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Bereich: mitreden und im Gespräch bleiben

Thema: Konfliktherd Heiliges Land?

Beitrag 1: Die doppelte Wahrheit (Bodo Fiebig 2017- )

Jede Seite des „Nahost-Konflikts” hat ihre eigene Wahrheit (genauer gesagt: ihre eigenen Wahrheitsansprüche). Und diese "Wahrheiten" könnten kaum unterschiedlicher und gegensätzlicher sein. Jede Seite hat ihre eigene Geschichtsschreibung entwickelt, und auch die sind kaum widersprüchlicher denkbar. Es existieren zwei völlig unterschiedliche Geschichtsbilder bezüglich der historischen Fakten bei der Entstehung und Entwicklung des Konflikts, so als ob man über völlig verschiedene Vorgänge reden würde, wobei jede Seite ihre Interpretation für die einzige objektiv richtige Wahrheit hält. Das muss uns nicht überraschen, das ist in solchen Konfliktfällen mehr oder weniger immer der Fall. Trotzdem hat die Sache zwei Aspekte, die man auseinanderhalten muss: Einmal geht es um das subjektive Erleben der Menschen auf beiden Seiten, und das muss man trotz aller Widersprüchlichkeiten und Einseitigkeiten (die in der Natur der Sache liegen, denn jeder erlebt ja nur die eine Seite des Konflikts) sehr erst nehmen. Es gibt aber nicht nur das tatsächliche Erleben, sondern auch bewusste Übermalungen, Verfälschungen und Fehlinterpretationen solchen Erlebens, die bewusst als „Kampfmittel“ im Konflikt eingesetzt werden. Und diese Verfälschungen bekommen nach und nach (vor allem in der nächsten Generation, die das Geschehen nicht mehr selbst miterlebt hat) einen subjektiven Wahrheitswert, der sich gegen die tatsächlichen und objektiven historischen Fakten durchsetzen und diese völlig verdrängen kann.

Wenn es um historische Vorgänge geht, gibt es eben nicht nur subjektives Erleben, sondern auch objektive Tatsachen. Wer das leugnet, ist unfähig zu einem ehrlichen Dialog. Richtig ist, dass man nur ins Gespräch kommen kann, wenn man das Erleben und Erleiden der Menschen auf der jeweils anderen Seite wahrnimmt und ernst nimmt. Absolut zerstörerisch für das Gespräch ist es aber, wenn die eine Seite verlangt, dass man ihre Verfälschungen zur Grundlage des Dialogs macht. „Nur wenn du meine Interpretation der Ereignisse (bis hin zur Geschichtsfälschung und Kollektiv-Lüge) als unsere gemeinsame Wahrheit akzeptierst, bin ich bereit, mit dir zu reden.“ Leider sieht es so aus, als ob genau dies die Haltung vieler palästinensischer Gesprächs- und Verhandlungspartner im Nahost-Konflikt ist.

Es gibt eine ganze Reihe von Geschichts-Lügen, die für die meisten (moslemischen) Araber (innerhalb und außerhalb Palästinas) unterdessen zur unumstößlichen Wahrheit geworden sind (hier können nur einige wenige Beispiele genannt werden): „Es gab nie in der Geschichte einen jüdischen Staat auf dem Gebiet des heutigen Israel und nie einen jüdischen Tempel in Jerusalem. Der Holocaust ist eine jüdische Erfindung (oder zumindest eine gewaltige Übertreibung einzelner Gräueltaten), um die Völker der Welt unter Druck zu setzen und die Notwendigkeit eines jüdischen Staates zu begründen. Die Juden haben uns das Land weggenommen, das uns seit Jahrhunderten gehörte. Wir allein (die Palästinenser) sind die Opfer des Konflikts und ihr allein (die jüdischen Israelis) seid die Täter ...“

Gleichzeitig werden auf palästinensischer Seite oft eigene Einstellungen und Handlungen einfach nicht als friedensfeindlich wahrgenommen, auch dafür nur wenige Beispiele: Wenn man sich die offiziellen Wappen sowohl der radikalen Hamas, als auch der als „gemäßigt“ geltenden Fatah des Palästinenser-Präsidenten Mahmud Abbas anschaut, dann stellt man fest: Das Land „Palästina“, das darauf abgebildet ist, umfasst nicht nur die „Palästinensergebiete“, sondern auch das ganze heutige Israel. Darauf angesprochen geben viele Palästinenser offen zu, dass sie selbstverständlich langfristig auch ganz Israel zu ihrem palästinensischen Staat zählen und das kann nur dann verwirklicht werden, wenn der jüdische Staat Israel aufgehört hat zu existieren.

