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Thema: Konfliktherd Heiliges Land?

Beitrag 3: Wem gehört das Land? (Bodo Fiebig 2017- 8)

Das scheint doch das Hauptproblem zu sein: Wer hat rechtmäßig Anspruch auf dieses Land, das man das „Heilige Land“ nennt, und das eine Brückenfunktion zwischen drei Kontinenten wahrnimmt? „Die Juden haben uns das Land weggenommen“, so lautet übereinstimmend die Aussage aller palästinensischen Gesprächspartner, gleich ob moslemisch oder christlich, gleich ob fanatisch oder gemäßigt, und mancher kann ein Dokument vorzeigen, das ihn als Besitzer eines bestimmten Grundstücks ausweist, welches nun von Israelis besiedelt wird. Auch viele Israelis scheinen das so zu sehen: „Wir haben ihnen das Land weggenommen“, sagen sie schuldbewusst, und sie unterscheiden sich von ihren arabischen Anklägern manchmal nur in der Begründung, warum das eben so gekommen ist. Aber ist dieser Satz wirklich so unumstößlich wahr?

Es gibt wohl kein Stück Land auf dieser Erde, das in den vergangenen Jahrtausenden so oft den Besitzer gewechselt hat, wie dieses. Von Amerika oder Australien könnte man mit Recht sagen, dass es der Urbevölkerung gewaltsam weggenommen wurde. Aber Israel?? Wem gehört dieses Land? Seit den frühesten Anfängen der Menschheitsgeschichte sind Stämme und Völker durch dieses Land gezogen, haben da gesiedelt und wurden durch andere Völker und Stämme wieder vertrieben. Alle Völker der näheren und weiteren Nachbarschaft haben, als sie mächtig wurden, dieses Land erobert und, als sie schwächer wurden, wieder verloren: Kanaaniter, Ägypter, Babylonier, Perser, Alexander der Große, Seleukiden, Römer, Byzantiner, Perser, moslemische Araber, Kreuzfahrer, Mamelucken, Osmanen, Briten… Dazwischen konnte ein kleines Volk aus zwölf Stämmen dieses Land teilweise besiedeln und sich für einige Zeit mühsam zwischen den Großmächten behaupten.

Aber lassen wir die Jahrtausende vergangen sein und konzentrieren uns nur auf die letzten etwas mehr als hundert Jahre, die Zeit also, seit Juden in größerer Zahl wieder in dieses Land kamen. Damals war das heutige Israel/Palästina Teil des Osmanischen Reiches, das vierhundert Jahre lang den Vorderen Orient beherrschte.

Ich will versuchen, an einem einzigen Grundstück bei Jerusalem zu zeigen, wie verworren die Frage nach dem rechtmäßigen Besitzer sein kann. Das Grundstück liegt auf der Höhe des Ölberges. Gehörte es einem Bauern oder einem Schafhirten? Das ist schwer zu sagen, im türkisch-osmanischen Reich gab es in Bezug auf das Land nur Nutzungs- aber keine Besitzrechte.

Als 1898 der deutsche Kaiser Wilhelm II ins Heilige Land reiste, gab ihm der Sultan dieses Stück Land als Geschenk. Hat der Sultan den Bauern oder Schafhirten gefragt? Wohl kaum, er war absoluter Herrscher und niemandem Rechenschaft schuldig. Der Kaiser gab das Grundstück an die Auguste-Viktoria-Stiftung weiter und die baute darauf den Auguste-Viktoria-Komplex, dessen Turm heute noch die Silhouette des Berges prägt. Es sollte ein Pilgerhospiz und Erholungsheim für Malaria-Kranke werden. Und natürlich hatte die Stiftung ein Dokument, das sie als rechtmäßige Besitzerin des Grundstücks bestätigte.

1914, zu Beginn des 1. Weltkrieges, wurden die kaum fertig gestellten Gebäude vom türkischen Generalstab beschlagnahmt und als Hauptquartier genutzt. Haben die Generäle bei der Stiftung nachgefragt, ob ihr das recht sei? Natürlich nicht, Generäle fragen nicht, sie nehmen sich, was sie brauchen. 1917 war die osmanische Herrschaft zu Ende und der britische General Allenby zog als Sieger in Jerusalem ein.

Offiziell war Großbritannien Mandatsmacht des Völkerbunds, tatsächlich aber nahmen die Briten das Land in Besitz wie jeder andere Eroberer auch. Das Auguste-Viktoria wurde Sitz des Hohen Kommissars der britischen Regierung. Haben die Briten die Stiftung oder den türkischen Generalstab gefragt, oder gar den Bauern oder Schafhirten aus der osmanischen Zeit, ob ihnen das recht sei? Natürlich nicht, sie waren ja die Sieger. Ab 1939 wurden die Gebäude als britisches Militärlazarett genutzt.

