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Bezahlen ohne Geld?

Alle Trends laufen darauf zu: Schon bald soll es keine Münzen und Scheine mehr geben, um beim Einkaufen zu bezahlen. Man zahlt bargeldlos mit Karte oder Smartphone. Das ist viel einfacher, man muss keine Scheine und Münzen mehr mit sich herumtragen, muss keine Münzen für die Cent-Beträge herauskramen, die Frau an der Kasse muss kein Wechselgeld vorzählen usw. und die Taschendiebe müssen sich nach einem anderen Einkommen umsehen. Das Leben wird einfacher, bequemer und sicherer. So wird uns die Zukunft in leuchtenden Farben vor Augen gemalt.

Allerdings gibt es auch Stimmen, die vor einer solchen Entwicklung warnen: Das Ende dieser Entwicklung wäre der „gläserne Konsument”. Was wir essen und trinken, unsere Gewohnheiten und Hobbys, unsere Vorlieben und kleinen Laster, alles wäre bekannt. Die Frage ist dann nur: Wem? Wer käme an meine Daten heran? Wer könnte sie nutzen und wie? Wird es meine Krankenkasse erfahren, wenn ich schon wieder mal ein Stück fette Wurst an der Fleischtheke eingepackt habe und wird sie mir (wegen erhöhter gesundheitlicher Risikobereitschaft) die Beiträge erhöhen? Wird es mein Arbeitgeber erfahren, wenn ich im Supermarkt ein Partyfass mit Bier gekauft habe für das Grillfest mit Freunden? Oder werden es „nur” die großen Systemanbieter erfahren, die dann allerdings aus unseren persönlichen Daten hochpräzise Kundenprofile erstellen und verkaufen; aber an wen? Werde ich dann noch einen Mobilfunkvertrag für mein Smartphone bekommen (ohne das ich ja dann nicht mehr einkaufen und bezahlen könnte), wenn der Mobilfunkkonzern, bei dem ich diesen Antrag stellen muss, weiß, dass ich zur Zeit arbeitslos bin und beim Einkaufen sparen muss und dass die Schufa mir mangelhafte Kreditwürdigkeit bescheinigt? Und wovon wird der alte Bettler leben, der an der Straßenecke mehr schlecht als recht beliebte Melodien auf seiner Geige fiedelt und dafür ein Paar Münzen in seinem Hut findet? Das Argument mit den Taschendieben ist albern: Die Schäden durch Cyberkriminalität übersteigen das Einkommen aller Taschendiebe zusammengenommen um das Tausendfache.

Also: Allein Bares ist Wahres? Die Trendforscher können darüber nur lächeln: Wenn man das bargeldlose Bezahlen anbietet, werden es viele aus Bequemlichkeit freiwillig nutzen (und nutzen es jetzt schon). Und die ältere Generation, die sich gegen solche Neuerungen wehrt, wird in ein paar Jahren ausgestorben sein. Die paar Nachdenklichen, die grundsätzlich dagegen sind, die wird man nicht einmal zwingen müssen. Wo wollen sie denn einkaufen, wenn alle Märkte ihre Kassen auf bargeldlose Zahlungsweise umstellen und der Staat nach und nach alle Scheine und Münzen einzieht?

Aber Achtung: Beim Kampf um die Bezahlsysteme geht es in Wirklichkeit nicht um die Frage „Münzen und Scheine oder digitale Systeme?”. Es geht vielmehr darum, wer die Bedingungen vorgibt unter denen diese Systeme arbeiten. Es ist ja gar nicht so, dass die digitale Zahlungsweise zwangsläufig zum umfassenden Überwachungssystem für alle Bürger eines Landes (und darüber hinaus) werden muss. Wenn es gelingt, dass diese Bedingungen von verantwortungsbewussten und demokratisch legitimierten Gremien vorgegeben werden, die die Interessen der Bürger vertreten und nicht die Interessen der Gewinne und des globalen ökonomischen Machtzuwachses, und wenn die Nutzung solcher Systeme bleibend freiwillig wäre, so dass, wer das nicht will, auch weiterhin mit Scheinen und Münzen bezahlen könnte, dann wäre gegen solche Systeme gar nichts einzuwenden.

Also: Digitales oder Bares? Die Frage ist falsch gestellt. Es geht gar nicht darum, womit man bezahlen kann. Entscheidend ist, wie wir beides handhaben. Man könnte ja (theoretisch) auch beim mit Bezahlen mit Bargeld an der Kasse jeden Kunden nach Namen und Adresse fragen und das dann notieren und aufbewahren und auswerten, nur wäre das in der Praxis viel zu aufwändig und viel weniger effektiv als das Datensammeln beim digitalen Bezahlen. Auf der anderen Seite wäre es selbstverständlich auch möglich, elektronische Bezahlsysteme anzubieten, die unsere Daten nicht personalisiert speichern. Solche Systeme wären sogar einfacher und billiger und man hätte auch mit anonymisierten Daten alle wichtigen Informationen zur Verfügung, um sinnvolle wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen. Aber genau das wollen die entsprechenden Systemanbieter ja nicht, sie wollen jeden einzelnen Menschen irgendwo auf dieser Erde, kennen, überwachen, beeinflussen, und für ihre (wirtschaftlichen und schließlich auch gesellschaftlichen und politischen) Ziele verfügbar haben. Denn unsere Daten sind nicht nur das Gold der digitalen Wirtschaft (damit werden Milliarden verdient). Sie sind auch Mittel zu globaler Macht. Denn: Das Wissen um jeden einzelnen Bürger und seine Vorlieben, Abneigungen, Gewohnheiten, Sehnsüchte, Stärken und Schwächen (nicht nur eines Landes, sondern weltweit) bringt nicht nur viel Geld, sondern macht die Menschen auch verfügbar für verborgene Zwecke, die hinter den glänzenden Werbe-Fassaden schon jetzt geplant und vorbereitet werden. Da geht es um die Beeinflussbarkeit und Verfügbarkeit der Menschen, die man dann für verschiedenste Zwecke, auch für den Auf- und Ausbau von globalen Machtsystemen nutzen kann. Wer alles von uns weiß, kann uns fast nach Belieben beeinflussen und steuern, ohne dass wir das merken.

Es darf nicht sein, dass die Grundlagen und Bedingungen für die Gestaltung elementarer Lebensvorgänge (und dazu gehört auch das Erwerben und Konsumieren) ausschließlich von interessengeleiteten globalen Märkten und Mächten diktiert werden. Deshalb: Digitale Bezahlsysteme nur dann, wenn es strikt verboten ist (möglichst weltweit, sonst wäre es leicht, ein solches Verbot zu unterlaufen), die dabei anfallenden Daten personenbezogen zu speichern!

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