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Bereich: kontroverse Diskussion

Thema: Die Revolution und ihre Kinder

Beitrag : Die das Gute wollten (Bodo Fiebig 2017- 9)

In den vergangenen Jahrhunderten gab es im wesentlichen drei Versuche, eine religionsfreie Form menschlicher Gemeinschaft zu organisieren, die eine weltweite Bedeutung erlangten: den Liberalismus, den Kommunismus und den Nationalismus. Man meinte jeweils, man hätte nun ein, ja das Gesellschaftsmodell gefunden, das auf religiös begründete Ordnungen verzichten, und die Menschheit dennoch (oder gerade deswegen) in eine vollkommene Zukunft führen könnte.

Wieso ist der große Wurf nie gelungen, warum wurden die hochgesteckten Ziele nie auch nur annähernd erreicht? Es fing doch alles so gut an: Alle Weltanschauungen und politischen Ideologien, die direkt oder indirekt aus der europäischen Aufklärung hervorgegangen sind und weltweite Bedeutung erlangten, wollten doch ursprünglich etwas Gutes, ja sie wollten das Gute. Alle drei genannten Ideologien strebten für die Welt, die von den Menschen aller Zeitalter und Kulturen (mit Recht!) als unvollkommen, ja un-heil empfunden wird, einen Zustand der Vollkommenheit und des Heils an, der das Unheil, das die Menschen bedroht, überwinden sollte.

Dieser Heilszustand, dieses absolut Gute, wäre dann erreicht, so meinten die Ideologen, wenn alle Menschen ihre jeweilige Ideologie übernehmen und in ihrem Gemeinschaftsleben verwirklichen würden. Dann könnte eine Zeit wahren Glückes für alle beginnen. Dabei bleibe es freilich nicht aus, dass Menschen, die der jeweils besonderen Form des Heils widerstreben würden, bekämpft werden müssten, weil sie ja dem großen Ziel im Wege stünden. Um des großen zukünftigen allgemeinen Heils willen müsste man jetzt in der Gegenwart die Feinde des Heils bekämpfen, und, wenn es denn nicht anders ginge, auch ausrotten.

Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht ...“ Immer ging und geht es den Ideologien um das „letzte Gefecht“, die letzte große Anstrengung, die unternommen werden müsste, um das große Ziel, den „Endsieg“, zu erreichen. Es gelte, die letzte alles entscheidende Auseinandersetzung mit den „Feinden des Guten“ siegreich zu bestehen, und dazu sei der äußerste Einsatz gefordert und jedes Mittel gerechtfertigt. Diese Beschreibung gilt grundsätzlich für alle ideologisch begründeten Herrschaftssysteme der vergangenen Jahrhunderte. Hier soll es an den Beispielen angedeutet werden, die in der Vergangenheit in Europa und weltweit die umfassendste und folgenschwerste Bedeutung erlangt haben: An den Beispielen des Kommunismus, des Nationalismus und des Liberalismus.

Das Ziel der kommunistischen Ideologie einer „Klassenlosen Gesellschaft“, wo die arbeitende Bevölkerung auch Inhaber allen Produktivvermögens ist und somit jeder Gegensatz zwischen Besitzenden und Besitzlosen, Kapitaleignern und Lohnabhängigen, Herrschern und Beherrschten aufgehoben wird, ist ja ein Ideal, das für viele bis heute seine Faszination nicht verloren hat. Es ist Antwort auf die Ausbeutung der Arbeiter im Frühkapitalismus des 19. Jahrhunderts (der in vielen Ländern bis heute noch nicht überwunden ist). Die Kraft, diesen Idealzustand herbeizuführen, so sagte man, liege in einer zwangsläufigen historischen Entwicklung, die durch revolutionäre Aktivitäten initiiert und beschleunigt werden könne. Träger dieser Kraft sei das Proletariat mit seinen existenziellen Bedürfnissen und seinem revolutionären Bewusstsein. Die Feinde dieser Entwicklung, die Bourgeoisie und die Kapitalisten, müssten im revolutionären Kampf ausgeschaltet werden.

Diese Ideologie hat im Zwanzigsten Jahrhundert einen ungeahnten Siegeszug rund um die Welt angetreten, bis sie am Ende dieses Jahrhunderts in den meisten kommunistischen Ländern, ausgehöhlt und korrumpiert, in sich zusammenfiel. Niemand kann genau sagen, wie viele Millionen Menschen-Opfer der Versuch, diese so menschenfreundlich anmutende Zukunftsvision politisch zu verwirklichen weltweit gekostet hat (z. B. unter Stalin, Mao, Pol Pot …).