1948 mussten die Briten Palästina wieder verlassen. Das Mandatsgebiet wurde auf Beschluss der Vereinten Nationen zwischen Juden und Arabern aufgeteilt. In den darauffolgenden Kämpfen geriet das Gelände der Auguste-Viktoria in die Puffer-Zone am Skopusberg und kam unter die Kontrolle der UN, offiziell wurde es dem Lutherischen Weltbund übergeben. So wurde ein Krankenhaus für palästinensische Flüchtlinge daraus, zunächst unter der Leitung des Internationalen Roten Kreuzes, dann des Lutherischen Weltbundes (in Zusammenarbeit mit den UN). Jetzt ist es ein Spezialkrankenhaus für Krebsleiden und HNO-Erkrankungen für die arabische Bevölkerung der Umgebung. Und natürlich hatten (und haben) alle diese wechselnden Besitzer auch entsprechende Dokumente, mit denen sie ihre jeweiligen Eigentumsrechte nachweisen konnten.

An diesem Beispiel kann man erkennen, wie verworren und komplex die Besitzverhältnisse in diesem Land sind, denn diese Odyssee wechselnder Eroberungen machte ja das ganze Land durch. Bei jeder Besitzurkunde für ein Haus oder Grundstück muss man heute fragen, aus welcher Zeit stammt die denn: aus der osmanischen, der britischen, der jordanischen, der israelischen - und welche soll heute gelten? Und diese ganze Komplexität und Verworrenheit wird heute auf den einen plakativen Satz zusammengezogen: „Die Juden haben uns das Land weggenommen.“

Als Anfang des 20. Jahrhunderts jüdische Einwanderer in das Land kamen, spendeten wohlhabende Juden aus Europa Geld, damit sie hier Land kaufen konnten. Der Boden im heutigen Israel gehörte damals oft arabischen Grundbesitzern, die selbst gar nicht dort lebten, sondern ihn an arabische Bauern verpachteten, während sie selbst es sich in Beirut, Damaskus oder Kairo gut gehen ließen. Als dann die Juden kamen und Land erwerben wollten, verkauften die Grundbesitzer die wertlosesten Flächen für teures Geld. Die arabischen Bauern, die bisher mehr schlecht als recht auf diesem Land gelebt hatten, wurden auf einmal heimatlos. Auch diese Vorgänge werden heute undifferenziert unter diesem Satz zusammengefasst: „Die Juden haben uns das Land weggenommen.“

Die heutige Landkarte von Israel/Palästina wurde nicht durch friedliche Verhandlungen gezeichnet, sondern durch eine ganze Reihe von blutigen Kriegen. Und alle diese Kriege waren für Israel Kämpfe ums nackte Überleben. Die arabischen Nachbarstaaten konnten diese Kriege beginnen und verlieren, ohne in ihrer Existenz gefährdet zu sein; wenn aber Israel nur einen dieser Kriege verloren hätte, gäbe es den Staat Israel und wohl auch die meisten seiner Menschen nicht mehr. Israel hat keinen dieser Kriege gewollt, denn es hätte jedes Mal mit seiner Vernichtung als Staat und Volk rechnen müssen.

Was würde die Weltmeinung dazu sagen, wenn Deutschland, der Aggressor des Zweiten Weltkrieges, heute erklären würde: „Die Polen haben uns das Land weggenommen“ und verlangen würde, dass Polen die deutschen Ostgebiete wieder herausgeben müsse und dass alle deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen und deren Nachkommen bis in die dritte Generation ein Rückkehrrecht dorthin haben sollten? Jeder sähe das mit Recht als Unrecht an. Genau das ist es aber, was die arabische Seite heute von Israel verlangt. Die arabischen Nachbarn Israels waren als Aggressoren in Israel eingefallen, nachdem dieser Staat entsprechend dem Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen gebildet worden war und das heutige Flüchtlingsproblem ist (nicht nur, aber auch) ein Ergebnis dieser Aggression.

Übrigens: Als Jordanien zwischen 1949 und 1967 das Westjordanland beherrschte, dachten weder Jordanien selbst noch die ganze arabische Welt noch die Vereinten Nationen auch nur im Traum daran, dort einen unabhängigen Palästinenserstaat zu errichten. Es hätte sie niemand gehindert, das zu tun. Erst seitdem dieses Land unter israelischer Verwaltung steht, verlangen sie genau das mit großem Nachdruck. Als die Armeen der arabischen Nachbarländer Israel nach 1948 immer wieder angriffen oder in kriegerische Auseinandersetzungen zwangen, folgten deren verantwortliche Staatsmänner damit eindeutig und ausschließlich eigenen Macht- und Prestigeinteressen und nicht dem Ziel, für die palästinensische Bevölkerung einen eigenen Staat zu erkämpfen.

Wem gehört das Land? Die Frage ist juristisch nicht zu klären und politisch kaum zu beantworten. Vielleicht sollte man eher fragen, woher dieser erbitterte Streit um dieses Land kommt und welche Mächte verhindern, dass die Menschen dort in Frieden miteinander leben können.

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Weiterlesen im folgenden Beitrag: Der kleine Konflikt im Großen

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Wem gehört das Land? - Version 2018-8

© 2018 Bodo Fiebig

Herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

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