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Bereich: Kontroverse Diskussion

Thema : Hitlers Kampf

Beitrag 1: Die Abstammung (Bodo Fiebig 2018-8)

Mein Kampf”, so nannte Adolf Hitler sein programmatisches Buch, das er in den Monaten seiner „Festungshaft” in Landsberg nach seinem gescheiterten Putschversuch in München verfasste. Dieser Titel ist mehr als nur eine zufällig gefundene, griffig und werbewirksam formulierte Überschrift, er ist Programm seines Lebens. Hitler empfand sich immer im Kampf. Die Zeit seines Aufstiegs zum „Führer” der nationalsozialistischen Bewegung und zum Kanzler des Deutschen Reiches nannte er später seine „Kampfzeit”. Und kaum an der Macht, begann er mit hektischen Vorbereitungen auf den großen Völkerkampf, von dem er sich die Herrschaft über Europa, ja eine Vorherrschaft in der Welt erwartete.

In all dem und über allem meinte er aber noch einen ganz anderen Kampf kämpfen und bestehen zu müssen: Den großen und alles entscheidenden Kampf gegen seinen dunklen, verderblichen Widersacher, das Judentum, das (nach Hitlers Vorstellungen) zwar im Verborgenen, aber doch mit allen (bösen) Mitteln zur Weltherrschaft strebe.

Die Ideologie des Kampfes zwischen den Völkern und Rassen (die Hitler nicht selbst entwickelt, sondern von anderen übernommen hatte), wurde zum Antrieb einer „Bewegung”, die Europa und die Welt in die bisher blutigsten Auseinandersetzungen und tödlichsten Verirrungen der ganzen Menschheitsgeschichte führte.

Noch immer breitet sich Ratlosigkeit aus, wenn die Frage nach den persönlichen und kollektiven Antrieben und Bedingungen gestellt wird, die zu solchen Entwicklungen und Folgen geführt haben. Hier soll innerhalb dieser Fragestellung nur ein einzelner Aspekt betrachtet werden: War es wirklich in erster Linie ein Rassenkonflikt, der schließlich bis in die Menschheitskatastrophe des Holocaust führte? Wir werden sehen: Es ging um mehr als um einen Rassen-Kampf. Es ging um die Herausbildung einer neuen Ethik für die entstehende Welt-Gesellschaft. Das wird noch eingehender dazustellen sein. Zunächst aber muss die Vorgeschichte dafür wenigstens kurz angedeutet werden.

1 Familien-Geschichte

Niemand kann sich seine Vorfahren selbst aussuchen und niemand kann für seine Abstammung verantwortlich gemacht werden. Aber jeder ist dafür verantwortlich, was er aus dem macht, was ihm von seinen familiären Wurzeln her an Möglichkeiten und Hindernissen mitgegeben ist. Hitler wurde zu Lebzeiten mit Superlativen überhäuft (größter Feldherr, Staatsmann, Bauherr… aller Zeiten), die sich am Ende alle als lächerliche Speichelleckerei erwiesen haben. Ein Superlativ aber muss man ihm (auch aus dem zeitlichen Abstand von Jahrzehnten) zuschreiben: Er war der Mensch, der aus den Gegebenheiten seines Lebens die schrecklichsten und folgenreichsten Konsequenzen zog.

