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Thema: Konfliktherd Heiliges Land?

Beitrag: Die Guten und die Bösen (Bodo Fiebig 2017-8 )

Wir möchten in unserer Sicht auf die Dinge gern klare Verhältnisse haben: Wer sind die Guten (und verdienen deshalb unsere Unterstützung) und wer sind die Bösen (und müssen deshalb entlarvt und bekämpft werden)? Die meisten Europäer haben sich entschieden, wenn es um den israelisch-palästinensischen Konflikt geht: Für die einen (meist fromme Christen evangelikaler Prägung) sind die Israelis die Guten und die Palästinenser die Bösen und sie führen gute Gründe an für ihre Meinung. Und für die anderen (die große Mehrheit) sind die Palästinenser die Guten und die Israelis die Bösen und auch sie nennen gewichtige Gründe für ihre Entscheidung.

1 Machtspiele

Die Frage ist aber, ob "gut" und "böse" wirklich so eindeutig zuzuordnen sind, wie wir manchmal meinen. Außerdem: Scheint es nicht geradezu naiv, diese Begriffe für die Beurteilung von politischen Vorgängen zu verwenden? Spielen da nicht ganz andere Kriterien eine Rolle? Zum Beispiel militärische Stärke, wirtschaftliche Macht und (Öl-)Reichtum? Scheint es nicht gerade so, als ob es in den internationalen Beziehungen zweierlei Recht gäbe, je nachdem, wie groß die Macht ist, die ihr Recht durchzusetzen versucht?

Ach, gäbe es doch nur zweierlei! Aber es gibt so vielerlei „Recht“ wie es Mächte gibt, die sich stark genug fühlen, selbst zu bestimmen, was „Recht“ ist. Die Welt ist eben nicht so einfach in gut und böse einzuteilen. Das tatsächlich angewandte internationale Recht (nicht das, was auf irgendwelchen Papieren steht) hat mit Gerechtigkeit kaum etwas zu tun. Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges z. B., dazu China (zugleich die großen Atommächte) haben sich selbst im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen einen Sonderstatus zugesprochen: Sie sind „ständige Mitglieder“ und sie sind „Vetomächte“; alle anderen Staaten der Welt haben diese „Rechte“ nicht. Durch ihr Vetorecht können sie jede unliebsame Initiative der UN zu Fall bringen, und so verhindern, dass internationales Recht auch gegen sie selbst angewendet werden könnte. Das heißt, die „Vetomächte” im Weltsicherheitsrat stellen sich ganz bewusst selbst außerhalb der Rechtsordnung der „Staatengemeinschaft“, deren Rechte sie angeblich vertreten. Und sie handeln auch entsprechend:

Das ständige Mitglied und „Vetomacht“ des Weltsicherheitsrates China konnte ungestraft das Nachbarland Tibet überfallen und annektieren (und bis heute behalten), ohne dass es jemand wagte, dagegen Einspruch zu erheben. Die andere Vetomacht Russland konnte einen jahrelangen sehr brutalen Krieg in Tschetschenien führen, ohne dass sie mehr als sehr vorsichtige Ermahnungen der „Weltgemeinschaft“ zu befürchten brauchte. Aktuell versucht die Vetomacht Russland Teile der Ukraine mit militärischen Mitteln an sich zu bringen und die sogenannte „Weltgemeinschaft” ist ratlos, wie sie dieser Aggression begegnen kann, ohne den zerbrechlichen Frieden in Europa aufs Spiel zu setzen. Die USA konnten mit sehr fadenscheinigen Argumenten im Irak einmarschieren, auch gegen den Willen der Vereinten Nationen. Der aktuelle Krieg in Syrien, der schon Hunderttausenden das Leben gekostet und Millionen aus ihrer Heimat vertrieben hat, der wäre vielleicht gar nicht entstanden, gewiss aber nicht so groß, gewalttätig und verlustreich geworden, wenn Russland nicht aus sehr eigensüchtigen Machtinteressen alle Versuche, mäßigend auf die syrische Regierung einzuwirken, im Weltsicherheitsrat blockiert hätte usw.

Dieses „Sonderrecht der Starken“ galt und gilt selbstverständlich auch im Nahostkonflikt, ja der ist sogar ein besonders eklatantes Beispiel dafür: England, als Mandatsmacht des Völkerbunds, konnte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eigenwillig und nach eigenen Machtinteressen die Landkarte des Nahen Ostens völlig neu zeichnen. Viele Aspekte des heutigen Nahost-Konflikts haben eine Wurzel in den damaligen willkürlichen Grenzziehungen und in widersprüchlichen Zusagen an die damals beteiligten Volksgruppen und Machthaber.

