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Bereich: mitreden - Herausforderungen der Gegenwart

Thema: gefährliche Entwicklungen

Beitrag 8: Das Training der Mitleidlosigkeit (Bodo Fiebig 2020-4)

Hat bei Ihnen auch schon mal ein Mann oder eine Frau (manchmal auch mit Kindern dabei) geklingelt und mit mühsam gestammelten deutschen Wörtern (manchmal auch mit einem Zettel mit einem ungelenk geschriebenen deutschen Satz) um Hilfe in einer Notlage gebeten? Und wie haben Sie reagiert? Sie haben wortlos (oder mit einem deutlichen „Nein“) die Tür wieder zugemacht? Gratuliere! Sie haben Ihr Training erfolgreich absolviert. Welches Training denn? Das Training der Mitleidlosigkeit. Und Sie hatten ja recht: Mit großer Wahrscheinlichkeit waren der Mann oder die Frau (mit oder ohne Kinder) nicht wirklich in Not, sondern Teil eines gut organisierten Bettel-Systems, das mit erfundenen Geschichten von erfundenen Notlagen Mitleid zu erregen und Geld einzutreiben versucht.

Dabei hatten Sie noch Glück. Es hätte auch eine schwangere Frau sein können, die gar kein Geld haben will, sondern nur um Glas Wasser bittet „… dann geht es schon wieder“. Und während Sie die Frau in die Küche führen und ihr ein Glas Wasser reichen, ist ihr Kumpan ungesehen hereingeschlüpft, und während die Frau nun, zutraulicher geworden, ihre traurige Geschichte erzählt, hat er das Ersparte und den Schmuck gefunden und ist ebenso ungesehen wieder hinausgeschlüpft.

Ach so, Sie würden niemals fremde Leuten einlassen oder ihnen Geld geben? Nun, dann sind Sie reif für den Enkel-Trick. Ihr Enkel, den Sie schon so lange nicht mehr gesehen haben, ruft an. Nach ein paar harmlos geplauderten Sätzen und geschickt gestellten Fragen weiß der Anrufer, wie der Enkel heißt, wo er wohnt und noch einiges andere, was eigentlich nur nahe Verwandte wissen. Jetzt sind Sie ganz sicher: Es ist wirklich Ihr Enkel Ludwig. Und nun kommt er zur Sache: Er ist unverschuldet in eine schlimme Lage geraten. Er ist im Ausland und wird verdächtigt, an einer kriminellen Sache beteiligt zu sein. Er sitzt im Gefängnis und man wird ihn verurteilen. Ein Anwalt könnte ihm helfen und seine Unschuld beweisen, aber der will erst Geld sehen, 20 000 Euro, weil es so ein komplizierter Fall mit einem Ausländer ist. „Oma, bitte, du musst mir helfen, sonst sitze ich hier für Jahre im Knast. Ein Freund wird das Geld abholen und es mir bringen …“ Selbstverständlich ist das alles erlogen, aber der Trick funktioniert tatsächlich tausendfach.

Aber: Wenn sie wirklich Pech haben, werden Sie nicht nur ihr Geld los, sondern geraten sogar selbst in Lebensgefahr: Sie fahren auf einer einsamen Landstraße. Da sehen Sie am Straßenrand ein Auto stehen. Die Motorhaube ist aufgeklappt, eine junge Frau steht daneben und schaut hilflos ins Auto-Innere. Sie halten an und fragen, was los ist. Vielleicht ist ja nur das Benzin alle, oder so ... Sie sagt, dass sie erst vor kurzem vollgetankt hätte. Sie wollen nachsehen, ob vielleicht die Zündkerzen … Da merken Sie, während Sie gebückt unter der Motorhaube mit dem Zündkerzenschlüssel hantieren, wie ihnen jemand einen seltsam riechenden Lappen aufs Gesicht drückt ..., was soll denn das … und wo kommen plötzlich diese beiden Männer her …? Als Sie, einige Zeit später, wieder aufwachen, dauert es eine Weile, bis sie klar denken können. Dann stellen Sie fest, es ist alles weg: Die junge Frau und die beiden Männer, das fremde und ihr eigenes Auto, das Geld, der Ausweis, die Kreditkarte … alles.

Nun muss man, um erfolgreich gegen solche Betrügereien immunisiert zu sein, nicht alle diese Angriffe selbst erlebt haben. Es genügt völlig, einmal reingefallen zu sein und von allem übrigen Untaten in den Medien zu hören, zu sehen und zu lesen. Sie sind vorsichtig geworden und haben eine innere Abwehrhaltung entwickelt gegenüber allem, was schwach und hilfsbedürftig wirkt. Und außerdem: Selbst die Polizei rät ja öffentlich zu einem „gesunden Misstrauen“. Ihr Training der Mitleidlosigkeit war erfolgreich. Sie sind nun immun gegen jede Form von falscher Hilfsbedürftigkeit.

Allerdings gegen jede Form echter Hilfsbedürftigkeit auch. Stellen Sie sich vor, jemand (und zwar ein Fremder, den wir nicht schon persönlich kennen) wäre wirklich in einer echten Notsituation und bräuchte Hilfe. Er hätte keine Chance, nicht bei Ihnen und bei 90 Prozent aller anderen auch nicht. Das „gesunde Misstrauen“ ist längst zur Volkskrankheit geworden. Wir müssen uns dessen bewusst sein: Jeder Betrug durch falsche Hilfsbedürftigkeit schädigt nicht nur den einzelnen Betrogenen, sondern er beschädigt noch viel mehr und noch viel nachhaltiger und folgenreicher auch die Mitleidensfähigkeit und Hilfsbereitschaft in ganzen Völkern und Kulturen. Die Völker und Kulturen der westlichen Welt leiden an einer antrainierten Herzensverhärtung. Die Hartherzigkeit gegenüber fremdem Leid und der Infarktstau im Kreislauf menschlichen Miteinanders ist bei uns häufiger als sonst jede Herz-Kreislauf-Erkrankung. Und sie droht zu einem allgemeinen Infarkt der Mitmenschlichkeit in den Völkern Europas und der (einst christlich geprägten) „westlichen Welt“ zu werden. Aber, was könnte man tun?

Hier in den Beiträgen zum Thema „Gefährliche Entwicklungen“ kann nur das Problem angesprochen werden. In den Themen „sein und sollen“, gut und böse“ und „AHaBaH – das Höchste ist lieben“ wird die Fragestellung umfassender angesprochen.

Weiterlesen im folgenden Beitrag: „Die falschen Feinde

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Bodo Fiebig Das Training der Mitleidlosigkeit, Version 2020-4

© 2020, herausgegeben im Selbstverlag, alle Rechte sind beim Verfasser.

Vervielfältigung, auch auszugsweise, Übersetzung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen und jede Form von kommerzieller Verwertung nur mit schriftlicher Genehmigung des Verfassers.

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