Adolf Hitler, geboren am 20. April 1889 in Braunau am Inn, konnte selbst jenes Dokument nicht vorweisen, das auf seinen Befehl hin für Millionen von Menschen zur Entscheidung über Leben und Tod wurde: den „Großen Ariernachweis“ (oder zumindest den „Kleinen”). Adolf Hitlers Vater wurde als uneheliches Kind geboren; dessen Vater, also Hitlers Großvater, blieb unbekannt. Die Mutter von Hitlers Vater, Maria Anna Schicklgruber, war zu der Zeit, als sie mit ihm schwanger wurde, als Köchin in einem jüdischen Haushalt mit Namen Frankenberger angestellt. Die Familie Frankenberger zahlte von der Geburt des Kindes an bis zu dessen vierzehntem Lebensjahr Alimente an Frau Schicklgruber. Hitler wusste offensichtlich von dieser (für ihn) sehr fragwürdigen Wendung seiner Abstammungslinie. Und er zog, sobald er die Macht dazu hatte, Konsequenzen daraus: Schon im Mai 1938, wenige Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, ließ er die Ortschaft Döllersheim (wo seine Großmutter gelebt hatte) und deren weitere Umgebung in einen Truppenübungsplatz umwandeln. Die Geburtsstätte des Vaters und die Grabstelle der Großmutter wurden von den Panzern der Wehrmacht dem Erdboden gleichgemacht. (Joachim C. Fest "Das Gesicht des Dritten Reiches")

Nun war eine uneheliche Geburt damals gesellschaftlich weniger akzeptiert als heute, trotzdem musste das für das Kind und dessen Nachkommen nicht unbedingt eine gesellschaftliche Ächtung bedeuten. Hitlers Vater selbst konnte sich bis zum „Oberoffizial der k.u.k. Zollbehörde“ hocharbeiten und so eine geachtete Stellung einnehmen. Auch dass dessen vermuteter Vater (und Großvater Adolf Hitlers) möglicherweise Jude war, spielte (soweit es damals überhaupt öffentlich bekannt wurde) keine besonders negative Rolle. Für den Enkel aber wurde diese Tatsache mit einer emotionalen und weltanschaulichen Bedeutung aufgeladen, die seinen Lebensweg entscheidend beeinflusste (davon wird noch die Rede sein).

Ob diese Frankenberger-Theorie tatsächlich von den historischen Tatsachen bestätigt wird oder nicht (es gibt ja erhebliche Zweifel daran), ist gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass Hitler selbst wohl daran glaubte und seine emotionale und weltanschauliche Einstellung und schließlich auch sein Handeln davon bestimmen ließ. Im persönlichen Gespräch gestand er später (Hermann Rauschning, „Gespräche mit Hitler“, zitiert nach J.C. Fest), „dass auch er am „Siechtum des verdorbenen Blutes leide” und von der Teilhabe an der „Bruderschaft der wirklich Reinen, Adeligen für immer ausgeschlossen sei”.

Wann Hitler von dieser (für ihn) „dunklen Stelle“ in der Geschichte seiner Familie erfuhr, ist ungewiss, sicher ist aber, dass die Tatsache selbst im Leben Hitlers (und damit im Leben von sehr vielen Menschen in vielen Ländern Europas und darüber hinaus) sehr weitreichende Auswirkungen hatte. John Toland berichtet in seiner Hitler-Biografie ausführlich von Ereignissen von 1930, wo nach einem großen Wahlerfolg, der die NSDAP zur zweitstärksten Kraft im Reichstag machte, plötzlich ein Neffe Hitlers auftauchte, möglicherweise in der Absicht, Hitler mit dem Wissen um bestimmte Vorgänge in der Familiengeschichte zu erpressen. „Mit welcher Vorsicht“, habe Hitler zu ihm gesagt, so berichtet dieser Neffe später „habe ich immer meine persönlichen Angelegenheiten vor der Presse verborgen! Diese Leute dürfen nicht wissen, wer ich bin, sie dürfen nicht wissen, woher ich komme und aus welcher Familie ich stamme.“ Wie die tatsächlichen Verhältnisse auch gewesen sein mögen, und ob Hitler tatsächlich jüdische Vorfahren hatte, ist zweitrangig. Toland fasst zusammen: Der springende Punkt lag jedoch darin, dass Hitler fürchtete, es könne so sein.