Oder: In Israel leben Hunderttausende christliche und muslimische Araber (Palästinenser) als weitgehend gleichberechtigte Staatsbürger. In den unter palästinensischer Verwaltung stehenden Gebieten dagegen kann kein Jude leben, und wenn sich einer dorthin verirren würde, müsste er um sein Leben fürchten.

Zu den (meist verschwiegenen) Wahrheiten gehört z . B. auch, dass es nicht nur ein "palästinensisches Flüchtlingsproblem" gab, sondern gleichzeitig auch ein jüdisches. Hunderttausende jüdische Menschen in den arabisch-moslemischen Ländern vom Iran bis Marokko mussten im 20 Jahrhundert ihre Heimat, in der ihre Familien zum Teil seit biblischen Zeiten gewohnt hatten, unter Zurücklassung aller ihrer Habe verlassen. Sie wurden in einer gewaltigen nationalen Kraftanstrengung in das winzige Land Israel integriert. Die palästinensischen Flüchtlinge in der "Westbank" und in den umliegenden arabischen Ländern aber durften und dürfen sich bis heute nicht integrieren, weil sie von den arabischen Mächten immer noch als “Faustpfand“ und "Mittel zum Zweck" gebraucht und missbraucht werden.

Viele Israelis sind bereit, um überhaupt ein Gespräch in Gang zu bringen, solche Vorgaben stillschweigend zu akzeptieren, ja es gibt bei manchen sogar so etwas wie einen jüdischen Selbst-Hass, der dazu neigt, sich selbst und die eigene Existenz in Frage zu stellen. Ausnahmen gibt es natürlich auch hier, aber eine so durchgängige und allgemein anerkannte Verfälschung geschichtlicher Tatsachen wie bei unseren palästinensischen Gesprächspartnern ist mir von israelischer Seite her nicht begegnet. Das klingt nun in manchen Ohren vielleicht einseitig anti-palästinensisch, ich möchte aber im Verlauf der Abhandlung noch deutlich machen, dass ich eine ganz andere Zielrichtung habe.

Fatal ist es, wenn nun von außen kluge und einflussreiche Politiker, Journalisten, auch Vertreter der Kirchen usw. kommen und sagen: „Nun, wir sehen, es gibt zwei unterschiedliche Wahrheiten bei euch. Die Gerechtigkeit verlangt, dass wir beide Wahrheiten gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen. Die Frage nach einer objektiven historischen Wahrheit ist irrelevant und bringt uns nicht weiter.“ Das klingt sehr weise, ausgewogen und abgeklärt. Wenn aber auf diese Weise (Propaganda)-Lügen zur Grundlage von Gesprächen und Verträgen werden, so ist deren Scheitern vorprogrammiert. Der „Friedensprozess von Oslo“ ist meiner Meinung nach unter anderem daran gescheitert.

Niemals in den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte wurde so viel gelogen wie heute (es gab ja auch nie so viele Möglichkeiten, falsche „Wahrheiten“ zu verbreiten wie heute, in den Medien, im Internet …), und man hat den Eindruck: Nirgendwo wird heute so viel gelogen wie im Nahost-Konflikt. Das Internet ist nicht nur weltweit zum wichtigsten Wahlkampf­instrument geworden, sondern es ist ganz allgemein Kampfinstrument und bevorzugte Waffe im Ringen um die Herzen und Hirne (das heißt um die Beherrschbarkeit) der Menschen, und die „Munition“, die man damit abschießt, sind Halbwahrheiten, Verfälschungen, Übertreibungen und viele, viele glatte Lügen, die sich zu neuen „Wahrheiten“ verdichten, wenn man sie nur oft genug wiederholt. Alle Beteiligten am Nahost-Konflikt nutzen diese „Waffe“, aber nirgendwo, so scheint es, werden die eigenen Lügen so inbrünstig geglaubt, wie in „Palästina“.