Sind deshalb die Chinesen, die Russen, die Amerikaner und Engländer böse zu nennen? Ich meine, wir müssen uns abgewöhnen, die Kategorien „gut“ und „böse“ auf Menschen anzuwenden. Das gilt auch für die am Nahost-Konflikt Beteiligten. Weder die Israelis noch die Palästinenser sind als einzelne Personen oder als ganze Völker gut oder böse. Aber es ist unbedingt notwendig, die Wertungen „gut“ oder „böse“ auf bestimmte Absichten, Verhaltensweisen und Handlungen (einschließlich der dahinter stehenden Ideologien) anzuwenden (siehe das Thema „gut und böse“).

Die meisten Politiker freilich vermeiden es sorgfältigst, irgendetwas gut oder böse zu nennen. Sie reden lieber von „strategisch vorteilhaft“, oder „der Situation angemessen“ oder „politisch durchsetzbar“ usw. Ich bin aber überzeugt, dass es auch im Zusammenleben von Völkern und Staaten nicht ohne die Unterscheidung von gut und böse geht. Aber eben nicht so, dass die einen die Bösen sind („Schurkenstaaten“) und die anderen die Guten, sondern so, dass jede Handlungsweise, wer auch immer die Handelnden sind, danach beurteilt werden muss, ob sie dem Leben und dem Zusammenleben der Menschen aller beteiligten Gruppen dient oder nicht (das muss im Rahmen dieser kurzen Darstellung und im gegebenen Zusammenhang als Maßstab für „gut“ und „böse“ genügen).

Allerdings lehrt uns die Geschichte (besonders die deutsche im sog. "Dritten Reich", aber man könnte ebenso auch die Sowjetunion unter Stalin oder China unter Mao als Beispiel nennen), dass es nicht nur einzelne böse Taten gibt, sondern auch ganze Denk- und Macht-Systeme, die (meist ideologisch begründet) menschenfeindlich, gewalttätig und friedenszerstörend sein können, und dass es innerhalb solcher Systeme ungeheuer schwer ist, als Einzelner verantwortlich und friedensfördernd zu leben und zu handeln. Das Schlimme an solchen Systemen ist, dass sie die Inhalte von „gut“ und „böse“ neu definieren. Z. B. im „Dritten Reich“: „Gut ist, was dem Volke nützt“, und dann mussten eben die „Volksfeinde“ wie „Ungeziefer“ bekämpft und ausgerottet werden. Selbst die furchtbarsten Mordgesellen des Holocaust waren ja überzeugt, das „Gute“ zu tun. Solche Systeme, weniger die einzelnen Handlungen, sind die eigentlichen Friedenszerstörer.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass man die Verantwortung des Einzelnen außer Kraft setzt und persönliche Schuld an anonyme Systeme abgibt, aber, wie die Geschichte zeigt, sind doch jeweils nur wenige Menschen in der Lage, sich einer machtvollen und gewalttätigen Strömung zu entziehen und unter Einsatz des eigenen Lebens einen eigenen, selbst verantworteten Weg zu gehen. Um so mehr sind jene Einzelnen und kleinen Gruppen (in Israel und in den Palästinensergebieten) zu bewundern, die inmitten dieser spannungsgeladenen Situation Schritte zur Versöhnung wagen.

Auf beiden Seiten, bei Israelis und Palästinensern (und bei allen Mächten und Interessengruppen, die sonst noch ihre Finger im Nahostkonflikt haben!), müsste man also danach fragen, ob ihre jeweiligen Handlungsweisen nicht von ideologisch, religiös oder auch politisch-ökonomisch begründeten Systemen herkommen, die den „Treibstoff“ für die immer weitergehende Gewalt bilden. Solche Systeme können neben einem aggressiv-expansiven Islamismus auch ein nationalistisch missverstandener Zionismus sein, oder auch das Spiel der Großmächte um Einflusssphären und global-strategische Vorteile, oder eine unter dem Decknamen „Globalisierung“ verborgene Ausbeutungsstrategie weltweiter Rohstoff- und Industriekonzerne. Wenn diese Systeme hinter den vordergründigen Ereignissen entlarvt und entmachtet würden, wäre Frieden leichter möglich. Eines der ideologischen Systeme im Nahostkonflikt, das eine einseitige Zuweisung von „gut“ und „böse“ an die beteiligten Konfliktparteien vornimmt, ist der schon genannte moderne radikale Islamismus, der unterdessen große Teile der heutigen islamischen Welt beeinflusst. (Ich nenne hier den radikalen Islamismus bewusst eine Ideologie, im Unterschied zum Islam als Religion.)