Einen Teil ihrer Überzeugungskraft bezog die (linke) kommunistische Ideologie nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Gegenüber zu den furchtbaren Gräueltaten der (rechten) Nationalisten. Wenn die „Rechten” so viel Böses getan haben, dann müssen ja die „Linken” die Guten sein. Dieser Satz ist zwar verständlich durch das erfahrene Leid, das hinter ihm steht und er beschreibt die Überzeugung von Millionen Menschen nach dem großen Krieg, trotzdem ist er grundfalsch, ja er führte das 20. Jahrhundert in eine zweite Menschheitskatastrophe. Das kommunistische Gegenextrem zum extremen Nationalismus erwies sich als genau so mörderisch wie dieser (siehe Alexander Solschenizyns „Archipel GULAG”). Erst nach dem Tode Stalins und Maos kam nach und nach zum Vorschein, in welchem furchtbaren Ausmaß auch in den kommunistischen Ländern das Unrecht, die Gewalt und die Mordlust gewütet hatten.

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Auch die Nationalisten im „Dritten Reich“ (und ebenso die neueren nationalistischen Bewe­gungen) wollten (und wollen) ja nicht einfach nur eine finstere Diktatur errichten. Es ging ihnen im Letzten um „Weltgenesung“! (Auch wenn diese Motivation in der Realität vielfach von Machtstreben, Habgier und Mordlust überlagert wurde.) Eine neue, lichtvolle Zukunft sollte heraufgeführt werden, das Starke, Schöne und Gute im Menschen sollte wieder herausgebildet werden durch Reinerhaltung bzw. Neuzüchtung einer edlen Herrenrasse, die allein in der Lage wäre, die Geschicke der Menschheit zum Besseren zu wenden und den sonst unaufhaltsamen Niedergang alles Edlen und Wertvollen durch Vermischung mit „minderwertigen“ Rassen aufzuhalten.

Die Kraft zur Erneuerung der Menschheit, so meinte man, sei die Kraft des Blutes, sie liege im Erbgut der reinen nordischen Rasse. Konsequente Rassentrennung und die Ausmerzung von min­derwertigem, ja schädlichem und geradezu menschheitsgefährden­dem Erbgut (in der jüdischen Rasse) seien Not-wendig. Die nationa­listische Erlösungssehnsucht im Deutschland des 20. Jahrhunderts verband die Überkompensation des schmerzlichen Mangels eigener nationaler Identität mit der Hoff­nung auf die reinigende und erneuernde Wirkung von Urkräften der Natur und der Geschichte: Blut und Boden, geschichtliches Erbe und zukunftsgestaltende Vorsehung. Die „Endlösung“ der Judenfrage sollte der erste und wichtigste Schritt zur „Endlösung“ der Rassen­frage überhaupt sein.

Wir wissen: Aus der „Weltgenesung“ wurde nichts. Statt dessen erwachte man nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus wie aus einem bösen Traum und stellte fest, dass man gewollt oder ungewollt, be­wusst oder unbewusst zum grausigsten Verbrechen der Menschheits­ge­schich­te seinen Beitrag geleistet hatte. Zu den Millionen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern Ermordeten muss man, wenn man die „Frucht“ dieser Ideologie wiegen will, auch einen großen Teil der Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges mitzählen.

Beim Liberalismus, der dritten großen Ideologie unserer Zeit liegen die Dinge etwas anders. Kommunismus und Nationalismus können in ihrem Wesenskern angesehen werden als eine sich selbst absolut setzende kollektive Egomanie eines Teils der Menschheit, der sich entweder als sozial definierte Einheit (Klasse) oder als genetisch de­finierte Einheit (Rasse) versteht, jedenfalls als den Teil der Menschheit, dem von der Natur oder von der geschichtlichen Notwendigkeit her die Weltherrschaft rechtmäßig zusteht: Wir sind es, und nur wir, die die Menschheit in eine glückliche und endgültig gute Zukunft führen können.

