ist). Die Kraft, diesen Idealzustand herbeizuführen, so sagte man, liege in einer zwangsläufigen historischen Entwicklung, die durch revolutionäre Aktivitäten initiiert und beschleunigt werden könne. Träger dieser Kraft sei das Proletariat mit seinen existenziellen Bedürfnissen und seinem revolutionären Bewusstsein. Die Feinde dieser Entwicklung, die Bourgeoisie und die Kapitalisten, müssten im revolutionären Kampf ausgeschaltet werden.

Diese Ideologie hat im Zwanzigsten Jahrhundert einen ungeahnten Siegeszug rund um die Welt angetreten, bis sie am Ende dieses Jahrhunderts in den meisten kommunistischen Ländern, ausgehöhlt und korrumpiert, in sich zusammenfiel. Niemand kann genau sagen, wie viele Millionen Opfer an Menschenleben der Versuch, diese so menschenfreundlich anmutende Zukunftsvision politisch zu verwirklichen, weltweit gekostet hat.

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Auch die Nationalisten im „Dritten Reich“ (und ebenso die neueren nationalistischen Bewegungen) wollten ja nicht einfach nur eine finstere Diktatur errichten. Es ging ihnen im Letzten um die „Weltgenesung“! (Auch wenn diese Motivation in der Realität vielfach von Machtstreben, Habgier und Mordlust überlagert wurde.) Eine neue, lichtvolle Zukunft sollte heraufgeführt werden, das Starke, Schöne und Gute im Menschen sollte wieder herausgebildet werden durch Reinerhaltung bzw. Neuzüchtung einer edlen Herrenrasse, die allein in der Lage wäre, die Geschicke der Menschheit zum Besseren zu wenden und den sonst unaufhaltsamen Niedergang alles Edlen und Wertvollen durch Vermischung mit „minderwertigen“ Rassen aufzuhalten.

Die Kraft zur Erneuerung der Menschheit, so meinte man, sei die Kraft des Blutes, sie liege im Erbgut der reinen nordischen Rasse. Konsequente Rassentrennung und die Ausmerzung von minderwertigem, ja schädlichem und geradezu menschheitsgefährdendem Erbgut (in der jüdischen Rasse) seien Not-wendig. Die nationalistische Erlösungssehnsucht im Deutschland des 20. Jahrhunderts verband die Überkompensation des schmerzlichen Verlustes eigener nationaler Identität mit der Hoffnung auf die reinigende und erneuernde Wirkung von Urkräften der Natur und der Geschichte: Blut und Boden, geschichtliches Erbe und zukunftsgestaltende Vorsehung. Die „Endlösung“ der Judenfrage sollte der erste und wichtigste Schritt zur „Endlösung“ der Rassenfrage überhaupt sein.

Aus der „Weltgenesung“ wurde nichts, statt dessen erwachte man nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus wie aus einem bösen Traum und stellte fest, dass man gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst zum grausigsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte seinen Beitrag geleistet hatte. Zu den Millionen in den Konzentrationslagern Ermordeten muss man, wenn man die „Frucht“ dieser Ideologie wiegen will, auch die Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges mitzählen.

Beim Liberalismus, der dritten großen Ideologie unserer Zeit liegen die Dinge etwas anders. Kommunismus und Nationalismus können in ihrem Wesenskern als eine sich selbst absolut setzende kollektive Egomanie eines Teils der Menschheit angesehen werden, der sich entweder als sozial definierte Einheit (Klasse) oder als genetisch de­finierte Einheit (Rasse) versteht, jedenfalls als der Teil der Menschheit, dem von der Natur oder von der Geschichte her die Weltherrschaft zusteht.

Im Gegensatz dazu kann man den Libera­lismus eher erklären als Ausformung des individuellen Egoismus einer Vielzahl von Menschen, deren gemeinsames Merkmal der wirtschaftliche und soziale Erfolg ist. Der Liberalismus hat auch von daher kein so aus­geprägtes Feindbild wie die beiden vorgenannten Ideologien. Trotz­dem zeigen sich zu ihnen viele Parallelen: Auch der Liberalismus hat ein übergeordnetes „gutes“ Ziel, nämlich die Befreiung des Menschen aus aller Fremdbestimmung, eine freie Menschheit, wo die Freiheit des Einzelnen nur durch die Freiheitsrechte der anderen begrenzt wird.

