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Thema: Konfliktherd Heiliges Land?

Beitrag 4: Streit um die Erwählung (Bodo Fiebig 2018-8)

Das ist eine bittere Erfahrung vieler Menschen, die manche seit ihrer Kindheit mit sich herumschleppen, die ihr Selbstwertbewusstsein eintrübt, ihr Selbstvertrauen schwächt, ihre Eigeninitiative hemmt und in ihnen geheime Aggressionen weckt: Andere werden bevorzugt und ich werde zurückgesetzt. Andere werden gefördert und ich werde vernachlässigt. Andere werden geliebt und ich werde missachtet. Dabei muss das nicht immer objektiv eine tatsächliche Zurücksetzung, Vernachlässigung und Missachtung sein, es genügt schon, wenn man es so empfindet, weil man bestimmte Erfahrungen entsprechend interpretiert. Am belastendsten und folgenreichsten sind solche Erfahrungen und Empfindungen dann, wenn die Zurücksetzung, Vernachlässigung und Missachtung von Personen oder Autoritäten herkommt, die einem besonders nahe und wichtig sind, z. B. den eigenen Eltern oder (bei gläubigen Menschen) gar von Gott selbst.

Solche Erfahrungen können individuell sein, nur einzelne Menschen betreffend, sie können aber auch mehr oder weniger große Gemeinschaften, ja ganze Völker betreffen: Andere werden bevorzugt, gefördert, geliebt und wir werden zurückgesetzt, vernachlässigt und missachtet.

Der gegenwärtige Nahost-Konflikt ist zu einem wesentlichen Teil eine Folge solcher Erfahrungen und Empfindungen, Empfindungen der Bevorzugung anderer und eigener Benachteiligung. Sie machen sich fest an dem Begriff der Erwählung, der Erwählung durch Gott, als der höchsten Autorität*, an der Erwählung durch den, der (jedenfalls im Verständnis vieler Gläubigen) die eigene Existenz und Identität noch direkter und tiefer begründet als die eigenen Eltern. Wer ist der Erwählte Gottes, also dessen, der alle Macht hat und der seine Erwählten über alle anderen Völker und Religionen erheben kann? Und im Zusammenhang damit: Welcher ist der wahre Gott, der, der wirklich die Macht hat? Das ist die eigentliche Streitfrage zwischen den drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) und eine Grundfrage des heutigen Nahost-Konflikts. Und nicht erst die fertige Antwort, allein schon die Fragestellung kann für die Beteiligten zu großen inneren und äußeren Spannungen führen, kann Emotionen hochkochen lassen und Menschen zu irrationalen Handlungsweisen antreiben.

* Wir werden sehen, dass dieser religiöse Aspekt keineswegs im Widerspruch steht zu der vorhin gemachten Feststellung, dass der Nahost-Konflikt Teil eines von globalen Machtinteressen gesteuerten Prozesses ist.

Dabei erlebt sich der Islam von Anfang an in der Situation des Spätgeborenen, der ältere Geschwister vorfindet, die sagen „wir (das Judentum) sind die Erwählten” oder „wir (das Christentum) sind die Erben der Erwählung*”. Das empfinden Angehörige des Islam als Herabsetzung und Zurückweisung an die letzte Stelle, eine Erfahrung, die sie in ihrer Ehre tief verletzt. Freilich muss man hier ganz deutlich sagen: Ein selbstbewusster Stolz auf die eigene Erwählung ist auch für Juden und Christen hier völlig fehl am Platz, er offenbart ein völlig falsches Verständnis dessen, was Erwählung wirklich bedeutet, jedenfalls dann, wenn es um Erwählung im biblischen Sinne geht.

„… weil der „Vater” die Erstgeborenen (die Juden) wegen deren Ungehorsam verworfen hat”. So argumentieren manche Christen, die eine Jahrhunderte alte „Enterbungs­theo­logie” immer noch nicht überwundenen haben.