Im Gegensatz dazu kann man den Libera­lismus eher erklären als Ausformung des individuellen Egoismus einer Vielzahl von Menschen, deren gemeinsames Merkmal der wirtschaftliche und soziale Erfolg ist. Der Liberalismus hat auch von daher kein so leicht erkennbares Feindbild wie die beiden vorgenannten Ideologien. Trotz­dem zeigen sich zu ihnen viele Parallelen: Auch der Liberalismus hat ein übergeordnetes „gutes“ Ziel, nämlich die Befreiung des Menschen aus aller Fremdbestimmung, eine freie Menschheit, wo die Freiheit des Einzelnen nur durch die Freiheitsrechte der anderen begrenzt wird.

Auch das ist ja eine wahrhaft „gute“ und verlockende Idee. Die Kraft dieses Ziel zu erreichen, so meint man, liege im Freiheitswillen jedes Einzelnen. Wenn man diesem Drang nach Freiheit Raum gebe und ihn nicht behindere, dann geschehe durch das freie Spiel der Kräfte ein Ausgleich aller Interessen und es verwirkliche sich das Wohl des Einzelnen ebenso wie der Gemeinschaft.

Das Vorbild des politischen Liberalismus ist der sogenannte „freie Markt“ wo sich durch Angebot und Nachfrage das Marktgeschehen selbst regu­liert. Dieser Selbstregulierungsmechanismus wird nun auch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und Vorgänge übertragen: Man muss nur jeden in die Lage versetzen, seine Interessen optimal zu vertreten, dann kann man alle gesellschaftlichen Bereiche den Selbstregulie­rungskräften überlassen.

Jeder ist seines Glückes Schmied“. Das ist für die Geschickten, An­passungs- und Durchsetzungsfähigen, für die im Kampf um gesell­schaftliche „Marktanteile“ Erfolgreichen eine wahrhaft „frohe Bot­schaft“, ein Evangelium, das man glaubensfroh weltweit verkündigt. Wehe aber den Schwachen, die es nicht verstehen, ihre Freiheit in Er­folge umzumünzen! Sie geraten nicht nur ins Abseits, sondern sie sind nun auch noch selbst schuld daran, denn sie hätten ja (theore­tisch, nicht in Wirklichkeit) die gleichen Chancen gehabt wie alle andern. Der (durch einige mehr oder weniger wirksame soziale Bremsen gezähmte) Liberalis­mus scheint heute auf dem Weg, sich nach dem Scheitern extremer nationalistischer bzw. kommunistischer Experimente als das „menschlichste“ Zukunftsmodell weltweit durchzusetzen.

Der aufmerksame Blick auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Realitä­ten zeigt aber schon die Folgen: Der Liberalismus will die Freiheit des Einzelnen und endet im Kampf jedes gegen jeden. Die soziale Atmo­sphäre in der sogenannten „freien Welt“ wird kälter, die Vertei­lungskämpfe werden härter, die Ausgrenzung der „Verlierer“ wird rücksichtsloser und folgenschwerer. Opfer sind nicht nur die Millionen ausgebeuteter Arbeitssklaven des Frühkapitalismus (den es ja in vielen Ländern heute noch oder wieder gibt), sondern auch eine ganze Generation von jungen Menschen, denen außer „Geld machen“ und „Spaß haben“ und der Selbstdarstellung in den „sozialen Medien“ jeder Lebenssinn abhandengekommen ist.

Die Pflege des individuellen Egoismus in den liberalistischen Systemen führt in letzter Konsequenz (wie bei den beiden anderen angeführten Ideologien) zum Brudermord des Menschen am Mitmenschen. Wenn mein Wohlergehen, mein Besitz und Gewinn zur alles entscheidenden Maxime des Handelns wird, dann spielt es eben keine Rolle mehr, wenn mein Reichtum mit der Armut anderer erkauft ist, wenn meine teuren Luxusgüter mit billiger Kinderarbeit irgendwo weit weg in der „Dritten Welt“ produziert werden, wenn unsere Gewinne bezahlt werden aus der „Konkursmasse“ der „Verlierer“, wenn unsere Übersättigung ihren Gegenpol hat im millionenfachen Hungertod der „armen Verwandten“ unserer Menschheitsfamilie. Dann scheint „normal“ und gerechtfertigt, wenn ausufernde Spekulationen auf dem Weltmarkt für Nahrungsmittel und der zunehmende Aufkauf riesiger fruchtbarer Landflächen durch „Großinvestoren” (nur zur Geldanlage, nicht um dort etwas anzubauen) zu einer zusätzlichen künstlichen Verknappung und Verteuerung von Nahrungsmitteln führen. Auch der Liberalismus erweist sich dort, wo er unbeschränkt zur Verwirklichung kommt, in Wahrheit als menschenmordender Dämon. Sein „Feind” ist allerdings nicht die andere Klasse oder Rasse von Menschen, sondern das ethisch verpflichtende Gebot.