Für die radikal-islamisch dominierten palästinensischen Gruppen (und für fast alle arabischen Staaten und Gruppierungen in der ganzen Region) ist der Staat Israel die Verkörperung des Bösen schlechthin. Er wird wahrgenommen als Speerspitze der ungläubigen Welt mitten im eigenen Land, als „westlicher“ Stachel im Fleisch der islamischen Welt. Das macht echte Friedensverhandlungen schier unmöglich und die Formel „Land für Frieden“ zur Illusion. Überspitzt ausgedrückt: Selbst wenn Israel alles Land von Tel Aviv bis Jerusalem, von Haifa bis Elat hergeben würde bis auf einen einzigen Quadratkilometer Wüstensand im Negev, wäre auch dieses Ergebnis für die islamischen Extremisten ein unerträglicher Zustand, für dessen Beendigung sie in den „Heiligen Krieg“ ziehen würden.

2 Der doppelte Kampf David gegen Goliath

Bei den meisten der am Konflikt beteiligten Parteien und Personen folgt ihre Beurteilung der Lage nicht rationalen Argumenten, sondern wird wesentlich durch emotionale Wertungen bestimmt. Beide, Israelis und Palästinenser, fühlen sich in der Rolle des „David“, der gegen einen übermächtigen „Goliath“ ankämpfen muss: "Wir stehen allein der ganzen arabisch-islamischen Welt gegenüber und einem weltweit wachsenden Antisemitismus", sagen die Israelis. Aber man entdeckt ein ähnliches Selbstempfinden (und eine entsprechende Selbstdarstellung) auch bei den Palästinensern: "Wir, unbewaffnete, friedliche Bürger, die nichts als ihr Recht fordern und ein paar arme Steine werfende Kinder gegen eine hochgerüstete Armee" (so kann man es z. B. in Wandmalereien im Flüchtlingslager Dheisheh in Bethlehem dargestellt finden). Gleichzeitig sehen sich beide Parteien auch in der Rolle des Goliath, der befürchten muss, vor der Weltöffentlichkeit als Verlierer gegen den kleinen David dazustehen: die arabisch-islamische Welt gegen Israel und Israel gegen die Palästinenser.

Eine Besonderheit am heutigen Nahost-Konflikt ist zum Beispiel die Tatsache, dass da ein Land von der Winzigkeit eines innerdeutschen Bundeslandes sich in einer ganzen Serie von Kriegen als militärisch so stark erwiesen hat, dass die heutigen arabischen Nachbarstaaten (obwohl zahlenmäßig haushoch überlegen und dazu noch mit dem Reichtum des Öls gesegnet) sich nicht in der Lage sehen, es anzugreifen, obwohl sie es gern täten. Achmadinedjad, der ehemalige iranische Präsident, ist ja keineswegs der einzige islamische Staatsmann, der Israel gern von der Landkarte löschen würde, er war nur der Einzige, der es so öffentlich aussprach, weil er das zur Stärkung seiner eigenen innen- und außenpolitischen Position brauchte. Für die stolzen und vom Gedanken der „Ehre“ tief erfüllten arabischen Nationen ist es ein unerträglicher Gedanke, vor dem kleinen Land Israel militärisch zurückweichen zu müssen. Ebenso ist es für die militärisch so erfolgreichen Israelis schwer zu ertragen, dass sie mit dem Aufstand der technisch weit unterlegenen Palästinenser nicht fertig werden.

Diese Situation wird auf arabischer Seite noch überhöht und verschärft durch die Frage nach der überlegenen Religion. Wenn der Islam die letzte und endgültige Offenbarung Gottes ist, dann muss sich das auch in der politisch-militärischen Überlegenheit der islamischen Welt erweisen. Die Berichte aus den ersten Jahrhunderten nach Mohammed mit der geradezu explosionsartigen Ausweitung der islamischen Welt scheinen das zu bestätigen. Nun aber sieht sich das nach langer Lähmung wiedererwachte islamische Selbstbewusstsein konfrontiert mit der Tatsache, dass es da einen wirtschaftlich und technologisch überlegenen „Westen“ gibt. Und das trotz des überreichen Segens Allahs für die islamischen Nationen in Form des Öls! Wie ist das zu erklären? Für den islamischen Extremismus gibt es nur eine Erklärung: Nur durch die Mächte des Bösen kann der „Westen“ so stark geworden sein. Die „moralisch verkommene“ Selbstdarstellung des Westens in den Medien scheint das zu bestätigen. So wird der Kampf gegen Israel und die „westliche“ Welt zum Kampf „gut“ gegen „böse“, wobei man sich selbst ganz sicher in der Rolle der „Guten“ weiß (siehe auch den Beitrag „Streit um die Erwählung“).

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Weiterlesen im Beitrag „Wem gehört das Land?“

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Die Guten und die Bösen – Version 2018-8

© 2018 Bodo Fiebig

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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