In den vergangenen Jahrhunderten ist „Erwählung” immer als Bevorzugung verstanden worden, als Höherwertung und Besserstellung, die automatisch mit einer Zurücksetzung und Benachteiligung, ja Erniedrigung anderer verbunden ist. Das aber ist ein schreckliches und folgenschweres Missverständnis.

Ich will das anhand einer Gleichnisgeschichte verdeutlichen. Stellen wir uns vor: Ein Heerführer (Gott wird in der Bibel auch JaHWeH Zebaoth, also „Herr der Heerscharen” genannt) mustert seine „Mannschaften” (die Völker der Menschheit). Es geht dabei um die Frage, welche Mannschaft (also welches Volk) soll er wählen, welche kann er berufen für eine besondere Aufgabe? Und es geht dabei um eine besonders schwere und außerordentlich gefährliche Aufgabe: Die Mannschaft, die er auswählt, soll als Vorhut, als Voraustruppe von Erstlingen und Pionieren, in ein von feindlichen Mächten besetztes Gebiet gehen, um da einen Weg zu bahnen für die nachfolgenden Mannschaften, die dann das Land nach und nach erobern sollen. Das „Land”, um das es da geht, ist kein geografisches Gebiet, es ist die Zeit, die von ihrem jeweiligen „Zeitgeist“ beherrscht wird, ein „Zeitgebiet”, das Jahrhunderte und Jahrtausende umfasst. Da hindurch soll ein Weg gebahnt werden, ein Weg, den dann auch die nachfolgenden Völker gehen können, ein Weg, der zum Ziel der Zeit führt, zum Segen und Heil bei Gott.

Die feindlichen Mächte in diesem Gebiet, also die „Machtinstrumente“ des jeweiligen „Zeitgeistes“, das sind, um nur einige Beispiele zu nennen, der Egoismus, der Hochmut, die Habgier, der Machthunger, die Verführung, der Neid, die Hinterhältigkeit, die Lüge, die Verleumdung, der blindwütige Hass, die ungehemmte Gewalttätigkeit, der bedenkenlose Mord... Da hindurch soll der Vortrupp einen Weg bahnen, damit dann auch die nachfolgenden Völker das Ziel der Zeit, das Heil und den Segen bei Gott erreichen können. Ja, es geht um alle Völker und um die ganze Schöpfung, denn wenn die Völker der Erde nicht das Ziel der Zeit erreichen und nicht zum Heil bei Gott finden, dann hat diese ganze Schöpfung ihren Sinn verfehlt, dann ist alles verloren. Allerdings: Der Weg durch die Zeit gegen den Strom und die Macht des Zeitgeistes wird von Anfang an, und später immer deutlicher, für diese Vorhut ein Leidensweg und ein Todeskommando. Nur wenige werden durchkommen.

Und Gott mustert die Völker der Erde und trifft seine Entscheidung: Israel. Warum Israel? Gott erwählt Israel (so sagt er es selbst), weil es das Kleinste ist unter allen Völkern (d. h. wenn Gott schon eines seiner Völker opfern muss, dann soll es wenigstens das Kleinste sein). 5. Mose 7, 7-8: Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Und Gott erwählt Israel, weil er dieses Volk liebt (Gott liebt alle Völker gleich, aber diesem kleinsten Volk hat er seine Liebe öffentlich bekannt und so könnte niemand behaupten: „Er hat ein Volk geopfert, weil es ihm gleichgültig war, oder weil er es nicht mochte”). Und Gott erwählt Israel, weil es „ja” sagt zu seiner Berufung und zu dem Bund, den Gott mit ihm schließt, welcher unter anderem besagt, dass er einen „kleinen Rest” dieses Volkes hindurchbringen wird bis zum Ziel.