Hinter diesem Bewusstsein der rassischen „Minderwertigkeit” stand auch Hitlers persönliche Lebenserfahrung: Der Vater, der sich ehrgeizig und entschlossen hochgearbeitet hatte, war als Familienvorstand hart und wenig einfühlsam. Oft schlug er den bockigen Sohn Adolf, manchmal auch dessen Mutter, seine Frau. Die Mutter Adolfs war hingegen weich, nachgiebig, und liebte ihren Sohn abgöttisch. Der jugendliche Adolf hasste den Vater und liebte die Mutter (später, als sie an Krebs erkrankt war, kümmerte er sich intensiv um sie). Der Hass des Jungen auf den Vater verband sich später bei dem erwachsenen Adolf Hitler mit dem Hass auf das Judentum, das er im Vater (und damit auch in sich selbst!) unheilvoll wirksam meinte.

Als der Vater gestorben war, konnte der Sohn seine Mutter fast nach Belieben manipulieren. Er verließ die Schule ohne Abschluss. Die Mutter ermöglichte ihm ein ungebundenes Leben ohne Verpflichtungen. Er hielt sich in den Cafés von Linz auf, versuchte sich als Maler, entwarf pompöse Phantasiebauten, besuchte Theater und Opernaufführungen, wobei er besonders von Wagner fasziniert war. 1907, mit 19 Jahren, ging er nach Wien, um sich dort um die Aufnahme an der Akademie für bildende Künste zu bewerben.

2 Das Scheitern des jungen Hitler

Adolf Hitler erlebte seine Jahre in der Realschule und erst recht seine Zeit in Wien als persönliches Scheitern und sozialen Abstieg. Anfangs, als Volksschüler, galt er als durchaus begabt. Später, in der Realschule in Linz zeigte er zunehmend Schulunlust und musste die sechste und siebte Klasse wiederholen. Die neunte Klasse (in Steyr) schaffte er gar nicht und er verließ die Realschule ohne Abschluss. Nun wollte er Kunstmaler werden und erträumte sich ein ungebundenes und verantwortungsfreies Leben als erfolgreicher Künstler. Allerdings reichte seine Begabung nicht aus, um zum Studium an der Wiener Kunstakademie zugelassen zu werden. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Er lebte nun in Wien von einer unrechtmäßig erschlichenen Waisenrente und vom Verkauf nachgemalter Postkarten. Schließlich landete er in den Obdachlosenasylen und Männerheimen von Wien und damit im untersten Bodensatz der sozialen Rangordnung der Stadt. Er galt bei seinen Mitbewohnern als faul und launisch, schwankend zwischen depressiver Verstimmung und überreizter Aggressivität, die sich zu hemmungslosen Wutanfällern steigern konnte. Um der Einberufung zum österreichischen Militär zu entgehen, zog er 1913 nach München.

3 Das entlastende Erklärungsmuster

Wann und wie Hitler erfahren hat, dass sein Vater als uneheliches Kind (möglicherweise) von einem jüdischen Mann gezeugt worden war, ist ungewiss. Unter dem Einfluss billiger antisemitischer Traktate, die in Wien vielfach im Umlauf waren, und verbreiteter verbaler antijüdischer Propaganda kam er nach und nach und schließlich immer selbstüberzeugter zu der für ihn befreienden „Erkenntnis“: Nicht er selbst ist schuld an seiner üblen Lage, seinen Misserfolgen, seinem Scheitern, sondern „der Jude in ihm“ und (allgemeiner, aber in enger Beziehung dazu) „der Jude in der Welt“. Er selbst, so gewann er die immer festere Überzeugung, war zu Höherem berufen, aber das Jüdische in seinem Blut (also das verhasste Erbe seines ungeliebten Vaters), das zog ihn nach unten, das verhinderte, was ihm eigentlich zustand. Wenn er je in der Lage sein würde, den Schaden, den die jüdischen Gene in seiner Erblinie angerichtet hatte, in sich zu überwinden, dann würde sich großartig entfalten, was er als geniale Begabung in sich zu spüren meinte.