Dabei ist es ja nicht so, dass alle Manager und Konzernlenker, alle Banker, Broker, Finanzmanager … Verbrecher wären, das wäre unsinnig und verleumderisch. Und große Teile der regionalen und mittelständischen Wirtschaft sind eben nicht vom Ungeist eines schrankenlosen Marktliberalismus beherrscht, sondern versuchen, soweit es möglich ist, verantwortungsbewusst gegenüber Mensch und Natur zu handeln. Aber dass es im System der Weltwirtschaft und im System der internationalen Finanzwirtschaft große Ungerechtigkeiten gibt, die dazu führen, dass die Reichen weltweit immer reicher und die Armen immer ärmer werden, Ungerechtigkeiten, die es möglich machen, dass einige ohne eigene Arbeit, nur durch Spekulation, ungeheure Reichtümer ansammeln, während gleichzeitig andere trotz eigener harter Arbeit nicht das Nötigste zum Leben haben, das ist unbestreitbar. Und solche Systeme wirken sich in der Realität so aus, dass sie Armut, Hunger, Leid und Not in der Welt vermehren und dass Menschen, die innerhalb dieser ungerechten Systeme handeln, bewusst oder ungewollt daran mitschuldig werden.

Zur Zeit be­steht die Gefahr, dass ein globalisierter (und damit von keinen staat­lichen Instanzen kontrollierbarer) Kapitalismus auf der Suche nach Zinsen und Gewinnen unvorstellbare Geldsummen auf dem „freien Kapitalmarkt“ hin und her schiebt, sodass dieser die Bodenhaftung in Form von echten Wirtschaftsleistungen und erarbeiteten Werten verliert. Dieses Geld soll gar nicht mehr dazu dienen, irgendwo wirtschaftli­ches Handeln zu ermöglichen, etwas zu produzieren, eine Ware zu handeln oder eine Dienstleistung zu finanzieren, sondern das Geld wird zum „Selbstwert“, das nur dazu da ist, wieder „Geld zu machen“. Das kann eine Zeit lang vordergründig sehr erfolgreich sein, es kann ganze Volkswirtschaften aufblähen und zu schnellen Scheinblüten treiben, bis das ganze System aus Mangel an echt erarbeiteten Werten plötzlich kollabiert und dabei auch die noch gesunden Teile der Wirtschaft mit in den Untergang reißt und ganze Völker in bitterer Armut zurücklässt, während sich das „freie Kapi­tal“ schon längst woanders wieder neue lukrative „Spielräume“ erschließt. Wobei man noch hinzufügen muss, dass ein beträchtlicher Teil der Vermögenswerte, die in der globalen Finanzwirtschaft umgesetzt werden, aus verbrecherischen Systemen des internationalen Drogen-, Waffen- und Menschenhandels stammen, die den internationalen Finanzmarkt als „Geldwaschanlage” nutzen.

Gewiss kann und darf man nicht Millionen von Menschenopfern der einen oder anderen Ideologie miteinander vergleichen und gegeneinander aufrechnen. Dennoch: Wenn man die Opfer des Liberalismus (in seiner entarteten Form des kalten Raubtier-Kapitalismus) zählen könnte, er käme wohl nicht besser weg (weder zahlenmäßig, noch in der kalten Menschenverachtung des Handelns) als der Nationalismus oder der Kommunismus.

Wie man nach dieser Bilanz vor allem des vergangenen 20 Jahrhunderts (des Jahrhunderts der großen atheistisch-ideologisch begründeten Diktaturen) noch meinen kann, eine religionsfreie, atheistische Weltanschauung und Weltordnung wäre eine wünschenswerte Perspektive, ist sachlich nicht nachzuvollziehen (siehe dazu auch das Thema „Die Ethik des Atheismus“) .

Trotzdem müssen noch einige Fakten und Entwicklungen genannt werden, die vielleicht manches verständlich machen, was wir heute in unserer gesellschaftlichen Realitä­t wahrnehmen: Das „Feindbild Familie” und „das Drama der Revolutionen”.

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Weiterlesen im Beitrag 5: Feindbild Familie

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Bodo Fiebig „Die das Gute wollten“ Version 2018-8

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