Nein, die Erwählung Israels ist keine Bevorzugung, ganz gewiss nicht, sondern eine Erwählung als Opfer, als Opfer für das Heil und die Segnung der Völker. „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter (alle Völker und Generationen) auf Erden (1.Mose 12, 3), so sagt Gott zu Abraham, dem Erstling des Volkes Israel. Gott erwählt durch die ganze Heilsgeschichte hindurch Einzelne (auch einzelne Völker) grundsätzlich nur, um das Ganze zu retten, zu segnen und voranzubringen hin zur Vollendung.

Als Ausrüstung für den Weg gibt ihnen Gott sein Gesetz mit, seine guten Weisungen für das Leben in der Zeit. Das soll ihnen helfen, nicht nach rechts oder links vom Wege abzuweichen. Und er gibt den Israeliten die Zusage mit, dass er selbst diesen Weg mitgeht. Und Israel geht los – und versagt, und sammelt sich neu unter den Weisung seines Gottes und versagt wieder, aber Gott geht mit ihm trotz allem Versagens und nach jedem Scheitern weiter, dem verheißenen Ziel entgegen.

Dann aber geschieht etwas Unerwartetes, etwas nie für möglich Gehaltenes und Israel erfährt es als eine böse Überraschung auf dem Wege durch die Zeit: Menschen aus den nachfolgenden Mannschaften greifen Israel an auf seinem schweren Weg, mitten im Ringen mit den Mächten des Zeitgeistes. Sie bekämpfen Israel mit Feuer und Schwert, werfen erst Steine auf sie und dann Bomben, sie hassen, verleumden und töten die Juden, weil sie meinen, Gott hätte sie erwählt und zu Unrecht bevorzugt, um dieses Volk über alle anderen Völker zu erheben, und dadurch wären alle anderen zurückgewiesen, ungerecht benachteiligt und erniedrigt. Welch falsche und verzerrte Sicht, welch ein furchtbarer Irrtum und welch schreckliche Fehleinschätzung der Absichten Gottes! In Wahrheit ist ja Israel nur um der Völker willen erwählt und auf diesen lebensgefährlichen Leidens- und Opferweg gebracht.

Dieser Irrtum war von Anfang an da, aber in manchen Zeiten war er weniger von Bedeutung. Heute aber bestimmt er das Verhältnis zwischen Israel und den Völkern der Welt wie selten zuvor mit Ablehnung, Hass und Gewalt. Und das ist nicht zufällig so, sondern hat erkennbare Gründe:

Wir erleben in der gegenwärtigen Weltlage, dass die Frage der Erwählung auch missbraucht und politisch genutzt werden kann. Man muss nur die Frage zur Anklage zuspitzen und sie auf die jeweils gegenwärtige Situation ausrichten. Wenn man z. B. Menschen, die sich selbst benachteiligt und zurückgesetzt fühlen, zuflüstert und ihnen einredet: „Hört doch, es ist alles ganz anders, als ihr es um euch her wahrnehmt, z. B. das mit der Erwählung Israels, und meint, das sei die Wirklichkeit. Nein, nein, in Wahrheit seid ihr die Erwählten”, so werden sie es gern hören und begierig aufnehmen.