Gewiss war das nicht mehr als ein selbstgestricktes Erklärungsmuster Hitlers zur Rechtfertigung seines eigenen Versagens. Es entsprach aber in den Grundzügen dem Erklärungsmodell vieler Deutscher seiner Zeit für den als ungenügend und beschämend empfundenen Zustand Deutschlands: Das Judentum als „Rassebazillus” im Volkskörper der deutschen Nation ist die Ursache allen Übels.

Das apologetische Anliegen dieses Denkmodells nahm auf die Realitäten keine Rücksicht: Das Judentum als einheitliche „Rasse” hat es nie gegeben. Die Landbrücke zwischen den Kontinenten Afrika, Asien und Europa (die das Land Israel mit einschließt) war seit den frühesten Anfängen der menschlichen Entwicklung ein Durchgangsland gewesen, in dem sich die verschiedensten Völkerschaften aufgehalten und vermischt hatten. Das hat sich nach der Vertreibung der Juden aus dem „Land der Väter” und ihrer Zerstreuung in der zweitausendjährigen Diaspora fortgesetzt und noch verstärkt.

Schon das Alte Testament hat für Israel als das ersterwählte Volk Gottes keine ethnischen oder gar rassischen Grenzen gezogen, sondern spirituelle: Israel durfte keine fremden Götter annehmen (1. Gebot, 2. Mose 20, 2-6), aber die Israeliten durften Menschen aus fremden Völkern bei sich aufnehmen, wenn die bereit waren, den Gott Israels als ihren anzunehmen (z. B. die Moabiterin Ruth, die sogar in die Ahnentafel des davidischen Königshauses eingereiht wurde). Wer heute durch die Straßen von Jerusalem, Tel Aviv oder Haifa geht, begegnet dort europäischen (askenasischen) Juden ebenso, wie orientalischen Juden aus dem Jemen oder Mesopotamien, südländischen (sephardischen) Juden aus den Ländern rings ums Mittelmeer ebenso, wie dunkelhäutigen afrikanischen Juden aus Äthiopien...

Trotzdem: Ein über viele Generationen gewachsener Antijudaismus, (wie er in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg in vielen Ländern Europas virulent war), gepaart mit abwegigen, aber bemüht wissenschaftlich klingenden Rassentheorien konnte einem labilen, zwischen Selbstzweifeln und Selbstüberhöhung hin und her schwankenden jungen Mann sehr wohl zum Erklärungsmodell für das eigene schmerzlich empfundene Ungenügen werden. Hitler hatte nun das Erlösungsmotiv (ein Begriff aus den Wagner-Opern) für sein Lebenstrauma gefunden: Befreiung vom Judentum, dem Verderber alles Guten. Vorerst blieben diese inneren Gärungsprozesse noch verborgen wie eine Krankheit, deren Keim man schon in sich trug, die aber noch auf den Augenblick wartete, wo die Zeit reif sein würde, dass sie ausbrechen konnte.

Wie aber konnten solche „Einsichten“ dann eine so unglaubliche Biografie vom Obdachlosen-Heim-Insassen zum Deutschen Reichskanzler und „Führer“ hervorbringen? Wie konnte ein junger Mann, der übereinstimmend von allen, die ihn kannten, als unzufrieden und arbeitsscheu, mal träge, mal wichtigtuerisch aufbrausend, von wirren Ideen und dumpfen Aggressionen beherrscht geschildert wird und der, um der Einberufung zum österreichischen Militär zu entkommen, schließlich nach München auswich, zu einer so beherrschenden Stellung gelangen? Was konnte so eine unglaubliche Lebenswende bewirken? Eine entscheidend prägende Erfahrung waren zweifellos Hitlers Erlebnisse im Ersten Weltkrieg.

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Weiterlesen im Beitrag 2 „Die Erfahrung des Krieges

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Die Abstammung (Version 2018-8)

© 2018 Bodo Fiebig

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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