Auch das ist ja eine wahrhaft „gute“ und verlockende Idee. Die Kraft dieses Ziel zu erreichen, so meint man, liege im Freiheitswillen jedes Einzelnen. Wenn man diesem Drang nach Freiheit Raum gebe und ihn nicht behindere, dann geschehe durch das freie Spiel der Kräfte ein Ausgleich aller Interessen und es verwirkliche sich das Wohl des Einzelnen ebenso wie der Gemeinschaft.

Das Vorbild des politischen Liberalismus ist der „freie Markt“ wo sich durch Angebot und Nachfrage das Marktgeschehen selbst reguliert. Dieser Selbstregulierungsmechanismus wird nun auch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und Vorgänge übertragen: Man muss nur jeden in die Lage versetzen, seine Interessen selbst optimal zu vertreten, dann kann man alle gesellschaftlichen Bereiche den Selbstregulierungskräften überlassen.

Jeder ist seines Glückes Schmied“. Das ist für die Geschickten, Anpassungs- und Durchsetzungsfähigen, für die im Kampf um gesellschaftliche „Marktanteile“ Erfolgreichen eine wahrhaft „frohe Botschaft“, ein Evangelium, das man glaubensfroh weltweit verkündigt. Wehe aber den Schwachen, die es nicht verstehen, ihre Freiheit in Erfolge umzumünzen. Sie geraten nicht nur ins Abseits, sondern sie sind nun auch noch selbst schuld daran, denn sie hätten ja (theoretisch, nicht real) die gleichen Chancen gehabt wie alle andern. Der (durch einige mehr oder weniger wirksame soziale Bremsen gezähmte) Liberalismus scheint heute auf dem Weg, sich nach dem Scheitern extremer nationalistischer bzw. sozialistisch-kommunistischer Experimente als das „menschlichste“ Zukunftsmodell weltweit durchzusetzen.

Der aufmerksame Blick auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Realitäten zeigt aber schon die Folgen: Der Liberalismus will die Freiheit des Einzelnen und endet im Kampf jedes gegen jeden. Die soziale Atmosphäre in der sogenannten „freien Welt“ wird kälter, die Verteilungskämpfe werden härter, die Ausgrenzung der „Verlierer“ wird rücksichtsloser und folgenschwerer. Opfer sind nicht nur die Millionen ausgebeuteter Arbeitssklaven des Frühkapitalismus (den es ja in vielen Ländern heute noch oder wieder gibt), sondern auch große Teile der gegenwärtigen Generation von jungen Menschen, denen außer „Geld machen“ und „Spaß haben“ und außer der Selbstdarstellung in den „sozialen Medien“ jeder Lebenssinn abhandengekommen zu sein scheint.

Die Pflege des individuellen Egoismus in den liberalistischen Systemen führt in letzter Konsequenz (wie die beiden anderen angeführten Systeme) zum Brudermord des Menschen am Mitmenschen. Wenn mein Wohlergehen, mein Besitz und Gewinn zur entscheidenden Maxime des Handelns wird, dann spielt es eben keine Rolle mehr, wenn mein Reichtum mit der Armut anderer erkauft ist, wenn meine teuren Luxusgüter mit billiger Kinderarbeit irgendwo weit weg in der „Dritten Welt“ produziert werden, wenn unsere Gewinne bezahlt werden aus der „Konkursmasse“ der „Verlierer“, wenn unsere Übersättigung ihren Gegenpol hat im millionenfachen Hungertod der „armen Verwandten“ unserer Menschheitsfamilie.

Wenn der eigene Lustgewinn höchste Priorität hat, dann kann ein aller Reize überdrüssiger Mensch sich den letzten „Kick“ sexueller Erregung kaufen mit Bildern von der Vergewaltigung von Kindern bis zu deren qualvollem Tod; und selbstverständlich wird jede „Ware“ geliefert, für die es einen „Markt“ gibt mit zahlungskräftigen „Kunden“.