Diesen Effekt kann man noch steigern, wenn man zum Beispiel von den Minaretten herab predigt und lehrt: „Eure Feinde, allen voran Israel und das Judentum (das Christentum ist weltweit noch zu stark, um es so direkt anzugreifen, aber grundsätzlich ist auch dieses mit gemeint..), haben euch dieses Vorrecht geraubt, sie haben gelogen und betrogen, um euch um das rechtmäßige Erbe zu bringen. Ihre heiligen Schriften haben sie verfälscht, um euch eure gerechte Vorrangstellung abzusprechen. Schon Adam war der erste Moslem, denn die ursprüngliche und natürliche Religion jedes Menschen ist der Islam und nur durch Lüge und Betrug kann es geschehen, dass ein Mensch sich einem anderen Glauben zuneigt. Euch gehören das Heilige Land und Al Quds, die heilige Stadt Jerusalem und alle Verheißungen, die damit verbunden sind. Niemals gab es dort einen jüdischen Staat und einen jüdischen Tempel, das haben sie nur erfunden, um die eigenen Ansprüche zu begründen. Sogar den Holocaust haben sie sich ausgedacht, um Mitleid zu erregen und sich so das Land anzueignen. In Wahrheit seid ihr zur Weltherrschaft berufen, und erst wenn ihr regiert und durch euch das Rechtssystem des Islam, die Scharia, dann wird diese Erde vom „Haus des Krieges” zum „Haus des Islam” und dann wird ewiger Friede sein. Und wenn ihr, die Erwählten und zur Herrschaft berufenen Diener Allahs, euch jetzt noch im Gegensatz zu dieser hohen Berufung und Erwählung arm und unterlegen fühlt, dann ist das die Schuld jener Bösen, die euch unterdrücken und euch wegnehmen wollen, was euch zusteht (nicht etwa die Folge von Korruption und Misswirtschaft der führenden Clans). Darum bekämpft sie bis aufs Blut. Jeder, der als Märtyrer in diesem Kampf stirbt, wird direkt ins Paradies eingehen und großartige Freuden empfangen. Und alles, was ihr jetzt noch an Ungutem und Verderbtem seht und erlebt in der Welt, ist nur Folge davon, dass die Herrschaft des Islam noch nicht vollendet ist. Gott will, dass ihr das ändert durch Anstrengung und Heiligem Krieg und dazu ist jedes Mittel recht“. (Eine gedrängte Zusammenfassung von gegenwärtig tatsächlich geäußerten und immer wiederholten Vorwürfen islamistischer Gruppen gegen Israel und die dekadente, gottlose „westliche Welt”.)

Es gibt (in der arabischen Welt, und nicht nur dort) Mächte und Bewegungen genug, die in einer Radikalisierung der Feindschaft gegen Israel und die „Westliche Welt” ein erfolgversprechendes Mittel sehen, Kräfte zu mobilisieren, die man dann für den eigenen Machtgewinn einsetzen kann. Je höher die Spannung ist zwischen der tatsächlichen, oft sehr unbefriedigenden Lage, in der sich die Mehrheit der Menschen in den islamischen Ländern vorfindet und der Überhöhung der „eigentlichen Erwählung”, die man ihnen zuspricht, um so größer und gewalttätiger sind die Energien, die man freisetzen und für bestimmte politische Ziele nutzen kann. Das ist das Geheimnis des fanatischen Islamismus der Gegenwart.

Religiös aufgeheizter Nationalismus bzw. regionales und globales Hegemoniebestreben mit einer Religion als Motivationstreibstoff sind in vielen Weltgegenden im Kommen und lösen die alten ideologiegetriebenen Welterlösungs- und Weltmachtvorstellungen (z. B. des Kommunismus) ab. In der Anonymität der globalisierten Welt sucht man seine Identität durch Wiederbelebung der alten Religionen wieder zu gewinnen und zu festigen. Von der verklärten Rückschau auf die glorreiche Vergangenheit will man Handlungsmodelle ableiten, deren Anwendung eine großartige Zukunft verheißen, auch wenn sie Gewalt und Tod mit einschließen. So geschieht es z. B. gegenwärtig auch an manchen Stellen im Hinduismus.

Der „Streit um die Erwählung“ ist nicht zu schlichten und nicht zu beenden, solange man göttliche Erwählung als Bevorzugung und Besserstellung versteht. Er könnte aber auch positive Energien für mehr Frieden und Gerechtigkeit hervorbringen, wenn man man „Erwählung“ als Berufung versteht, als Berufung, die von Gott Einzelnen oder auch Völkern zugedacht ist und die es im Zusammenhang der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen zu erkennen, anzunehmen und zu verwirklichen gilt.

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Weiterlesen im Beitrag 6: Jerusalem – Zentrum der Heilsgeschichte

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Streit um die Erwählung – Version 2018-8

© 2018 Bodo Fiebig

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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