Die Not eines Teils der palästinensischen Bevölkerung ist echt und zum Teil dramatisch. Falsch ist aber die ganz selbstverständliche Behauptung, dass allein Israel daran schuld sei. Eine Ursache für diese Not ist auch die ausufernde Korruption in den palästinensischen Führungsschichten, die einen großen Teil der internationalen Gelder, die ins Land kommen, in privaten Taschen verschwinden lässt. Nirgendwo auf der Erde werden pro Kopf der Bevölkerung so viele internationalen Hilfsgelder gezahlt wie in den Palästinensergebieten, aber das meiste kommt bei den „einfachen Leuten“ nicht an. Aber auch das ist noch nicht der Hauptgrund, wie wir später noch sehen werden.

Tragisch für die Lage der Palästinenser hat sich ihre Neigung ausgewirkt, mehrheitlich immer wieder die Option der Gewalt gegen Israel als Ausweg aus ihrer eigenen Not zu wählen. So haben sie Saddam Hussein zugejubelt, als er Raketen auf Tel Aviv abschoss, so verherrlichen sie die Selbstmordattentäter als Helden und Märtyrer und wählten die (im Vergleich zur keineswegs „friedliebenden“ Fatah noch radikalere) Hamas an die Regierung und sie begrüßen die Raketen, die von Gaza aus auf israelisches Gebiet abgefeuert werden.

Bei den Israelis spielt immer noch das Trauma des Holocaust eine entscheidende Rolle. Die Erfahrung, dass man sie als Volksganzes und nur wegen ihres Jüdisch-Seins völlig vernichten wollte (und das zu einem großen Teil auch tatsächlich getan hat), hat sich tief ins kollektive Bewusstsein der Juden eingegraben. Nun leben sie zwar im eigenen Land, in einem eigenen Staat, aber das Trauma ist noch nicht zu Ende. Sie erleben und empfinden ihre Geschichte seit der Staatsgründung (ebenso wie ihre gegenwärtige Situation) als Fortsetzung der Bedrohung, einer Bedrohung, die wieder auf ihre völlige Vernichtung hinzielt. Und die Äußerungen vieler maßgeblicher Politiker aus der arabischen Welt bestätigen ihnen immer wieder die Aktualität dieser Bedrohung. Auch der Friedensnobelpreisträger Arafat hat ja, wenn er auf Arabisch vor seinen Anhängern sprach, immer wieder die Vernichtung Israels gefordert, während er auf Englisch vor den Kameras der Weltpresse Friedenserklärungen abgab.

Dieses Gefühl der ständigen existenziellen Bedrohung hat bei den Israelis ein gesteigertes Bedürfnis nach Sicherheit erzeugt. Und dieses fast zwanghafte Bestreben, alles, aber auch nahezu alles, dem Sicherheitsbedürfnis unterzuordnen, bringt immer wieder auch Handlungsweisen hervor, die von den Palästinensern mit Recht als rücksichtslos, ungerecht und entwürdigend empfunden werden. Palästinensische Gesprächspartner sagen dann: „Warum sollen wir dafür büßen, was die Deutschen vor 70 Jahren den Juden angetan haben?“ und übersehen dabei bewusst oder unbewusst, dass es ja die gegenwärtige Bedrohung ist, die die schreckliche Erfahrung der Vergangenheit so nah und so bedrängend aktuell sein lässt. Der Aufbau eines gegenseitigen Vertrauensverhältnisses wäre dringend nötig, aber man kann den Israelis in der gegenwärtigen Situation nicht gut empfehlen, es doch mal drauf ankommen zu lassen, auch auf das Risiko hin, einen zweiten Holocaust zu erleben.

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Weiterlesen im Beitrag Die Guten und die Bösen“

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Die doppelte Wahrheit – Version 2018-8

© 2018 Bodo Fiebig

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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