Zur Zeit besteht die Gefahr, dass ein globalisierter (und damit von keinen staatlichen Instanzen kontrollierbarer) Kapitalismus auf der Suche nach Zinsen und Gewinnen unvorstellbare Geldsummen (die zum Teil aus kriminellen Quellen stammen) auf dem „freien Kapitalmarkt“ hin und her schiebt, sodass dieser die Bodenhaftung in Form von echten Wirtschaftsleistungen und erarbeiteten Werten verliert. Dieses Geld soll gar nicht mehr dazu dienen, irgendwo wirtschaftliches Handeln zu ermöglichen, etwas zu produzieren, eine Ware zu handeln oder eine Dienstleistung zu finanzieren, sondern das Geld wird zum „Selbstwert“, das nur dazu da ist, wieder „Geld zu machen“. Das kann eine Zeit lang vordergründig sehr erfolgreich sein, es kann ganze Volkswirtschaften aufblähen und zu schnellen Scheinblüten treiben, bis das ganze System aus Mangel an echt erarbeitetem Wert plötzlich kollabiert und dabei auch die noch gesunden Teile der Wirtschaft mit in den Untergang reißt und ganze Völker in bitterer Armut zurücklässt, während sich das „freie Kapital“ schon längst woanders wieder neue lukrative „Spielräume“ erschließt.

Gewiss kann und darf man nicht Millionen von Menschenopfern der einen oder anderen Ideologie miteinander vergleichen und gegeneinander aufrechnen. Dennoch: Wenn man die Opfer des Liberalismus in seiner entarteten Form des kalten Raubtier-Kapitalismus zählen könnte, er käme wohl nicht besser weg (weder zahlenmäßig, noch in der kalten Menschenverachtung des Handelns) als der Nationalismus oder der Kommunismus.

Ob Kommunismus, Nationalismus oder Liberalismus, alle drei bestimmenden Ideologien der vergangenen Jahrhunderte existieren auf der Grundlage einer atheistischen Grundeinstellung. Religion ist für sie „Opium fürs Volk“, bestenfalls schmückendes Beiwerk ohne tiefere Bedeutung. Die atheistischen Ideologien, die im 19. und 20. Jahrhundert in machtvollen Staatsgebilden zur Herrschaft gelangt sind, haben uns vor Augen geführt, welche Konsequenzen es zwangsläufig haben muss, wenn in einstmals christlichen Ländern nun atheistische Systeme Macht über Menschen erlangen.

Der „Kampf ums Dasein“ ist kein Wirkungsprinzip, der ein menschenwürdiges Miteinander bewirken könnte. Wer den Kampf der Rassen und Klassen oder den Kampf um Marktanteile und Gewinne zur Grundlage des Lebens und des Zusammenlebens der Menschen macht, verwandelt die menschliche Gesellschaft in einen Raubtier-Käfig.

Der gegenwärtige evolutionär begründete „Neue Atheismus“ lässt sich leicht mit allen drei Ideologien verknüpfen. Immer stehen das „Ich“ und das „Wir“ im Mittelpunkt. Immer sind sie im Kampf gegen „die andern“, die es zu besiegen gilt. Immer diktiert der individuelle oder kollektive Egoismus das Geschehen. Jetzt im beginnenden 21. Jahrhundert verbindet sich die Evolutionstheorie am leichtesten mit der liberalistischen Idee vom „freien Markt“ zu einer umfassenden atheistischen Weltanschauung: So wie die freien Kräfte des Dschungels im „Kampf ums Dasein“ immer neue Lebensformen hervorbrachten und das Leben zu immer höherer Vollkommenheit entwickelten, so wird auch das freie Spiel der Kräfte des Marktes die globale Gesellschaft zu immer höherer Vollkommenheit entwickeln - so die Theorie, die Realität sieht anders aus.

Weiterlesen im folgenden Beitrag: Die Quelle der Menschlichkeit

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Die das Gute wollten Version 2018-8

© 2018 Bodo Fiebig

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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